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Michael John

Vertreibung - Aussiedlung - Flucht: Zur Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/96. 26. Jg. S. 151.

Am 29. Oktober 1946, also vor rund 50 Jahren, gab der tschechoslowakische Innenminister den Abschluß der Aussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung seines Landes bekannt. Regelmäßige Beiträge-Leser/innen wissen, daß ein Gedenken (oder ein Jubiläum) infolge eines bloßen Jahrestags kein hinreichendes Motiv für ein eigenes Heft darstellen kann. Eine Abbildung in diesem Heft, die sich auf Seite 180 befindet, mag mithelfen, ein wenig Aufschluß über die Hintergründe dieser Nummer zu geben.
Auf den ersten Blick mag die Photographie irritierend erscheinen: es zeigt einen Jugendlichen, der sich nach dem Kirchgang photographieren läßt, in Enns (Oberösterreich), Anfang November 1944. Im Hintergrund jedoch ist ein langer Treck mit Pferdewagen zu sehen, der über die Ennsbrücke nach Westen zieht. Das Schemenhafte des Trecks hat auch symbolische Bedeutung: die Flüchtlingsbewegungen am und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs liefen im Hintergrund der heimischen Gesellschaft ab. Lange Jahre in Lagern führten dazu, daß zehntausende Insassen - entgegen dem Mythos einer raschen und vollständigen Integration - erst nach einiger Zeit in die österreichische Gesellschaft eingegliedert wurden. Und auch der Grad dieser Integration ist fraglich. Der zweite Grund, warum Schemenhaftigkeit sich in diesem Fall als Symbol eignet, ist das mangelnde Wissen, das Jahrzehnte die Ereignisse kennzeichnete. Die Tatsache der größten Vertreibung in Europas neuerer Zeitgeschichte, der Vertreibung und Aussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Ost-Mitteleuropa, war zwar jedem bewußt: Doch viele ernsthafte Wissenschafter/innen beschäftigten sich über Jahrzehnte aus ideologischen Gründen nicht mit diesem Phänomen. Die Vertreibung der Deutschen hing strukturell mit dem Hitlerschen Angriffskrieg und mit dem nationalsozialistischen Rassenwahn zusammen, war vermeintlich eine mehr oder weniger gerechtfertigte oder verständliche Reaktion und aus diesem Grund tabuisiert.
In den letzten Jahren haben die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen auch zu einem genaueren Blick auf die Vertreibungsphänomene geführt; die geöffneten Archive Osteuropas trugen unter anderem dazu bei ebenso wie die Vertreibungsprozesse im zerfallenden Jugoslawien, die dem Vergangenen eine neue Aktualität verliehen. An diesen Punkten setzt Hanns Haas an und versucht Typen und Verlaufsmodelle ethnischer Homogenisierung im 20. Jahrhundert darzustellen. Er macht, gestützt auf neue Archivstudien, darauf aufmerksam, daß in einigen Fällen, wie etwa Königsberg/Kaliningrad oder Rumänien, seitens der jeweiligen Staatsmacht eine Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung unerwünscht war und anders als auf der Ebene gezielter ethnischer Homogenisierung erklärt werden muß. Als absoluten Sonderfall wird in dieser Typologie nicht auf den Holocaust eingegangen, da es hier nicht um Vertreibung, bei der Menschen zu Tode kommen, sondern um gezielte Massenvernichtung ging: "Juden wurden aufgespürt, um sie der Vernichtung zuzuführen." (Dan Diner).
Mit den konkreten Vertreibungs- und Aussiedlungsprozessen der deutschsprachigen Bevölkerung in drei ostmitteleuropäischen Ländern beschäftigen sich die weiteren Beiträge: Emilia Hrabovec hat bei ihren Forschungen in den tschechischen Archiven Material entdeckt, daß hinsichtlich der Vertreibung teilweise Neuinterpretationen zuläßt, vor allem in Hinblick auf sozialpolitische und sozialrevolutionäre Überlegungen, die bislang unbekannt waren. Diese Vertreibung/Aussiedlung war von den tschechischen Eliten ebenso wie von der Bevölkerungsmehrheit gewünscht und aktiv betrieben worden. Gabriela Stieber geht auf die Vertreibung der jugoslawiendeutschen Bevölkerung ein, die mit vielfachen Greueln verbunden war. Flucht und Aussiedlung endeten in vielen Fällen in österreichischen, in der Steiermark und anderswo befindlichen Lagern. Ein Teil dieser Flüchtlinge ist ausgewandert, der verbliebene Teil hat sich großteils in die österreichische Gesellschaft integriert. Hermann Volkmer behandelt den Fall der Rumäniendeutschen, bei dem es sich um keine Austreibung seitens Rumäniens handelt. Er legt Augenmerk auch auf die Integration in die autochthone Gesellschaft, in diesem Fall ist es Oberösterreich, da die meisten Rumäniendeutschen innerhalb Österreichs in diesem Bundesland lebten. Skepsis scheint angesichts des Archivmaterials ebenso wie anhand der zeitgenössischen Statistiken angebracht: diese Gruppe hat sich nach meßbaren Kriterien erst nach rund zwei Jahrzehnten in ihren Lebensumständen der einheimischen Bevölkerung angeglichen, auf mentaler Ebene waren die Differenzen sicherlich über einen längeren Zeitraum hin ausgeprägt.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/96. 26. Jg. S. 151.
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