[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Michael Mitterauer

Zu mittelalterlichen Grundlagen europäischer Sozialformen

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/97. 27. Jg.

Die Frage nach spezifisch europäischen Phänomenen der Gesellschaftsentwicklung ist zugleich eine Frage nach dem Raum, innerhalb dessen sich diese Gesellschaftsentwicklung abgespielt hat. Sozialräume sind nie statisch. Sie verändern sich mit dem Wandel der gesellschaftlich prägenden Kräfte. Auch der Sozialraum Europa war vielfältigem Wandel unterworfen. Seinen jeweiligen Grenzen nachzugehen bedeutet zugleich auch Europa zu "definieren", d. h. abzugrenzen, gegenüber Räumen, in denen andere gesellschaftliche Kräfte wirksam waren.
Die Verbreitung spezifischer Sozialformen läßt sich nicht in gleicher Weise räumlich exakt erfassen wie die Erstreckung politischer oder kirchlicher Territorien. Das gilt vor allem für die Sozialformen der lokalen Lebenswelten, für Familien, Bruderschaften oder Gemeinden. Trotzdem kann es sinnvoll sein, auch bei solchen Gruppierungen den Räumen ihrer Verteilung nachzugehen. Übereinstimmungen mit großräumigen territorialen Einheiten können Hinweise auf bewirkende Ursachen geben. Solchen Koinzidenzen soll im folgenden nachgegangen werden, um Ansatzpunkte für mittelalterliche Grundlagen europäischer Sozialformen zu finden. Auf drei prägende Strukturgrenzen wird dabei besonders Bezug genommen: Die Nordgrenze des Römischen Reichs zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung, die Grenze des Karolingerreichs und die Grenze zwischen Ost- und Westkirche, wie sie im ausgehenden Mittelalter durch die Missionierung der letzten nichtchristlichen Völker erreicht wurde. Diese Grenzen erlangten ihre Bedeutung als Scheidelinien von Kulturräumen in zeitlichen Abständen von mehr als einem halben Jahrtausend. In vielen Lebensbereichen haben sie lange nachgewirkt.
Die Bedeutung des Limes Romanus als europäische Strukturgrenze steht in vielen Belangen außer Streit. Das gilt von der Entwicklung der romanischen Sprachen bis hin zur Entwicklung des Verkehrswesens, das vielerorts noch lange das römische Straßensystem benützte. Für die Entwicklung spezifisch europäischer Sozialformen allerdings erscheint diese Grenze ohne Bedeutung. Weder Familien- noch Gemeindeformen, weder Klosterwesen noch Staatlichkeit erscheinen entlang dieser Scheidelinie differenziert. Soweit mittelalterliche Grundlagen europäischer Sozialformen auf römische zurückgehen, so offenbar ohne eine besondere räumliche Bindung.
Die Bedeutung der Ostgrenze des Karolingerreiches als dauerhaft prägende Strukturgrenze Europas wird viel diskutiert. In der Debatte um Ostmitteleuropa als besonderen Kulturraum Europas spielt sie eine wichtige Rolle. Man wollte sogar die Jalta-Grenze mit ihr in Zusammenhang bringen, und damit die Sonderentwicklungen West- und Ostmitteleuropas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aus der Geschichte spezifisch europäischer Sozialformen ergibt sich für solche Differenzierungen kein überzeugender Anhaltspunkt. Zwar fehlen östlich dieser Grenze jene Grundherrschaftsformen, die sich westlich davon im Anschluß anReichskirchensystem, Immunität und Vogtei ausgebildet haben (s.o. Beitrag Konrath), die Prinzipien von Familien- und Gemeindeverfassung haben sich jedoch hier wie dort in ählicher Weise weiterentwickelt (s.o. Beitrag Zeller und Beitrag Konrath). Mit der Ostkolonisation des Hoch- und Spätmittelalters wurden eben ursprünglich im Frankenreich entwickelte soziale Institutionen weit nach Osteuropa hineingetragen. Viel nachhaltiger wirksam scheint die in Mittelitalien verlaufende Grenze des Karolingerreichs gewesen zu sein. Der damals byzantinische Süden wurde von spezifisch karolingisch-fränkischen Sozialformen wie etwa dem Lehenswesen erst spät und nur oberflächlich erreicht. Aus den Schwierigkeiten der Durchsetzung moderner Staatlichkeit im Mezzogiorno wirkt dieser Unterschied nach.
Die für die europäische Gesellschaftsentwicklung weitaus wichtigste der drei hier behandelten Strukturgrenzen ist die zwischen Ost- und Westkirche. Sie markiert die räumliche Erstreckung jenes Phänomens "Papstkirche", das für den Sozialraum Europa fundamentale Bedeutung hat (s.o. Beitrag Kniescheck II). Eine derart hochorganisierte Religionsgemeinschaft stellt im interkulturellen Vergleich eine einmalige Erscheinung dar, auch im Vergleich zu anderen christlichen Kirchen. Sie bildet zugleich den Rahmen für andere spezifisch europäische Sozialformen, insbesondere für die universalen Ordensgemeinschaften, die ebenso ein europäisches Charakteristikum darstellen. Die im Hochmittelalter entstandenen großen Orden wie die Zisterzienser, die Franziskaner und die Dominikaner treten im ganzen Bereich der Westkirche auf, bleiben aber in ihrer Wirkung im wesentlichen auf diesen Raum beschränkt. Die Strukturgrenze zwischen Ost- und Westkirche hat aber auch für nicht unmittelbar kirchlich geprägte Sozialformen Bedeutung. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein läßt sich die "Hajnal-line" als eine Scheidelinie oder besser gesagt eine Übergangszone zwischen unterschiedlichen demographischen Mustern feststellen (s.o. Beitrag Zeller). Das "European marriage pattern" mit seinem hohen Heiratsalter und seiner relativ niedrigen Heiratshäufigkeit im Westen der "Hajnal-line" stellt weltweit eine Besonderheit dar. Es korrespondiert mit spezifischen Familienformen, die ebenso auf den Westen beschränkt begegnen. Als sozialer Kontext, innerhalb dessen sich diese Familienformen verbreiteten, dürfen Strukturen der fränkischen Agrarverfassung angenommen werden, wie sie im Zuge der Ostkolonisation während des Hoch- und Spätmittelalters weitergegeben wurden. Die mit den Endpunkten St. Petersburg und Triest im Groben skizzierte "Hajnal-line" entspricht jenem Grenzsaum, den die Ostkolonisation im Spätmittelalter erreichte. Der Grenze zwischen Ost- und Westkirche hat sich diese Kolonisationsbewegung in manchen Regionen angenähert, sie jedoch nirgendwo überschritten. Damit blieben die von ihr getragenen Sozialformen ein spezifisch westkirchlich-europäisches Phänomen.
Für die Frage nach mittelalterlichen Grundlagen europäischer Sozialformen ist der Blick auf die Zentren des Sozialraums Europa ähnlich aufschlußreich wie der auf seine Grenzen. Die behandelten Strukturgrenzen zeigen von der Spätantike zum Spätmittelalter einen Schwenk von einem West-Ost zu einem Nord-Süd-Verlauf. Dem entspricht eine Schwerpunktverlagerung vom mediterranen Süden in den Nordwesten des Kontinents. Der Raum zwischen Seine und Rhein wird seit karolingischer Zeit zum Zentrum der gesellschaftlichen Dynamik. Das gilt nicht nur für die politische Entwicklung, sondern auch für die wirtschaftliche, soziale, kulturelle. Hier entwickeln sich die entscheidenden Grundlagen für das Lehenswesen (s.o. Beitrag Hafner). Hier entstehen jene Grundherrschaftsformen, die für die Familien- und Gemeindeverfassung der Landbevölkerung entscheidende Bedeutung erlangten (s.o. Beitrag Zeller). Hier haben aber auch einige der großen Ordensbewegungen ihren Ursprung (s.o. Beitrag Kniescheck II) ebenso wie die Domschulen, aus denen sich die Universitäten entwickelten. Es ist bezeichnend, daß auch die religiös-kirchliche Dynamik und die von ihr bewirkten neuen Sozialformen im wesentlichen vom Kernraum des Frankenreiches ausgingen und nicht von Rom. Seit dem Untergang des Westreichs lag Rom gegenüber den neuen Zentren in einer Randlage. Für die Entwicklung des Papsttums war diese Konstellation von entscheidender Bedeutung (s.o. Beitrag Kniescheck II). Die räumliche Distanz sowohl zum oströmischen Kaiser als dann später auch zum Frankenkönig ermöglichte dem Papst eine weitgehende Unabhängigkeit. Das ist eine der Wurzeln für die Eigenständigkeit, die der Patriarch des Abendlands gegenüber den europäischen Fürsten erreichen konnte und damit jenes einmaligen Phänomens "Papstkirche". In dieser räumlichen Trennung des kirchlichen Mittelpunkts von den weltlichen Zentren ist bereits früh jene Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt vorgezeichnet, die für die europäische Gesellschaftsentwicklung so bestimmend werden sollte. Man hat diese Entwicklung sehr treffend mit dem Stichwort der "produktiven Trennungen" charakterisiert (Jenö Szücs). Die zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt ist wohl die erste und wichtigste dieser "produktiven Trennungen". Aus ihr erklärt sich auch die für die europäische Geschichte so wichtige Konstellation, daß eine Vielfalt von weltlichen Herrschaftsgebilden sich durch eine umfassende Kirchengemeinschaft verbunden fühlte, die als Kulturgemeinschaft auch den Zerfall der kirchlichen Einheit überlebte.
Aus einer sozialräumlich orientierten historischen Perspektive stellt sich die Frage, warum so viele für die europäische Gesellschaftsentwicklung charakteristische Sozialformen gerade von der Region zwischen Seine und Rhein ihren Ausgangspunkt genommen haben. In der Antike war diese Region eine völlig unbedeutende Randzone ohne großen städtischen Mittelpunkt, fernab der wichtigen Entscheidungszentren. Im Früh- und Hochmittelalter wird sie zu einem Zentralraum von enormer Ausstrahlungskraft. Was hat zu dieser wichtigen Schwerpunktverlagerung gegenüber den Verhältnissen der Antike geführt? Von der politischen Ereignisgeschichte ausgehend wird man argumentieren, daß hier das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Franken lag, deren Herrschaftsbildung im Frühmittelalter besonders erfolgreich war, daß hier die Karolinger beheimatet waren, deren Großreich für den Sozialraum Europa bestimmend werden sollte. Aus sozialhistorischer Perspektive wird man allerdings über solche politischen Konstellationen hinausgehende Fragen stellen, etwa warum die Herrschaftsbildungen der Frankenkönige so erfolgreich waren oder warum sie ihre Zentren in einer früher so unbedeutenden Region beließen. In dieser Weise fragend kommt man zu Bedingungsfaktoren, die auch die Entstehung einiger spezifisch europäischer Sozialformen erklären helfen.
Im interkulturellen Vergleich läßt sich immer wieder feststellen, daß die Diffusion sozialer und kultureller Neuerungen im Zusammenhang mit der Verbreitung von neuen Formen der Landwirtschaft auftritt. Eine solche Agrarrevolution hat sich auch im frühmittelalterlichen Europa abgespielt und ihr Ausgangspunkt ist der Raum zwischen Seine und Rhein. Mit neuen landwirtschaftlichen Methoden gelang es damals, auf den schweren Böden dieser Region mit ihren relativ hohen Niederschlagsmengen eine wesentliche Steigerung der Getreideproduktion zu erzielen (s.o. Beitrag Konrath). Weite Zonen des nordalpinen Europa konnten so landwirtschaftlich erschlossen werden. Im Mittelmeerraum mit seinen geringeren Niederschlagsmengen und leichten Böden waren diese Methoden nicht anwendbar. Im agrarischen Bereich kam es hier zu einer Stagnation, während sich der Nordosten äußerst dynamisch entwickelte. Viele der spezifisch europäischen Sozialformen zeigen in ihrer Entwicklung nicht nur räumliche und zeitliche Entsprechungen zu dieser Agrarrevolution des Nordwestens, sie lassen sich auch ursächlich mit ihr in Zusammenhang bringen. Die Frage nach den Grundlagen der Agrarrevolution im Nordwesten hat dementsprechend für die Frage nach den Grundlagen der europäischen Gesellschaftsentwicklung wesentliche Bedeutung. Exemplarisch lassen sich an der Behandlung dieser besonders wichtigen Wurzel Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Grenzen von Erklärungsmodellen illustrieren, die bedingende Faktoren sozialer Entwicklungen isolieren wollen.
Läßt sich die Agrarrevolution Nordwesteuropas mit den durch sie ausgelösten gesellschaftlichen Folgen ökologisch erklären? Schwere Böden sowie häufig und unregelmäßig auftretende Regenfälle sind zweifellos ökologische Faktoren. Ein Agrarsystem, das diese Faktoren für reiche Ernteerträge zu nutzen versteht, ist letztlich ökologisch bedingt. Aber warum wurden diese günstigen Voraussetzungen nicht schon früher genutzt? Bereits in römischer Zeit experimentierte man in Gallien und Britannien mit neuen landwirtschaftlichen Methoden, freilich ohne entscheidenden Durchbruch. Fehlten die technischen Voraussetzungen? Einige der im Frühmittelalter eingesetzten technischen Innovationen waren schon bekannt. Fehlten die sozialen Voraussetzungen? Diese Frage wurde von der Forschung noch nicht behandelt. Wie auch immer - von den ökologischen Voraussetzungen her allein läßt sich sicher nicht erklären, warum es gerade in karolingischer Zeit im Raum zwischen Seine und Rhein zu einer für die europäische Entwicklung so folgenreichen Erneuerung der Landwirtschaft kam. Insgesamt ist es eine Schwäche aller rein ökologischen Erklärungsmodelle, die die entscheidenden Bedingungsfaktoren des europäischen Sonderwegs in naturräumlichen Voraussetzungen suchen, daß sie zu wenig auf die Frage eingehen, unter welchen besonderen Bedingungen diese naturräumlichen Voraussetzungen genutzt wurden. Hierher gehören etwa Argumentationen, die im Reichtum Europas an Küsten und schiffbaren Flüssen, in der Vielfalt von Wasserläufen, die für die Energiegewinnung genutzt werden können, oder in der angeblich besonders günstigen Schutzlage Europas die entscheidenden Wurzeln sehen.
Läßt sich die Agrarrevolution des Frühmittelalters in Nordwesteuropa rein technologisch erklären? Sicher - agrartechnische Neuerungen spielten eine sehr wesentliche Rolle - der schwere Radpflug etwa oder das Hufeisen und das Kummet, die verstärkt den Einsatz von Pferden in der Landwirtschaft ermöglichten. Das im fränkische Zentralraum entwickelte neue Agrarsystem war jedoch weit mehr als die Nutzung neuer technischer Möglichkeiten. Den Radpflug als entscheidenden Bedingungsfaktor anzusetzen wäre genauso einseitig, als wollte man die Entwicklung des Steigbügels wegen seiner Bedeutung für die neue Kriegstechnik als "causa prima" des Lehenswesens ansehen (s.o. Beitrag Hafner). Die letztendlich in der Dreifelderwirtschaft zusammengefaßten Elemente der neuen Agrarverfassung haben eine viel breitere Grundlage als bloß einige technische Erfindungen. Im wesentlichen ist diese Agrarverfassung eine "soziale Erfindung", nämlich ein hochkompliziertes System aufeinander abgestimmter Formen individueller und kollektiver Nutzung in einer raffinierten Kombination von verschiedenen Arten des Ackerbaues und der Viehzucht. Die kooperativen Momente dieses Systems, die für die Entwicklung der Landgemeinde so große Bedeutung erlangten (s.o. Beitrag Konrath), ließen sich zwar zunächst nur im Rahmen eines stark herrschaftlich dominierten Verbands realisieren, wie ihn die fränkische Grundherrschaft darstellte. Die römische Latifundienwirtschaft bot keine vergleichbaren Voraussetzungen. Die fränkische Grundherrschaft als Rahmenhaushalt vielfältiger aufeinander bezogener bäuerlicher Familienwirtschaften hat ihrerseits wieder spezifische soziale Voraussetzungen. Für ihr Funktionieren bedurfte es der Zirkulation von Arbeitskräften zwischen den einzelnen Bauernhöfen bzw. zwischen Bauern- und Meierhöfen. Diese Mobilität war nur im Rahmen eines relativ flexiblen Familien- und Verwandtschaftssystems möglich (s.o. Beitrag Zeller). Pointiert formuliert: In einer Ahnenkultgesellschaft mit strikt patrilinealer Familienstruktur hätte sich das fränkische Agrarsystem der Dreifelderwirtschaft nicht organisieren lassen. Auch das Fehlen solcher kultischer Bindungen ist eine Grundlage der Agrarrevolution Nordwesteuropas und damit der spezifischen Sozialformen, die sich hier entwickelt haben - eine Grundlage, deren Bedeutung auf den ersten Blick nicht genauso evident ist wie die ökologischen oder technologischen Faktoren; eine Grundlage, die aber in einem multikausalen Erklärungsmodell genauso mitberücksichtigt werden muß.
Ist die mittelalterliche Agrarrevolution, die vom Raum zwischen Seine und Rhein ihren Ausgang genommen hat, über die unmittelbaren Sozialformen der bäuerlichen Lebenswelt (wie Familie, Gemeinde oder Grundherrschaft) hinaus auch die Wurzel anderer spezifisch europäischer Sozialformen, die in diesem Raum entstanden sind? Ein Zusammenhang wird vielfach über die Bevölkerungsentwicklung herzustellen versucht. Tatsache ist, daß in West- und Mitteleuropa die Bevölkerungszahl von der ausgehenden Karolingerzeit bis ins Spätmittelalter auf mehr als das Doppelte anstieg, während sie in Südeuropa stagnierte. Diese Entwicklungsunterschiede sind sicherlich in der unterschiedlichen Produktivität der Agrarsysteme begründet. Daß die vermehrte Produktion der Landwirtschaft zu einer verstärkten gesellschaftlichen Arbeitsteilung und in diesem Kontext auch zunehmend zu Verstädterung führte, kann ebensowenig bezweifelt werden. Eine rein quantitative Zunahme der Städte bzw. ihrer Einwohnerzahl vermag jedoch nicht zu erklären, warum es in diesen neuen Zentren zu neuen Sozialformen kam. Und diese qualitativen gesellschaftlichen Veränderungen bedürfen anderer Erklärungsmodelle: der neue Dualismus zwischen Herrenburg und Bürgerstadt, die Verselbständigung der Stadt gegenüber ihrem Umland, die die mittelalterliche Stadt so grundsätzlich von der römischen Civitas bzw. der griechischen Polis unterscheidet, die Ausbildung der Bürgergemeinde auf der Basis der Schwurgenossenschaft, schließlich die Erlangung autonomer Hoheitsrechte durch diese auf Eid begründete Gemeinde (s.o. Beitrag Konrath). Solche Modelle führen in die Herrschaftsordnung der verschiedenen Reichskirchensysteme, die sich in den Nachfolgereichen des karolingischen Imperiums ausgebildet haben, zum Eid als einer Form, neue Sozialbeziehungen herzustellen, zum Mauerbau als neuer Wehrtechnik, zur Entfaltung des Fernhandels, die reich gewordene Stadtbürger in die Lage versetzte, solche Verteidigungsaufgaben zu übernehmen. Mit der Agrarrevolution im Zentralraum des Frankenreiches haben all diese Entwicklungen, wenn überhaupt, so höchstens in sehr vermittelter Weise zu tun.
Für die Entstehung des Lehenswesens gilt Ähnliches. Sicher hat die erhöhte Agrarproduktivität die naturalwirtschaftliche Absicherung der fränkischen Panzerreiterheere begünstigt. Die Dreifelderwirtschaft bewirkte vor allem auch eine erhöhte Haferproduktion. Und das kann dem Unterhalt von Reiterheeren entgegen. Aber das fränkische Lehenswesen hat weit mehr zur Voraussetzung als eine bessere na- turalwirtschaftliche Fundierung des Heeres. Seine Kombination von Vasallität und Benefizium, von persönlicher Bindung neuer Art und Ausstattung mit Grundbesitz ist auch primär eine "soziale Erfindung". Wiederum begegnen wir hier dem Eid als einer wichtigen Form, neue Sozialbeziehungen herzustellen. Aber auch aus diesem Element allein läßt sich die wichtige neue Sozialform nicht erklären. Soweit die großen Mönchsorden im Zentralraum des Frankenreichs entstanden sind, gilt für sie Ähnliches wie für das Lehenswesen. Die durch die Agrarrevolution geschaffenen Gesellschaftsverhältnisse waren für sie bedeutungsvoll, aber bei weitem nicht der einzige oder der wichtigste Bedingungsfaktor (s.o. Beitrag Kniescheck I). Die Cluniazenser haben die Klostergrundherrschaft als Basis für ihre räumlich umfassende Organisationsform genützt. Für die Zisterzienser war gerade die kritische Auseinandersetzung mit dieser Form der naturalwirtschaftlichen Fundierung für die Entwicklung neuer Elemente der Ordensverfassung wichtig. Ähnliches gilt für andere der im Hochmittelalter gegründete Ordensgemeinschaften. Das wesentlich Neue und Einmalige der universalen Orden, nämlich die Organisation räumlich umfassender Klosterverbände, führt jedoch in ganz andere, nämlich in monastisch-kirchliche Zusammenhänge. So macht das Beispiel der vom Zentralraum des Karolingerreiches ausgehenden Agrarrevolution die Schwierigkeiten bewußt, die sich allgemein stellen, wenn man versucht, ein Erklärungsmodell für die Ursprünge spezifisch europäischer Gesellschaftsentwicklungen zu finden. Diese Agrarrevolution war sicher eine für die europäische Geschichte entscheidende Weichenstellung. Unmittelbare Auswirkungen auf die Entstehung neuer Sozialformen lassen sich jedoch nur im engeren Bereich der bäuerlichen Lebenswelt fassen, in Familie, Gemeinde und Grundherrschaft. Die räumliche Koinzidenz mit dem Ursprungsgebiet anderer gesellschaftlicher Neuerungen legt kausale Zusammenhänge nahe. Keine dieser Neuerungen läßt sich jedoch direkt und monokausal auf die Agrarrevolution zurückführen, wie auch für diese selbst keine monokausale Erklärung gefunden werden kann. Die Suche nach Grundlagen führt immer wieder in komplexe Beziehungsgeflechte. Innerhalb der Vielfalt bewirkender Faktoren gilt es freilich zu gewichten. Auch wenn die Agrarrevolution - für sich genommen - nicht alle in ihrem Ursprungsgebiet entstandenen spezifisch europäischen Gesellschaftsentwicklungen zu erklären vermag, ihre grundsätzliche Bedeutung für diese Entwicklungen läßt sich kaum bestreiten.
Andere Schwierigkeiten, bedingende Ursachen der europäischen Gesellschaftsentwicklung herauszuarbeiten, lassen sich am Beispiel eines zweiten wichtigen Faktorenkomplexes erläutern. Zweifellos haben alle hier als spezifisch europäisch charakterisierten Sozialformen in irgendeiner Weise christliche Wurzeln. Bei der auf der Konsensehe beruhenden gattenzentrierten Familie und bei den geistlichen Hausgemeinschaften ist dieser Ursprung evident (s.o. Beitrag Zeller). Für die autonomen Gemeinden sowie für das Lehenswesen gilt dies nicht in gleicher Weise. Mit der in der Gottesfriedensbewegung vorgeformten Eidverbrüderung bzw. dem ebenso sakral begründeten Lehenseid ergibt sich jedoch auch für diese Sozialformen ein Zusammenhang zu religiös fundierten Sozialbeziehungen (s.o. Beitrag Konrath und Hafner). Die Papstkirche als Organisationsform der westlichen Christenheit bedarf hinsichtlich ihrer christlichen Wurzeln keiner weiteren Erläuterung. Trotz dieser offenkundigen Zusammenhänge wäre es undifferenziert, in einer generellen Weise vom Christentum schlechthin als einem entscheidenden Bedingungsfaktor der europäischen Gesellschaftsentwicklung zu sprechen. Es sind ganz unterschiedliche Elemente der christlichen Glaubens-, Kult- und Organisationstradition, die in diesen Sozialformen wirksam werden. Vor allem sind es Elemente, die ganz unterschiedlichen Entwicklungsstufen des Christentums zuzuordnen sind. Eine Sicht des Christentums als einer seit seiner Gründung gleichbleibenden Struktur, die auf die Gesellschaft einwirkt, läßt sich aus historischer Perspektive nicht halten.
Während die christliche Konsensehe bereits in frühen Phasen grundgelegt erscheint, war der Eid viele Jahrhunderte hindurch - den Verboten Jesu entsprechend - im Christentum verpönt. Erst im Hochmittelalter hat er sich - vor allem unter dem Einfluß von Cluny - zu einer spezifisch christlichen Institution entwickelt. Wie es im Verlauf der mittelalterlichen Entwicklung zu diesem Umschwung gekommen ist, bedürfte einer eingehenden Untersuchung. Auch das Mönchtum ist kein seit urchristlicher Zeit vorhandenes Phänomen (s.o. Beitrag Kniescheck I). Das Verlassen der Gemeinde stand sogar im Widerspruch zu dem für das Christentum konstitutiven Gemeindeprinzip und bedurfte einer besonderen Legitimation. Die Papstkirche schließlich gehört als spezifisches Paradigma der westlichen Christenheit erst dem Hochmittelalter an. Von der urchristlichen Gemeindeverfassung, aber auch von der Verfassung der spätantiken Reichskirche unterschied sie sich ganz grundlegend (s.o. Beitrag Kniescheck II). In der hier zugrunde ge- legten Karte wurde von drei für den Sozialraum Europa prägenden Strukturgrenzen ausgegangen, die für ihre Zeit jeweils auch als Grenzen des Christentums Bedeutung hatten. Was innerhalb dieser Grenzen Christentum bedeutete, war jedoch in den drei ausgewählten Phasen keineswegs dasselbe.
Wie problematisch es ist, von einem homogenen Faktor Christentum als prägender Kraft der europäischen Sozialentwicklung zu sprechen, zeigt ebenso wie die zeitliche auch die räumliche Differenzierung. Die hier als spezifisch europäisch behandelten Sozialformen haben sich nur im Raum der Westkirche entwickelt. Der Ostkirche fehlen sie, ebenso den verschiedenen orientalischen Kirchen. Um eine allgemein christliche Basis kann es sich also nicht handeln. Die Auseinanderentwicklung von Ost- und Westkirche in Fragen des Glaubens, des Kults und vor allem der Kirchenverfassung hat schon lange vor dem Schisma von 1054 begonnen. Beispiele aus diesen drei Bereichen mögen exemplarisch veranschaulichen, welche Folgen solche Unterschiede für die Gesellschaftsentwicklung hatten. Der Glaube an das Fegefeuer als Reinigungsort blieb auf die Westkirche beschränkt. Durch ihn erhielt der Zusammenschluß zu Gebetsverbrüderungen wie insgesamt das europäische Bruderschaftswesen starke Impulse (s.o. Beitrag Kniescheck I). Obwohl biblisch grundgelegt hat die Predigt in der Westkirche eine weit größere Bedeutung erlangt als in der Orthodoxie. Die großen Bettelorden machten diese Form der Verkündigung zu ihrer zentralen Aufgabe. Der Zusammenhang zwischen Kanzel und Lehrkanzel markiert den Entwicklungsstrang, der zur Universitätslehre hinüberführt. Für die Penetration und Integration im Rahmen der Westkirche kann die Rolle der Predigt nicht hoch genug eingeschätzt werden. In der römischen Kurie als zentralistischer Verwaltungsinstanz hat die Papstkirche des Hoch- und Spätmittelalters einen in ihrer Form einmaligen Herrschaftsapparat entwickelt (s.o. Beitrag Kniescheck II). Die bürokratische Staatlichkeit des neuzeitlichen Europa ist ohne dieses kirchliche Vorbild undenkbar. In den orthodoxen Kirchen fehlten dafür vergleichbare Ansatzpunkte. Es sind mittelalterliche Entwicklungen der Westkirche, die solche spezifischen Grundlagen europäischer Sozialformen schufen.
Sicher gibt es auch Strukturelemente des Christentums, die ohne regionale oder epochale Einschränkung gesellschaftliche Entwicklungen beeinflußt haben. Im Zusammenhang mit den hier behandelten Sozialformen ist immer wieder das Fehlen einer religiösen Bedeutsamkeit von Abstammung im Christentum als wesentlich bedingender Faktor begegnet. Die flexiblen Familienformen, die hohe Bedeutung geistlicher Hausgemeinschaften, die wichtige Rolle genossenschaftlicher und kommunaler Sozialformen, der Ersatz von Stammesordnungen durch Lehenssysteme und schließlich der Aufbau der kirchlichen Hierarchie nicht auf dem Erb- sondern auf dem Weiheprinzip lassen sich auf diesem spezifisch christlichen Hintergrund erklären. Das Fehlen einer religiösen Bedeutsamkeit von Abstammung läßt sich auf verschiedene christliche Grundprinzipien zurückführen. Das wichtigste ist wohl die zentrale Rolle der Taufe. Die "Geburt dem Geiste nach" hat vor der "Geburt dem Fleisch nach" den Vorrang. Der Charakter des Christentums als Gemeindereligion wirkt in dieselbe Richtung, ebenso die antifamilistischen Tendenzen des christlichen Mönchtums oder die Übertragung kirchlicher Ämter durch Weihe. Das Fehlen einer religiösen Bedeutsamkeit von Abstammung öffnet für die Entwicklung anders orientierter Sozialformen. Aber es gibt nicht zwingend solche Sozialformen vor. Patrilinear-komplexe Familienformen wie sie im Raum der Ostkirche vielfach begegnen, waren mit dem Christentum durchaus vereinbar. Spezifische Familienformen, des Westens sind - von der aufgewerteten Gattenbeziehung abgesehen - ihren Strukturelementen nach nicht kirchlich bestimmt. Nicht einmal das gemeinsam christliche Institut der Taufpatenschaft - wohl eine der wichtigsten der vom Christentum positiv geprägten Sozialbeziehungen - hat die Gesellschaftsentwicklung gleichartig beeinflußt. In Nordwesteuropa, wo die Patenbindung von der Lebensbindung überformt und konkurrenziert wurde, hat sie nicht eine ähnliche Bedeutung erlangt wie in den vom Lehenswesen unbeeinflußten Regionen des Mittelmeerraums. Generell wird man die Wirkung des Christentums auf gesellschaftliche Entwicklungen weniger in der Determinierung bestimmter Sozialformen als in der Öffnung für neue sehen können.
Die Beschäftigung mit christlichen Grundlagen europäischer Sozialformen macht prinzipielle Schwierigkeiten einer Analyse bedingender Ursachen in anderer Weise bewußt als das zuvor betrachtete Beispiel der von Nordwesteuropa angehenden Agrarrevolution. Vor allem die zeitliche Gebundenheit der untersuchten Strukturen erweist sich dabei als Problem. Die hochmittelalterliche Papstkirche etwa hat neben herrschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen der eigenen Zeit sicher ganz wesentliche Grundlagen in früheren Epochen der Christenheit - im Frühmittelalter, in der Spätantike, in der Verfolgungszeit, im apostolischen Zeitalter. Die Frage nach solchen "Grundlagen der Grundlagen" könnte über die Entstehung des Christentums zurück auf römische, griechische, jüdische Wurzeln zurückgreifend gestellt werden. Derartigen Kontinuitätszusammenhängen epochenübergreifend nachzugehen, ist sicher sinnvoll und legitim - vor allem dann, wenn es um den Ursprung isolierbarer Einzelphänomene geht. Die Frage nach den Grundlagen spezifisch europäischer Sozialformen hat jedoch ein anderes Ziel. Sie will die Entstehungsbedingungen für ein ganzes Syndrom gesellschaftlicher Erscheinungen klären.
Beim Versuch einer solchen Klärung hat sich eine sozialräumliche Zugangsweise als hilfreich erwiesen. Räumliche Übereinstimmungen verweise auf inhaltliche Zusammenhänge. Und durch sie läßt sich jenes Syndrom gesellschaftlicher Erscheinungen besser verstehen, das für die europäische Sonderentwicklung entscheidend wurde. So sehr auch weiter zurückreichende Entwicklungslinien zu berücksichtigen sind - die entscheidende Weichenstellung für diesen Sonderweg scheint erst im Hochmittelalter erfolgt zu sein.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/97. 27. Jg.
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]