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Michael Mitterauer

Ein europäischer Sonderweg? Zu diesem Heft

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/97. 27. Jg.

Europathemen haben Konjunktur - auch in der Geschichtswissenschaft und im Geschichtsunterricht. Ganz besonders gilt das für die mittelalterlichen Wurzeln des heutigen Europa. Schon die Anfänge der politischen Einigung in den fünfziger Jahren hatten eine erste Welle der historischen Beschäftigung mit den Ursprüngen europäischer Gemeinsamkeiten zur Folge. Die Intensivierung der Integrationsbemühungen in den achtziger und neunziger Jahren lösten eine zweite aus. Solche Parallelen zwischen historischer Themenwahl und aktuellen Interessen sollten vorsichtig machen. Wird hier wiederum Geschichte als Legitimationsideologie für politische Zwecke der Gegenwart benützt? Soll sie - wie früher für nationale Chauvinismen - nunmehr für einen Euro-Chauvinismus in Dienst genommen werden? Auch auf internationaler Ebene kann das Beschwören der Einheit aus gemeinsamem Ursprung fatale Folgen haben.
Die Frage nach mittelalterlichen Grundlagen Europas kann allerdings auch in ganz anderer Absicht gestellt werden. Es ist wohl kein Zufall, daß in einer sozialwissenschaftlich orientierten Geschichtswissenschaft genauso wie in der Soziologie, in der Sozialanthropologie bzw. Ethnologie und in anderen Sozialwissenschaften zunehmend über die Ursachen der europäischen Sonderentwicklung diskutiert wird. Prozesse der Globalisierung auf unterschiedlichen Ebenen machen den Kulturvergleich zur Alltagserfahrung. Und in diesem Kulturvergleich ist die historisch bedingte Besonderheit Europas evident. Nicht nur der europäische Sonderweg wird so zum Thema. Es geht genauso um den Sonderweg des islamischen Kulturraums, des ostasiatischen und vieler anderer. Man muß nicht Samuel P. Huntingtons vieldiskutierte Prognose vom "Kampf der Kulturen" teilen, um sich die Bedeutung kultureller Sondertraditionen in einer sich rapide vernetzenden Weltgesellschaft bewußt zu machen. Im Kontext einer solchen komparativen Sicht hat die Frage nach mittelalterlichen Grundlagen der europäischen Entwicklung einen ganz anderen Stellenwert als in der Orientierung an aktuellen Integrationsinteressen. Es geht um rationale Einsichten in strukturelle Zusammenhänge, die bis in die Gegenwart nachwirken, nicht um die emotionale Fundierung politischer Ziele der Gegenwart aus der Geschichte, um eine genetisch-interpretative Zugangsweise, nicht eine identifikatorische. In einem solchen genetisch-interpretativen Verständnis sollen hier "mittelalterliche Grundlagen der europäischen Gesellschaftsentwicklung" Behandlung finden.
Es gäbe verschiedene Wege, solchen mittelalterlichen Grundlagen nachzugehen. Der hier gewählte ist nur einer von vielen möglichen. Er geht von einigen für die europäische Gesellschaftsentwicklung besonders charakteristischen Sozialformen aus, der "gattenzentrierten Familie", den "geistlichen Hausgemeinschaften und universalen Orden", den "autonomen Gemeinden", den durch "Lehenswesen und Ständeverfassung" charakterisierten Herrschaftsformen sowie der in der "Papstkirche" organisierten westlichen Christenheit. Sicherlich ließe sich der Katalog solcher spezifischer Sozialformen noch erweitern, etwa um die für Europa so charakteristischen Universitäten. Aber Vollständigkeit ist diesbezüglich weder angestrebt noch nötig. Vielmehr ist es Anliegen der hier angestellten Überlegungen, aus der Analyse der bedingenden Ursachen verschiedener für die europäische Gesellschaftsentwicklung typischer Sozialformen zu gemeinsamen Grundlagen zu kommen. Dementsprechend wird in den einzelnen Beiträgen in einem ersten Schritt die Besonderheit der betreffenden Sozialform beschrieben. In einem zweiten Schritt geht es um bedingende Faktoren. In einem dritten Schritt werden Auswirkungen der geschilderten Sozialform im Zuge der Weiterentwicklung behandelt, und zwar solche auf Individuen, auf andere Sozialformen und auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Eine solche Differenzierung läßt sich natürlich nicht ohne Überschneidungen analytisch exakt einhalten. Es geht ja dabei auch bloß um eine grobe Zuordnung von Folgephänomenen, die ihrerseits nur exemplarisch und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit behandelt werden können. Auch bei den bedingenden Faktoren der besprochenen Sozialformen kann es nicht um Vollständigkeit gehen. Innerhalb der jeweils multikausalen Erklärungsversuche wird jedoch schon eine Gewichtung nach mehr oder weniger wichtigen Ursachen vorgenommen. Das Schlußkapitel "Zu mittelalterlichen Grundlagen europäischer Sozialformen" führt diese gewichteten Bedingungsfaktoren zusammen und diskutiert die Möglichkeiten gemeinsamer Erklärungsmodelle.
Das vorgelegte Heft ist aus einer Vorlesung zum Thema "Mittelalterliche Grundlagen des europäischen Sonderwegs der Sozialentwicklung" hervorgegangen. Als Leistungsnachweis über diese Lehrveranstaltung wurden von den Studierenden Protokolle über Vortrag und Diskussionen unter eigenständiger Weiterbearbeitung auf Literaturbasis angefertigt. Den fünf studentischen Beiträgen zu diesem Heft liegen solche Lehrveranstaltungsprotokolle zugrunde. Sie wurden für die Veröffentlichung neuerlich überarbeitet und durch zusätzliche Literaturinformationen ergänzt, sodaß es sich um eigenständige Beiträge zur gemeinsamen Thematik handelt. Derart selbständige Leistungen von Studierenden - noch dazu zu Beginn des Studiums erbracht - könnten dazu anregen, ähnlich autonome Formen des Erarbeitens historischer Themen auch im Schulunterricht zu erproben.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/97. 27. Jg.
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