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Peter Feldbauer, Michael Mitterauer, John Morrissey

Zu diesem Heft

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/96. 26. Jg. S. 115.

"Die Kreuzzüge" sind ein klassisches Thema des traditionellen Geschichtsunterrichts. In ereignisgeschichtlichen Darstellungen der mittelalterlichen Geschichte wird ihnen herkömmlicherweise ein prominenter Platz eingeräumt. Aber lassen sich "Kreuzzüge" auch im Rahmen einer historischen Sozialkunde behandeln?
Ein gewisses Mißtrauen gegenüber der Behandlung der Kreuzzüge im Geschichtsunterricht ist sicher berechtigt. Seinen festen Platz in der Vermittlung mittelalterlicher Geschichte hat dieses Thema vor allem deswegen errungen, weil es sich für ein identifikatorisches Geschichtsbewußtsein so eignet. Und Identifikation mit religiös motivierten kriegerischen Handlungen der Vergangenheit bedeutet in der Gegenwart sicher eine Gefahr. Allzuoft wurde die Geschichte der Kreuzzüge für ein Beschwören von Kreuzzugsmentalität mißbraucht. Erinnert sei in diesem Zusammenhang etwa an die Trabrennplatzrede, in der Dollfuß am 11. September 1933 sein Programm des Ständestaats formulierte. Er leitete es aus der mittelalterlichen Geschichte ab und berief sich in seinem Schlußappell auf die Kreuzfahrer. Ihr "Gott will es", mit dem sie auf den Kreuzzugsaufruf Papst Urbans II. auf der Synode von Clermont geantwortet haben sollen, nahm er für einen gleichen Glauben in der Gegenwart in Anspruch.
Man mag sagen, solche Geschichtsbilder sind selbst schon Geschichte. Die Zeit der Kreuzzugsaufrufe gegen "den Feind im Osten" ist endgültig vorbei. Eine dechristianisierte Gesellschaft bzw. ein gewandeltes Christentum bieten keinen Ansatzpunkt mehr für ein Denken in Kategorien von "heiligen Kriegen". Eine solche veränderte Ausgangsposition ist sicher zu bedenken. Trotzdem ist zu fragen, ob nicht die Gefahr eines identifikatorischen Umgangs mit der Geschichte der Kreuzzüge weiterhin besteht. Von einem besonderen Interesse der Schüler an diesem Thema wird oft berichtet. Wodurch wird es bewirkt? Durch neue Formen der Visualisierung, die gerade bei diesem Thema neue Zugangsmöglichkeiten schaffen? Durch ein neues Mittelalter- Interesse, das sich vor allem am besonders Fremden dieser Epoche festmacht? Durch eine alte und neue Faszinationskraft des Abenteuerlichen in der Geschichte, die mit den Kreuzzügen wohl stets verbunden ist? Wie auch immer - mit identifikatorischen Zugangsweisen zum Thema Kreuzzüge ist weiterhin zu rechnen. Und wo immer es im Geschichtsunterricht um Aggression, Krieg, Feindbilder geht, ist Identifikation gefährlich.
Die beste Gegenstrategie gegen die Gefahren einer identifikatorischen Zugangsweise im Geschichtsunterricht ist es, dasselbe Thema in analytischer Weise zu behandeln. Das macht sich dieses Heft zum Ziel. "Kreuzzüge" werden als ein bestimmter Typus kriegerischer Unternehmungen in der europäischen Geschichte behandelt. Eine solche typologische Betrachtung führt über den in ereignisgeschichtlichen Darstellungen gewählten Rahmen weit hinaus. Dementsprechend wurde als Titel auch nicht "Die Kreuzzüge", sondern die offenere Form "Kreuzzüge" gewählt. Das Interesse gilt nicht dem Ablauf der kriegerischen Unternehmungen im einzelnen. Darüber ist anderwärts genügend nachzulesen. Vielmehr geht es um strukturelle Zusammenhänge, um Typisches, um Verallgemeinerbares. Ganz besonders interessieren gesellschaftliche Rahmerenbedingungen und Folgewirkungen der als "Kreuzzüge" zu charakterisierenden kriegerischen Unternehmungen. In drei Bereichen werden sie in die Tiefe gehend untersucht. Ein erster Beitrag beschäftigt sich mit Zusammenhängen zwischen den im Hochmittelalter neu entstandenen Strukturen der Papstkirche und den Kreuzzügen und geht der Frage der nachhaltigen Prägung der Westkirche durch die Kreuzzüge nach. Ein zweiter Beitrag behandelt die Bedeutung der Kreuzzüge für die italienischen Seerepubliken, insbesondere für Venedig. Ein zentrales Interesse ist es dabei, Entwicklungszusammenhängen nachzugehen, die zur kolonialen Expansion führen. Ein dritter Beitrag geht dem Stellenwert der Kreuzzüge in der Entwicklung des islamischen Herrschaftsbereichs nach. Alles das sind strukturelle Fragestellungen, die eine analytische Zugangsweise nötig machen. Möglichkeit zur Identifikation wird dabei wohl kaum geboten.
Die hier gewählten thematischen Akzentsetzungen sind bei weitem nicht die einzigen, die in einer analytischen Beschäftigung mit der Geschichte der Kreuzzüge möglich sind. Vieles, was nur am Rande gestreift werden konnte, wäre sicher einer eingehenderen Analyse wert, im Rahmen einer Sozialgeschichte etwa die Ausbildung des "miles christianus" als eines neuen Sozialtyps, im Rahmen einer Frömmigkeitsgeschichte der Aufschwung des mittelalterlichen Wallfahrtswesens (das als Hintergrund zu sehen ist, will man die Wirkung erklären, die die Aufrufe der Päpste zur bewaffneten Pilgerschaft hatten), im Rahmen der Kriegsgeschichte die Entwicklung einer neuen christlichen Einstellung zum Krieg, vor allem im Kontext der Gottesfriedensbewegung als Vorstufe für die Kreuzzüge, im Rahmen der Wirtschaftsgeschichte die Anfänge des Bankenwesens, die durch die Finanzierungsstrategien der Kreuzzüge einen wichtigen Impuls erhielten etc. Die in diesem Heft gebotenen Beispiele einer analytischen Zugangsweise können vielleicht dazu anregen, auch solche andere Themen in analoger Weise aufzugreifen.
Das Themenfeld "Kreuzzüge" ermöglicht viele Querbeziehungen zu aspektorientierten Formen der Beschäftigung mit mittelalterlicher Geschichte. Bei näherem Zusehen wären wohl auch andere traditionelle Lehrplanthemen in ähnlicher Weise ertragreich, der Investiturstreit etwa oder das karolingische Imperium. So sehr es für einen modernen Geschichte und Sozialkunde-Unterricht wichtig ist, durch ganz neue sozialkundliche Themen neue Akzente zu setzen - ähnlich wichtig ist es wohl, traditionelle Themen in neuer Perspektive darzustellen und damit in eine gesellschaftlich relevante Unterrichtsgestaltung zu integrieren.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/96. 26. Jg. S. 115.
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