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Peter Eigner

Die Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert: Ein Modellfall verzögerter Industrialisierung?

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/97. 27. Jg.

Das Zurückbleiben Österreichs im internationalen Vergleich: Wirtschaftliches Versagen oder wirtschaftliche Rückständigkeit?

Die zentrale These zur Wirtschaftsentwicklung der Habsburgermonarchie beruhte lange Zeit auf der Annahme eines wirtschaftlichen Versagens, was zugleich auch als Erklärung für den Zerfall des Habsburgerreiches herangezogen wurde. Den Kernpunkt dieses Arguments bildete der nicht bewältigte Nationalitätenkonflikt, bedingt durch die Vielvölker-Konstruktion der Habsburgermonarchie, der als wachstumshemmender Faktor herangezogen wurde. Weder war es gelungen, ein anhaltendes Wirtschaftswachstum zu erzielen, noch die beträchtlichen regionalen Unterschiede des jeweiligen wirtschaftlichen Entwicklungsstandes auszugleichen. Nach dem Dafürhalten einiger anderer Historiker kann die These eines wirtschaftlichen Versagens der Habsburgermonarchie hingegen nicht aufrechterhalten werden.
Mit dem Erscheinen von Alexander Gerschenkrons Studie über die wirtschaftliche Rückständigkeit (Economic backwardness in historical perspective), für die er auch das Beispiel Österreich-Ungarns heranzog, schien ein neues Paradigma entstanden. Das Ausmaß des Rückstandes zu Beginn des jeweiligen Industrialisierungsvorganges eines Landes sah Gerschenkron als entscheidendes Kriterium für unterschiedliche institutionelle Reaktionen und für die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten an. Österreich wird von Gerschenkron als ein Land mittlerer wirtschaftlicher Rückständigkeit klassifiziert. Wie in Deutschland oder Italien, so bedurfte es auch in Österreich der massiven Unterstützung des Industrialisierungsprozesses durch die Banken, sogenannte Universalbanken, zu deren statutenmäßigen Aufgaben auch die Förderung der Industrie zählte. Weitgehende Einigkeit besteht in der Einschätzung, daß sich die Habsburgermonarchie am Vorabend des Ersten Weltkrieges in einem Zustand relativer Rückständigkeit gegenüber anderen Volkswirtschaften Westeuropas befand. Die These eines Zurückbleibens Österreich-Ungarns verstellt allerdings den Blick auf die räumlich sehr differenzierte Wirtschaftsentwicklung: den höher entwickelten, im Westen gelegenen Gebieten des Reichs standen vor allem im Südosten Regionen gegenüber, die zu den rückständigsten in Europa gehörten.
Aufgrund des großen Einflusses der Modelle von Gerschenkron oder Rostow (vgl. dazu die Ausführungen im Editorial und in den vorangegangenen Aufsätzen) basierten einige Arbeiten zur Wirtschaftsentwicklung der Habsburgermonarchie auf der Grundannahme, daß der Beginn wirtschaftlicher Entwicklung durch einen deutlichen Bruch oder Wachstumsschub charakterisiert wird. Wir wollen uns im folgenden im wesentlichen auf die Wirtschaftsentwicklung in der cisleithanischen (österreichischen) Reichshälfte der Habsburgermonarchie konzentrieren und hier insbesondere auf den späteren Kleinstaat, die Republik Österreich. Die empirischen Befunde lassen Österreich eher als ein Beispiel eines sich langsam oder besser graduell industrialisierenden Landes erscheinen. Die Verzögerung des Industrialisierungsprozesses wird auf eine Reihe von Faktoren zurückgeführt (naturräumliche Gegebenheiten, Kapitalmangel, usw.). Damit sind in etwa auch die Fragestellungen umrissen, die in den folgenden Ausführungen erörtert werden.
1. Wie sieht es mit der regionalen Differenzierung, dem Wirtschaftsgefälle der Kronländer in der Monarchie aus?
2. Welche Faktoren haben das Zurückbleiben der Monarchie im internationalen Vergleich bewirkt ?
3. Wie gestaltete sich das Wachstumsmuster der österreichischen Wirtschaft im 19. Jahrhundert?

Zur Frage der regionalen Differenzierung innerhalb der Habsburgermonarchie

Ein auffälliges Merkmal des Industrialisierungsprozesses der Habsburgermonarchie sind die regionalen wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichte, die bis zum Ersten Weltkrieg bestehen blieben. Das Wirtschaftsgefälle in den Kronländern der Monarchie zeigte sich in den unterschiedlichen Pro-Kopf-Einkommen (Daten für 1911/13, vgl. Tab. Seite 119). Das höchste Pro-Kopf-Einkommen verzeichnete Niederösterreich (mit Wien) mit 850 Kronen, gefolgt von Böhmen, Mähren, Salzburg, Oberösterreich und Schlesien. Am Ende lagen in absteigender Reihenfolge Krain, die Karpatenländer Galizien und Bukowina sowie als absolutes Schlußlicht Dalmatien mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 264 Kronen. Die Pro-Kopf-Einkommen nach Kronländern verstellen jedoch den Blick auf sehr unterschiedlich verlaufende regionale Entwicklungsmuster innerhalb der Länder oder einzelner Gebietsteile. So verbergen sich hinter dem für Niederösterreich ermittelten Wert die Pro-Kopf-Einkommen wirtschaftlicher Fortschrittsregionen wie der Stadt Wien oder des Wiener Beckens, aber auch jene des Wald- oder Weinviertels, eher ärmerer Gebietsteile.
Eine weitere Frage, die sich in diesem Zusammenhang anschließt, ist jene nach den Auswirkungen des Industrialisierungsprozesses auf die einzelnen Kronländer. Wird Wachstum von fortgeschrittenen Regionen auf rückständige Regionen durch wirtschaftliche Kontakte übertragen, oder vergrößert die Industrialisierung die regionalen Ungleichgewichte, wie dies etwa für Nord- bzw. Süditalien behauptet wird? Noch weiter gefaßt: Bildete die Rückständigkeit einzelner Gebiete nicht vielleicht sogar die Voraussetzung für die dynamische Entwicklung in den westlichen Landesteilen der Monarchie?
Die Charakterisierung Österreichs als ein von wirtschaftlicher Rückständigkeit geprägtes oder in der Wirtschaftsentwicklung zurückbleibendes Land im 19. Jahrhundert muß zunächst einmal im Kontext der gesamteuropäischen Industrialisierung verstanden werden, bei der sich deutlich ein von (Nord-)West nach (Süd-)Ost verlaufendes Entwicklungsgefälle abzeichnet. Die Ursachen dieser ökonomischen Unterschiede reichen bis in das 14. und 15. Jahrhundert zurück. Die Habsburgermonarchie mit ihrer weiten geographischen West-Ost-Ausdehnung bildete mit ihrer regional sehr unterschiedlich verlaufenden Entwicklung gewissermaßen ein Abbild des für Gesamteuropa zu beobachtenden West-Ost-Industrialisierungsgefälles.
Dieses Entwicklungsgefälle wird etwa durch einen Blick auf die Außenhandelsstruktur der gesonderten Zollgebiete der Monarchie gegen Ende des 18. Jahrhunderts erhärtet: Das Zollgebiet von 1775, das in erster Linie die wirtschaftlich fortgeschrittenen Gebiete der Monarchie umfaßte (Ober- und Niederösterreich, Steiermark, Kärnten, Krain, Böhmen, Mähren und Schlesien) exportierte Fertigwaren in die östlichen Regionen und importierte aus diesen Nahrungsmittel und Rohstoffe. Es zeigt sich eine Polarität und Arbeitsteilung zwischen dem Westen als Zentrum der gewerblichen Produktion und dem Osten als Agrarlieferanten. Die merkantilistische Wirtschaftspolitik zielte damit auf Autarkie, was zur Folge hatte, daß sich die Monarchie zunehmend vom Welthandel zu isolieren begann. Residenzstädte, Bergbauregionen, städtische und ländliche Gewerberegionen sowie Agrargebiete erhielten ihre Wirtschaftsfunktionen zunehmend zugeschrieben.
Die Ausbreitung von Verlag und Heimarbeit vorwiegend in der Textilindustrie belegt wiederum den Eintritt in eine protoindustrielle Phase im 18. Jahrhundert. Unter Protoindustrie wird hier eine erste Phase des Industrialisierungsprozesses verstanden, eine Industrialisierung ländlicher Gebiete, die aber großteils noch auf einer erhöhten Anspannung und letztmöglichen Auslastung der traditionellen Produktivkräfte und Institutionen beruht. Charakteristisch für sie ist die Trennung von Absatz und Produktion, die Einbindung kleiner Handwerker und Bauern in die Geldwirtschaft, die Abstützung der Produzenten durch landwirtschaftlichen Nebenerwerb und eine auf der Haus- und Familienwirtschaft beruhende Betriebsform, die auch Frauen und Kinder in den Produktionsprozeß integrierte. Als ein weiteres Indiz eines "Frühstarts" gilt die Ausbreitung des Manufaktursystems, beruhend auf der Kombination von verlegter Arbeit in dezentralisierten Standorten mit einer oder mehreren zentralisierten Produktionsstätten.
Diese frühen Ansätze industrieller Entwicklung in den protoindustriellen Gewerberegionen dürfen jedoch nicht über die strukturellen Probleme im Habsburgerreich hinwegtäuschen. Fast die Hälfte aller Manufakturen lag um 1790 in Wien und Niederösterreich, ein weiteres großes Zentrum der Textilerzeugung war Brünn. Die protoindustriellen Regionen konzentrierten sich auf Böhmen, Mähren und die Erzherzogtümer unter und ober der Enns.
Die Textilindustrie (Woll-, Baumwoll-, Seiden- und Leinwandproduktion) kann als erster Leitsektor der industriellen Entwicklung bezeichnet werden. Während die Vorbereitung der Rohstoffe (Woll- und Baumwollstoffe) meist zentralisiert war, waren die Produktionsschritte des Spinnens verlegt. Die Dimensionen seien an einem Beispiel verdeutlicht: Für die Linzer Wollzeugmanufaktur arbeiteten 1786 rund 30.000 Spinner, davon etwa 10.000 in Oberösterreich, an die 17.000 in Böhmen. Die Metallverarbeitung kann als zweites Standbein der österreichischen Industrie genannt werden, wobei die Waffenproduktion (zunehmende Konzentration im Raum Steyr), die Sensenerzeugung (in Oberösterreich, der Steiermark und Niederösterreich) bzw. die Kleineisenindustrie, die den niederösterreichischen "Eisenwurzen" mit dem Zentrum Waidhofen an der Ybbs ihr Gepräge verlieh, herausragten. Die Periode von 1750 bis 1790 kann damit zwar als eine Phase erheblicher wirtschaftlicher Entwicklung mit einer zunehmenden regionalen Verflechtung charakterisiert werden, änderte aber nichts an der Ungleichheit der Regionen.
Wie gefestigt dieses regionale Muster war, verdeutlicht ein Blick auf die Verteilung der Industrieproduktion in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Regional gesehen vereinten Wien und Niederösterreich im Jahr 1841 fast 57% der Industrieproduktion des heutigen Österreichs auf sich, 22 % des nichtungarischen Teils der Monarchie und 14 % der Gesamtproduktion der Monarchie. Auf das spätere Österreich entfielen 35,2% der cisleithanischen Industrieproduktion. Die Erzeugung von Textilien (32%) und von Eisen und Stahl (14,6%) prägte die Branchenstruktur der österreichischen Industrie, während in den Sudetenländern gar 60,7% der Gesamtproduktion auf die Textilindustrie entfielen. Doch selbst in den wirtschaftlich fortgeschrittensten Ländern der Monarchie verlief die Entwicklung nicht homogen. Dem industriell reichen südlichen Niederösterreich standen die ärmeren nördlichen Regionen Wald- und Weinviertel gegenüber. Mit zunehmender Industrialisierung verstärkten sich scheinbar die regionalen Disparitäten.
Auch die Übernahme moderner englischer Verfahren und Technologien vergrößerte infolge der gebietsweise unterschiedlichen Voraussetzungen die regionalen Ungleichgewichte. Ihre Anwendung war schwer auf Österreich übertragbar, da es in Österreich fast nur Braunkohle gab, die einen geringeren Heizwert als Steinkohle aufweist. Obwohl sich auf die österreichischen Alpenländer im Vormärz weiterhin noch etwa zwei Drittel der Roheisenerzeugung konzentrierten, zeichnete sich bereits eine Standortverlagerung der Schwerindustrie ab: Durch die reichen Steinkohlevorkommen in Böhmen erlangten Böhmen, Mähren und Schlesien eine bessere Ausgangsposition für die Verbreitung der auf Koks basierenden Innovationen und eine zunehmende Vorrangstellung.
Die Schwerindustrie verlagerte sich zunehmend aus den Alpenländern in den Norden. Die Erfindung und Anwendung des Thomas-Gilchrist-Verfahrens in der Eisenerzeugung (1879 erwarb die Prager Eisenindustrie-Gesellschaft die ausschließlichen Rechte zur Anwendung dieser Innovation und beschleunigte damit ihr Wachstum enorm) erlaubte die Verwendung des stark phosphorhaltigen böhmischen Eisenerzes und verringerte damit die anfängliche Abhängigkeit der böhmischen Industrie von der Einfuhr steirischen Erzes. Der Steinkohlebergbau hatte sich in Böhmen auf Kladno und Pilsen, in Schlesien auf die Bezirke Ostrau und Karwin verlagert. Dazu wies Böhmen den Vorteil auf, über verkokbare Braunkohle zu verfügen, deren Vorkommen sich auf das nordböhmische Revier um Teplitz, Brüx und Komotau konzentrierte. Auch in der cisleithanischen Nahrungsmittelindustrie erlangten Böhmen und Mähren nahezu Monopolstellung. Koppelungseffekte entstanden dabei zur Kohle- und zur Maschinenindustrie. Ebenso konzentrierte sich die entstehende chemische Industrie zu drei Viertel auf Böhmen, Mähren und Schlesien.
Der relative Abstieg der Alpenländer wirkte sich nachteilig auf die mit ihnen traditionell eng verbundenen südlichen Gebietsteile der Monarchie (Krain, Küstenland) aus. In der Textilindustrie verdrängte die Baumwollerzeugung jene von Wollwaren. Aus der regionalen Arbeitsteilung - der Konzentration der Baumwollspinnerei auf Wien, Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg, mit Abstrichen auf Böhmen bzw. der Baumwollweberei fast zur Gänze auf Böhmen - resultierte nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie eines der größten Strukturprobleme der österreichischen Wirtschaft. In der Produktionsstruktur insgesamt überwog eindeutig die Verbrauchsgüterindustrie, v. a. die Textil- und Bekleidungsindustrie, auf die 1841 41%, 1911 immer noch 24% der industriellen Wertschöpfung entfielen; nach der Betriebszählung von 1906 arbeiteten 32% aller industriell Beschäftigten in der Textil- und Bekleidungsindustrie. Grundstoff- und Investitionsgüterindustrie waren von geringerer Bedeutung. Klein- und Mittelbetriebe blieben weiterhin dominant, wobei Kleinbetriebe in funktioneller Arbeitsteilung mit der Großindustrie als deren Zulieferer arbeiteten, als Nahversorgungsbetriebe im Nahrungsmittel- und Dienstleistungssektor oder im Reparaturgewerbe. Die Verlagsarbeit hatte sich zunehmend in die Städte verlagert, was den Niedergang früherer Zentren des Verlags wie Waldviertel, Böhmerwald oder oberes Mühlviertel nach sich zog. Mit der Umstellung auf neue Technologien kamen auch andere traditionsreiche Gewerbelandschaften wie das Kärntner Eisenverarbeitungsgebiet nicht zurecht. Andere Regionen durchliefen eine Phase der langsamen und schmerzlichen Anpassung, die durch den Mangel an Steinkohle in Österreich erschwert wurde.
Auch die Arbeitsteilung zwischen der österreichischen (Cisleithanien, offizielle Bezeichnung "Die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder") und der ungarischen Reichshälfte (Transleithanien) beruhte weiterhin auf einem strukturellen Ungleichgewicht. Selbst die Konstruktion der Doppelmonarchie durch den "Ausgleich" von 1867 vermochte die Spannungen zwischen Österreich und Ungarn nicht entscheidend zu lindern. Hier ist darauf hinzuweisen, daß es in der transleithanischen Reichshälfte ein ähnliches Entwicklungsgefälle gab wie in der cisleithanischen. Das agrarische Ungarn und die östlichen Gebiete der Monarchie blieben die Rohstofflieferanten bzw. Nahrungsmittelproduzenten (Bodenfrüchte, Zucker und Mahlprodukte) und bildeten den Absatzmarkt für die Fertigprodukte der österreichischen Reichshälfte. Solange die "Ehe zwischen Getreide und Textilien", wie man das Verhältnis zwischen Ungarn und Österreich zutreffend charakterisierte, funktionierte, sahen die Wiener Kapitalisten wenig Anlaß, den Osten des Reiches industriell zu erschließen. Mit dieser Konstruktion war die Monarchie von westeuropäischen Ländern weitgehend unabhängig, die relativ geringe Außenhandelsverflechtung wurde durch den Zwischenverkehr der beiden Reichshälften kompensiert. Damit isolierte sich das Habsburgerreich zunehmend vom Welthandel und schirmte seine Industrieprodukte von aus Westeuropa kommenden Wachstumsimpulsen ab.
Werfen wir zuletzt einen Blick auf die cisleithanische Industriestruktur am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Der regionale Schwerpunkt der Industrie lag weiterhin in den Sudetenländern, auf die vor dem Ersten Weltkrieg 85% der Kohlenproduktion, 70% der chemischen Erzeugung, 94% der Zuckerindustrie und 75% der Textilproduktion entfielen. Allmählich hatte der Prozeß des modernen Wirtschaftswachstums aber auch auf die entfernt gelegenen Teile, die Peripherie der österreichischen Reichshälfte (Cisleithanien) übergegriffen. Die wirtschaftliche Integration der einzelnen Kronländer war voll im Gange. Zunehmender interregionaler Tausch bewirkte einen signifikanten Trend zur interregionalen Angleichung von Güterpreisen, Zins- und Lohnsätzen. Auch eine deutliche Konvergenz der regionalen Pro-Kopf-Einkommen konnte nachgewiesen werden. Um die Jahrhundertwende zeichnete sich damit auch in den strukturell unterentwickelten Karpatenländern Galizien und Bukowina ein Wirtschaftsaufschwung ab, seine Nachhaltigkeit ist allerdings umstritten. Neben der Kohle-, Spirituosen- und der Textilindustrie ist hier vor allem auf die große Bedeutung der galizischen Erdölindustrie hinzuweisen, die einerseits auf österreichisches Kapital, andererseits aber auch wesentlich auf die Zufuhr von Auslandskapital angewiesen war und blieb. Der Anteil der östlichen Kronländer Galizien und Bukowina an der industriellen Wertschöpfung der österreichischen Reichshälfte hatte sich zwischen 1880 und 1910 von 4,6 auf 8,7% beinahe verdoppelt, ein ähnlich starkes Wachstum verzeichneten die südlichen Länder Krain und die Küstenregionen.

Faktoren des Zurückbleibens

Für die von nahezu allen Historikern getroffene Annahme eines Zurückbleibens der Habsburgermonarchie in wirtschaftlicher Hinsicht wurden mehrere die Wirtschaftsentwicklung verzögernde Faktoren geltend gemacht, unter denen wir uns in erster Linie auf die Auswirkungen der wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die ungünstigen naturräumlichen Gegebenheiten bzw. den verspäteten Einsatz moderner Technologien und auf den oft behaupteten Kapital- und Unternehmermangel konzentrieren wollen.
Die theresianischen und josephinischen Reformen müssen trotz der Verbesserung einiger Rahmenbedingungen (Zollordnung von 1775, Leibeigenschaftspatent von 1781, usw.) letztlich als unvollendete Reformen bezeichnet werden. So gelang es beispielsweise nicht, die Voraussetzungen für einen integrierten aufnahmefähigen Binnenmarkt für Massenkonsumgüter zu schaffen. Weitere retardierende Faktoren wurden im politischen Bereich im Vormärz ausgemacht. Die Angst vor den sozialen Folgen einer Industrialisierung, verstärkt durch die Ereignisse der Französischen Revolution von 1789, veranlaßte Franz I. und das Regime Metternichs zu einer Politik der konservativen Reaktion. Staatliche Ermutigung zur technischen Innovation und zur Kapitalanlage fehlte, für Wien ausgesprochene Industrieansiedlungsverbote charakterisieren das für technischen Fortschritt denkbar ungünstige Klima. Als nachteilig dürfte sich weiters der Verlust des hochindustrialisierten Belgien im Jahr 1805 aus dem Staatsverband ausgewirkt haben.
Ein weiterer Erklärungsstrang zielte auf die relativ spät erfolgende Durchsetzung der großen liberalen Reformen, der Grundentlastung von 1848, die erst die massenhafte Freisetzung von ländlichen Arbeitskräften ermöglichte, und der Einführung der Gewerbefreiheit durch die Gewerbeordnung von 1859. Die Ergebnisse der Revolution von 1848/49 müssen retrospektiv als eher unvollkommene Überwindung der feudalen Vergangenheit bewertet werden. Nach einer kurzen Phase des wirtschaftlichen Liberalismus gerieten die Industrialisierungsbemühungen unter den Einfluß des politischen Konservativismus der 1880er Jahre. Die Koalition zwischen Großgrundbesitzern und Industriellen beschritt den Weg einer Politik staatlichen Protektionismus. Die mit kurzen Unterbrechungen betriebene Schutzzoll- und Kartellpolitik verhinderte das Entstehen eines Wettbewerbsdrucks durch ausländische Konkurrenz. Zusätzlich erschwerte die fehlende Integration in den deutschen Zollverein die Einbindung Österreichs in den internationalen Handel. Österreich hatte sich zunehmend nach Osten zu orientieren begonnen. Der schwach entwickelte Außenhandel nach dem Westen war damit Ausdruck der Isolierung der Monarchie vom Weltmarkt, wodurch kaum Wettbewerbsdruck auf die Unternehmer in Richtung einer Weiterentwicklung technischer Innovationen ausgeübt wurde. In einer späteren Phase der Zollsenkungen erwies sich dann ein Großteil der in der Monarchie erzeugten Produkte der Auslandskonkurrenzweit unterlegen.
Die politische Praxis hemmte den sozialen und wirtschaftlichen Wandel. Die Steuergesetzgebung wie auch die konservative Sozialpolitik waren gegen die Industriellen gerichtet, das (Wirtschafts-)Bürgertum blieb politisch relativ bedeutungslos. Die Einführung einer Maximalarbeitszeit von elf Stunden 1885 und einer Unfallversicherung (1887/89) galt nur für die Industriearbeiter, nicht für die im Kleingewerbe Beschäftigten. Erst die gesetzliche Krankenversicherung (1888/89) schloß beide Gruppen mit ein. Auch das Handwerk erfuhr eine Sonderbegünstigung, die zur Konservierung der kleinbetrieblichen Strukturen in der gewerblichen Produktion Österreichs beitrug. Kapitalismusfeindlichkeit kennzeichnete auch trotz ihrer ideologischen Unterschiede die beiden entstehenden Massenparteien, die Christlichsozialen als Vertreter kleinbürgerlicher Interessen und die Sozialdemokraten als Vertreter der Arbeiterschaft. Die Verkürzung der Arbeitszeit und die Durchsetzung von Beschäftigungsverboten für bestimmte schutzbedürftige Gruppen gehörten zu den Nahzielen der Arbeiterbewegung. Ein wachsender Organisationsgrad der Arbeiterschaft in Gewerkschaften und Genossenschaften, eine höhere Konfliktbereitschaft, die in ersten Streiks zum Ausdruck kam, begleitete die Durchsetzung industriekapitalistischer Strukturen. Das Zensuswahlrecht (Einteilung nach der Höhe der Steuerleistungen) ignorierte die neuen Strukturen. Nicht zuletzt sei hier nochmals auf das Nationalitätenproblem verwiesen.
Zieht man das Wachstum der Eisenindustrie als Indikator für den überwiegenden Teil der österreichischen Industrie heran, so zeichnete sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Vergrößerung des technologischen Rückstands vor allem gegenüber England ab. Das technologische "Nachhinken" Österreichs läßt sich durch die geringe Anwendung der Dampfkraft und den geringen Kohleverbrauch belegen. Ebenfalls spät im internationalen Vergleich erfolgte der Einsatz moderner Technologien in der Eisenindustrie. Diese Verzögerung steht in engem Zusammenhang mit zwei weiteren Faktoren, den ungünstigen naturräumlichen Gegebenheiten (große räumliche Distanz zwischen verkokbaren Kohle- und Eisenerzvorkommen, ungenügende verkehrsmäßige Erschließung, schwierige Geländeverhältnisse, ungünstig gelegene Wasserwege) bzw. dem Überangebot der natürlichen Ressource Holz bzw. Holzkohle, das die Anwendung der Steinkohle verzögerte. Die sehr spät erfolgende Ablösung der Holzkohle durch die Kohle kann wegen der reichen Holzvorräte durchaus als rationale Reaktion interpretiert werden. Holz und Wasser blieben lange Zeit die wichtigsten Energieträger.
Als unterentwickelt muß auch das Verkehrsnetz bezeichnet werden. So behinderte in Österreich die schon erwähnte große Entfernung zwischen Kohle- und Eisenerzvorkommen die Industrialisierung. Während die Steinkohlevorkommen in Böhmen konzentriert waren, lag die ergiebigste Erzquelle Österreichs am steirischen Erzberg. Mit dem Aufbau eines Eisenbahnnetzes, das bis 1850, verglichen mit anderen Ländern, eher unterentwickelt war, wurden diese Schwierigkeiten anfänglich wenig gemildert. Zwar führte die erste Eisenbahnlinie, die Kaiser Ferdinands-Nordbahn, zu den Kohlevorkommen, und die Südbahn, die in ihrer Linienführung die Erzvorkommen streifte, stellte die Verbindung zum wichtigsten Hafen der Monarchie, Triest, her. Jedoch bildeten hohe Frachtkosten weiterhin eine Schranke und überdies war das Streckennetz auch nach militärischen Erwägungen konzipiert. Als Finanziers der Eisenbahn traten private Bankhäuser wie jene von Rothschild, Sina, Geymüller oder Arnstein-Eskeles auf. Dazu fehlte dem Habsburgerreich eine Wasserstraße zu den wichtigen Adriahäfen. Böhmens Flüsse flossen zur Nordsee und verbanden dieses Industriegebiet mit der Wirtschaft Deutschlands. Vorarlbergs Wirtschaft war wiederum enger an das Schweizer und schwäbische Textilgebiet gebunden als an die Monarchie. Bereits oben angeführte Energiekostennachteile (das Vorhandensein von Holz und Wasserkraft verzögerte die Einführung der Kohle und Dampfmaschine) und die Grundstoff- und Agrarindustrieorientierung des verfügbaren Kapitals können als weitere Hauptfaktoren des retardierenden Industrialisierungsverlaufs angesehen werden.
Ein ebenfalls oft in der Literatur angeführter Grund für das Zurückbleiben Österreichs lag in der Unterentwicklung des österreichischen Kapitalmarktes und des (Groß-)Handelssektors. Die Schwäche auf kommerziellem Gebiet und das Fehlen eines entwickelten Binnenmarktes mit ausreichender Nachfrage nach Industrieprodukten verminderten die Dynamik des Modernisierungsprozesses. Ein generell konstatierter Kapitalmangel oder zumindest das Fehlen eines risiko- und innovationsfreudigen Unternehmertums gehören in diese Argumentationsrichtung.
Zwar zeigte sich der langsam einsetzende Strukturwandel am Ende des 18. Jahrhunderts auch im Aufkommen einer frühen Unternehmerschicht, die sich aus Großhändlern, Handwerkern, den sogenannten Hofjuden (die eine wichtige Rolle bei der Finanzierung der Staatsausgaben hatten), Privatbankiers und Adeligen zusammensetzte. Unter diesen befand sich weiters eine erhebliche Anzahl von Emigranten aus Westeuropa, die für eine Art Technologietransfer sorgen sollten. Gleichzeitig deutet der hohe Ausländeranteil an diesen frühen Unternehmern und Handelstreibenden insgesamt auf eine Unterentwicklung des heimischen Groß- und Außenhandels hin. Diese Bereiche sind aber als wichtige Voraussetzung für die Kapitalakkumulation und in weiterer Folge für unternehmerische Erfahrung zu bezeichnen.
Dazu waren auch die allgemeinen finanziellen Rahmenbedingungen durch die Verluste, die Österreich aus den Napoleonischen Kriegen erlitten hatte und die in eine riesige Staatsverschuldung und in den Staatsbankrott von 1811 mündeten, mehr als ungünstig. Aus einem neuerlichen Banknotenüberhang resultierte 1816 die Gründung der Österreichischen Nationalbank. Die Finanzlage erwies sich dennoch weiter als problematisch: Die Diskontbedingungen der Nationalbank waren streng, der Einfluß auf den Kreditmarkt blieb demzufolge gering, und die Industrieunternehmen blieben auf das Kapital von Privatbanken und aus dem Ausland angewiesen. Durch die starke Konzentration auf die Staatsfinanzierung und die geringe Risikobereitschaft der Nationalbank trug das Noteninstitut nur wenig zur Industrialisierung bei. Negativ wirkte sich auch die starre Zentralisation des Kapitalmarktes auf Wien aus, die in einigen Kronländern zu erheblichen Schwierigkeiten in der Kapitalbeschaffung führte.
Insbesondere der Kapitalbedarf der Industrie war stark angestiegen, was auch auf die allmähliche Verbreitung der Organisationsform Aktiengesellschaft zurückzuführen war. Um diese Lücke zu schließen, entschloß man sich zur Gründung von Aktienbanken nach dem Vorbild des französischen Crédit Mobilier. Nach der Gründung der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft (1853) erfolgte 1855 auf Initiative des Bankhauses Rothschild die Gründung der Österreichischen Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe, wird in ihren Statuten ausdrücklich die Pflege des Industrie(-gründungs)geschäfts als eigentliche Aufgabe vorsah und die zur wichtigsten Universalbank des Landes wurde. Universal deshalb, weil sie alle Arten des Bankgeschäftes auf sich vereinte.
Eine erste intensivere Phase der Zuwendung zum Industriegeschäft war in den Gründerjahren (1867-1873) zu beobachten, sie fand mit dem Börsenkrach von 1873 ein abruptes Ende. Vor allem waren die psychologischen Auswirkungen des Börsenkrachs gravierend: Die Banken- und Industriezusammenbrüche bewirkten ein eher zurückhaltendes Verhalten der kapitalkräftigen Schichten des Bürgertums (Mißtrauen gegenüber Aktienbanken und Aktien kam auf), aber auch der Banken selbst, die sich auf reguläre Bankgeschäfte beschränkten und riskantere Anlagemöglichkeiten scheuten. Das Kapital wurde eher in sichere Staatsanleihen und in das florierende Eisenbahngeschäft als in Industrieobligationen gesteckt. Der oft konstatierte Kapitalmangel war es somit nicht, der die wirtschaftliche Entwicklung schwächte.
Eine erneute Haltungsänderung der österreichischen Aktienbanken war um die Mitte der 1890er Jahre zu beobachten, sie leitete eine Periode der Wiederaufnahme bzw. Hinwendung zum Industriefinanzierungs- und -gründungsgeschäft ein. Die Neugewichtung geschäftspolitischer Schwerpunkte war weniger auf missionarischen Eifer oder Machtstreben der Banken zurückzuführen, als vielmehr auf sinkende Erträge aus anderen Geschäftssparten wie dem Anleihegeschäft, vielleicht auch auf die Überwindung der negativen psychologischen Folgen der Gründerzeit als Folge des Auftretens einer neuen Generation des Wirtschaftsbürgertums.
Gerschenkron versuchte, die Rolle der Universalbanken in ein allgemeines Industrialisierungsmodell einzubauen und wies ihnen im Prozeß der Wirtschaftsentwicklung der Länder mittlerer Rückständigkeit im 19. Jahrhundert, insbesondere in Mitteleuropa, eine Schlüsselstellung zu. In Abhängigkeit vom jeweiligen Grad an Rückständigkeit und vom Zeitpunkt des Einsetzens der Industrialisierung wuchs die Bedeutung der Banken in ihrer Funktion, sich in die Kapitalversorgung der Industrie einzuschalten. Dafür galten Gerschenkron Deutschland und Österreich als Musterbeispiele, in noch rückständigeren Ländern, beispielsweise Rußland, mußte diese Funktion der Staat übernehmen. Manche Beobachter sprachen von einer symbiotischen Beziehung zwischen Banken und Industrie in Österreich, die in die Herrschaft des "Finanzkapitals" mündete (vgl. dazu das gleichnamige Buch und theoretische Konzept von Rudolf Hilferding). Im Gegensatz zu Gerschenkron, der die Abhängigkeit der Industrie von den Banken als zeitlich eingegrenzten Prozeß beschrieb, sah Hilferding in der Dominanz der Banken ein notwendiges Resultat kapitalistischer Entwicklung. Nach Hilferding kommt den Banken in den Spätphasen kapitalistischer Entwicklung eine Schlüsselrolle bei der Ausgabe von Wertpapieren, der Zusammenlegung von kleinen Unternehmen und der Verwandlung in Kapitalgesellschaften zu. Es kommt zur Verschmelzung von Bank- und Industriekapital, die in einer Personalunion zwischen Banken und Industrie ihren sichtbaren Ausdruck findet. Das so entstandene Finanzkapital wird von Industrieunternehmen verwendet, aber von Banken gesteuert, und Großbanken beginnen zunehmend das Wirtschaftsleben insgesamt zu beherrschen.
Der dem Industrialisierungsprozeß förderliche Einfluß der österreichischen Universalbanken ist unbestritten und soll nicht geringgeschätzt werden. Der österreichische Kreditapparat spielte in der Vermittlung zwischen Sparen und Investieren eine zweifellos bedeutende Rolle. Die wichtige Stellung der österreichischen Banken in der Wirtschaft ist zunächst als eine Reaktion auf die Beschaffenheit des österreichischen Kapitalmarktes zu verstehen. In weiterer Folge übernahmen die Banken im wesentlichen jene Funktion, die ein effizienter Kapitalmarkt ausübt. Die Macht der Banken und die beschleunigende Auswirkung ihrer Geschäftstätigkeit auf das Tempo des Industrialisierungsprozesses dürfte von Gerschenkron jedoch überschätzt worden sein und wurde in letzter Zeit eher relativiert. Allerdings dürfte es der österreichischen Industrie weniger als in Deutschland, das bislang als Modellfall des Finanzkapitals und der Macht der Universalbanken galt, gelungen sein, sich dem Einfluß der Banken zu entziehen, vermutlich wegen der späteren Entstehungszeit einer eigentlichen Großindustrie.
Die österreichischen Banken wie die Credit-Anstalt, die Länderbank, der Wiener Bankverein oder die Anglo-Oesterreichische Bank förderten das neuerliche Aufkommen und die Verbreitung der Organisationsform der Aktiengesellschaft und die Konzentrationstendenzen in der Industrie, anfänglich insbesondere in der Schwerindustrie. Als Beispiele seien hier die Alpine Montangesellschaft (1881 Zusammenschluß mehrerer kleiner Produzenten), die Pilsener Skodawerke (entwickelten sich zum größten Rüstungskonzern der Monarchie) oder die Prager Eisenindustrie-Gesellschaft angeführt, wobei die beiden letzteren auch auf die Bedeutung österreichischen Privatkapitals (Emil Freiherr von Skoda, Karl Wittgenstein) verweisen. Besonders nach der Jahrhundertwende bauten sich die Banken über Neugründungen oder häufiger die Umwandlung bereits bestehender Unternehmen in Aktiengesellschaften Industriekonzerne auf. Die Unternehmen waren auf die ganze Monarchie verteilt, Schwerpunkte lagen auf dem Gebiet der späteren Tschechoslowakei und der späteren Republik Österreich. Die umfassende betriebliche Konzentration stand im Zeichen von Kapazitätserweiterungen und Modernisierung. Auch im Kreditapparat selbst kam es zu einer erheblichen Konzentration.
Eine besonders wichtige Rolle übten die Banken mit ihren Kartellierungsbestrebungen aus. Die Vielzahl der Kartelle (die Zahl der Kartellvereinbarungen war von vier im Jahr 1880 auf 57 im Jahr 1900 bis auf 200 im Jahr 1912 angestiegen) symbolisierte die Zunahme einer protektionistischen Haltung und war Ausdruck einer Wettbewerbsfeindlichkeit, die die österreichische Industrie von der Weltmarktkonkurrenz abschottete. Die erste und umfassendste Kartellierung ereignete sich in der Eisenindustrie. Kartelle als Instrumente gegen die wirtschaftlichen und sozialen Folgen eines ungehinderten Wirkens der Marktkräfte und die protektionistische Zollgesetzgebung standen dabei in einer engen Wechselwirkung. Gegen die "unsichtbare Hand" des freien Marktes (Adam Smith) machte sich in Österreich ein starker Einfluß der "sichtbaren Hand" der Bürokratie (Alfred D. Chandler jr.) und ihrer regulierenden Eingriffe in die Allokation der Produktivmittel geltend. Zugleich waren einige der wichtigsten Kartelle auf eine stille Koalition der Großgrundbesitzer oder Agrarier (die sich von Verfechtern des Freihandels in den 1880er Jahren zu Anhängern des Protektionismus gewandelt hatten) und der Vertreter des Finanzkapitals zurückzuführen. Dieses Weiterbestehen feudaler Macht und Strukturen, auch Denkstrukturen - sehr ungünstige gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die Industrialisierung - zeigte sich auch in den zahlreichen Adelsverleihungen an Industrielle, in denen der Wunsch nach einer Nachahmung des Adels zum Ausdruck kam. Die für die Nobilitierung angeführten Leistungen lagen weiterhin im karitativen und sozialen Bereich, in den Adelsansuchen rangierte die Größe des Grundbesitzes als Statusmerkmal an erster Stelle und nicht etwa Erfolge im industriellen Bereich. Auf der in Wien neu angelegten Ringstraße suchte das nobilitierte Wirtschaftsbürgertum die (Wohn-)Nähe zu den Aristokraten. Nur ein geringer Teil des Großbürgertums entwickelte ein unternehmerisches und bürgerliches Selbstbewußtsein, das sich gezielt von dem des Adels absetzen wollte.

Der zeitliche Verlauf der Industrialisierung der Habsburgermonarchie - Die Suche nach dem
"take-off"

Sowohl Walt W. Rostows Modell der Wirtschaftsstadien mit der Betonung einer "take-off"-Phase wie auch Gerschenkrons Studien (der den Begriff des "great spurt", einer Art Industrialisierungsruck, in die Geschichtswissenschaft eingebracht hat) liegt die Existenz einer kurzen Beschleunigungsperiode im Verlauf des Wirtschaftswachstums zugrunde, also die Vorstellung eines diskontinuierlichen Charakters des Industrialisierungsprozesses.
An diese beiden Forscher anschließend, gingen die Historiker an die Untersuchung der zeitlichen Abfolge des Wirtschaftswachstums in der Habsburgermonarchie und versuchten, über empirische Befunde eine eigentliche Aufschwungsperiode auszumachen. Zunächst wurden zwei solcher Perioden identifiziert, die sogenannte "Gründerzeit" (1867-1873) und eine weitere Hochkonjunktur, die von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg datiert wurde. Doch die Ergebnisse blieben widersprüchlich und uneinheitlich. Immer mehr Historiker waren aufgrund ihrer Befunde geneigt, die Anfänge anhaltenden Wachstums in eine frühere Periode zurückzuverlegen, in die Zeit des Vormärz oder in das Jahrzehnt nach der Revolution von 1848. Man löste sich generell von der Vorstellung eines "take-off", wodurch das Augenmerk auf die Prozeßhaftigkeit der österreichischen Industrialisierung gelegt wurde. Die wirtschaftliche Entwicklung Österreichs erfolgte demnach nicht sprunghaft, sondern verlief graduell. Alle verfügbaren Kennzahlen deuten darauf hin, daß Österreich einige das Wirtschaftswachstum anregende und vorbereitende Phasen durchlief. Auch nach dem amerikanischen Wirtschaftshistoriker David F. Good entspricht die für Österreich festzustellende Form des Wirtschaftswachstums einem Trendbeschleunigungsmodell und nicht einem Diskontinuitätsmodell eines Rostow oder Gerschenkron. Wir haben es nicht mit einer kurzen Beschleunigungsperiode zu tun, sondern mit Phasen allmählicher Beschleunigung des Wachstumstempos. Die napoleonische Ära wird nahezu in Übereinstimmung als eine Periode der Stagnation beschrieben. Ein neuerlicher Wandel zeichnete sich Ende der 1820er Jahre und in den 1830er Jahren ab; diese Jahrzehnte gelten vielen Historikern als Beginn des Industriezeitalters, in denen der Grundstein zur österreichischen Großindustrie gelegt wurde. Der Vormärz wird damit zu jener Phase, in der modernes Wirtschaftswachstum trotz des langsam erfolgenden technischen Wandels und trotz des Mangels an institutioneller Modernisierung einsetzte.
Die allmähliche Verbreitung der Dampfmaschine (die erste industriell angewandte Dampfmaschine wurde 1816 in einer Brünner Feintuchfabrik in Betrieb genommen, in den österreichischen Alpenländern in den Hirtenberger Kupferwerken 1826; die erste ausschließlich mit Dampfkraft betriebene Fabrik Österreichs war die Berndorfer Metallwarenfabrik von Alexander Schoeller und Hermann Krupp 1843) steigerte die Nachfrage nach Eisen und Kohle. Als erster Leitsektor der industriellen Entwicklung blieb weiterhin die Textilindustrie von größter Bedeutung. Lokale Produktionsschwerpunkte bildeten Niederösterreich (insbesondere Wien und das südliche Wiener Becken), Vorarlberg und Böhmen. Das Vorhandensein von Wasserläufen und die Nähe zum Absatzmarkt erwiesen sich für die Textilindustrie als die entscheidenden Standortkriterien. Nach der Mechanisierung des Spinnvorganges lag der Engpaß bei der Weberei, die mit einiger Verspätung modernisiert wurde. Die Textilindustrie erwies sich in technologischer Hinsicht am dynamischsten. Die Mechanisierung, die Zuhilfenahme der Dampfkraft (mehr als die Hälfte der durch Dampfkraft erzeugten Energie entfiel 1841 auf die Textilindustrie, hinter der Bergbau und Eisenindustrie folgten) und die Einführung des Fabrikssystems brachten Koppelungseffekte für andere Wirtschaftszweige mit sich.
Ausgehend von den Bedürfnissen der Textilindustrie wurde die Maschinenindustrie angeregt, die mit dem Eisenbahnbau (1837 Eröffnung der ersten Teilstrecke der Kaiser Ferdinands-Nordbahn) ihren großen Aufschwung erlebte. Die dampfkraftbetriebene Maschinenfabrik der Wien-Gloggnitzer Eisenbahngesellschaft, für die man sich einen englischen Ingenieur geholt hatte, war die erste nach großindustriell-arbeitsteiligen Organisationsprinzipien aufgebaute Fabrik, die sich als beispielgebend für die Lokomotiv- und Waggonbauindustrie des ganzen Habsburgerreiches erweisen sollte. Vom Eisenbahnbau gingen enorme Impulse auf andere Industriezweige aus.
Waren im Merkantilismus vielfach noch Repräsentationsbedürfnisse bzw. Anforderungen des Militärs der Anstoß zur Entwicklung von Fabriken und Motoren der Konjunktur gewesen, so verlagerte sich der Schwerpunkt in den 1830er Jahren zunehmend auf die Erzeugung von Konsumgütern. Ein Großteil dieser Industrien basierte auf landwirtschaftlicher Erzeugung (Bierbrauerei, Zuckerindustrie, Zellstoffindustrie). Die Zuckerindustrie hatte durch die Kontinentalsperre, die den Bezug ausländischen Rohrzuckers verhinderte, einen Rückschritt erlitten. Ab den 1830er, 1840er Jahren begann man mit der Verarbeitung von Zuckerrüben; Pioniere dieses Industriezweigs waren Alexander Schoeller und die Brüder Alfred und Richard Skene. Auch hier wurden im Vormärz die Grundlagen für anhaltendes Wachstum geschaffen, die eigentliche industrielle Revolution in der Zuckerindustrie erfolgte dann erst in den späten 1860er und 1870er Jahren.
Vor allem wegen der Vielzahl an liberalen Reformen verlegten einige Historiker die eigentliche wirtschaftliche Aufschwungphase der Monarchie in das Jahrzehnt von 1848 bis 1859, die neoabsolutistische Ära. Als wichtige Ergebnisse der bürgerlichen Revolution von 1848, die in ihren politischen Zielen scheiterte und eine Zeit der Repression einleitete, sind die Grundentlastung von 1848, die Errichtung von Handelskammern und -ministerium (1848/50) und die Einrichtung einer Zollunion, also die Abschaffung der Zwischenzölle, anzuführen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Grundentlastung sind neuerdings umstritten. Vor allem in den östlichen Gebieten der Monarchie änderte sich an den eigentlichen Machtverhältnissen in bezug auf den Großgrundbesitz nichts, die Landverteilung blieb stark polarisiert. Sowohl die massenweise Freisetzung von Arbeitskräften (die Mobilität der ländlichen Arbeitskräfte hatte sich in den westlichen Gebieten schon seit längerer Zeit sprunghaft gesteigert) und eine beträchtliche Kapitalzufuhr für die Grundherren wie eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität konnten in ihrer Bedeutung als Motoren der Wirtschaftskonjunktur durch empirische Untersuchungen nicht ausreichend belegt werden. Dennoch muß die Grundentlastung als Voraussetzung für die Intensivierung der Produktion von Zucker in Böhmen und Mähren und der Mühlenindustrie in Ungarn bezeichnet werden. Die Einschätzung der Grundentlastung schwankt zwischen den Polen versäumte Agrarrevolution bzw. Kulminationspunkt der Durchsetzung einer kapitalistischen Landwirtschaft.
Unter Handelsminister Bruck und Ministerpräsident Schwarzenberg zielte die Handelspolitik sowohl auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Integration der Kronländer wie auf die Schaffung einer riesigen mitteleuropäischen Zollunion, eines "70 Millionen-Reiches". Letztere scheiterte 1862. Auch die Beseitigung der Zwischenzollinie zwischen Österreich und Ungarn dürfte kaum wesentliche ökonomische Bedeutung gehabt haben. Durch die Unterstützung der Autarkiepolitik blieb die Monarchie weiterhin im Welthandel unterrepräsentiert. Unterstützt wurden die Handelsbemühungen durch eine geänderte Verkehrspolitik: Ein neues Eisenbahnkonzessionsgesetz im Jahr 1854 und der zügig vorangetriebene Ausbau des Eisenbahnnetzes unterstrichen die Reformbemühungen. Auf einen qualitativen Umschlag deutet die Einrichtung erster, die Industrialisierungsbemühungen unterstützender Aktienbanken hin. Mit der längst überfälligen Abschaffung des Zunftwesens und der Aufhebung des Beschäftigungsnachweises durch die Gewerbeordnung des Jahres 1859 erfolgte die letzte wesentliche liberale Reform. Neuere Untersuchungen ergaben jedoch für die Periode von 1848 bis 1859 eine insgesamt nur geringfügige Produktionssteigerung, lassen also die Annahme einer wesentlichen Zäsur nicht zu; und wenn, dann nur in Richtung einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. Weiters wirkten sich die politischen Probleme, die aus der Revolution von 1848 resultierten, und die Kapitalerfordernisse der vielen Kriege erschwerend auf die Modernisierung aus: 1859 verlor Österreich die Vorherrschaft in Italien, 1866 in Deutschland. Die Geldmenge schrumpfte von 1861 bis 1865 stark, ebenso wie das Bruttosozialprodukt in den 60er Jahren.
Die Abwendung von der deflationistischen Politik im Zusammenspiel mit einer "Wunderernte" im Jahr 1867 (gleichzeitig mit schlechten Ernteergebnissen im übrigen Europa) leitete eine beispiellose Phase wirtschaftlicher Expansion ein, die Gründerzeit (1867-1873), eine Zeit forcierter und rascher Industrialisierung. Die enorme Ausdehnung des Schienennetzes regte das Wachstum von Bergbau, Eisen-, Stahl- und Metallindustrie an. Industrie- und Bankgründungen (1.005 Konzessionen für Aktiengesellschaften 1867-1873, von denen zwei Drittel tatsächlich gegründet wurden) häuften sich, waren allerdings vielfach rein spekulativer Natur. Eine Überhitzung des Baumarktes in der Vorbereitung auf die Wiener Weltausstellung 1873 begleitete diese Entwicklung. Den spektakulären und eigentlich abzusehenden Abschluß fand dieser Boom im Börsenkrach vom 9. Mai 1873, dem "schwarzen Freitag". Zu diesem Tag vermerkte der bekannte Wiener Feuilletonist Ferdinand Kürnberger lakonisch: "Seit gestern können ehrliche Leute wieder über die Straße gehen, und Menschen, welche arbeiten, werden nicht mehr Dummköpfe genannt. Seit gestern heißt ein Dieb wieder Dieb und nicht mehr Baron."
Die Gründerzeit wurde vielfach als eigentliche Aufschwungs- oder gar take-off-Phase bezeichnet, wird heute aber in ihrer Bedeutung eher als Fehlstart interpretiert und damit relativiert. Das liberale Experiment galt als gescheitert, und die Reformperiode war zu kurz gewesen, um den Kapitalismus ideologisch zu fundieren. In politischer Hinsicht äußerte sich dies in einem Erstarken des feudalen Konservativismus unter dem Regime Taaffe (dem "Eisernen Ring") in den 1880er Jahren.
Gleichzeitig wurde allerdings dem Einschnitt in wirtschaftlicher Hinsicht, bedingt durch die der Gründerzeit folgende Rezession, die als "große Depression" bezeichnet wird, zu große Bedeutung beigemessen. Die Auswirkungen dieser Periode, die bis 1895 angesetzt wird, sind in der neueren Literatur umstritten. Die Rückkehr zum Protektionismus, Ausdruck des Strebens nach kollektiver Sicherheit, half bestimmten Industriezweigen wie der Eisen-, Stahl- oder Zuckerindustrie, die von Zöllen und Kartellvereinbarungen profitierten, kann jedoch insgesamt als Ausdruck einer Wirtschaftspolitik charakterisiert werden, die aufgrund hoher Inlandspreise zu Lasten der heimischen Konsumenten ging. Trotz des Niedergangs des Liberalismus scheinen das Wirtschaftswachstum und die Strukturveränderungen infolge eines reifenden kapitalistischen Systems unaufhaltsam gewesen zu sein. Schon gegen Ende der 1870er Jahre zeigten sich Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung. Die 1880er Jahre werden dann vielfach als die Phase des eigentlichen Durchbruchs der industriellen Struktur charakterisiert.
Die Anwendung neuer technologischer Verfahren in der Stahlerzeugung (Siemens-Martin, Thomas-Gilchrist oder Bessemer) deuten auf eine neue Entwicklungsstufe in der Industrie hin. Auch in bezug auf Konzentrationsprozesse und Größenstruktur der Unternehmen dürften die späten 1860er bzw. die 70er und 80er Jahre die Phase eines tiefgreifenden Strukturwandels gewesen sein, auch wenn Österreich im internationalen Vergleich, beispielsweise mit Deutschland, weiterhin einen Rückstand verzeichnete. Einen hohen Konzentrationsgrad wiesen die Roheisenerzeugung, der Stein- und Braunkohlebergbau, die Zuckerindustrie und in geringerem Ausmaß die Textilindustrie auf. Die Witkowitzer Eisenwerke beispielsweise, die 1843 von Rothschild im Zusammenhang mit der Finanzierung der Nordbahn angekauft worden waren, produzierten etwa Ende der 1870er Jahre rund 60% des gesamten Roh- und Gußeisens in Mähren und Schlesien. Großbetrieblich organisiert waren Bergbau und Hüttenwesen sowie die Gummiherstellung. Die Großindustrie konzentrierte sich auf dem Gebiet der späteren Republik Österreich auf Niederösterreich, Wien und die Steiermark. Großbetriebe entstanden hier in den modernisierten Zentren der Eisenverarbeitung, in Donawitz, Kapfenberg (Böhler Edelstahl), Ternitz, Wiener Neustadt (Lokomotiv-, später Automobil- und Rüstungsindustrie) und Steyr.
Einige Historiker sprechen von der Epoche 1895 bis 1913 als einer "zweiten Gründerzeit", wobei insbesondere den Jahren der Hochkonjunktur ab 1904 oft Züge einer "take-off"-Phase verliehen wurden. Gerschenkron hingegen beurteilte die Jahre nach 1900 unter Bezugnahme auf das Reformprogramm der Regierung Koerber als eine Periode der verpaßten Gelegenheiten. Die Monarchie versäumte in ihrer Endphase endgültig einen großen Industrialisierungsschub, den "great spurt" in Gerschenkrons Terminologie. Er übersah dabei, daß das Habsburgerreich schon in eine Phase irreversiblen Wirtschaftswachstums getreten war. Kehren wir in die Mitte der 1890er Jahre zurück. Trotz des Auftretens einer neuerlichen Konjunktur- und Aufschwungsphase (1896-1899) kann das Jahr 1896 nicht als Wendepunkt in der Wirtschaftsentwicklung interpretiert werden (schon allein deshalb, weil dieser Periode keine nachhaltige Depression, zumindest nicht bis 1895, vorausging).
Um die Jahrhundertwende zeichnete sich eine wirtschaftliche Abschwungphase ab, die von vielen als Auswirkung des wachsenden Nationalitätenkonflikts zwischen "Deutschen" und Tschechen interpretiert wird und die Ministerpräsident Koerber zu seiner wirtschaftlichen Reform- und Strukturpolitik, die auf eine verstärkte binnenwirtschaftliche Integration und den Ausgleich des regionalen Wachstumsgefälles abzielte, veranlaßt haben dürfte. Vorgesehen war ein ehrgeiziges Programm zur Verbesserung der Infrastruktur (Ausbau des Eisenbahn- wie des Wasserstraßennetzes). Insgesamt dürfte sich die Investitionspolitik der Regierung Koerber (1900-1904) trotz etlicher letztlich fehlgeschlagener und nicht verwirklichter Vorhaben langfristig belebend für das Wirtschaftswachstum ausgewirkt haben. Sie trug zum Aufschwung der Kapitalgüterindustrie bei, der ausschlaggebend für die Hochkonjunktur wurde, die die Periode von 1903 bis 1908 charakterisierte. Die traditionell starke Textilindustrie hatte ihr Wachstum verlangsamt. An ihre Stelle trat die Nahrungsmittelproduktion, das größte Wachstum verzeichnete allerdings der Maschinenbau. Gleichzeitig hatten andere Industriesektoren stark an Bedeutung gewonnen, in der Hauptsache kapitalintensive Wirtschaftszweige wie die Erdölverarbeitung, die Elektro- und Fahrzeugindustrie, die Gummi- oder die chemische Industrie, die vielfach die Finanzkraft Privater überstiegen. Wahrscheinlich noch wesentlicher für die Beschleunigung wirtschaftlichen Wachstums war die Umsetzung eines aufwendigen Aufrüstungsprogramms. Ein weiterer Faktor des Wirtschaftsaufschwungs lag im Wachstum der neuen Industriezweige wie der elektrotechnischen Industrie und der Anwendung von Elektrizität insgesamt. Diese nahezu ausschließlich auf technischen Innovationen der letzten Jahrzehnte aufbauenden Industriesektoren signalisierten zugleich eine neue Etappe der industriellen Entwicklung. Gerade die Elektroindustrie, die, wie ihre herausragendsten Vertreter in Österreich AEG-Union und Siemens-Schuckert verdeutlichen, mehrheitlich unter deutschem Einfluß stand, zeigt paradigmatisch alle neuen Trends der industriellen Arbeitswelt. Dazu gehörte auch, daß ihre komplexeren Organisationsstrukturen neue Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich schufen, der für das Wachstum der Städte im 20. Jahrhundert zentrale Bedeutung gewinnen sollte. Auch ein hoher Forschungsanteil an ihrer Entwicklung charakterisierte die Elektroindustrie und band diese an die Großstädte. Beschäftigten die neuen Wachstumsindustrien nicht so viele Arbeitskräfte wie die Bekleidungsindustrie, die wegen der Modeabhängigkeit und aus Absatzgründen weiterhin des Großstadtstandortes bedurfte, so erfolgte dennoch eine beeindruckende Expansion: 1913/14 waren in den vier Wiener Werken des Siemens-Konzerns mehr als 7.500 Personen beschäftigt.
Uneinigkeit besteht übrigens auch über die Eintrittsphase anhaltenden Wachstums in Transleithanien. Mehrheitlich wird sie auf die Periode von 1890 bis 1913 datiert. Die eigenständige Wirtschaftspolitik Ungarns, insbesondere die Industrieförderung, die allerdings großteils unter österreichischer Kapitalpatronanz stand, dürfte aufgrund des Ausgleichs zumindest beschleunigend auf die Wirtschaftsentwicklung gewirkt haben, gerade im Vergleich mit den östlichen Ländern der österreichischen Reichshälfte. Wieviel die ungarische Autonomie zu ihrer wirtschaftlichen Entwicklung tatsächlich beigetragen hat, muß jedoch vorerst offen bleiben. Darauf deuten auch die Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts pro Kopf im Zeitraum von 1870 bis 1913 hin: Das Habsburgerreich insgesamt (also einschließlich Ungarns) übertraf mit einer jährlichen Wachstumsrate von 1,45% (diese entsprach übrigens nahezu einer für das Gebiet der späteren Republik Österreich errechneten Wachstumsrate von 1,46 für diesen Zeitraum) das Wachstum der cisleithanischen Reichshälfte (1,32%). Insgesamt übertrafen nur Schweden, Dänemark und Deutschland die Wirtschaftsleistung der Monarchie. Obwohl die Monarchie gegenüber weiten Teilen Europas Boden gut gemacht hatte, war ihre ökonomische Position in Relation zu Westeuropa dennoch schlechter als ein Jahrhundert zuvor.
Für die Habsburgermonarchie um 1913 verwendet man das Bild eines weitgehend industrialisierten Agrarstaates, charakterisiert durch die Konzentration des weitaus größten Teils der Arbeitskräfte und der Kapitalressourcen auf die Landwirtschaft. 1910 waren in der österreichischen Reichshälfte 53% der Erwerbstätigen immer noch in der Landwirtschaft tätig, auf das Gebiet der späteren Republik Österreich bezogen betrug der Prozentsatz allerdings nur 38,7. In den letzten Jahrzehnten ihres Bestehens hatte die Monarchie immer mehr den Weg in Richtung eines "Industrie-Agrarstaates" eingeschlagen.

Zusammenfassung

Versuchen wir kurz zusammenzufassen: Es wäre verfehlt, von einem Wirtschaftsversagen der Habsburgermonarchie zu sprechen. Österreich verzeichnete im 19. Jahrhundert ein beträchtliches Wirtschaftswachstum. Verglichen mit anderen Ländern Europas dürfte der relative wirtschaftliche Rückstand der Monarchie von der napoleonischen Zeit bis in die 1860/70er Jahre zugenommen haben, danach verringerte er sich geringfügig. Eine Phase eines "take-off" oder eines "great spurt", also einer sprunghaften Entwicklung des Wirtschaftswachstums, konnte bis auf einige kurze Boomperioden oder Beschleunigungsphasen im österreichischen Wirtschaftsverlauf (1867-1873, 1904-1908) nicht ausgemacht werden (wie übrigens in den meisten europäischen Ländern, beispielsweise Frankreich). Österreichs Industrialisierungsprozeß verlief graduell.
Die Industrialisierung erfolgte über einen längeren Zeitraum und, gemessen am wirtschaftlich fortgeschrittensten Teil Europas, mit einiger Verzögerung. Dies erklärt sich neben einigen, wenn man so will, Österreich-spezifischen "Verlangsamungsfaktoren" aus dem west-östlichen Entwicklungsgefälle in der Industrialisierung Gesamteuropas. Dieses Gefälle spiegelte sich auch in der Habsburgermonarchie selbst, wie die großen Strukturunterschiede der Gebietsteile des Reiches zeigen, die schon in früher Zeit angelegt waren. Die regionalen Unterschiede im wirtschaftlichen Entwicklungsstand der Regionen der Monarchie hatten sich dann im Vormärz und ab der Mitte des 19. Jahrhunderts sogar noch verstärkt.
Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert sprechen empirische Befunde eine andere Sprache. Dieser Auffassung nach sind zumindest den meisten nicht-deutschen Volksgruppen Möglichkeiten eines wirtschaftlichen Fortschritts eröffnet worden; der Kapitalmarkt der Monarchie lenkte nun, wenn auch mit großer Verzögerung, Kapital in die kapitalarmen östlichen und südlichen Gebiete des Reiches. Wirtschaftswachstum wie Industrialisierung verbreiteten sich allmählich über alle Landesteile. Beginnend im Vormärz, wenn nicht schon am Ende des 18. Jahrhunderts, setzte bis 1873 das Wirtschaftswachstum in den westlichen Ländern der österreichischen Reichshälfte ein (insbesondere in den Alpenländern und Böhmen). Bis 1890 begann sich der Kapitalismus ansatzweise nach Innerungarn und Kroatien-Slawonien auszubreiten, in den zuvor genannten höher entwickelten Gebieten der Monarchie dürfte in dieser Zeit bereits eine Phase anhaltenden Wachstums eingetreten sein. Das Gebiet der späteren Republik Österreich gehörte - wie die Sudetenländer Böhmen, Mähren und Schlesien - immer zu den wirtschaftlich fortgeschrittensten Regionen der Habsburgermonarchie. In Österreich erfolgte die Phase des endgültigen Durchbruchs der industriellen Struktur nach einer Vorbereitungsphase in den späten 60er und 70er Jahren in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Nach der Jahrhundertwende erstreckten sich Wachstumsimpulse auf die restlichen Gebiete der ungarischen Reichshälfte und auf Galizien und die Bukowina.
Aufgrund der Uneinheitlichkeit der wirtschaftlichen Entwicklung der Kronländer und ihrer regionalen Ungleichgewichte ist Gerschenkrons Verallgemeinerung der wirtschaftlichen Rückständigkeit der Monarchie trotz aller Anregungen, die von ihr für die Forschung ausgingen, zurückzuweisen. Insgesamt betrachtet dürfte das Bestehen derartig großer regionaler Entwicklungsunterschiede in der Habsburgermonarchie für den gesamtwirtschaftlichen Wachstumsprozeß einen gewichtigen Nachteil bedeutet haben bzw. der Wachstumsprozeß nur wenig mit einer Verringerung der regionalen Unterschiede zu tun gehabt haben. Die extreme Form dieser Auffassung, die den unterentwickelten Landesteilen, vor allem den Agrargebieten des Ostens, "kolonialen" Status zuspricht, wird heute hingegen weitgehend abgelehnt, auch wenn deutlich wurde, daß die östlichen Gebiete im Zuge einer Peripherisierung lange Zeit in ihrer Entwicklung behindert wurden. Der wirtschaftliche Anpassungsprozeß der Gebietsteile war zwar eingetreten, aber - so scheint es retrospektiv - zu spät.
Damit kann der Untergang des Habsburgerreiches zwar nicht auf wirtschaftliche Gründe zurückgeführt werden, er hing aber mit den strukturellen Disproportionalitäten zusammen. Wesentlicher für die Auflösung des Habsburgerreiches erscheint die mangelnde politische Emanzipation der in der Monarchie versammelten Nationen; der Vielvölkerstaat war politisch immer anachronistischer geworden. Auch die imperiale Großmachtpolitik schwächte die Wirtschaftskraft des Reiches. Was Österreich-Ungarn damit von anderen Staaten unterscheidet, ist das Faktum, daß die Phase des Übergangs zu einem modernen anhaltenden Wirtschaftswachstum parallel zum Abstieg vom Großmachtstatus erfolgte.


Literatur

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Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/97. 27. Jg.
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