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Helga Lüdtke

Arbeit aus Liebe zur Sache? Zu den Anfängen des Berufes der Bibliothekarin in Deutschland, 1895-1920

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/95. 25. Jg. S. 120 - 125.

Bibliotheksarbeit galt seit Jahrhunderten als eine Domäne von Männern. Erst um 1900 hatten auch Frauen Zutritt zu diesem Arbeitsbereich. Die "gemäßigte" Frauenbewegung versuchte zur selben Zeit, berufliche Perspektiven für jene gebildeten Frauen zu eröffnen, die nach bezahlter Beschäftigung drängten. Auf große Vorbehalte oder Widerstände stießen weibliche Bibliotheksbeschäftigte bei Trägern, Förderern und Vorständen von öffentlichen Bibliotheken und Lesehallen nicht, auch wenn zunächst Skepsis zu Eignung und Befähigung geäußert wurde. Anstellende Bibliotheksleiter wie auch angehende Bibliothekarinnen stimmten weitgehend mit den gesellschaftlich akzeptierten Rollenzuweisungen für Mann und Frau überein. (Wenn ich im folgenden von Bibliothekarinnen spreche, dann sind zunächst sowohl Volksbibliothekarinnen gemeint wie auch die "wissenschaftlichen Hilfsarbeiterinnen" des mittleren Dienstes in wissenschaftlichen Bibliotheken, die dem höheren Dienst zuarbeiteten.) So blieb die Verwaltung der größeren Bibliotheken sowie die Bibliothekspolitik in der Verantwortung der leitenden Bibliothekare, die subalternen, internen Routinearbeiten und die Arbeit mit Kindern wurde Frauen überlassen.

"Äußerste Ökonomie" und Arbeit "aus Liebe zur Sache"

In den rasch wachsenden Industriestädten entwickelten sich öffentliche Bibliotheken in einem Maß, daß nach 1900 ein deutlicher Mangel an finanzierbarem und gleichzeitig geeignetem Personal spürbar wurde. Von Anfang an galt als oberstes Gebot: die Kosten dafür hatten so gering als irgend möglich zu bleiben. "Ein überflüssig hoher Beamtenetat [erscheint] unter allen Umständen als Unrecht gegenüber dem Bücheretat. Es heißt also nach Möglichkeit teure Arbeit durch billige [zu] ersetzen." (Jaeschke/Heidenhain/Hofmann 1911:401) Billige Arbeitskräfte, darin war man sich einig, seien am ehesten unter gebildeten Frauen zu finden, die sich "aus Liebe zur Sache" und vor allem "ohne große Ansprüche auf Besoldung" dem Dienst in der Bibliothek verschreiben würden. Bereits 1893 hatte der Wiener Universitätsprofessor und aktive Förderer von Volksbibliotheken, Eduard Reyer, anerkennend vermerkt, daß im Ausland (gemeint war vor allem Amerika) "viele Frauen mit guter Vorbildung eine derartige Beschäftigung für den ganzen Tag gerne auch bei geringer Besoldung annehmen". Er sei zwar weit davon entfernt, "diese durch die Conkurrenz ermöglichte Lohndrückerei als einen auf die Dauer empfehlenswerten Zustand hinzustellen", aber, so fuhr er fort, "solange die Bevölkerung und die Commune unsere Unternehmung so karg unterstützen, sind wir eben leider auf die äußerste Oekonomie angewiesen" (Reyer 1893:102).

Weibliche "Naturgaben"

Aber nicht nur unter fiskalischen Gesichtspunkten hatte man sich in den "fachmännischen Kreisen" der "Frauenfrage" angenommen. Es ging um "Befähigung", "Brauchbarkeit", "Verwendung" von Frauen, vor allem um ihre besondere Eignung für den Bibliotheksdienst. Wegen ihres ausgeprägten Ordnungssinnes, ihrer Genauigkeit, "der ihnen eigenen Sorgfalt und Treue im kleinen" und ihrer Bereitschaft, "auch langweilige oder direkt unangenehme Arbeiten" zu erledigen, brächten Frauen für die "mittleren Leistungen" in der Bibliothek die besten Voraussetzungen mit (Schultze 1913:606). Damit waren in den wissenschaftlichen Bibliotheken die vom (männlichen) Vorgesetzten zu beaufsichtigenden und zu kontrollierenden Tätigkeiten gemeint wie Katalogisieren, Ordnen von Katalogzetteln, Signieren sowie bibliographische Bearbeitung von Bestellzetteln.
In der Volksbibliothek könnten "die Anlagen und Fähigkeiten der Frau zu glänzendster Entfaltung kommen" , befanden leitende Bibliothekare. Ihre "persönliche Liebenswürdigkeit" und "Zurückhaltung" ließen sie besonders für den Umgang mit dem mitunter schwierigen oder gar "flegelhaften" Publikum geeignet erscheinen. "Schon ihr bloßes Vorhandensein in der Ausleihbibliothek oder im Lesesaal ist eine Quelle der Höflichkeit für den Leser" (Schultze 1913:607). Und "wenn sich mit diesen Eigenschaften ein Gefühl für Unterordnung unter den Vorgesetzten, Bescheidenheit in den Ansprüchen und die nötige Selbstverleugnung verbindet, so kann man ein derart ausgestattetes weibliches Wesen sehr wohl als befähigt zum bibliothekarischen Beruf erklären".
Auch die angehenden Bibliothekarinnen waren davon überzeugt, daß es sich um einen besonders frauengemäßen, weiblichen Beruf handelte: "Menschenliebe, Humanität sind es, die dem Bibliothekar helfen, seiner großen Aufgabe in ihren weiten Forderungen gerecht zu werden - und - ein wahrer, warmer Idealismus. ... Wer aber, frage ich nun, hat das warme Gefühl und das Mitfühlenkönnen, die rasche, leicht bewegliche Phantasie, den strebsamen Geist, das lebhafte Pflichtgefühl als ureigenste Gaben mitbekommen? Die Frau. ... Wird auch der Mann ihr im allgemeinen durch größere Tatkraft, Umsicht und Organisationsfähigkeit überlegen bleiben, so wird sie wiederum durch ihre selbstlose Hingabe und Begeisterungsfähigkeit das ideale, humane Ziel ihres Berufes nicht aus dem Auge verlieren und demselben durch ihre ganze Veranlagung näher kommen." (Scheele 1907:57f.) Als weibliche "Veranlagung" zählte ein "starkes persönliches Empfinden", "Geduld und Nachsicht" und vor allem ein "warmes, mütterliches Gefühl" (Anspach 1908: 168). "Weiblichkeit" und "Mütterlichkeit" waren immer wiederkehrende Zuschreibungen, die nicht nur den Bibliothekarinnen für ihre Arbeit bedeutsam waren, sondern auch der bürgerlichen Frauenbewegung, gerade im Hinblick auf die erwerbstätige unverheiratete Frau.

Zu "energischer Dienstaufsicht" wenig geeignet

Einmütigkeit herrschte auch darüber, daß und warum Bibliothekarinnen nur in den nachgeordneten Positionen Anstellung finden sollten und folglich für einen Aufstieg nicht in Betracht kämen. In leitende und verantwortungsvolle Stellungen könne man Frauen schon deswegen nicht einsetzen, weil sie sich, "zu energischer Dienstaufsicht, zum Aufsichtsdienste im Lesesaale, der meist mit Erteilung wissenschaftlicher Auskunft an das Publikum verbunden ist, und zu organisatorischen und schwierigen methodischen Arbeiten nur wenig eignen. Aber auch an die wissenschaftlichen Kataloge möchte ich die Frauen selbständig - ich betone das : selbständig - nicht heranlassen, weil das schwächere Geschlecht im Allgemeinen zu wenig Entschlußfähigkeit besitzt und zur Führung z.B. eines wissenschaftlichen Realkatalogs gehört oft genug ein ganz energischer Entschluss zwischen tausend Zweifeln und viel Konsequenz und logisches Denken, alles Eigenschaften, die Frauen im Allgemeinen nicht eigen sind, einige hervorragende Ausnahmen allerdings abgerechnet." Andere Kollegen hoben hervor, daß die geringere körperliche Leistungsfähigkeit, ganz besonders aber ihre seelische Labilität Frauen von "oberen Diensten" ausschlösse.
Wenn Frauen also - aus männlicher Sicht - für eigenverantwortliche Aufgaben im Bibliotheksfach nicht in Frage kamen, so durften sie doch die mittleren Positionen als ihr ureigenes Feld betrachten und brauchten nicht in Konkurrenz mit Männern zu treten, die ja ohnehin, so General-Direktor Harnack von der Königlichen Bibliothek in Berlin, bei "gleichem Bildungsgrad von solcher Stelle aus weiter strebt[en]". Woher aber rührte die Selbstbescheidung der Frauen? In einer statistischen Studie zur Frauenfrage aus dem Jahre 1904 finden sich Hinweise. Im Kapitel "Der Wettbewerb zwischen Mann und Frau" entwickelt die Autorin ihre These von der Notwendigkeit der "Einfriedung weiblicher Erwerbsgebiete": Die Frage sei nicht, ob "das Weib dasselbe leisten könne wie der Mann" - was sie grundsätzlich bejaht - , "sondern ob es das Gleiche zum Schaden des Ganzen leisten solle und dürfe" . "Sollen" , so fragt sie, "alle dasselbe tun - oder jeder das Seine?" Und beantwortet sogleich die Frage: Das Ihre sei der "Hausmutterberuf", das Seine ein Beruf außer Haus. Kein wahrer Freund des weiblichen Geschlechts könne für Mann und Frau das gleiche Recht auf Arbeit und damit einen schrankenlosen Wettbewerb fordern. Das gleiche Recht zur Arbeit und das Recht zur gleichen Arbeit seien ja nicht dasselbe, und die Erfahrung habe gezeigt, daß Frauen im Wettbewerb mit Männern immer den kürzeren zögen und für geringeren Lohn das Gleiche leisten müßten. Da Frauen aber in steigendem Maße durch Ehelosigkeit zu selbständiger Berufsarbeit gezwungen seien, müßten sie eigene Arbeits- und Erwerbsgebiete haben, auf denen sie zwar untereinander konkurrierten, nicht aber mit Männern. Diese abgegrenzten Gebiete, Frauenberufe also, erleichterten auch den Zusammenschluß in leistungsfähigen Berufsorganisationen, wie das Beispiel der Lehrerinnen-Vereine zeige (Gnauck-Kühne 1904:106ff).

Professionalisierung und "Ausbildungsfrage"

In den Anfangsjahren des Berufes um die Jahrhundertwende blieb die Ausbildung ganz den Bibliotheksleitern sowie den Berufsanwärterinnen selbst überlassen. Ihnen wurde empfohlen, sich in ihrer Freizeit so umfassend als irgend möglich weiterzubilden und einen der privaten Bibliothekarinnen-Kurse zu absolvieren. Wie gut die praktische Unterweisung war, hing allerdings weitgehend von der Qualifizierung der Bibliotheksleiter ab. Nicht wenige unter ihnen, zumeist die im Nebenamt tätigen, waren selbst Dilettanten.
Mit dem enormen Anwachsen von LeserInnen- und Ausleihzahlen nach 1900, mehr aber noch wegen der inhaltlichen Neubestimmung der öffentlichen Bibliothek als "Bildungsbibliothek" mit ihrem sozialpädagogischen Anspruch hatte sich eine gewisse Notwendigkeit zur Professionalisierung bibliothekarischer Arbeit ergeben. Ausleihmethoden, Aufstellungsarten der Bestände, Katalogformen sowie andere bibliothekstechnische und -organisatorische Praktiken waren zu entwickeln. Die öffentliche Bibliothek mußte nun nach außen hin ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen können. Sorgfältig ausgebildetes Personal war dringend erforderlich, jedoch nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Die "Ausbildungsfrage" wurde deshalb zum Kernpunkt der Diskussion innerhalb der Berufsgruppe. Die ins Auge gefaßten Anforderungen an Vor- und Ausbildung von Frauen kannten kaum Grenzen. Der Elberfelder Bibliotheksleiter warnte schließlich davor zu überziehen. Dauer und Kosten der Ausbildung müßten in einem vernünftigen Verhältnis zu dem Gehalt stehen, das den Ausgebildeten einmal gezahlt würde, und das käme bei 95 Prozent der weiblichen Hilfskräfte nie über eine "gewisse", d.h. bescheidene Grenze hinaus (Jaeschke 1909:408). Solange aber ein staatlich anerkanntes Examen fehlte, konnten die - auch von vielen Bibliotheksvorständen beklagten - miserablen Besoldungs-, Anstellungs- und Altersversorgungsverhältnisse ohnehin nicht wirksam verbessert werden. So wurde 1909 ein erster, 1916 ein überarbeiteter Erlaß des preußischen Kultusministeriums mehrheitlich begrüßt, der die Diplomprüfung, nicht aber die Ausbildung für Preußen im einzelnen regelte. Innerhalb einer vierjährigen Ausbildung waren je ein PraktikantInnenjahr an einer wissenschaftlichen und an einer Volksbibliothek unter fachmännischer Leitung abzuleisten. 1909 aber hatte in Preußen außer der Charlottenburger und der Elberfelder keine Volksbibliothek die staatliche Anerkennung als Ausbildungsbibliothek erhalten, 1916 waren es immerhin schon 18 mit insgesamt 33 Ausbildungsplätzen. Zusätzlich zum Praktikum wurden Kurse und Vorlesungen zur deutschen, englischen und französischen Sprache und Literatur, möglichst Latein- , Griechisch- sowie Stenographiekenntnisse vorausgesetzt.

Ein "gebildeter", reputierlicher Frauenberuf

Erwerbsmöglichkeiten für bürgerliche Frauen, die noch nicht oder nicht mehr durch die Familie oder einen Ehemann versorgt wurden, waren um die Jahrhundertwende äußerst beschränkt. Unter den freien oder selbständigen Berufen, also jenen Erwerbszweigen außerhalb von Industrie, Landwirtschaft, Handel, Heimarbeit oder Dienstbotenarbeit, waren für Frauen nur Tätigkeiten als Lehrerin, Kindergärtnerin, Krankenpflegerin oder Künstlerin möglich und "respektabel". Immer mehr ledige Frauen mit höherer Mädchenschulbildung aber drängten auf den Arbeitsmarkt. So war es verständlich, daß ein neuer, "gebildeter" Frauenberuf, der der Bibliothekarin, freudig begrüßt wurde. In einem praktischen Ratgeber für erwerbssuchende Frauen heißt es 1897: "In Deutschland haben wir nur eine einzige Bibliothekarin [gemeint war Bona Peiser, die seit 1895 die Erste Öffentliche Lesehalle der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur in Berlin leitete und als Deutschlands erste bezahlte Bibliothekarin gilt]. Dieselbe hat das Bibliothekswesen in Deutschland und England studiert." Und weiter: "Hauptbedingung zu diesem Berufe ist eine sehr gute, gründliche Bildung, umfassende Belesenheit, ein kräftiger Körper und williger Geist." (Ichenhaeuser 1897:20f.) Bona Peiser selbst warnte vor übertriebenen Erwartungen. Nicht zu unterschätzende Vorurteile stellten sich der bibliothekarischen Frauenarbeit noch entgegen, und erst wenige, im ganzen Reich kaum ein Dutzend Stellen stünden zur Verfügung (Peiser 1901).
Was Frauen - auch von manchen Frauenorganisationen - als freiwilliger Lohnverzicht und "Anspruchslosigkeit bei der Besoldung" unterstellt wurde, gründete weniger in der "Liebe zu Büchern" , den "sozialen Neigungen des weiblichen Geschlechts" oder der "inneren Befriedigung" , sondern war für jene, die ihren Unterhalt selbst verdienen mußten, erzwungene Arbeitswirklichkeit.

"Gesundheitsrücksichten" und die Anstrengungen des Arbeitsalltags

Hinweise auf den (Arbeits-)Alltag von Bibliothekarinnen finden sich selten oder nur zwischen den Zeilen. Daß ein monatliches Gehalt von 150 Mark, oftmals kaum mehr als 50 Mark, die objektiven wie subjektiven Lebensumstände stark prägen mußte, liegt nahe. Helene Nathan, promovierte Bibliothekarin in Leipzig, schreibt 1917 an ihren Chef Walter Hofmann: "Zu meiner größten Freude habe ich gehört, daß die Stadt den Zuschuß von 3000 M für die Zentralstelle bewilligt hat. Dabei erlaube ich mir, Sie an Ihre mir seinerzeit gütigst gemachte Zusage zu erinnern, daß Sie mein Gehalt in diesem Falle erhöhen wollen. Wenn ich Sie darum bitte, so geschieht das, weil ich gern von den Meinen unabhängig werden möchte, und das ist bei dem jetzigen Gehalt unter den jetzigen Verhältnissen nicht möglich. Sie dürfen nun nicht denken, daß ich ein Verschwender bin; ich muß doch aber unbedingt etwas zurücklegen, da ich mich - ich bereue das etwa nicht - unter die Pensionslosen begeben habe." "Die Volksbibliothekarin soll nicht nur gebildeter, sie soll auch ein gesunder, zufriedener und lebensfroher Mensch sein", forderte Clara Anspach, aber "unter den heutigen Gehalts- und Anstellungsbedingungen ist es schwer, sich gesund zu erhalten. " (Anspach 1916) Mit der Belastungsfähigkeit schien es oft schlecht bestellt. Auffallend häufig mußten aktive Frauen in der Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen wegen Erkrankung und aus "Gesundheitsrücksichten" ihre Ämter niederlegen. Kuren wurden vom Arbeitgeber nicht bezahlt, der Jahresurlaub betrug mancherorts nur zwei Wochen, und die Ernährung war den Umständen entsprechend sparsam. Der Thekenausleihdienst erwies sich als große physische und psychische Anstrengung: ständiges Stehen und Herumlaufen hinter der Theke, dazu die schlechte Luft und künstliches Licht im Ausleihraum sowie eine gehörige Portion Konzentration auf die unterschiedlichsten Benutzer und ihre Wünsche. Die tägliche Arbeitszeit von sieben bis acht Stunden war wegen der abendlichen Öffnungszeiten häufig zweigeteilt, so daß die Zeiten nach Dienstschluß nicht zur Entspannung genutzt werden konnten. Innerhalb der Großstädte wechselten Bibliothekarinnen häufig die Adresse, lebten sie nicht aus Kostengründen bei den Eltern. Ein beträchtlicher Teil wohnte zur Untermiete, in Pensionen, (Ledigen-)Heimen oder teilte sich mit einer Freundin die Wohnung - eine Notwendigkeit, die sich aus den steigenden Mieten und den niedrigen Gehältern zwingend ergab.
Schwer wog für viele, daß sie, auch wegen des hohen Frauenüberschusses nach dem Ersten Weltkrieg, keinen Lebenspartner finden konnten oder ihn durch den Krieg verloren hatten. Da die Ehe nach allgemeiner Übereinkunft aber das "gottgewollte Ziel" war, fühlte sich manche Nicht-Verheiratete als "Zu-kurz-Gekommene", - und wurde entsprechend behandelt. Sie mußte außerdem akzeptieren, daß für Frauen außerhalb der Ehe sexuelle Enthaltsamkeit galt. Es war durchaus nicht so, daß Bibliothekarinnen grundsätzlich nicht heirateten, im Gegenteil: "Wir wollen uns freuen", bemerkte Erwin Ackerknecht um 1925, Stettin, "daß in unserem Berufe die Heiratsquote so hoch ist" (was auch ein gutes Zeichen für die Männer sei, "die eine höhere Geistesbildung, wie sie der Beruf jedem seiner eifrigen Vertreterinnen ermöglicht, als gute Mitgift zu schätzen wissen"). Tatsächlich zeigt eine Aufstellung der Stadtbücherei Stettin, daß von den 99 dort zwischen 1906 und 1926 ausgebildeten Bibliothekarinnen mehr als die Hälfte geheiratet hatte. Wenn auch verheiratete Bibliothekarinnen rechtlich nicht zur Aufgabe ihres Arbeitsplatzes gezwungen werden konnten, so galten doch für Frauen Beruf und Familie weithin als unvereinbar. In erzwungener "Freiwilligkeit", teilweise aber auch in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Rollenzuweisungen, machte manche junge Bibliothekarin Platz für eine Nachfolgerin. Diejenigen, die im Beruf blieben - und die meisten von ihnen sahen ihn als Lebensberuf - , waren also fast ausnahmslos ledig und kinderlos.

Standesinteressen und gemeinsames Handeln - die Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen e.V.

Bereits zu Beginn des Jahrhunderts hatte Bona Peiser mit ihrem Wanderbrief an einzelne bibliothekarisch tätige Frauen in verschiedenen Städten einen informellen Austausch über die höchst unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und - erfahrungen ermöglicht. Seit 1905 trafen sich dann in Berlin in kleinem Kreis zunächst Volksbibliothekarinnen, später auch Kolleginnen aus wissenschaftlichen Bibliotheken zu literarischen Abenden. 1907 wurde im Berliner Frauenclub von 1900 die Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen ins Leben gerufen. Anna Harnack, Erste Vorsitzende, benannte die Ziele: "Wir wollen: 1. Die Standesinteressen der bibliothekarisch arbeitenden Frauen vertreten. 2. Im bibliothekarischen Beruf für Frauen eine geregelte Vermittlung zwischen Angebot und Nachfrage anbahnen," denn vieles werde willkürlich gehandhabt und es herrsche große Unsicherheit bei den dem Beruf in großer Zahl zustrebenden Frauen (Harnack 1907:126).
In einem kostenlos überlassenen Raum des Berliner Frauenclubs von 1900 wurde eine Beratungsstelle unterhalten, die einmal wöchentlich Sprechstunden abhielt. Dort konnten sich Interessentinnen mündlich, aber auch schriftlich umfassend über Berufsvorbereitung und -aussichten informieren lassen. Das zweite, sehr arbeitsintensive Betätigungsfeld der Vereinigung wurde die Stellenvermittlung. Durch Angebots- und Nachfragelisten, d.h. durch zentrale Erfassung aller freien Stellen in den verschiedenen Bibliothekssparten im Reichsgebiet sowie die Beratung und Vermittlung von Stellensuchenden, später auch Praktikantinnen, konnte die Vereinigung ihren Mitgliedern eine ganz entscheidende Unterstützung bieten. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Arbeit des Vorstandes und der Kommissionen die Verbesserung der Anstellungs- und Gehaltsbedingungen. "Man bewertet unsere Mitarbeit an der Volksbibliothek geringer als die Leistungen der Post- und Bahnbeamtinnen", klagte eine Danziger Bibliothekarin. "Jede Telephonistin und Telegraphistin hat nach einigen Dienstjahren ein auskömmliches Gehalt und nimmt eine feste Beamtenstellung ein, die Bibliothekarin arbeitet auch im Staatsdienste fast überall gegen eine geringe Renumeration ohne Aussicht auf Anstellung mit 14tägiger oder 4wöchiger Kündigungsfrist." (Anspach 1916)
1912 konnte eine Übersicht der Gehalts- und Arbeitsverhältnisse erscheinen. Sie enthielt detaillierte Angaben zu Dienstvertrag, Kündigungsfrist, Gehalt, Arbeitszeit- und Urlaubsregelung sowie zu Pensionsberechtigung, Krankengeld und Privatversicherung weiblicher Bibliotheksbeschäftigter in 89 Bibliotheken (davon 35 öffentliche und 54 wissenschaftliche) aus 49 Städten und Gemeinden (Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen 1912). Nie wieder ist eine derartige Datenerhebung zur Frauenarbeit in Bibliotheken versucht worden, und auch für andere Frauenerwerbszweige fehlt es meist an entsprechendem Material.
Eng mit der sozialen Absicherung während und nach der Berufstätigkeit war eine geregelte Ausbildung mit Examen verbunden. Die organisierten Bibliothekarinnen setzten sich nicht zuletzt deshalb nachdrücklich für eine qualitative Anhebung der bibliothekspraktischen wie der theoretischen Ausbildung ein, weil nur durch ein verbindliches, staatlich anerkanntes Diplomexamen die dringende Erhöhung der Gehälter durchgesetzt werden konnte.
Die Vereinigung konnte zwischen 1907 und 1920 stetig steigende Mitgliederzahlen verzeichnen (1907:106; 1920: 709): Für 1911/12 kann davon ausgegangen werden, daß ungefähr 70% der im Reichsgebiet tätigen Bibliothekarinnen im Berufsverband organisiert waren, ein Organisationsgrad, der den Untersuchungsergebnissen zur Geschichte der weiblichen Angestellten (Handlungsgehilfinnen, weibliche Büroangestellte) entspricht. Es zeigt sich, daß Frauen in Angestelltenberufen zu gemeinsamem Handeln und praktischer Selbsthilfe in Berufsorganisationen in der Lage waren (Frevert 1982).
In einer Phase reger Vereinsaktivitäten nach innen und nach außen löste sich die Vereinigung im Herbst 1920 auf, nachdem kurz zuvor der Reichsverband deutscher Bibliotheksbeamter und -angestellter von Bibliothekssekretären in Halle a.S . gegründet worden war. "Es ist uns nahegelegt worden, unsere Vereinigung aufzulösen und in dem neuen Verband aufzugehen" , teilt der Vorstand den Mitgliedern mit . Eine reine Frauenvertretung scheine nicht mehr berechtigt, "weil unser Beruf nicht mehr ausschließlich Frauenberuf ist. Wir haben die Zuversicht", so die Vorsitzende Martha Schwenke, "daß unsere Berufsinteressen auch auf dieser erweiterten Grundlage aufs beste gewahrt werden". (Mitteilungen der Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen 1920:7f, 12) Wenn 1920 der Bibliothekarberuf nicht mehr als "ausschließlicher Frauenberuf" gesehen wurde, dann ist nur insoweit zuzustimmen, als tatsächlich seit 1911 auch einige "Herren" das preußische Diplomexamen abgelegt hatten. Zu über 90% blieben es jedoch Frauen, die diesen Beruf ergriffen.

Die "Indienstnahme des weiblichen Geschlechtscharakters" und die Feminisierung des Berufes

Die Texte zur besonderen Eignung von Frauen für den Bibliotheksdienst wirken heute wie Karikaturen, zeigen aber wie unter einem Vergrößerungsglas die Schwierigkeiten und Vorurteile, die Bibliothekarinnen zu Beginn des Jahrhunderts zu überwinden hatten. Zugleich lassen diese Rollenbeschreibungen die besonderen Bedingungen in diesem von Frauen dominierten Beruf erkennen: sie blieben von Männern geprägt, und die Männer bestimmten auch weitgehend die Veränderungen.
Durch die "altbewährte Indienstnahme des weiblichen Geschlechtscharakters" durch ökonomische, politische und soziale Instanzen" ist die Geschichte der weiblichen Angestellten und ihrer sozialen Erfahrungen zugleich die "Geschichte erfolgreicher Vereinnahmungsstrategien", die "alte Rollenklischees und Deutungsmuster" fortgeschrieben und bekräftigt hat (Frevert 1981:509f.). Auch wenn es sich bei den untersuchten weiblichen Angestellten vor allem um Büroangestellte und Handlungsgehilfinnen handelt, deren Arbeitsbedingungen sich in mancherlei Hinsicht deutlich von denen weiblicher Bibliothekare unterschieden, so galten einige der typischen Kennzeichen von Frauenerwerbsarbeit hier wie dort: "Frauenlohn" und ein fest umgrenzter Tätigkeitsbereich, der nach oben weitgehend abgeschottet blieb.
Ein eindimensionales Bild greift zu kurz. Nicht alle Bibliothekarinnen der ersten Generationen haben sich den männlich orientierten, gesellschaftlich verordneten Rollenzuweisungen gefügt. Vor allem die Pionierinnen unter den Volksbibliothekarinnen sind mit Veröffentlichungen, mit bemerkenswerten Neuentwicklungen der Bibliothekstechnik und moderner Ausleihpraxis hervorgetreten; einige haben leistungsstarken Bücher- und Lesehallen in Großstädten vorgestanden oder diese eigenverantwortlich aufgebaut und erweitert. Bibliothekarinnen und Bibliotheksleiterinnen haben einen entscheidenden Anteil an der Entwicklung öffentlicher Bibliotheken. Bezeichnend ist allerdings, daß diese Frauen weitgehend vergessen sind. Vor allem hat ihre Praxis das Bild des bibliothekarischen (weiblichen) "Geschlechtscharakters" nicht verändert, bis jetzt jedenfalls nicht. Die amerikanische Sozialhistorikerin Dee Garrison (1972) hat die Ursachen der Kontinuität dieses diskriminierenden Rollenbildes untersucht. Sie entwickelt die These, daß die Feminisierung des Bibliothekarberufes, der sich in den USA in den Grundzügen - allerdings zeitverschoben - ähnlich wie in Deutschland ausbildete, den bis heute marginalen Status sowohl der Institution Bibliothek als auch ihrer RepräsentantInnen bestimmt. Bibliothekarinnen sei es nicht um Emanzipation oder Selbstverwirklichung gegangen. Mit ihrer Arbeit in der Bibliothek hätten sie vielmehr zur Erhaltung des traditionellen weiblichen (Selbst-)Images beigetragen. Mit seiner Betonung des "Dienens", die immer als "weibliche" Eigenschaft galt, schien der Beruf der Bibliothekarin mit dem der Hausfrau vergleichbar.
Die Dominanz der Frauen hat, so stellt Garrison fest, den Prozeß und den Grad der Professionalisierung nachhaltig beeinflußt bzw. begrenzt. Berufe mit einem hohen Frauenanteil seien, wie Lehr- und Sozialarbeiterberufe, auch im Status gemindert, weil der Frauenstatus innerhalb der Gesamtgesellschaft ein minderer sei. Die in der öffentlichen wie auch Selbstwahrnehmung als typisch bibliothekarisch empfundenen Merkmale und Verhaltensweisen galten als vorwiegend "weibliche" Eigenschaften: übermäßige Vorsichtigkeit, Vermeiden von Kontroversen, Schüchternheit, geringe Neigung zu Autonomie, wenig Geschäftssinn, Lenkbarkeit, Unterwürfigkeit, Dienen bis zur Selbstaufopferung und Bereitschaft, sich Forderungen der Öffentlichkeit zu fügen. Diese Eigenschaften mündeten, verstärkt durch ein sexistisches Frauenbild, in ein auch heute noch nicht überwundenes Stereotyp: die Bibliothekarin als mausgraue, alte Jungfer mit Brille und hochgeschlossener Bluse.

Literatur

C. ANSPACH, Die Frau und die Volksbibliothek. In: Blätter für Volksbibliotheken u. Lesehallen 9 (1908):167-170.
C. ANSPACH, Die Volksbibliothekarin. In: Mitteilungen der Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen e.V., 3 (1916):6.
U. FREVERT, Traditionelle Weiblichkeit und moderne Interessenvertretung. Frauen im Angestelltenberuf 1918-1933. In: Geschichte und Gesellschaft 7 (1981):507-533.
D. GARRISON, The Tender Technicians. The Feminization of Public Librarianship, 1876-1905. In: Journal of Social History 6 (1972):131-159; In erweiterter und überarb. Fassung in: dies.: Apostles of Culture. The Public Librarian and American Society, 1876-1920, New York, 1979:171-241.
E. GNAUCK-KÜHNE, Die Deutsche Frau um die Jahrhundertwende. Statistische Studie zur Frauenfrage. Berlin 1904:106ff.
A. HARNACK, Die Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen. In: Blätter für Volksbibliotheken und Lesehallen 8 (1907):126.
E. ICHENHAEUSER, Die Bibliothekarin. In: dies.: Erwerbsmöglichkeiten für Frauen. Berlin, 1897.
H. JANSEN (Hg.), Freundschaft über sieben Jahrzehnte. Rundbriefe deutscher Lehrerinnen 1899-1968, Frankfurt a.M. 1991.
E. JAESCHKE, Vorbildung und Ausbildung weiblicher Hilfskräfte im Bibliotheksdienste. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 26, 1909:407-420.
E. JAESCHKE/A. HEIDENHAIN/W. HOFMANN, Zur Frage der Ausbildung für den Dienst an volkstümlichen Bibliotheken. In: Volksbildungsarchiv 2 (1911):389-421.
Mitteilungen der Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen 1920.
B. PEISER, Die Bibliothekarin. In: Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine 2, Nr. 23 (1901):180-81 [Nachdr. in: Lüdtke, Helga (Hg.): Leidenschaft und Bildung. Zur Geschichte der Frauenarbeit in Bibliotheken. 2. Aufl., Berlin 1993.
E. REYER, Entwicklung und Organisation der Volksbibliotheken, Leipzig 1893.
G. SCHEELE, Frauen als Bibliothekarinnen. In: Comenius-Blätter für Volkserziehung 15 (1907):57-59.
E. SCHULTZE, Der Beruf der Bibliothekarin. In: Soziale Kultur 33 (1913):601-615.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/95. 25. Jg. S. 120 - 125.
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