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Gerald Wood, Andrea Komlosy

Die Wiederkehr der Region und ihre Hintergründe

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/97. 27. Jg.

Einführung

Es bedarf weder einer besonders geschärften Wahrnehmungsfähigkeit noch eines speziellen Interesses am Thema, um festzustellen, daß der Begriff der Region wie kaum ein zweiter derzeitig Hochkonjunktur hat. Allenfalls die "Globalisierung" (der Produktion, der Märkte, der Reproduktionsmuster etc.) wird in der öffentlichen Debatte ähnlich häufig thematisiert wie die Bedeutung des Regionalen. Wie noch weiter unten gezeigt werden soll, ist ein interessantes Phänomen in diesen Diskussionszusammenhängen die Tatsache, daß sich Region und Globalisierung nicht notwendigerweise ausschließen, sondern durchaus im Zusammenhang zu sehen sind.

Die Konjunktur der Region - einige Schlaglichter

Die gegenwärtige Konjunktur der Region in der öffentlichen Debatte, vor allem in der politischen und der wissenschaftlichen Diskussion, läßt sich, vereinfachend, folgendermaßen grob umreißen:

- im Bereich der Soziokultur:
Zum einen fällt eine Neubelebung von regionaler Kultur auf, etwa durch die Aktivitäten von Geschichtsvereinen oder durch die Wiederentdeckung von Dialekten etc. Zum anderen läßt sich eine Renaissance der Heimatdiskussion beobachten, in der sowohl Tendenzen von Ausgrenzung, Rückwärtsgerichtetsein, Fremdenangst usf. zum Ausdruck kommen, als auch der Wunsch nach überschaubaren, sinnstiftenden Lebensbezügen, die über das Wohnumfeld hinausweisen, ein regional artikuliertes Selbstbewußtsein von Bevölkerungsgruppen und, damit häufig einhergehend, ein Streben nach stärkerer (regionaler) Selbstbestimmung. Beide Aspekte lassen sich in der Wirklichkeit häufig nicht auseinanderhalten; so geht das regionalistische Streben nach Autonomie bzw. Mitbestimmung nicht selten einher mit Ab- und Ausgrenzung, mit Xenophobie und kleinkariertem Kirchturmdenken. Das vielleicht eindrucksvollste und in seiner Radikalität zugleich erschreckendste Beispiel eines solchen regionalistischen Diskurses dürften wohl die jüngsten Ereignisse auf dem Balkan sein.
Und schließlich läßt sich auch eine Regionalisierung des Hörfunks und des Fernsehens feststellen, insbesondere vor dem Hintergrund regional segmentierter Werbemärkte.

- in der (Planungs-) Politik:
Die planungspolitische Diskussion verweist gleichfalls auf eine gestiegene Bedeutung der regionalen Ebene. Zum einen wird die Region zur institutionalisierten politischen Handlungsarena, weil die zunehmende Ausdifferenzierung der Staatstätigkeit in eine Vielzahl von teilautonomen Akteuren (z.B. der Fachplanungen wie Verkehr, Umwelt etc.) regionale Koordination notwendig werden läßt. Hinzu kommt eine verstärkte Regionalisierung von Strukturpolitiken seitens des Staates (insbesondere in einigen Ländern der BRD), der durch diesen Prozeß versucht, einerseits das "kreative Potential" vor Ort abzuschöpfen und andererseits Handlungsdruck nach unten zu delegieren. Ein ganz zentraler Gedanke in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, daß sich der europäische Wohlfahrtsstaat hiermit von der Vorstellung bzw. vom Anspruch einer "gesamtgesellschaftlichen Rationalität" verabschiedet, die lange Zeit handlungsleitend gewesen war.
Auch in anderen europäischen Ländern ist eine planungspolitische Stärkung der regionalen Ebene erkennbar, beispielsweise in den unitarischen Staaten Frankreich oder Spanien, in denen in den letzten Jahren verstärkt föderale Elemente für eine Veränderung der politischen Landschaft gesorgt haben. Gleichwohl bleibt festzuhalten, daß dieser Prozeß keinesfalls zur Schwächung der nationalstaatlichen Ebene geführt hat - wovon die Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der beiden genannten Staaten und den regionalistischen, separatistischen Organisationen auf Korsika und im Baskenland Zeugnis ablegen.
Diese Stärkung der regionalen Ebene auch in unitarischen Staaten ist neben den internen Gründen sicherlich auch im Kontext mit den Entwicklungstendenzen auf der Ebene der Europäischen Union zu sehen. Gemäß des Subsidiaritätsprinzips genießt die regionale Ebene aus der Sicht der EU eine herausragende Stellung. Ausdruck dieser Bedeutung ist die formelle Etablierung der regionalen Ebene im föderalen Aufbau der EU, die bislang aber eher als Dekoration denn als eigenständige, mit Machtbefugnissen ausgestattete Entscheidungsebene anzusehen ist. Denn auch in der EU bestimmen letztendlich die Mitgliedsländer (sprich: die Nationalstaaten) die Politik der Gemeinschaft.
Am anderen Ende des planungspolitischen Spektrums stehen die Kommunen, die sich einem verstärkten Zwang zu interkommunaler Zusammenarbeit auf regionaler Ebene gegenüber sehen, da verschiedene Probleme kleinräumig nicht mehr problemadäquat zu lösen sind (z.B. Abfallwirtschaft, Nahverkehr, aber auch Gewerbeflächenpolitik).

- in der Ökonomie bzw. in der ökonomischen Theorie:
Im Mittelpunkt des Interesses stehen zunächst die vielfältigen Globalisierungs- und Internationalisierungstendenzen der Wirtschaft, durch die (nationalstaatliche) Grenzen immer mehr an Bedeutung einbüßen. Die Faktoren, die diese Entwicklung maßgeblich lenken, sind die De-Regulierung von Kapitalmärkten, die Neu-Organisation von Produktionszusammenhängen (vor allem unter Einsatz neuer Technologien), sinkende Transportkosten etc. Diese Trends scheinen zunächst die globale Maßstabsebene zu favorisieren. Frei von staatlichen Beschränkungen fließen Kapitalströme um den Globus, werden kostengünstige und bislang un- bzw. untergenutzte Arbeitsmärkte oder ökologische Freiräume in der Dritten Welt bzw. in Osteuropa zum Zwecke einer verbilligten industriellen Produktion erschlossen.
Es scheint, als werde der Nationalstaat - und erst recht die Region - als relevanter Betrachtungsmaßstab (z.B. für die ökonomische Wissenschaft oder die ökonomische Geographie) immer stärker an den Rand gedrängt. Dieser Sicht steht allerdings die Überlegung entgegen, daß die Struktur ökonomischer Bezüge auch auf regionaler Ebene bedeutsam ist, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum einen lassen sich hier durch die räumliche Nähe externe Gewinne realisieren. Zum anderen sind ökonomische Aktivitäten auf regionaler Ebene sozial und politisch eingebettet, so daß sie nicht beliebig an anderer Stelle (oder durch elektronische Medien) reproduziert werden können. Und schließlich sind die geschichtlich geronnene Wirtschaftsstruktur einer Region und die daran beteiligten Akteure aus der Wirtschaft, der Politik, der Verwaltung etc. wichtige sozio-kulturelle Quellen von Innovation und Entwicklung einer Region (Regionen als innovative Milieus).

- in der Ökologie-Debatte:
In der ökologischen Diskussion weist vor allem die Debatte über die Folgen der auf globalem Maßstab erfolgenden Umweltverschmutzung auf eine Bedeutungssteigerung der regionalen Ebene hin. Den weltweiten Stoffkreisläufen mit ihren ökologisch problematischen Folgen wird die Vorstellung regional geschlossener Stoffkreisläufe entgegengehalten.

Diese Auflistung ist nicht vollständig, aber sie gibt einen gewissen Überblick über die Breite der Themen und die Vielzahl der Sachbereiche, in denen die gegenwärtige Debatte über die Bedeutung der Region verankert ist.
An dieser Stelle drängen sich zwei Fragen auf: erstens, worin liegen die Ursachen für die Renaissance der Region und zweitens, wie groß ist der Wahrheitsgehalt der ausgemachten Bedeutungssteigerung der Region oder, anders formuliert, wie läßt sich zwischen Diskurskonjunktur und realer Bedeutungssteigerung der Region unterscheiden?

Die Ursachen für die Attraktivität der Region

Besonders interessant erscheint der skizzierte Bedeutungszuwachs der regionalen Ebene - sofern wir zunächst einmal dessen pauschale Richtigkeit unterstellen - vor allem deswegen, weil er in einem gewissen Widerspruch zu der Vorstellung zu stehen scheint, dem Regionsbegriff hafte etwas "Unmodernes" an. Nach diesem Verständnis ist Region allenfalls als eine Reminiszenz an eine Zeit zu betrachten, in der Menschen räumlich noch verankert waren, "landsmannschaftliche" Befindlichkeiten ihr eigen nannten und über das Geschehen außerhalb ihres lokal-regionalen Kosmos wenig nachdachten - wenigstens in breiten Schichten der Bevölkerung. Aber Region als strukturierendes Merkmal und Erklärungshilfe in einer Zeit, in der Menschen über eine nie dagewesene Mobilität verfügen (wenigstens die, die in den reichen Ländern dieser Erde leben), am weltweiten, tagtäglichen Geschehen ebenso selbstverständlich teilnehmen wie am eigenen Alltagsgeschäft und für die Lifestyle-Orientierung wichtiger ist als "regionale Identität"? Der Gedanke erscheint geradezu anachronistisch.
Und doch: er macht aber auch Sinn. Denn je stärker lokale und regionale Handlungsspielräume durch die Globalisierung ökonomischer, sozialer, politischer und sozio-kultureller Entwicklungen in Bedrängnis geraten, desto stärker wird die Bedeutung dieser Ebene als Gegengewicht, vielleicht sogar als Gegenwelt. Im Bereich der Soziokultur kann man die Wiederentdeckung des Regionalen als einen solchen Reflex interpretieren. Gerade dadurch, daß sich eine Steuerung gesellschaftlicher Entwicklungen immer stärker auf höhere (Maßstabs-)Ebenen verlagert, meldet sich regionaler Eigen-Sinn wieder verstärkt zu Wort. Gleichzeitig eröffnen die (nicht zuletzt durch Globalisierung) veränderten Rahmenbedingungen gesellschaftlicher Steuerung auch neue Chancen, nämlich vorrangig die Möglichkeit, über den zumindest partiellen Bedeutungsverlust des Nationalstaates die regionale Ebene zu stärken. Region in diesem Verständnis ist also ein Stifter von Sinn in einer immer unüberschaubarer werdenden Welt.
Auf der Ebene der (planungs-)politischen Steuerung mag man in dem Postulat einer Bedeutungssteigerung der Region lediglich den Versuch regionaler Eliten erkennen, wenigstens symbolisch wieder ein Stück an Steuerungsfähigkeit zurückzugewinnen, die man an die supra-staatlich operierenden Akteure verloren hat. Auch wenn diese Strategie am tatsächlichen Machtverlust nichts ändert: zumindest in der Rhetorik und damit in der politischen Legitimation regionaler Akteure erfüllt sie eine wichtige Funktion.
Dieser eher negativen Einschätzung der Bedeutung der regionalen Ebene in der Planungspolitik steht eine andere Sichtweise diametral gegenüber. Hiernach besteht zwischen den verschiedenen Maßstabsebenen gesellschaftlicher Entwicklungen ein prinzipiell dialektisches Verhältnis. In einem solchen Verständnis ist die Region nicht bloß die räumliche Ebene, auf der sich der globale Wandel konkret niederschlägt bzw. räumlich materialisiert, sondern sie ist gleichzeitig auch steuerndes Element des allgemeinen Wandels. Die vielfältigen Entwicklungstendenzen vor Ort ergeben in ihrer Summe bzw. als Ganzes das Allgemeine, das wieder auf die Teile zurückwirkt. In diesem Zusammenhang kommt bestimmten regionalen Besonderheiten eine ganz entscheidende Bedeutung zu, beispielsweise der Fähigkeit regionaler Akteure, miteinander zu kooperieren und über Partikularinteressen hinaus die Verfolgung des gemeinsamen, des "regionalen Wohls" im Auge zu haben.
Diese, vor allem im Bereich von Wirtschafts-, politischer und Soziokultur und ihren Einrichtungen angesiedelten "Begabungen" von Regionen sind in zunehmendem Maße wichtig für die Fähigkeit, wirtschaftliche und allgemein-gesellschaftliche Erneuerungen zu realisieren. Gleichzeitig sind solche "Begabungen" nicht beliebig bzw. ubiquitär vorhanden, und schon gar nicht sind sie ohne weiteres reproduzierbar (etwa als planungspolitische Strategie), denn sie sind das Ergebnis historischer Entwicklungsprozesse, eines allmählichen Wachsens, Werdens und Wandels. Region in diesem Kontext steht also für die (Wieder-)Erlangung von Steuerungsfähigkeit gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse.
Ein dritter und letzter Aspekt schließlich, der die Konjunktur des Regionsbegriffes erklären helfen kann, liegt in der Möglichkeit, mittels dieses räumlichen (Sprach-)Codes Vielschichtigkeiten, Komplexität und Ambiguität als Kennzeichen der sozialen Realität zu entschärfen, wenn nicht sogar tendenziell aufzulösen. Diese Möglichkeit ist natürlich auch im Zusammenhang mit anderen räumlichen Codes möglich. So wäre der Erfolg der nationalstaatlichen Idee in Europa beispielsweise sicherlich nicht so durchschlagend gewesen, wenn man mit diesem Konstrukt nicht über die Reduktion von Komplexität im wahrsten Sinne des Wortes Raum für neue kollektive Identitäten geschaffen hätte (wie sonst könnte man in einem Land wie beispielsweise der Schweiz den Erfolg der Nationalstaatsidee plausibel erklären?). Diese Überlegung schränkt die prinzipielle Möglichkeit der Komplexitätsreduktion auf anderen Maßstabsebenen aber keinesfalls ein, im Gegenteil. So stehen sich regionale und nationale Identitäten zwar häufig unversöhnlich gegenüber - siehe regionalistische Bewegungen an der Peripherie Europas D, doch verstanden als Ergebnis einer Strategie zur Reduzierung gesellschaftlicher Komplexität sind sie die beiden Seiten derselben Medaille - siehe das Schweizer Beispiel.
Diese Strategie zur Reduzierung von Komplexität und Ambivalenz ist jedoch nicht nur ein wichtiges politisches Instrument, sie besitzt darüber hinaus auch für denjenigen, der sich mit den hier angesprochenen Fragen eher kontemplativ beschäftigt, einen ungemeinen Reiz und hohen Wert. Denn durch sie wird der Zugriff auf die Vielschichtig- und Widersprüchlichkeiten, auf Dia- und Synchronie gesellschaftlicher Entwicklungen ungeheuer vereinfacht. Wie in einer Momentaufnahme lassen sich scheinbar unzusammenhängende Splitter der Realität in ein Mosaik einfügen und anschaulich herausstellen. Die Region ist damit ein mächtiges Instrument zur (wissenschaftlichen) Analyse der kaum je wirklich in den Griff zu bekommenden Facetten des Sozialgeschehens. Darin mag ein Grund zu sehen sein, warum die Region traditionellerweise zum harten Gegenstandsbereich der Geographie gehört und warum sie auch in anderen Wissenschaften, wie beispielsweise der Geschichte, an Popularität gewinnt bzw. gewonnen hat.
An dieser Stelle scheint der Hinweis angebracht, daß diese Strategie zur Reduktion von Komplexität und damit zur Handhabbarmachung gesellschaftlicher Wirklichkeit für sich nicht beanspruchen kann, in einem positivistischen Sinne "wahr" zu sein. Vielmehr handelt es sich um hermeneutisch erschlossene "Wahrheiten", die spezifische, gleichwohl - so die Forderung - intersubjektiv nachvollziehbare Sichtweisen auf das soziale Geschehen darstellen. Mit diesen Überlegungen sind wir bei der zweiten oben erhobenen Frage angelangt, nämlich danach, wie zutreffend die ausgemachte Bedeutungssteigerung der regionalen Ebene tatsächlich ist.

Die Region - ein gesellschaftliches Konstrukt

Es kann, das hat der letzte Gedanke deutlich gezeigt, an dieser Stelle nicht darum gehen, aufzudecken, ob es sich bei der in den verschiedenen Sphären der öffentlichen Diskussion dargestellten Bedeutungssteigerung der regionalen Ebene um eine Behauptung oder um eine tatsächliche Entwicklung handelt, die empirisch validiert werden kann. Vermutlich ließe sich eine solche Unterscheidung bewerkstelligen, doch ist diese Frage in unserem Zusammenhang eher von akademischem Interesse. Vielmehr möchte ich die Aufmerksamkeit auf eine andere Fährte lenken, und diese Fährte hat nicht nur mit dem hier erörterten Thema "Region" zu tun, sondern gleichzeitig auch damit, wie hier die "Region" behandelt wird.
Die bisherigen Ausführungen hatten zum Gegenstand, wie sich die gegenwärtige Konjunktur des Regionsbegriffes in der öffentlichen Debatte darstellen und wie sie sich möglicherweise erklären läßt. Allen Überlegungen ist eines gemeinsam: nämlich die Tatsache, daß die "Region", die in so vielen und in so unterschiedlichen Kontexten als Erklärungshilfe bemüht wird, nichts anderes als ein begriffliches Konstrukt ist. Selbst der Wissenschaftler, der diesen Begriff nutzt, kann nicht hoffen, im weiten Feld der Empirie eine quasi "naturwüchsige" Region zu finden, die abseits jeglichen menschlichen Tuns gewissermaßen eine eigenständige Existenz fristet und nun des Menschen harrt, der sie entdecken und anderen davon Kunde bringen möge. Dieses naive Regionsverständnis war übrigens lange Zeit verbindlicher und zentraler Gegenstand im Gedankengebäude der Geographie (auch und gerade als Hochschuldisziplin). Ein solcher positivistischer Regionsbegriff ist natürlich ebenso ein gesellschaftliches Konstrukt wie alle anderen auch - fatalerweise hat man wissenschaftliche Kommunikation als etwas grundsätzlich Anderes betrachtet als andere Kommunikationsformen, gewissermaßen als objektivierten Maßstab, an dem empirische Tatsachen gemessen werden können.
Dabei können Wissenschaftler ebensowenig wie andere Menschen darauf hoffen, in ihrer Sicht der sozialen Wirklichkeit liege eine allgemein verbindliche Sicht, die "Wahrheit" sozusagen. Vielmehr drücken sich in allen Sichtweisen über die Region ganz bestimmte Interessenslagen, ganz bestimmte Ziele aus. Aus diesem Grund ist die Frage nach der "Wahrheit" (und sei es im Sinne von Plausibilität oder empirischer Nachprüf- und Nachvollziehbarkeit) in unserem Zusammenhang weniger wichtig.
Vielmehr ist für uns folgendes interessant: wer betreibt mit welchen Intentionen und Zielen in welchen Zusammenhängen Regionalisierungen? Wie erfolgreich sind einzelne Deutungsangebote? Wie ist es überhaupt möglich, daß sich im Prozeß gesellschaftlicher Kommunikation und historischer Tradition (bestimmte) Regionalisierungen durchsetzen?
Im folgenden sollen - wieder schlaglichthaft - einige Beispiele aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen den Konstruktcharakter der Region verdeutlichen und damit ein wenig zur Beantwortung der gerade aufgeworfenen Fragen beitragen.

- Planungspolitik
Ein interessantes und gleichzeitig brisantes Beispiel aus dem Bereich der Planungsspolitik stammt aus Ostdeutschland. In einem ausgiebigen Zeitungsinterview hatte der sächsische Ministerpräsident Biedenkopf vor wenigen Jahren hervorgehoben, die sächsische Bevölkerung müsse sich darauf einstellen, das Wohlstandsgefälle zu den alten Bundesländern auch auf mittlere Sicht nicht überwinden zu können. Statt dessen empfahl der Ministerpräsident seinen Landsleuten, sich verstärkt anderer Werte - als materieller - zu erinnern, so der "regionalen Identität" der Sachsen. Regionale Identität wurde als Ersatz für die defizitäre Teilhabe am materiellen Reichtum einer Wohlstandsgesellschaft propagiert. Damit waren grundsätzliche Fragen aufgeworfen, die das in der Verfassung niedergelegte Gleichheitsgebot ebenso tangieren wie die planungspolitische Grundorientierung, in den Teilräumen der Bundesrepublik "gleichwertige" Lebensverhältnisse zu schaffen.

- Regionalismus
Das Bemühen gesellschaftlicher Gruppierungen um besondere Rechte im Bereich von Kultur, Rechtsprechung, Wirtschaft etc. artikuliert sich häufig in Form historisch-territorialer Argumentationsmuster. Dies läßt sich in Schottland ebenso beobachten wie in Spanien oder auf Korsika. Und besonders deutlich führten die Ereignisse auf dem Balkan vor Augen, welche Energien ein regionalistischer Diskurs freisetzen, wieviel Grausamkeit in seinem Namen begangen werden kann.
Die verfolgten Absichten des regionalistischen Diskurses sind natürlich nicht immer identisch (und natürlich werden in seinem Namen nicht immer Grausamkeiten begangen), aber sie zielen doch in eine Richtung: auf die Artikulation von Eigenständigkeit, (partieller) Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit durch bestimmte gesellschaftliche Grup- pen auf der Grundlage einer in Anspruch genommenen historisch-territorialen Zusammengehörigkeit. Dreh- und Angelpunkt der/des von den opinion-leadern postulierten Zusammengehörigkeit(-sgefühls) ist die Kultur (auch die der erlebten oder vermeintlichen Unterdrückung), vor allem Sprache und Religion. Der Konstruktcharakter des Regionsbegriffes im vorliegenden Zusammenhang ist gleich in mehrfacher Hinsicht bedeutsam, weil der regionalistische Diskurs nämlich nicht nur nach außen von Vereinfachungen (Komplexitätsreduktionen) lebt, indem er beispielsweise ethnisch argumentiert, sondern ebensosehr nach innen, indem die in die Definition Eingeschlossenen in ihren unterschiedlichen Interessenslagen homogenisiert werden. Ein deutliches Beispiel dafür, an welche Grenzen solche Bemühungen um Komplexitätsreduktion nach innen stoßen können, sind die Ergebnisse britischer Parlamentswahlen in Schottland. Hier konnte zwar die nationalistische schottische Partei in der Vergangenheit immer wieder einzelne Parlamentssitze erringen, der nationalen Labour-Party wurde sie hingegen nie wirklich gefährlich. Offenbar stößt der nach innen gerichtete Prozeß der Vereinfachung/Homogenisierung dort an seine Grenzen, wo mächtigere Identifikationsangebote locken. Dieses Beispiel zeigt auch, wie stark die Idee des Nationalstaates in Europa in der Bevölkerung offenbar immer noch verankert ist.

- Wirtschaft
Die Region als wirtschaftlicher Gestaltungsraum wurde in den einführenden Überlegungen bereits angesprochen. An dieser Stelle soll das Beispiel einer bewußten Regionsstrategie eines Wirtschaftsunternehmens vorgestellt werden.
In einer Analyse der Bedeutung der Region in der Berichterstattung der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung - einer regionalen Tageszeitung im Ruhrgebiet mit Sitz der Chefredaktion in Essen D, bei der der Autor mitgewirkt hatte, wurde u.a. ermittelt, daß die fragliche Tageszeitung in ihren redaktionellen Beiträgen ganz explizit versucht, eine ganz bestimmte Region in den Köpfen ihrer Leserschaft zu verankern. Berichte mit "regionalem", also über-lokalem Interesse wurden als Berichte aus dem "Ruhrgebiet", dem "Revier" etc. deklariert. Dieser Versuch, als Stifter einer regionalen Identität aufzutreten, ist doppelt interessant: zum einen deshalb, weil es kein "Ruhrgebiet" als administrative Einheit gibt und auch die Raumeinheiten, die man eventuell heranziehen könnte, sich nicht mit dem Verbreitungsgebiet der WAZ decken - z.B. der Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR), der in den 70er Jahren aus dem Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk hervorgegangen war und dessen wesentliche Aufgabe im Schutz des Freiraumes und in der Image-Vermarktung des "Ruhrgebietes" liegt. Zum anderen ist er deswegen interessant, weil sich die Westdeutsche Allgemeine Zeitung über die Produktion und Verfestigung regionaler (kognitiv-affektiver) Orientierungen einen Hebel zur Bindung der Leserschaft an dieses Medium geschaffen hat. Bei diesem Beispiel ist es sicherlich nicht unbedeutend zu sehen, ob bzw. wie weit die Akteure aus dem Verlag mit dieser Strategie Erfolg hatten. Unabhängig vom Erfolg jedoch ist allein schon die Tatsache bemerkenswert, daß in ökonomisches Kalkül offenbar ganz bewußt Formen der Regionalisierung einbezogen werden.

- Wissenschaft
Auch Wissenschaftler, die in der einen oder anderen Weise "regionalisieren", tun dies aus unterschiedlichen Gründen, niemals jedoch können sie vorgeben, sie könnten "Regionen" entdecken, die ein eigenständiges Leben außerhalb menschlicher Vorstellungen fristen. Dieser Glaube hat sich als bedeutungsvoller Irrglaube erwiesen.
Wenn Wissenschaftler regionalisieren, dann tun sie dies aus mehreren, durchaus miteinander verbundenen Gründen: sie reduzieren damit gesellschaftliche Komplexität, schwächen Widersprüche und Ungereimtheiten ab, bringen Ordnung in eine Welt voller Unordnung. Bei diesem Geschäft des Regionalisierens befinden sie sich in bester Gesellschaft mit anderen gesellschaftlichen Akteuren, und im Prinzip ist ihr Tun nichts anderes als das der anderen: mittels eines bestimmten Verfahrens ("Regionalisieren" = Erschaffung sozialer Konstrukte) werden bestimmte Ziele verfolgt (hier: die Analyse gesellschaftlicher Tatbestände und ihrer Veränderungstendenzen).
Insofern muß Wissenschaftlern mit genauso großer (gesunder) Skepsis begegnet werden wie anderen Akteuren. Diese Einsicht ist natürlich nichts Neues, sie sollte aber gelegentlich wiederholt werden.

Fazit

Ein wichtiges Anliegen dieses Beitrags war es, zum einen die vielfältigen Diskussionszusammenhänge anzureißen, in denen gegenwärtig eine Bedeutungssteigerung der regionalen Ebene für gesellschaftliche Entwicklungen erörtert wird, und zum anderen aufzuzeigen, daß hinter dieser Diskurskonjunktur vor allem eins auszumachen ist: die Absicht gesellschaftlicher Akteure, mittels des Konstruktes "Region" ganz bestimmte Ziele zu verfolgen.
Hinter dieser Erkenntnis steht nicht der erhobene Zeigefinger, der pauschal jegliche Regionalisierung anprangert oder aber "richtige" bzw. gesellschaftlich wünschenswerte (und dann: aus wessen Sicht wünschenswert?) Regionalisierungen positiv herausstellt und andere brandmarkt. Das wäre genauso kleinkariert wie unmöglich. Wohl aber ist es ein zentrales Anliegen gewesen, den Leser zu einer kritischen Sicht zu ermuntern, wenn ihm - wo auch immer - mitgeteilt wird, welche herausragende Bedeutung die regionale Ebene gegenwärtig hat.

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Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/97. 27. Jg.
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