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Industrielle Revolution: Zu diesem Heft

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/97. 27. Jg.

Das vorliegende Heft über die Industrielle Revolution verfolgt mehrere Anliegen: es will vor allem eine Zusammenschau verschiedener Forschungsansätze und Interpretationsstränge versuchen.
Heute stehen einander zwei konträre Auffassungen, Paradigmen, in der Historiographie zur Industrialisierung gegenüber.
Die eine Seite betont den "revolutionären" Charakter des Industrialisierungsprozesses und betrachtet demnach das späte 18. und das frühe 19. Jahrhundert als einzigartigen Wendepunkt der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Die Vorstellung eines radikalen Wandels in Industrie und Gesellschaft wurde erstmals in den 1920er und 1930er Jahren hinterfragt, dennoch überlebte die Idee einer Industriellen Revolution bis in die 1960er und 1970er Jahre. Das Stufen- oder Stadienmodell von Walt W. Rostow etwa (W.W. Rostow, The stages of economic growth. A non-communist manifesto. Cambridge 1960) basierte auf der Annahme, daß der Übergang zu einem modernen, sich selbst tragenden und anhaltenden Wirtschaftswachstum durch einen deutlichen Bruch in der Wirtschaftsentwicklung eines Landes gekennzeichnet wäre. Dieses Stadium bezeichnete Rostow als "take-off-Phase", charakterisiert in erster Linie durch eine Dauer von nur zwei, drei Jahrzehnten, einen plötzlichen und deutlichen Anstieg der Investitionsquote und das Entstehen eines Leitsektors der industriellen Entwicklung, wobei geeignete gesellschaftliche Rahmenbedingungen als Voraussetzung dafür angenommen wurden. Auch Alexander Gerschenkrons Industrialisierungstheorie (A. Gerschenkron, Economic backwardness in historical perspective. Cambridge, Mass. 1962) lag die Annahme einer kurzen Beschleunigungsphase, eines "great spurt", zugrunde. Unterschiedliche Entwicklungsniveaus hätten unterschiedliche institutionelle Reaktionen bedingt, sei es auf der Ebene der Bankensysteme oder einer stärkeren staatlichen Unterstützung der Industrialisierungsbemühungen.
Die Versuche, diese Grundannahmen für einzelne europäische Länder empirisch zu verifizieren, erschütterten insbesondere die Auffassung eines diskontinuierlichen Charakters der Industrialisierung. Vor allem im letzten Jahrzehnt verbreitete sich eine andere Sichtweise, die graduelle Perspektive. Industrialisierung ist demnach als langfristiger und vielschichtiger Prozeß zu verstehen. Die Wachstumsraten für die eigentliche Periode der Industriellen Revolution wurden mittels neuer Berechnungen abgeschwächt, jene für das 18. Jahrhundert im allgemeinen erhöht. Es scheint auch kein wirklich verbindliches Modell der Industrialisierung zu geben, an dem sich Länder mit einer später erfolgten Industrialisierung, auch der heutigen Dritten Welt, orientieren könnten.
Ein weiteres Anliegen der Autoren ist es, Industrialisierung bzw. die Industrielle Revolution als ein vielschichtiges, komplexes Phänomen von unterschiedlichen, miteinander in Wechselwirkung stehenden Prozessen und Entwicklungen, einer sozio-ökonomischen "Transformation" im Sinne Karl Polanyis zu vermitteln (Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Erstauflage 1944, 2. Auflage Frankfurt am Main 1990). Die Heranziehung volkswirtschaftlicher Aggregate wie des Bruttonational- bzw. -sozialprodukts verstellt den Blick auf regionale Ungleichgewichte einzelner Volkswirtschaften. Wirtschaftlich hochentwickelten Regionen eines Landes standen unterentwickelte rückständige Gebiete gegenüber, eine regionale Perspektive rückte demnach stärker in den Vordergrund. Selbst von fortschrittlichen modernen Industriesektoren einerseits und traditionell strukturierten Branchen andererseits zu sprechen, birgt die Gefahr der Simplifizierung.
Auch um dem altbekannten, von Generationen auswendig gelernten Stereotyp vom "Beginn der Industriellen Revolution durch die Erfindung der Dampfmaschine", das sich auch heute noch häufig in Prüfungsarbeiten von Schüler/inne/n und Student/inn/en findet, in Zukunft seltener zu begegnen, wurde dieses Heft konzipiert.

Leseprobe:
Die Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert: Ein Modellfall verzögerter Industrialisierung?
Peter Eigner


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/97. 27. Jg.
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