[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Andrea Komlosy (Wien), Jean-Paul Lehners (Luxemburg)

Region und regionale Identität: Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/97. 27. Jg.

In dem Maße, wie die Nationalstaaten mit der Globalisierung der Weltwirtschaft an Steuerungsfähigkeit einbüßen, gewinnt die Region in der politischen Debatte an Bedeutung. Regionale Profilierung und Bildung grenzüberschreitender Kooperationen verbessern die Chancen, im Wettbewerb der Standorte bestehen zu können. Doch auch diejenigen, die in der Standortkonkurrenz unterliegen, pflegen den Regionalismus, um Benachteiligung zu artikulieren und das Selbstverständnis in der Region zu stärken.
In einer zunehmend komplexer werdenden Welt erscheinen Regionen als eine Möglichkeit, die Schwierigkeiten bei der Konstruktion eines vereinten Europa durch die Identifikation mit überschaubaren Räumen zu überwinden. Gleichzeitig dient die Region als ein Vehikel, den Widerstand gegen politischen und wirtschaftlichen Zentralismus zu fördern.
Region ist also ein chamäleonartiges Gebilde, das je nach Aufgabe, Betrachtungsweise und Interessensstandpunkt anders aussieht. Nicht nur existieren unterschiedliche Begriffe, mit denen Region zu fassen wäre, und Räume, die sich selbst als Region definieren oder von Planern zu solchen gemacht werden. Auch die Einbettung in überregionale Wirtschaftsbeziehungen und die politische Berechtigung der regionalen Ebene variieren von Staat zu Staat. In der Europäischen Union kontrastiert die große propagandistisch-emotionale, aber auch die reale wirtschaftliche Bedeutung einzelner regionaler Standorträume mit der bescheidenen Kompetenz der Regionen in den Konsultations- und Entscheidungsmechanismen. Das vielbeschworene "Europa der Regionen" wiederum zerfällt in eine Reihe unvereinbarer Vorstellungswelten, die ethnisch-kulturelle, planungs-technokratische, basisdemokratische oder ökologisch-dezentrale Ziele auf ihre Fahnen schreiben.
Das Erstarken der europäischen Regionen ist jedenfalls ein hochaktuelles Phänomen, das mit den aktuellen Umbruchserscheinungen der Weltwirtschaft im Zusammenhang steht. Die alte Debatte um das Verhältnis von Zentralmacht und Adelsherrschaft, um Landesautonomie, Föderalismus und regionale Selbstverwaltung, die die Geschichtswissenschaft im deutschen Sprachraum jahrhundertelang geprägt hat, bietet auf diese Entwicklungen keine ausreichenden Antworten. Ein Brückenschlag zu den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, aber auch zu neueren Ansätzen der Geographie, die Region im Kontext der Weltwirtschaft und regionale Identität im Lichte der kognitiven Psychologie betrachten, erscheint unumgänglich.
Die Beiträge des vorliegenden Heftes reflektieren die unterschiedlichen Perspektiven, mit denen heute über Region diskutiert wird. Zunächst beschäftigen sich Gerald Wood und Andrea Komlosy mit den Ursachen für die Wiederkehr der Region, die durch Nationalstaatsbildung und weltwirtschaftliche Integration vorübergehend in den Hintergrund getreten war. Gerald Wood verknüpft die Frage nach dem Bedeutungsgewinn der Region mit den unterschiedlichen Interessen von Planern, Gebietskörperschaften, regionalistischen Bewegungen, Wirtschaftstreibenden und Wissenschaften, die es vorteilhaft bzw. plausibel erscheinen lassen, die Wirklichkeit durch die Brille der Region zu betrachten. Andrea Komlosy analysiert die Regionalisierung als eine Antwort auf die Globalisierung der Weltwirtschaft, die einerseits in einer Aktzentuierung der regionalen Ebene, andererseits in der Abgabe nationalstaatlicher Kompetenz an supranationale Zusammenschlüsse zum Ausdruck kommt.
Zwei regionale Fallbeispiele zeigen die unterschiedlichen Formen auf, in denen sich Region im west- und im osteuropäischen Kontext darstellt. Lars Bolle und Jean-Paul Lehners präsentieren die Euroregion Saar-Lor-Lux als einen Versuch, den Niedergang der Schwerindustrie-Reviere im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Luxemburg durch den Ausbau grenzüberschreitender Zusammenarbeit zu überwinden. Ein neues Selbstverständnis als Region muß dabei erst geschaffen werden. Demgegenüber stellt das rumänische Transsilvanien/Siebenbürgen, dem sich Hannes Hofbauer in seinem Beitrag widmet, eine alte historische Einheit dar. Obwohl die ethnische und religiöse Fragmentierung hier kaum eine gemeinsame regionale Identität entstehen ließ, fühlen sich insbesondere die ungarischen BewohnerInnen der Region in vieler Hinsicht stärker mit dem westlichen Europa verbunden als mit dem Rest des Landes. Die Entdeckung der Region ist in beiden Fällen eng mit der Frage nach nationalen Grenzen und den Möglichkeiten grenzüberschreitender Kooperation verbunden. Während die Regionalismen im westeuropäischen Zentrum dem Zusammenhalt der Europäischen Union durchaus förderlich sind, ist Regionalismus in Osteuropa Ausdruck der regionalen Desintegration. An der Peripherie Europas tritt Regionalismus häufig im nationalstaatlichen Gewande auf und verfolgt das Ziel, die neu entstandenen Länder möglichst nahe an das europäische Zentrum anzubinden.
Im deutschsprachigen Raum ist die Debatte um Region und regionale Identität aufs engste mit der Auseinandersetzung um den Begriff Heimat verbunden. Das Verhältnis von Heimat und Region wird abschließend in pointiert-essayistischer Form von Günther Nenning aufgegriffen. Er hat seinen Beitrag im August 1996 auf einem Symposion der Waldviertel Akademie zum Thema "Region: Zwischen Heimat und Kulisse" in Raabs an der Thaya vorgetragen, das unter der Leitung der beiden Herausgeber stattfand und an welchem auch die Mehrzahl der anderen in diesem Heft vereinten Autoren teilnahmen.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/97. 27. Jg.
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]