[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Sylvia Hahn, Josef Ehmer

Zur Einführung: Geschlecht und Beruf

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/95. 25. Jg. S. 103.

Der Begriff "Beruf" fand in die deutsche Sprache erst am Beginn des 16. Jahrhunderts Eingang. Martin Luther verwendete den Begriff in seiner deutschen Bibelübersetzung, und später scheint er auch im protestantischen Schrifttum anderer Sprachen auf, so etwa im Englischen als "calling". Max Weber, der große deutsche Sozialwissenschaftler des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts, hat diesem Entstehungszusammenhang des Begriffs "Beruf" große Bedeutung zugemessen. In seiner Schrift "Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus"(1904/05) spielt die Idee des Berufs eine zentrale Rolle. Für Weber meint "Beruf" im Kontext der frühneuzeitlichen Gesellschaft nicht nur eine bestimmte Arbeits- oder Erwerbstätigkeit. "Beruf" bedeutet vielmehr eine rationale, zweckorientierte Tätigkeit nach begründeten Regeln und auf eine zielgerichtete Weise, die auch eine ethische Verpflichtung - die "Berufsethik" - enthält. "Beruf" liegt damit nicht nur sprachlich nahe an "Berufung". Das Streben nach Gewinn kann nach Max Weber etwa als Teil der Berufsethik eines Kaufmanns verstanden werden. Das Konzept des Berufs reicht damit über die Arbeitswelt hinaus und bildet ein Element der gesellschaftlichen und politischen Ordnung.
Dieser Ansatz von Max Weber geht weit über die Definition des Berufs in der modernen Berufssoziologie hinaus. "Beruf" wird heute in der Regel als eine bestimmte Kombination von Fähigkeiten und Fertigkeiten definiert, die durch eine spezifische Ausbildung erworben werden und den Zugang zu ebenfalls spezifischen Erwerbsmöglichkeiten und sozialen Positionen bieten. Auf den Arbeitsmärkten kommt dem Beruf eine regulative Funktion zu: Arbeitgeber erwarten vom Träger eines Berufs spezielle und standardisierte Fähigkeiten und Kompetenzen, Arbeitnehmer leiten von ihrem Beruf jeweils unterschiedliche Erwartungen an Arbeitsbedingungen, Arbeitsaufwand und Bezahlung ab.
Darüber hinaus wird "Beruf" in der modernen Sozial- und Geschichtswissenschaft auch als eine soziale Kategorie verstanden. Ein Beruf bildet ein gemeinsames Merkmal für eine Gruppe von Menschen, die eine gleiche oder ähnliche Ausbildung durchlaufen haben, eine bestimmte soziale Position einnehmen, und die vielleicht sogar durch gemeinsame Interessen und gemeinsame Einstellungen verbunden sind. In diesem Zusammenhang spielt in der Sozialgeschichte das Konzept der "Professionalisierung" eine wichtige Rolle. "Professionalisierung" meint die Herausbildung eines Kanons von Regeln und Standards, die für die Ausübung eines Berufs als verpflichtend gelten und in der Ausbildung zu einem Beruf vermittelt werden. In der Regel waren und sind es die Angehörigen eines Berufs selbst, die diese Standards und Regeln festlegten und durchzusetzen versuchten. Im Begriff der "Professionalisierung" verbinden sich sachliche Elemente mit dem Streben nach Macht: Macht über die Definition des Charakters eines Berufs und über die Kontrolle des Zugangs zu ihm. In diesem Sinne hat auch schon Max Weber "Professionalisierung" als Strategie einer sozialen Ausschließung verstanden.
"Beruf" ist also eine vielschichtige Kategorie, die vom Beginn der Neuzeit an ein wichtiges Regelinstrument der Arbeitswelt, der Sozialstruktur und der gesellschaftlichen Ordnung bildete. Gerade in dieser Vielfältigkeit ist sie für die Geschlechtergeschichte relevant. Die Idee des Berufs - vor allem in der Überhöhung von konkreten Arbeitstätigkeiten mit politischen und ethischen Funktionen - hat die Beziehungen zwischen den Geschlechtern stark beeinflußt. Frauen haben stets einen wesentlichen Teil der gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsarbeit geleistet, aber sie haben lange Zeit keine Berufe ausgeübt und finden auch heute nur zu einer beschränkten Zahl von Berufen Zugang. Das Konzept des Berufs war seit seiner Entstehung in der frühen Neuzeit - und ist zu einem bestimmten Teil immer noch - männlich orientiert. Es hat Frauen von "Berufen" ausgeschlossen und damit eine Kluft zwischen "arbeitsamen Frauen" und "berufstätigen Männern" entstehen lassen.
Im späten Mittelalter und am Beginn der Neuzeit kann diese Kluft besonders deutlich im Handwerk beobachtet werden. Barbara Hanawalt, eine der führenden amerikanischen Historikerinnen des europäischen Mittelalters und der frühen Neuzeit, sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Organisation von handwerklichen Tätigkeiten in Zünften und der Verdrängung von Frauen aus angesehenen und gesellschaftlich hoch bewerteten Arbeitsgebieten. Zünfte leisteten durch die Kodifikation von Ausbildungs- und Arbeitsregelungen und von Zugangsmöglichkeiten zu bestimmten Tätigkeiten oder Segmenten der Arbeitswelt einen wichtigen Beitrag zur Konstituierung des "Berufs", und über ihre politische und religiöse Rolle in den städtischen Gemeinschaften verliehen sie den Berufen auch die von Weber angesprochenen politischen und ethischen Konnotationen. "Als die Familie als Arbeitseinheit an Bedeutung verlor - wie dies in den (untersuchten) Städten im Lauf des 16. Jahrhunderts der Fall war, verschwanden auch die hochangesehenen Jobs der Frauen. Als sich die Gewerbe organisierten und eine politische Rolle zu spielen begannen, wurden die Frauen ausgeschlossen, weil sie immer ausgeschlossen waren aus der europäischen Politik," heißt es in einem von ihr herausgegebenen Buch (Hanawalt 1986:204). Noch stärker spitzen ihre Kolleginnen Howell und Quataert diesen Zusammenhang zu, wenn sie zur Schlußfolgerung kommen, daß "the organization of a trade into a "craft" drove women from it" -, der Übergang einer gewerblichen Tätigkeit auf eine zünftige Berufsorganisation die Frauen vertrieben hat (Quaetert 1985).
In den Listen der ersten staatlichen Volkszählungen des 19. Jahrhunderts, die uns erstmals einen umfassenden Überblick über die Berufsgliederung in den europäischen Staaten geben, sind die Ergebnisse dieser Ausschließungsprozesse deutlich sichtbar. Männer scheinen in aller Regel als "Schneider", "Schuster" oder als Träger einer Vielzahl anderer Berufsbezeichnungen auf, während die Erwerbsarbeit von Frauen mit berufsunspezifischen Begriffen bezeichnet wird. Frauen waren schlicht und einfach "Arbeiterinnen" oder "Handarbeiterinnen" oder sie waren auf kleine und eng beschränkte Segmente des Berufsspektrums beschränkt, wie "Näherin", "Wäscherin" etc.
Eine ganz ähnliche Argumentationslinie, wie sie Hanawalt für die frühe Neuzeit entwickelt, prägt auch neuere soziologische Forschungen zum Thema "Profession und Geschlecht". Die Soziologin Angelika Wetterer hält die historische Rekonstruktion von Professionalisierungsprozessen für besonders wichtig, weil diese "immer zugleich Prozesse der Ausgrenzung und später der Marginalisierung von Frauen gewesen sind, die vielfach begleitet wurden von der Institutionalisierung einer geschlechterhierarchischen Arbeitsteilung zwischen professionellen und semi-professionellen Berufsgruppen". Mit Blick auf die Situation von Frauen in hochqualifizierten und in akademischen Berufen spricht Wetterer von einer "marginalisierenden Integration" d.h., "daß Frauen - nachdem alle expliziten und kollektiven Ausschlußverfahren sich als nicht mehr legitimationsfähig erwiesen haben - in einer Weise Zugang zu hochqualifizierten Berufen erhalten, die zugleich ihre marginale oder randständige Position in diesen Berufen und Professionen immer neu herstellt und auf diese Weise auch zur Reproduktion geschlechtshierarchischer Strukturen beiträgt. (...) Damit waren Professionalisierungsprozesse immer auch Prozesse der sozialen Konstruktion von Geschlecht, denn was Frauen (und Männer) 'sind', bemißt sich immer auch an dem, was sie tun (oder tun dürfen)" (Wetterer 1994).
Die folgenden Beiträge dieses Hefts bewegen sich in diesem Spannungsfeld: Sie handeln von der "Eroberung" von Berufen durch Frauen im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts, aber auch von den Tendenzen zur "Marginalisierung" und Abwertung eben dieser Berufe. Margret Friedrich (Universität Salzburg) untersucht in ihrem einleitenden Beitrag die vielfach behinderte und gehemmte Entwicklung eines berufsbildenden Schulwesens für Mädchen in der Habsburgermonarchie, das die Voraussetzung für den Zugang zu bestimmten Berufen bildete. Im anschließenden Artikel sitzen die Frauen nicht mehr vor, sondern bereits hinter dem Katheder, nämlich als Lehrerinnen: Dieses im Laufe des 20. Jahrhunderts für Frauen zunehmend wichtiger werdende Berufsfeld wird von Gunda Barth-Scalmani (Universität Innsbruck) detailliert nachgezeichnet. In die Welt der Bücher und zum Beruf der Bibliothekarin führt der nächste Artikel. Helga Lüdtke (Göttingen/Frankfurt am Main) beschreibt die Schwierigkeiten, Widerstände und Vorurteile, mit denen Frauen konfrontiert wurden, bevor das Bibliothekswesen allgemein auch für weibliche Interessentinnen als Berufszweig geöffnet und akzeptiert wurde. Im letzten Beitrag wird von Sylvia Hahn (Universität Salzburg) am Beispiel der weiblichen Post- und Telegraphenbediensteten der langwierige und teilweise steinige Weg der Frauen in den öffentlichen Dienst und den Beamtenstatus aufgezeigt.
Mit dieser Thematik fühlen sich die Autorinnen der Nummer auch dem seit einigen Jahren erfolgenden Paradigmenwechsel von der "Geschichte der Frauen" zur "Geschichte der Geschlechter" verpflichtet. Die Konzentration auf "Beruf" und "Professionalisierung" führt stärker als dies bei der Beschäftigung mit "Arbeit" schlechthin der Fall war, weg von einer isolierten Betrachtung der Frauen und hin zur Beschäftigung mit den Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Das vorliegende Heft schließt damit besonders an das Beiheft der "Beiträge" (HSK 3, Bolognese-Leuchtenmüller/Mitterauer, Hg., 1993) und an weitere einschlägige Publikationen von Mitarbeitern der "Beiträge" (vgl. Ecker 1995) an, versucht aber zugleich über die Perspektive des Berufs einen weiteren Zugang zu dieser Thematik zu eröffnen.

Literatur:

B. BOLOGNESE-LEUCHTENMÜLLER, M. MITTERAUER (Hg.), Frauen-Arbeitswelten. Zur historischen Genese gegenwärtiger Probleme (= Beiträge zur Historischen Sozialkunde, Beiheft 3/1993), Wien 1993.
A. ECKER, E. OBITSCH, Ch. RUSS, K. TSCHERNE, Sozialhistorische Texte zur Frauenarbeit. Kommentierter Quellenband mit didaktischen Anleitungen (= Schriftenreihe Frauengeschichte, hg. vom BM für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten), Wien 1995.
B. HANAWALT (Hg.), Women and Work in Preindustrial Europe, Bloomington 1986.
K. HAUSEN, G. KRELL (Hg.), Frauenerwerbsarbeit. Forschungen zu Geschichte und Gegenwart, München 1993.
B. KERCHNER, Beruf und Geschlecht, Göttingen 1992.
B. MAZOHL-WALLNIG (Hg.), Die andere Geschichte. Eine Salzburger Frauengeschichte von der ersten Mädchenschule (1695) bis zum Frauenwahlrecht (1918), Salzburg 1995.
J. H. QUATAERT, The Shaping of Women's Work in Manufacturing, Guilds, Households and the State in Central Europe, 1648-1870, in: American Historical Review 90 (1985):1124 ff.
H. SCHISSLER (Hg.), Geschlechterverhältnisse im historischen Wandel (= Geschichte und Geschlechter Bd. 3), Frankfurt/M. 1993.
A. WETTERER (Hg.), Profession und Geschlecht. Die Marginalität von Frauen in hochqualifizierten Berufen, Frankfurt/M. 1992.
A. WETTERER, Forschungsschwerpunkt "Profession und Geschlecht" (unveröffentl.) Tagungsmanuskript, Bad Homburg 1994.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/95. 25. Jg. S. 103.
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]