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Gottfried Liedl

Die Geburt der Moderne aus dem Geist der Gewalt: Kulturphilosophische Überlegungen zur Reconquista

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/98. 28. Jg.

In einer originellen Formulierung läßt Robert Bartlett "Europa" aus dem Geist der Gewalt geboren sein - wir gehen einen Schritt weiter, indem wir den Blickwinkel noch mehr verengen. Es ist Westeuropas Grenze zum Orient, zuerst in der Eroberung Spaniens durch den Islam, dann in seiner Rückeroberung - Reconquista - durch christliche Königreiche, wo sich dieser "Geist der Gewalt" in seiner kulturschaffenden, geschichtsmächtigen Gestalt am reinsten verkörpert. Dort hat sich zum ersten Mal Europas sogenannte "Weltgeltung" gezeigt - die Verallgemeinerung des Abendlandes, der Geist der Moderne (wie wir jenes Leitmotiv des neunzehnten und vor allem unseres eigenen Jahrhunderts in einschlägiger kulturphilosophischer Diktion nennen wollen).
Was den Zeithorizont jener "Geburt" betrifft, so folgt unser Blick dem Wink Bartletts und richtet sich auf das Mittelalter - diese ebenso bedeutende wie notorisch unterschätzte "Achsenzeit" aller Kultur, sofern sich diese - ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt - immer noch europäisch nennen darf. Aber obwohl Bartlett selbst vor allem die Eroberung des slawischen Ostens meint, wenn er uns Europa in seiner Jugendgestalt präsentiert, will uns scheinen, daß sich jene Gestalt viel deutlicher und vitaler im Westen abzeichnet - in England, in Frankreich, in Spanien - weil die Gewaltakte dort viel mehr bedeuten als nur Kolonisierung barbarischer Wildnisse. Hier im Westen, auf dem vorbereiteten Boden einer grandiosen Zivilisation (der römisch-mediterranen) spielt sich besagte "Geburt" ja als Wiedergeburt (Renaissance) ab; und nur in solcher Retrospektive erweist sich der Wille zur Macht nicht nur als solcher, sondern auch als Wille zum Wissen. Genau diese eigenartige Verschränkung aus Vernichtungsdrang und Interesse pflegen wir aber - jedenfalls immer dann, wenn wir dem kulturhistorischen Paradigma sogenannter "klassischer Epochen" folgen - als grundlegend und typisch zu empfinden: grundlegend und typisch für Europa und seine historische Sendung
Nur im Westen kamen drei Bedingungen zusammen: Erstens eine alte Zivilisation (die lateinische); sodann ein "barbarisches" Zwischenspiel (der Einbruch der Germanen) als vorläufiges "Ende" dieser Zivilisation; und schließlich der kräftige Impuls einer weiteren neu aufstrebenden Kraft, aber einer Kraft, die sich nicht gegen, sondern mithilfe jenes mediterran-antiken Erbes entfaltet! Diese dritte Kraft ist der Islam.
Weiterer wichtiger Schritt: Indem der Islam nach Westen drängt, kann er gar nicht anders als seine zivilisatorische Retrospektive - also seine Latinität - zu verstärken. Je weiter er sein orientalisches Kraftfeld hinter sich läßt, desto weniger kann er auf jene immer noch lebendigen Reste römischer Kultur inner- und außerhalb des mittelmeerischen Kreises verzichten. Er braucht und gebraucht diese Relikte (die er aus ihrem kulturellen Schlaf weckt) vor allem als "Beweis" seiner zivilisatorischen Sendung, wobei er, nebstbei gesagt, nur fortführt, was auch die germanischen Stammesfürsten und Könige vor ihm zu tun nicht herumkamen. Freilich ist er darin - dank seines orientalischen, also "hochkulturalen" Hintergrundes - jenen ungeschickten Vorgängern unendlich überlegen.
Der geschichtliche Verlauf selbst ist rasch erzählt. Mit der Eroberung des oströmisch verwalteten Ägypten durch die arabischen Heere unter 'Amr ibn al-'As (642/43) öffnet sich dem Islam die ganze Südflanke der Méditerranée, die im 7. Jahrhundert zum Teil noch römisch (die Provinz Africa mit der Hauptstadt Karthago), zum Teil unter verschiedenen Berberfürsten unabhängig ist. In den Jahren 663/64 bzw. 670 gründen die Araber Kairuan, eine Stadt, von der aus sie ihre Vorstöße erfolgreich weiter nach Norden und Westen tragen werden; 'Uqbas berühmter Ritt bis an den Atlantik (683) öffnet einem anderen arabischen General, Musa ibn Nusayr, den "Wilden Westen" der Mittelmeerwelt, den "äußersten" Westen - al-gharb al-aqsa.
Zu Beginn des 8. Jahrhunderts stehen berberische und arabische Krieger in Südspanien einer Streitmacht des Westgoten Roderich gegenüber. Die Muslime siegen und lösen damit ein folgenschweres historisches Ereignis aus - ihre neunhundertjährige Präsenz in Europa (von 711 bis 1614, als die letzten Spanier muslimischen Glaubens ausgewiesen wurden). Noch heute trägt der Punkt, an dem die Araber erstmals europäischen Boden betraten, den Namen ihres Feldherrn: Gibraltar - djabal Tariq ("Berg des Tariq"). Zusammen mit unzähligen anderen Ortsnamen arabischer Herkunft, zusammen mit gewissen Eigenheiten der spanischen Sprache selbst ist er Symbol und Fanal einer Geburtshilfe. Die islamische Kultur, im "äußersten Westen" gelandet, wird diesem Westen - bewußt oder unbewußt, freiwillig oder gezwungen - den größten Dienst erweisen, der sich denken läßt: indem sie ihn in den Sog stetiger Veränderungen zieht, gibt sie ihm zugleich die eigene Vergangenheit zurück; in einem langen und widersprüchlichen Prozeß erzeugt sie an ihm, wofür man ihn einst preisen wird: Renaissance und Modernität.
Was zu betonen ist: der absolute Sonderweg des westlichen Islam - seine mediterrane, seine "europäische" Natur. Nicht nur aus geographischen Gründen ist der Westen ziemlich autark (von Mekka, Damaskus und Bagdad liegt Spanien fast ebenso weit entfernt wie New York oder Boston von London); beinahe wichtiger noch ist ein politischer Umstand. Der Sturz des Umaiyaden-Kalifats von Damaskus durch die dann in Bagdad residierenden Abbasiden (ab 750 bzw. 760) teilte die islamisch dominierte Méditerranée in zwei Hälften, Teile, die in der Folge immer weiter auseinander drifteten. Spanien blieb den Umaiyaden treu, zumal ein Sproß dieses Geschlechts, 'Abd ar-Rahman, dort Zuflucht fand und ab 756 seine Dynastie "andalusisch" neu begründete. Schon früh zeigt sich der Westen von seiner "renaissancistischen" Seite - und wie in Córdoba die Umaiyaden ihr Kalifat (ab 929), so ließen später andere gleich ganz Spanien wieder aufleben: immer wieder wurde al-Andalus, wie die Araber ihr Spanien nannten, nach enormen Rückschlägen im Kampf gegen die Christen "neu begründet" - zuletzt von den Nasriden, der renaissancistischen Dynastie schlechthin, die sich bis 1492 in Granada halten konnte.
Eigenständigkeit des westlichen Islam aber auch auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar, in Nordafrika. Religiös ohnehin: Man denke nur an die zahlreichen Brandherde der Häresie, die dort, auf altem römisch-christlichen Boden, immer wieder aufflammten - von den Kharidjiten (im 8., 9. Jahrhundert) bis zur historisch bedeutsamsten Häresie, der Bewegung der Fatimiden, die ihren Ausgang als religiöse Dissidenz im westlichen Nordafrika nahm und, nach der Eroberung weiter Gebiete im Osten, ein eigenes schiitisches Kalifat errichtete, das Kalifat von Kairo (ab 969/973). Aber auch politisch zeichnen sich in Nordwestafrika schon früh die Strukturen eigenmächtiger Herrschaftsgebilde und Staaten ab. Und es zeichnet sich jene Funktion Nordafrikas als ein Glacis ab, über das sich die großen politisch-religiösen Gebilde die Herrschaft streitig machen: Marokko als das stets in Fraktionen der verschiedenen Berberstämme zerrissene Hinterland Spaniens, Tlemsen, Algier und Tunis als Vorfeld islamischer Mächte des Ostens - von den Abbasiden und Fatimiden bis hin zu den Osmanen. Zugleich aber blickt dieser westliche Islam auch nach Norden, nach Europa, mit dem er - über Spanien und die balearisch-sizilische Inselwelt - militärisch, politisch und kulturell ununterbrochen im Austausch steht.
Wem es mit der Vorgeschichte des modernen Europa ernst ist, dürfte jene westliche Hälfte der Méditerranée somit nur im ganzen betrachten. Jede Trennung der Hinsichten, ob im Sinne des Orientalismus oder unter der Ägide einer Ideologie des Abendlandes, griffe da zu kurz (ein berühmtes Beispiel dafür ist Henri Pirennes Versuch, den Islam als das große Hindernis Europas auf dem Weg in die Moderne darzustellen). Umgekehrt ist das Faktum, daß die europäische Renaissance vom Westen ihren Ausgang nimmt, gerade deshalb so plausibel, weil genau in jener westlichen Hälfte der Méditerranée der Austausch der Kulturen von Anfang an sozusagen einen Zug ins Progressive besitzt; wegen der geographischen und politischen Zersplitterung des Raumes entwickelt der Zusammenprall zwischen germanisch-christlicher und arabisch-islamischer Kultur dort eine Dynamik, die dem griechisch-byzantinischen Osten (mit seinem vergleichsweise stabilen Kräftegleichgewicht) abgeht. Gewiß, die Einflüsse, die nach Frankreich und Italien gelangen, sind orientalischer Herkunft - aber sie gelangen dahin über die westlichste Einfallspforte des Orients: über Spanien und Sizilien. So macht sich auch die Nation, die am weitesten vom Orient entfernt liegt, als eine der ersten mit östlichen Errungenschaften bekannt: England. 1126 übersetzt Adelard von Bath die mathematischen Tabellen des Khwarizmi und liefert damit einen frühen Beweis für empirisch-naturwissenschaftliches Denken im Abendland. Ähnlich im technologischen Bereich: Kaum haben die spanischen Araber zum ersten Mal auf europäischem Boden Feuerwaffen eingesetzt (1324), findet sich die Kanone auch schon in England (1327), wenig später dann in Nordfrankreich. Für England ist arabische Vermittlung zu vermuten, für den französisch-flandrischen Raum steht sie so gut wie fest - muslimische Waffenmeister aus Navarra (deren pyrotechnisches Fachwissen gut belegt ist) waren dort als Festungskommandanten stationiert
Beispiele, die sich beliebig fortsetzen ließen - man denke nur an den interessanten Weg, den Aristoteles genommen hat: über die Lehre des spanischen Arabers Ibn Rushd (Averroës). Die "unendliche Geschichte" des Krieges - als Reconquista auf christlich-spanischer, als Djihad auf muslimisch-spanischer Seite - ließ eine "Cultura de doble expresión" entstehen (Benumeya), eine doppelt angeschriebene, eine christlich-muslimische Spiegel-Kultur. Darin nähern sich die Protagonisten einander so sehr an, daß ihnen aus ihren Differenzen ein gemeinsames Drittes erwächst - der Philosoph Blumenberg hat es "Theoretische Neugierde" genannt: der Einbruch des Säkularen in die Welt des religiös bestimmten Denkens.
Denn die politisch-militärische Geschichte des Hoch- und Spätmittelalters ließ in der westlichen Méditerranée etwas entstehen, das es vorher in dieser Form nicht gegeben hatte und wie man es erst im späten 19. Jahrhundert wieder finden würde: die gemischt-religiöse Gesellschaft. Bei all ihren Erfolgen seit dem 11. Jahrhundert waren die christlichen "Rückeroberer" Spaniens stets darum bemüht, ihre neu gewonnenen muslimischen Untertanen im Land zu behalten. Ihre Wirtschaftskraft erschien den Fürsten so kostbar, ihr Platz in der Gesellschaft durch christliche Untertanen vorerst so wenig ausfüllbar, daß ein nicht-religiöser, ideologisch unaufgeregter Modus nahelag. (Freilich könnte man sich fragen, welch ideologische Vorentscheidungen immer schon getroffen sein müssen, damit es überhaupt zu derart materialistischen Auffassungen von Gesellschaft und in der Folge zu einer solchen Wahlfreiheit kommt.) Jedenfalls zeigt die Gesetzgebung besonders seit dem 13. Jahrhundert (als die Reconquista am erfolgreichsten war) eine Kühnheit, die verblüfft. In den "Siete Partidas" Alfons' des Weisen (1221-1284) und in vergleichbaren Gesetzbüchern Aragoniens und Navarras wird den Muslimen ausdrücklich zugebilligt, "secundum sunnam" (gemäß der Sunna, also nach islamischem Recht) zu leben. Und, noch radikaler, von Konversionsversuchen gegenüber muslimischen Untertanen sei tunlichst Abstand zu nehmen (gewaltsame Bekehrungen sind ohnehin verboten).
Dieser legistischen und somit religiös desinteressierten Haltung auf christlicher entsprach eine nicht minder pragmatische Einstellung auf muslimischer Seite. Dazu zwei Beispiele. Da ist einmal die doch einigermaßen erstaunliche Neuerung in diplomatischen Dokumenten der Spätzeit (14., 15. Jahrhundert), eidliche Bekräftigungen regelmäßig in doppelter Form zu leisten - als "muslimische" (im Namen Allahs und des Propheten) und als "christliche" Eidesformel (im Namen des Evangeliums). Und dann gibt es die einzigartige Institution des juez de la Frontera (des "Richters der Grenze") oder qadi bayna l-muluk (des "Richters zwischen den Königen", wie die arabische Bezeichnung lautet). Das ist ein aus zwei Richtern (einem Christen, einem Muslim) bestehendes Gremium, dem Streitfälle vorgelegt werden, die sich an der Grenze ereignen und worin Personen verschiedener Religionszugehörigkeit verwickelt sind. Wirklich bemerkenswert und revolutionär war aber die Arbeitsweise dieses "internationalen Gerichtshofes": mußte doch der Kläger sein Recht beim Richter der jeweiligen Gegenseite suchen, also der Christ beim muslimischen qadi, der Muslim beim christlichen juez! Das System funktionierte, weil natürlich in Wahrheit auch hier wieder - zumindest in formaler Hinsicht - an die Stelle der Religion immer schon ein Drittes getreten war: das (wiederentdeckte) Römische Recht. (Ein Recht, das in Spanien auch unter arabischer Herrschaft nie wirklich in Vergessenheit geraten war, weil es, zum Beispiel als Kanonisches Recht, auch und gerade von arabischen Rechtsgelehrten eifrig studiert und etwa im Umgang mit christlichen Klerikern auch gebührend berücksichtigt wurde; dasselbe gilt fürs Konsularrecht, dem die ausländischen Kaufleute unterstanden.)
Überhaupt herrschte im religiösen Bereich ein Ausmaß an Äquidistanz, ja Vermischung vor, das an aufgeklärtere Zeitalter gemahnt als jene, die man für gewöhnlich mit dem Begriff "Mittelalter" assoziiert. Im spanischen Teil der islamischen Ökumene gab es nicht nur Wallfahrtsorte, die von Christen wie Muslimen gleichermaßen verehrt und besucht wurden; nicht nur Bauernkalender, in denen christliche Festtage neben islamischen verzeichnet sind. Ein häufiger weiblicher Vorname war "Maria" (Maryam), ein nicht ungewöhnlicher männlicher "Jesus" (Isa). Was den Namen Jesu anlangt, so wird man die eigenartige, noch heute ausschließlich im spanischen Kulturkreis verbreitete Sitte solch "prosaischen" Gebrauchs des göttlichen Namens wohl auf islamische Usancen zurückführen dürfen: Im Islam ist Jesus nicht Gott - nur ein von Gott besonders ausgezeichneter Mensch.
Und noch ein letztes und wahrscheinlich das wichtigste. Nirgendwo war die individuelle Wahl- und Entscheidungsfreiheit angesichts der Religion größer als im spätmittelalterlichen Spanien. Nirgendwo sonst wäre es möglich, ja auch nur denkmöglich gewesen, daß ganze Familien und Sippen in zwei unterschiedlichen religiösen Fraktionen existierten, und daß dazu noch einzelne Mitglieder dieser Familien frei und unbehelligt in beiden Fraktionen verkehrten. Die Familiengeschichten der Bannigash (Venegas), der Zegrí und Fustera, der Fez Muley und Belvís, der Albotado - um nur einige zu nennen D, lesen sich stellenweise wie ein moderner Roman. Mit den Worten eines kritischen Kenners spanischer Mentalitätsgeschichte: "In Wahrheit gab es damals eine religiöse Gleichgültigkeit, die einen Spanier des 17. Jahrhunderts zutiefst erschreckt hätte" (Américo Castro).
Man versteht nun manches besser. Einerseits mußte eine solche christlich-muslimische "Kohabitation" an die Seite (wenn nicht gar an die Stelle) des religiösen ein laizistisches Denken treten lassen; mußte sie einen Pragmatismus fördern, der im übrigen dem Islam von Haus aus gar nicht so fremd ist (wenn man an die Wertschätzung denkt, die das naturwissenschaftliche, das rationale Denken - bis hin zur "kasuistischen" Logik - von alters her genießt; und zwar aus durchaus religiösen Gründen: meinte man ja das Denken dadurch besser vor den Fallstricken der Philosophie bewahren zu können). Andererseits konnte dieser Pragmatismus aber nur dort gedeihen, wo es eine derart seltene Konstellation während vieler Jahrhunderte gab: in Europa.
Diese Konstellation hat ihre unverwechselbaren Merkmale. Allen voran den "Vater aller Dinge", den Krieg - genauer gesagt ein "verwissenschaftlichtes", also schlicht erfolgsorientiertes und nicht mehr auf "ritterlichen" Grundsätzen beruhendes Militärwesen. Dabei ist wieder Spanien - und der westliche Islam - führend. Schon im 11. Jahrhundert, unter den Almoraviden, wird die traditionelle Reiterarmee durch gedrillte Fußsoldaten ergänzt und teilweise sogar ersetzt; in Spanien erscheint auch das erste echte Militärhandbuch - die "Lámpara" des Abu Bakr von Tortosa. Und was die spanisch-arabische Spätzeit, das 14. und 15. Jahrhundert betrifft, so muß man geradezu von einer militärischen Revolution sprechen: Das Rittertum wird bedeutungslos - die Armeen bestehen nun vorzugsweise aus Bürgermilizen, Söldnern und Freiwilligen D, zur Unterstützung dieser Infanterie wird aus den Kontingenten berberischer Stammeskrieger eine äußerst effiziente Leichte Kavallerie geschaffen - die sogenannten jinetes D, und schließlich kommt auch noch die Wunderwaffe der Zukunft, die Kanone ins Spiel. Am Rande des Kontinents und am Schluß einer Epoche entsteht aus bescheidenen Anfängen das Instrument künftiger Dominanz - die moderne europäische Armee.
Ein weiteres Kennzeichen dieser südwesteuropäisch-mediterranen "Frühmoderne" (um hier bewußt einen plakativen Ausdruck zu gebrauchen) ist die rasante Ausweitung und Verallgemeinerung der Ökonomie. Seit den Tagen des Römischen Reichs ist der Kontakt der Länder rund ums Mittelmeer nie enger gewesen. Der Handel ist international. Muslime und Christen teilen sich ins Eigentum von Hochseeschiffen, Handelshäuser wie die der Spinola, Datini, Alberti, Bardi, Paruzzi machen gute Geschäfte mit den Abu l-'Abbas, den Abu l-Madjd, den Karimi auf der anderen Seite des Meeres. Denn die Wirtschaftsweisen - auf der Grundlage eines entwickelten Geldwesens - entsprechen einander. So findet man die für Italien so typische mezzadria, die "Halbpacht" auch im muslimischen Granada, das sich andererseits vom muslimischen Reich der Mamluken unterscheidet, indem es nämlich Institutionen wie die iqta, das auf der Überlassung von Grund und Boden beruhende "Militärlehen", nicht kennt. Übrigens scheinen auch in den christlichen Staaten der Iberischen Halbinsel Abhängigkeiten mehr durch ein System vertraglich geregelter Abgaben - im Austausch für einen ganzen Kanon "bürgerlicher" Rechte und Freiheiten - hergestellt worden zu sein als über das "klassische" Instrument der Feudalrente. Man mag darin den Einfluß des islamischen Systems der Besteuerung erkennen, zumal sich dieses in durchaus vergleichbarer Weise politisch kompensiert zeigt: Im sogenannten dhimmi-Recht garantiert der muslimische Staat im Gegenzug für die Einhebung der djizja (Kopfsteuer) seinen christlichen oder jüdischen Untertanen freie Religionsausübung und den Fortbestand ihrer eigenen rechtlich-sozialen Sphäre.
Die Politik bringt ein Zeitalter der Stadtstaaten herauf. Dem Aufstieg und Fall der Fürsten entspricht ein neuer Politikertyp - der Condottiere. Dieser militärische Führer und Abenteurer vermietet seine Fähigkeiten an den Meistbietenden, wobei er aber vor allem seine eigene Karriere im Auge hat. Oft steigt er dadurch selbst in den Rang eines Fürsten auf. Italien sieht die Visconti, Frankreich die Anjou, Spanien die Trastámara, Ägypten die Mamluken, Marokko die Banu Merin, Granada die Banu Nasr. Und nicht zufällig entwickelt gerade das kleine spanische Emirat seit dem 13. Jahrhundert Merkmale eines modernen Territorialstaats: nach außen eine gut organisierte Militärgrenze - frontera (arabisch: al-farantira); im Innern eine flächendeckende zivile und militärische Verwaltung, basierend auf dem Militärbezirk (arabisch: ta'a). Zuletzt entwickeln sich sogar klare Anzeichen eines "andalusischen" Nationalbewußtseins, das auf dem Wissen um die historische Sonderstellung der spanischen Araber als einer "Schicksalsgemeinschaft" beruht und nicht mehr (wie in Nordafrika und anderen muslimischen Gebieten jenseits des Meeres) auf den traditionellen Clan- und Stammesbindungen. Ibn Khaldun, der große arabische Historiograph des 14. Jahrhunderts, hat das klar erkannt und, guter Nordafrikaner, der er war - kritisiert
Am meisten in sich gerundet ist das intellektuelle Leben. Der "dolce stil nuovo" verbindet Dante auf subtile Weise mit arabischen Dichtern - sizilianisch vermittelt. Boccaccios Novellen schöpfen aus demselben Fundus wie die arabischen "Maqamas": aus volkstümlichen Erzählungen, Burlesken und Satiren des städtischen Milieus. Und an bürgerlicher Freigeisterei stehen dem großen Florentiner seine südspanischen Zeitgenossen Abu l-Barakat, Ibn al-Hadjdj oder Ibn Khatima in nichts nach. Ihr "Humanismus", ihr Materialismus wird verständlich, wenn man weiß, daß viele von ihnen nicht nur begnadete Historiker, sondern auch hervorragende Ärzte waren (wie zum Beispiel der granadinische Dichter, Historiker und Politiker Ibn al-Khatib, der "arabische Sallust", wie Simonet ihn nennt: in seiner genialen Abhandlung über die Pest erkennt und beschreibt er den Ansteckungsmechanismus dieser Seuche korrekt und entwickelt daraus praktische Folgerungen und Hygienevorschriften).
Zu einer solchen "Europäisierung des Denkens" (wenn der Ausdruck gestattet ist) kam es aber nur im spanischen Teil des westlichen Islam. In Nordafrika herrschte die Orthodoxie: politisch unangefochten und deshalb ideologisch steril. Gerade die aus Nordafrika stammenden Dynastien der Almoraviden und Almohaden machen diese Dialektik deutlich: angetreten als ideologische Hardliner, entwickelten sie sich in der Konfrontation mit den spanischen Verhältnissen rasch zu Förderern einer kulturellen Offenheit und Vielfalt - wie die Blütezeit der spanisch-islamischen Philosophie beweist, die genau in die Epoche der Almohadenherrschaft fällt. Aber auch anders herum stimmt der Vergleich. Nur im westlichsten Teil Europas, nur dort, wo der Krieg der Religionen zugleich Dauerzustand eines sozialen, kulturellen, ökonomisch-politischen Austausches war, kam es zur Beschleunigung des Denkens; und letztlich zu jener Zerstörung der alten Ordnung, die wir - vielleicht allzu wohlfeil - mit dem Begriff "Feudalgesellschaft" zu umschreiben pflegen.
Niemandem würde es einfallen, die Pisaner und die Genuesen, die Venetianer, Aragonesen und Mallorquiner - Zeitgenossen der Blüte des westlichen Islam - deswegen nicht zur Geschichte des Abendlandes zu zählen, weil ihre Hauptinteressen "jenseits des Meeres" lagen und nicht auf dem Kontinent selbst. Und doch wird genau das in bezug auf die Muslime Spaniens getan, die noch dazu, anders als die Italiener, tatsächlich "europäische Kontinentalpolitik" machten. Als sollten sie nach ihrer physischen Vertreibung aus Europa noch einmal und diesmal endgültig vertrieben werden. Aber der Islam ist keine Abnormität und kein Paradoxon der europäischen Geschichte. Er ist ein unverzichtbarer Teil von ihr, ein Teil, der sich aus ihr nicht herauslösen läßt. Jedenfalls nicht ohne Schaden für den Erkenntnisprozeß.

Literatur (eine kommentierte Auswahl)

1) Allgemeine historische Übersicht, Geschichte des Islam:

C. CAHEN (Hg.), Der Islam, I. Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches, in: Fischer Weltgeschichte, Band 14, Frankfurt a. M. 1968.
G. E. v. GRUNEBAUM (Hg.), Der Islam, II. Die islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel, in: Fischer Weltgeschichte, Band 15. Frankfurt a. M. 1971.
U. HAARMANN (Hg.), Geschichte der arabischen Welt. München 1987.
2) Geschichte Spaniens und des Maghreb:

R. ARIÉ, España Musulmana. Siglos VIII-XV, in: Manuel Tuñón de Lara (Hg.), Historia de España, Band III. Barcelona 1984.
R. ARIÉ, L'Espagne musulmane au temps des Nasrides (1232-1492). Paris 1973 (Das Standardwerk zur Geschichte des Emirats von Granada; exzellente historische Übersicht der Spätzeit arabischer Herrschaft in Spanien - materialreich, mit einer Fülle von Quellenangaben, behandelt sowohl die Fakten- als auch die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte).
L. P. HARVEY, Islamic Spain, 1250 to 1500. Chicago/ London 1990 (Profunde, elegante Darstellung der Faktengeschichte des Nasriden-Emirats von Granada, auf dem modernsten Forschungsstand).
W. HOENERBACH, Islamische Geschichte Spaniens. Zürich/Stuttgart 1970 (Teilübersetzung des "Kitab A'mal al-A'lam" des Ibn al-Khatib und anderer spanisch-arabischer Texte und Dokumente).
W. HOENERBACH, Spanisch-islamische Urkunden aus der Zeit der Nasriden und Moriscos. Bonn 1965.
A. MAC KAY, Spain in the Middle Ages. London 1977.
M. Á. L. QUESADA, Granada. Historia de un país Islámico (1232-1571). Madrid 1979.
G. LIEDL, Dokumente der Araber in Spanien, in: Zur Geschichte der spanisch-arabischen Renaissance in Granada, Band 2. Wien 1993.
G. LIEDL, Al-Farantira - Die Schule des Feindes. Zur spanisch-islamischen Kultur der Grenze. Band 1: Recht. Wien 1997 (Band 2: Krieg und Band 3: Ökonomie im Druck bzw. in Vorbereitung).
H.-R. SINGER, Der Maghreb und die Pyrenäenhalbinsel bis zum Ausgang des Mittelalters, in: U. Haarmann (Hg.), Geschichte der arabischen Welt. München 1987, 264-322.
P. v. SIVERS, Afrika in der Neuzeit, in: U. Haarmann (Hg.), Geschichte der arabischen Welt. München 1987, 502-590.
3) Zur Mentalitätsgeschichte (Spaniens arabisches Erbe):

G. BENUMEYA, Hispanidad y Arabidad. Madrid 1952.
A. CASTRO, De la España que aún no conocía. Barcelona 1990 (Kompilation verschiedener Aufsätze aus der Zeit von 1914-1967).
A. CASTRO, Sobre el nombre y el quién de los españoles. Madrid 1985 (Neuauflage).
H. FREY, La feudalidad europea y el régimen señoral español. México 1988 (Analyse der wirtschaftspolitischen und soziologischen Faktoren als Ursachen des "spanischen Sonderwegs", gute Zusammenfassung der mittelalterlichen Geschichte Spaniens).
J. V. GINÉS, Los musulmanes Españoles. Barcelona 1961.
4) Zur Entstehung der modernen Denkungsart - Europa und der Islam:

F. GABRIELI (Hg.), Mohammed in Europa. München 1983 (Milano 1982).
S. HUNKE, Allahs Sonne über dem Abendland: Unser arabisches Erbe. Frankfurt a. M. 1965.
R. PARET, Der Einbruch der Araber in die Mittelmeerwelt. Kevelaer 1946 (Als einführende Lektüre gut geeignetes Standardwerk, wiewohl bereits etwas veraltet).
H. PIRENNE, Mahomet et Charlemagne. Revue Belge de Philologie et d'Histoire 1, 1922. Neuabdruck: P.E. Hübinger (Hg.), Bedeutung und Rolle des Islam beim Übergang vom Altertum zum Mittelalter. Darmstadt 1968 (Bestes Beispiel einer obsoleten - "eurozentristischen" - Interpretation der Rolle des Islam, aber als Beispiel der traditionellen Sichtweise auch heute noch empfehlenswert).
J. SCHACHT/ C.E. BOSWORTH (Hg.), Das Vermächtnis des Islam. 2 Bände. Zürich-München 1980 (London 1974).
5) Zur Genese der modernen Intellektualität und des abendländischen Selbstverständnisses:

R. BARTLETT, Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt: Eroberung, Kolonisierung und kultureller Wandel von 950 bis 1350. München 1996 (London 1993).
H. BLUMENBERG, Der Prozeß der theoretischen Neugierde. Frankfurt a. M. 1973.
F. CHÂTELET (Hg.), Geschichte der Philosophie. Band II: Die Philosophie des Mittelalters. Frankfurt a. M.-Berlin-Wien 1973 (Paris 1972) (Lesenswert vor allem der allgemeine und einführende Beitrag von A. Badawi: "Philosophie und Theologie des Islam in der klassischen Epoche" sowie von A. Abdel-Malek: "Ibn Khaldun, Begründer der historischen Wissenschaft und der Soziologie").
K. FLASCH, Das philosophische Denken im Mittelalter - von Augustin zu Machiavelli. Stuttgart 1986.
6) Ökonomie, Soziologie:

J. ABU-LUGHOD, Before European Hegemony - The World System A.D. 1250-1350. New York-Oxford 1989 (Sehr inspirierte, materialreiche Studie über die "Weltökonomie" im Spätmittelalter unter besonderer Berücksichtigung außereuropäischer Gebiete).
B. BENNASSAR, (Hg.), Historia de los Españoles. 1. Siglos VI-XVII. Barcelona 1989 (Mittlerweile bereits ein Standardwerk zur iberischen [Wirtschafts-]Geschichte. Die frz. Originalausgabe erschien unter dem Titel: Histoire des Espagnoles. 1. VIe-XVIIe Siècle. Paris 1985).
O. R. CONSTABLE, Trade and Traders in Muslim Spain: The commercial realignment of the Iberian peninsula 900-1500. Cambridge-New York-Melbourne 1994 (1995) (Eine der besten Wirtschaftsgeschichten der letzten Zeit: materialreich, elegant geschrieben).
P. FELDBAUER, Die islamische Welt 600-1250. Ein Frühfall von Unterentwicklung? Wien 1995 (Umfassende Zusammenschau islamischer Geschichte aus sozio-ökonomischer Sicht; kritische Analyse und Würdigung der gängigen orientalistischen Lehrmeinungen).
S. LABIB, Wirtschaft und Handel im mittelalterlichen Orient, in: R. Kurzrock (Hg.): Die islamische Welt (Band II). Berlin 1984.
M. LOMBARD, L'Islam dans sa première grandeur (VIIIe-XIe siècle). Paris 1971 (Das Standardwerk zur islamischen Wirtschaftsgeschichte! Mittlerweile ist auch schon eine deutsche Ausgabe erschienen).
C. T. DELGADO, Noticias económicas y geohistóricas del antiguo reino nazarí de Granada, in: Cuadernos de estudios medievales. Band II. Granada 1974/75, 322 ff. (Spezialstudie zur Ökonomie des spätmittelalterlichen Emirats von Granada).


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