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Hannes Stekl

Geschichte feiern - Funktionen und Ausdrucksformen

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/96. 26. Jg. S. 3.

Die "Beiträge" haben sich bereits zwei Mal mit der gesellschaftlichen Funktion von historischem Gedenken beschäftigt. 1976 erschien das (längst vergriffene) Themenheft "Jubiläen und Geschichtsbewußtsein", welches sich mit dem Babenbergerjubiläum (Michael Mitterauer), der historischen und politischen Problematik von "1000 Jahre Kärnten" (Andreas Moritsch) sowie mit Bauernkriegsjubiläen (Ernst Bruckmüller) auseinandersetzte. 1983 war es das "Türkenjubiläum", aus dessen Anlaß Fragen der Aktualisierung von Geschichte bei historischen Gedenkfeiern und die daraus resultierenden Probleme in einer eigenen (ebenfalls nicht mehr erhältlichen) Zeitschriftennummer (Autoren: Michael Mitterauer, Gernot Heiß, Markus Köhbach und Walter Sauer) exemplarisch behandelt wurden.
Die Problemstellungen, welche diesen Heften zugrundelagen, haben auch im Millenniumsjahr 1996 nichts an Aktualität verloren. Die Konzeption der österreichischen Länderausstellung "Ostarrichi-Österreich 996-1996. Menschen, Mythen, Meilensteine" in Neuhofen bzw. St. Pölten (4. Mai - 30. November 1996) scheint jedoch ein Garant dafür, daß sich anschauliches festliches Erinnern und rationale wissenschaftliche Analyse durchaus verbinden lassen. Wenn etwa in der "Straße der Symbole" die offizielle Staatssymbolik (von Bindenschild und Erzherzogshut bis zu Fahnen und Wappen) einer inoffiziellen Symbolik (von Mozartkugeln über Lipizzaner bis zum Herrn Karl) gegenübergestellt wird, so ist dies ein anregender Versuch, die Geschichte und die Vielschichtigkeit österreichischer Identität erfahrbar zu machen.
Deutlicher als wissenschaftliche Projekte aber zeigen die vielfältigen Werbeaktionen und Sponsoring-Aktivitäten anläßlich des 1000-jährigen Bestehens des Namens Österreich, wie eng historisches Erinnern mit Interessen der Gegenwart sowie mit Legitimationsprozessen verbunden ist. Dasselbe gilt auch für die Geschichte öffentlicher Feiern und Gedenktage, deren Bezugspunkte, Trägergruppen, Funktionen und Rituale im Mittelpunkt des vorliegenden Heftes stehen. Die regionalen Längsschnitte sollen einerseits historische Kontinuitäten wie auch Brüche faßbar machen (Frankreich, Deutschland, Österreich), andererseits sowohl die Spezifika außereuropäischer Kulturen als auch deren Verflechtung mit Europa hervorheben (Vereinigte Staaten, Japan).
Gedenktage sind wichtiger Bestandteil des "kulturellen Gedächtnisses" einer Gesellschaft. Jan Assmann prägte diesen Begriff in Anlehnung an Maurice Halbwachs ("kollektives Gedächtnis") zum Unterschied vom "kommunikativen Gedächtnis", das sich im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen aufbaut (Assmann 1988). Das kulturelle Gedächtnis ist für ihn "ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewußtsein von Einheit und Eigenart stützt". Seine wichtigsten Merkmale sind Gruppenbezogenheit (und damit Abgrenzung des Eigenen gegenüber dem Fremden), Rekonstruktivität (indem es sein Wissen und seine Erinnerungsfiguren auf eine aktuell gegenwärtige Situation bezieht), Geformtheit (fixiert in Schriften, Bilder und Riten), Organisiertheit (in zeremoniellen Formen sowie durch spezialisierte Träger wie etwa Priester, Politiker oder Wissenschaftler), Verbindlichkeit (mit einer unterschiedlichen Relevanz von Inhalten) und Reflexivität (als Deutung der gegenwärtigen Lebenspraxis, als Selbstbezug in Form von Auslegung oder Umdeutung und als Spiegelung des Selbstbilds einer Gruppe).
Die Inhalte, Organisationsformen, Medien und Institutionen des kulturellen Gedächtnisses können von Kultur zu Kultur, von Epoche zu Epoche variieren. Doch stets bezweckt es eine Identifikation aller Mitglieder einer Gesellschaft. Auch Gedenktage besitzen eine solche einheitsstiftende Funktion. Man begegnet ihnen entweder im Form von Anniversarien, den jährlich wiederkehrenden Erinnerungsfeiern, oder von Jubiläen, den Feiern anläßlich einer "runden" Zahl von Jahren. Beide thematisieren bzw. verinnerlichen Gemeinsamkeiten bzw. Schlüsselereignisse der Vergangenheit, welche das kollektive Selbstwertgefühl positiv bestimmen und Gemeinsames für die jeweilige Gegenwart bewußt machen sollen. Dadurch sind sie in bestimmter Weise für die Stabilität von sozialen Gruppen bzw. politischen Systemen von großer Bedeutung.
Im Zuge der Nationalstaatsbildung kam der feierlichen Erinnerung an einschneidende Ereignisse bzw. heroisierte Persönlichkeiten besonderes Gewicht zu. Dieser Aspekt wird in sämtlichen Beiträgen dieses Heftes ausführlich behandelt. In der Frühzeit der nordamerikanischen Republik, wo religiöse Komponenten noch eine große Rolle spielten, dienten neben dem Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung auch andere politische Zäsuren der Schaffung eines gesamtamerikanischen Patriotismus. Seit 1792 sollte hier noch der Columbus-Day (12. Oktober) mit einem Rückgriff auf die vorrevolutionäre Zeit gemeinsame Ursprünge bewußt machen. In Frankreich wieder bedeutete die Revolution einen radikalen Bruch mit der religiösen Erinnerungskultur. An ihre Stelle traten nicht die Geburts- oder Todestage großer Revolutionsführer, sondern Revolutionsereignisse, wobei sich auch die Sakralisierung neuer Tugenden im Fest belegen läßt. In Deutschland dagegen fehlt eine revolutionär geprägte Festkultur, obwohl deren gestalterische Elemente große Vorbildwirkung hatten. Hier kamen wichtige Impulse von oppositionellen Gruppierungen, ehe die Reichsgründung neue Akzente setzte. Doch auch hier resultierten später, ähnlich wie im Österreich des 20. Jahrhunderts, die Schwierigkeiten bei der Schaffung eines Nationalfeiertags aus dem Fehlen einigender historischer Erlebnisse und aus tiefen politischen Gegensätzen.
In Japan wieder zeigt sich bei den nationalen Feiertagen der Meiji-Periode ein mythisch-religiöses Geschichtsbewußtsein, welches zur Legitimation der neuen politischen Ordnung eng mit dem Kaiserhaus verbunden wurde. Dabei begegnet man auch der für das späte 19. Jahrhundert in zahlreichen Staaten faßbaren "invention of tradition" (Hobsbawm 1983). Dabei handelt es sich um den Versuch, gesellschaftlichem und politischem Wandel durch die Schaffung neuer Loyalitäten zu begegnen. Dabei kam auch der Herstellung von (konstruierten) historischen Bezügen eine wichtige Rolle zu. Gerade Gedenktage boten die Gelegenheit, das daraus abgeleitete statisch-konservative Geschichtsverständnis sowie scheinbar überzeitlich gültige Werte, Eigenschaften und Formen als gesamtgesellschaftlich verbindlich zu erklären.
Die Funktionen von historischen Gedenktagen werden freilich erst im Gesamtkontext einer umfassenden Festtheorie verständlich. Aus den unterschiedlichen Erklärungsansätzen über das Wesen des Festes lassen sich vier Grundtypen herausarbeiten (Gebhardt 1987): Das Fest als Flucht aus der Wirklichkeit, als individuelle und kollektive Regeneration, als Exzeß; das Fest als Anlaß von Ruhe, Kontemplation und Selbstbesinnung, welches die Arbeitswelt umgreift und sie zugleich relativiert; das Fest als Aufhebung des Alltags, Umkehr der sozialen Ordnung, utopische Hoffnung auf eine ideale Welt; und schließlich das Fest als Herrschaftsinstrument politisch und ökonomisch mächtiger Gruppen. Gemeinsam ist diesen in vieler Hinsicht widersprüchlichen Grundmustern, welche sich in der Praxis teilweise überschneiden, die Überschreitung des Alltags.
Die rationale Bestätigung der bestehenden bzw. die rationale Begründung einer in öffentlichen Gedenkfeiern angestrebten Ordnung kam nie ohne emotionale, affektbezogene Elemente aus. Der im frühen 20. Jahrhundert wirkende Kulturwissenschaftler Aby Warburg hat in seiner Theorie der kulturellen Erinnerung und des sozialen Gedächtnisses, der Mnemosyne, auf die Spannungen zwischen Magie und Ratio hingewiesen, welche letztlich jedem Fest zugrundeliegen. Aus dieser Polarität - etwa von Ursprungsmythen und dem Wissen um Veränderbarkeit der sozialen Ordnung einerseits und dem Bemühen um ihre dauerhafte Etablierung andererseits - gewannen Feste ihre Dynamik und Attraktivität für die Beteiligten (Hettling/Nolte 1993).
Auch dieses Thema wird in allen Artikeln aufgegriffen. Das Ritual der frühen amerikanischen Festkultur war noch stark von höfischen Vorbildern Kontinentaleuropas geprägt. In Frankreich hingegen standen eine konsequente Dechristianisation und die Schaffung einer "religion civique" im Mittelpunkt, welche - in modifizierter Form - ganze "Landschaften der Erinnerung" zurückließ. Die deutschen Beispiele wieder zeigen, welch unterschiedliche Elemente sich in den gestalterischen Konzeptionen von Fest- und Gedenktagen verbanden; sie verweisen aber auch auf die ungebrochene Bedeutung von säkularisierter christlicher Tradition, wie etwa in Form von veränderten Elementen der Meßliturgie. Den Charakter der österreichischen Nationalfeiertage bestimmte lange die Spannung zwischen pathetischer, staatstragender Feierlichkeit und Volksfest. Die Rituale in Japan wieder waren, selbst wo es sich um altes Volksbrauchtum handelte, vielfach vom Bestreben getragen, den Kultus der Dynastie zum Nationalkultus zu entwickeln.
Die Feier öffentlicher Gedenktage mit ihrem vielfältigen Fundus an Ritualen besitzt seit dem späten 18. Jahrhundert vorrangig eine Integrationsfunktion. Damit ist jedoch - mehr oder weniger klar bewußt - stets eine Abgrenzung nach außen und der Aufbau von Feindbildern verbunden. Denn Vergegenwärtigung von Geschichte bedeutet stets auch tendenziell die Erinnerung an Solidaritäten und Distanzierung, an Werte und Oppositionen. Es ist eine der Aufgaben von Historikern, diese Phänomene in all ihren Erscheinungsformen, so z.B. auch bei Schul-, Betriebs- und Vereinsjubiläen, zu beachten und ihre vielfältigen Veränderungen, aber auch ihre versteckten Intentionen bewußt zu machen. Damit wäre, wie es Pierre Nora formuliert hat, der Übergang von einer totemistischen Geschichte zu einer kritischen Geschichte vollzogen (Nora 1990).

Literatur

Jan ASSMANN, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Kultur und Gedächtnis, hg. v. Jan Assmann u. Tonio Hölscher, Frankfurt/Main 1988, 9-19.
Winfried GEBHARDT, Fest, Feier und Alltag. Über die gesellschaftliche Wrklichkeit des Menschen und ihre Deutung, Frankfurt/Main u.a. 1987.
Manfred HETTLING/Paul NOLTE, Bürgerliche Feste als symbolische Politik im 19. Jahrhundert. In: dies. (Hg.), Bürgerliche Feste. Symbolische Formen politischen Handelns im 19. Jahrhundert, Göttingen 1993.
Eric HOBSBAWM/Terence RANGER (Hg.), The invention of tradition, Cambridge 1983 (2. Aufl. 1993).
Pierre NORA, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, 1984, dt. Berlin 1990.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/96. 26. Jg. S. 3.
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