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Michael Mitterauer

Predigt - Holzschnitt - Buchdruck. Europäische Frühformen der Massenkommunikation

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/98. 28. Jg. S. 69 - 78.

Modernisierungsprozesse sind eng mit der Entwicklung von Massenmedien verbunden. Daß Printmedien, Film, Radio und Fernsehen gesellschaftliche Verhältnisse radikal verändern können, ist uns als historische und aktuelle Erfahrung bewußt. Welche Veränderungen die Weiterentwicklung der elektronischen Medien nach sich ziehen wird, können wir kaum noch erahnen. Alle diese Formen der Massenkommunikation sind von westlichen Kulturen ausgegangen. Sie haben hier weit zurückreichende Wurzeln. So stellt sich die Frage, inwieweit sich die Entwicklung der Massenkommunikation in einen umfassenden Prozeß des europäischen Sonderwegs der Gesellschaftsentwicklung einordnen läßt - aus gemeinsamen Entwicklungsbedingungen erklärbar und seinerseits spezifisch europäische Sonderentwicklungen beeinflussend.
Anfänge der Massenkommunikation reichen in Europa bis ins Hoch- und Spätmittelalter zurück. Drei Formen sollen hier besonders angesprochen werden: die Predigt als Massenkommunikation durch das Medium Wort, der Holzschnitt als Massenkommunikation durch das Medium Bild und der Buchdruck als Massenkommunikation durch das Medium Schrift. So unterschiedlich diese drei Kommunikationsformen in Erscheinungsbild und Folgen aufs erste wirken - die Frage, ob ihnen nicht gemeinsame Entstehungsbedingungen zugrundeliegen, erscheint reizvoll.
Ist Predigt Massenkommunikation? Das Bild einer heutigen Sonntagsmesse vor Augen, zu der sich regelmäßig eine relativ gleichbleibende und überschaubare Gruppe von Meßbesuchern einfindet, wird man diese Frage wohl verneinen. Hier handelt es sich um Gruppenkommunikation in der Primärgruppe Pfarrgemeinde. Massenkommunikation hingegen setzt ein anonymes und heterogenes Publikum voraus. Der Kommunikator hat keine Vorstellungen über die jeweiligen Erwartungen der Rezipienten, weil keine gemeinsame Gruppenerfahrung besteht. Gemeindepredigt als Kommunikation in stabilen, untereinander vertrauten Gruppen gab es im Mittelalter auch - übrigens keineswegs mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie heute. Das Spektrum der Predigtformen aber war äußerst vielfältig. Es reichte bis hin zur Massenpredigt, die auf dem Kirchhof, auf dem Marktplatz, vor den Stadttoren gehalten werden mußte, weil der Kirchenraum die von weither zusammenströmende Menge nicht fassen konnte. Es waren meist einzelne Predigerpersönlichkeiten, die solche Volksmengen anzogen. Der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert, der Franziskaner Berthold von Regensburg im 13. Jahrhundert, der Dominikaner Vinzenz Ferrer an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert. Für den letzteren hat man versucht, die Zahl seiner Zuhörer zu berechnen, die er während seiner zwanzigjährigen Predigertätigkeit in Spanien, Südfrankreich, Italien und der Schweiz erreicht hatte. Die Schätzungen lagen bei mehreren Millionen - eine bei den damaligen Siedlungsgrößen beachtliche Zahl. Solche Zuhörermassen bei Predigten lassen sich nicht nur als individuelles Phänomen erklären, das auf die besondere Ausstrahlung einzelner charismatischer Predigerpersönlichkeiten zurückzuführen wäre. Die Massenpredigt des Hoch- und Spät-mittelalters ist vielmehr eine strukturelle Erscheinung mit spezifischen organisatorischen Rahmenbedingungen. Innerhalb der Geschichte der Predigt bedeutet sie eine qualitative Veränderung. Die bewirkenden Faktoren dieser Veränderung erscheinen für die Geschichte der Massenkommunikation von allgemeiner Bedeutung.
Das Recht bzw. die Pflicht zu predigen, lag in den christlichen Kirchen seit alters beim Bischof. Mit seiner Erlaubnis bzw. durch seinen Auftrag konnte er auch von anderen Klerikern wahrgenommen werden. Im Frühmittelalter erlebte das Predigtwesen einen allgemeinen Niedergang. Die karolingischen Reformen waren um eine Erneuerung der spätantiken Verhältnisse bemüht.Vor allem der Aufbau eines höheren Schulwesens bei den Kathedralkirchen sollte der verbesserten Vorbereitung für die Ausübung des Predigtamtes dienen. Die ortsgebundene, an lokalen Gemeindeverbänden orientierte Predigt wurde dabei aber keineswegs in Frage gestellt.
Einen ersten Durchbruch bedeutete diesbezüglich die Kreuzzugspredigt. Die Kreuzzüge stellten ein überregionales Unternehmen der westlichen Christenheit dar. Der Auftrag zum Kreuzzug ging vom Papst als deren Oberhaupt aus. Man könnte die öffentliche Ansprache, die Papst Urban II. 1095 auf der Synode von Clermont-Ferrand hielt, um sein Kreuzzugsanliegen zu proklamieren, als die erste Kreuzzugspredigt bezeichnen. Auch weiterhin erfolgte die Kreuzzugspredigt im speziellen Auftrag des Papstes, nicht von einzelnen Bischöfen oder Bischofsversammlungen. Päpstliche Legaten wurden dazu in die Länder der westlichen Christenheit ausgesandt, und diese beauftragten wiederum ihrerseits besondere Prediger. Auf spontane Anfänge folgten geregelte Strukturen. Wie die Organisation der Kreuzzüge selbst war auch die der Kreuzzugspredigt überdiözesan und vom Papst als "episcopus universalis" autorisiert.
Eine kürzlich publizierte Geschichte der Öffentlichkeitsarbeit (Kunczik 1997) setzt wohl zurecht die Kreuzzugspropaganda an den Anfang einer Entwicklung zur gezielten Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Als einziges Medium stand dieser frühen Form der Öffentlichkeitsarbeit die Predigt zur Verfügung. Es war dies ein bereits überkommenes Medium, das allerdings jetzt in neuer Weise und mit neuer Zielsetzung eingesetzt wurde. Die Predigt erfolgte aus dem Kontext der Meßfeier herausgelöst. Sie wurde vielfach nicht in der Kirche abgehalten. Vor allem hatte sie nicht wie bisher primär seelsorgliche, sondern primär politische Zielsetzungen. Möglichst viele Zuhörer sollten dazu gebracht werden, das Kreuzzugsgelübde abzulegen und an der geplanten Kreuzfahrt teilzunehmen. Auch wenn dies im Verständnis der Zeit aus Sorge um das Seelenheil geschah, so mußten durch die Predigt doch ganz andere Handlungsmotivationen gegeben werden als in einer Form der Verkündigung, die auf Vertiefung im Glauben oder Verbesserung der Sitten abzielte. Zur Kreuzzugspredigt trat zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Ketzerpredigt. Auch sie führte zu einer Intensivierung bzw. einer qualitativen Veränderung des Predigtwesens der Westkirche. Auch sie wurde vom Papsttum auf überdiözesaner Ebene in Angriff genommen. Die Bekämpfung von Häresien - insbesondere der Katharer und der Waldenser - durch außerhalb der Diözesanorganisation stehende Wanderprediger bedeutete, diesen neuen religiösen Bewegungen mit ihren eigenen Mitteln zu begegnen. Denn die Missionsarbeit dieser Gruppen erfolgte primär durch die Wanderpredigt. Es handelt sich dabei allerdings nicht um einen originären Beitrag dieser heterodoxen Gruppierungen. Schon in der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts wurden die Anliegen der Erneuerungsbewegung von Wanderpredigern vertreten. Und generell lag dieser Form der Verkündigung das Vorbild der apostolischen Zeit zugrunde. Aber ohne die Herausforderung der häretischen Bewegungen hätte sich das abendländische Predigtwesen wohl nicht so grundlegend geändert und wäre es nicht zu neuen organisatorischen Formen gekommen, die der Predigt außerhalb der herkömmlichen Diözesanorganisation einen dauerhaften strukturellen Rahmen gaben.
Die wichtigsten Organisationformen überdiözesaner Predigerverbände waren die zu Anfang des 13. Jahrhunderts entstandenen Bettelorden. Mit den Dominikanern und den Franziskanern entstanden damals zwei ganz neuartige Ordensgemeinschaften, die sich die Predigt zu ihrer Hauptaufgabe machten. Bei den Dominikanern, dem "ordo praedicatorum", ist diese Aufgabe schon aus der Ordensbezeichnung erkennbar. Im Interesse der Predigttätigkeit, die Mobilität erforderte, gaben diese beiden Orden das bisher vorherrschende Prinzip der "stabilitas loci" auf. Im Interesse der Predigttätigkeit intensivierten beide die theologische Ausbildung ihrer Mitglieder. Ihre Aktivitäten konzentrierten die zwei Bettelorden auf die damals stark zunehmenden städtischen Agglomerationen. Hier hatten sie ein Massenpublikum vor sich. Nahezu in allen bevölkerungsreichen Städten der Westkirche entstanden im Verlauf des 13. Jahrhunderts Franziskaner- und Dominikanerkonvente. Diese Bettelordensklöster wurden zu Zentren einer dynamischen Weiterentwicklung des abendländischen Predigtwesens und damit auch jener Elemente der Massenkommunikation, die in ihm seit dem Hochmittelalter grundgelegt sind.
Im Zusammenhang mit der Sonderentwicklung des Predigtwesens in der Westkirche ist auch auf die Rolle der Universitäten zu verweisen. Für die Entstehung der abendländischen Universität war die Entwicklung des Predigtwesens von hoher Bedeutung. Universitätslehre hat ihren Ursprung im kirchlichen Lehramt. Deutlich kommt das noch in den Bezeichnungen "Lehrkanzel" bzw. "Lehrstuhl", d.h. Katheder, zum Ausdruck. Die "licentia ubique docendi", die die Universitäten als Generalstudien von den Domschulen als Partikularstudien unterschied, bedeutete eine Herausnahme aus der Diözesanorganisation. Nur der Papst als "episcopus universalis" konnte deshalb Universitäten autorisieren. In einem weiten Verständnis ist so die Lehrtätigkeit der spätmittelalterlichen Universitäten als eine Form der Predigt anzusehen, jedenfalls als eine Form der Vermittlung, die in der Predigt ihre Wurzel hat. Von Massenkommunikation kann man in diesem Zusammenhang nur ausnahmsweise sprechen, etwa bei den unorganisierten Zuhörermengen mancher Magistri in der Frühzeit der Pariser Universität. Der Normalfall der mittelalterlichen Universitätslehrveranstaltungen ist aber wohl dem Typus der Gruppenkommunikation zuzurechnen. In der Geschichte der Massenkommunikation hat die Universität nicht nur als Ausbildungsstelle von Predigern ihren Platz, sondern auch als Ort der Verschriftlichung von Wissen, der die Entwicklung vorbereitet, die schließlich zum Buchdruck führte.
Massenkommunikation war nur eine Facette in der Entwicklung des hoch- und spätmittelalterlichen Predigtwesens, sicher aber eine besonders zukunftsweisende. Welcher Stellenwert den qualitativen und quantitativen Veränderungen der Predigt in dieser Zeit insgesamt zukam, das läßt sich sehr anschaulich am Wandel des Kirchenbaus beobachten. Mit der Bedeutungszunahme der Predigt kommen neue Bauformen auf. Die Hallenkirche ist für die neuen Aufgaben besonders geeignet. Mit den Bettelordenskirchen verbreiten sich diese Bautypen in der ganzen Westkirche. Innerhalb des Kirchenraums verlagert sich die Kanzel und gewinnt an ihrem neuen Platz Bedeutung. Das Lesepult am Chorschranken, der den Altarraum abtrennt, wird durch den Predigtstuhl abgelöst, der mitten im Kirchenschiff - meist in erhöhter Position - seinen Platz findet. Diese räumliche Trennung von Kanzel und Altar spiegelt die Trennung von Predigt und Meßliturgie, wie sie im 13. Jahrhundert aufkommt. Trotz Reintegration der Predigt, die Kanzel behält eine Sonderposition. Im Zeitalter der Reformation gewinnt sie zusätzlich an Bedeutung. In reformierten Kirchen sind die Kirchenbänke grundsätzlich auf die Kanzel hin ausgerichtet. Solche Raumordnungen sind ein deutlicher Indikator. An manchen spätmittelalterlichen Kirchenbauten finden sich Außenkanzeln - etwa die sogenannte "Capistran-Kanzel" am Stephansdom in Wien. Sie verweisen darauf, daß Predigt außerhalb der Kirche nicht nur seltene Ausnahme sondern dauerhafte Institution sein konnte, ein aufschlußreicher Hinweis auf die Bedeutung, die der Massenpredigt außerhalb des Kirchenraums damals zukam. Hallenkirche und Kanzel im Kirchenschiff bleiben in der christlichen Architekturgeschichte auf die Westkirche beschränkt. In der Ostkirche wie auch in den orientalischen Kirchen fehlt diese Entwicklung. Die Predigt hat hier im Mittelalter keine vergleichbare Rolle gespielt wie im Westen. Im Gegenteil - ihre Bedeutung ist damals eher zurückgegangen. Dabei hatte der Osten bezüglich der Predigtkultur in der Spätantike einen deutlichen Vorsprung, offenbar bedingt durch die griechische Rhetoriktradition. Mit der Zunahme des Bilderkults trat jedoch in der byzantinischen Kirche die Schriftinterpretation in den Hintergrund. Die unterschiedliche Bedeutsamkeit der Predigt macht bis heute einen wesentlichen Unterschied zwischen östlicher und westlicher Christenheit aus, der keineswegs dogmatisch ist, in der Praxis aber umso stärker differenzierend wirkt. Der Orthodoxie fehlen im Mittelalter jene Einrichtungen, die im Westen für die Weiterentwicklung der Predigt so wichtig gewesen sind - etwa überdiözesane Predigerverbände oder Universitäten als Ausbildungsstätten für das Predigtamt. Es fehlt ihr ja auch die zentralisierte Papstkirche, die sich im Westen seit der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts ausgebildet hat und die hier so wesentliche Impulse für die Intensivierung und Veränderung der Predigtkultur gegeben hat. Zu einem Medium der Massenkommunikation hat sich die Predigt dementsprechend in Byzanz nicht entwickelt.
Ganz anders im islamischen Kulturraum: Ähnlich wie in der westlichen Christenheit erlebte hier das Predigtwesen im Hochmittelalter eine Blütezeit - deutlich früher und sicher aus eigenständiger Wurzel. Die Tendenz zur Massenkommunikation erscheint noch stärker ausgeprägt. Indiz dafür ist hier wie dort das Verlassen des Kultraums. Die großen Massenpredigten werden nicht in, sondern vor der Moschee abgehalten, ebenso vor der Medrese, der Schule, die der Prediger leitet, am Markt oder sonst auf einem öffentlichen Platz. Zehntausende Zuhörer, in Ausnahmefällen sogar über 100.000, nehmen an solchen Predigtveranstaltungen teil - Zahlen, die im Westen in Hinblick auf die weit geringere Größe der Städte unmöglich waren und im islamischen Raum auch nur in größeren Residenzstädten wie Bagdad erreicht werden konnten. Stärker noch als in Mittel- und Westeuropa zeigen sich die massenpsychologischen Wirkungen der großen Volkspredigten: religiöse Erregung, Überschwang der Gefühle, Suggestion,Trance, Ekstase. Von Ibn al-Gauzi, dem wohl berühmtesten Prediger des Abbasidenreichs im 12. Jahrhundert, wird berichtet, daß nach seinen Ansprachen Zehntausende öffentlich Buße getan und zum Zeichen der Reue die Haare abgeschnitten hätten. Eine große Zahl habe vor Erregung das Bewußtsein verloren oder sei in Ekstase gestorben. In seinen schriftlichen Reflexionen über das Predigen, die zeigen, wie sehr ihm die Mechanismen der Affektsteigerung bewußt waren, sah er in solchen Reaktionen greifbare Zeichen einer erfolgreichen Predigt. Man hat Ibn al-Gauzi mit seinem etwas jüngeren Zeitgenossen Berthold von Regensburg verglichen. Sie haben nicht nur die enormen Zuhörermassen gemeinsam, sondern auch den dramatischen Vortrag und die starke Bildhaftigkeit, die ihre Predigt zum erregenden Schauspiel werden ließ.
Der starke Aufschwung des Predigtwesens im Islam während des Hochmittelalters, aber auch sein Niedergang in der Folgezeit haben auffallende Parallelen in der Entwicklung von Wissenschaften und Bildungseinrichtungen. Auch diesbezüglich hatte der islamische Raum einen deutlichen Vorsprung vor dem Abendland. Und trotzdem ist es hier nicht zur Entstehung von Universitäten gekommen. Für die Entwicklung des Predigtwesens war wohl auch die enge Bindung an das Kalifat wichtig. In der islamischen Frühzeit trat der Kalif als Prediger auf. Die Freitagsredner in der Großen Moschee einer Stadt oder eines Stadtviertels waren theoretisch stets Vertreter des Kalifen. Eine von der weltlichen Herrschaft relativ unabhängige Institutionalisierung des Predigtwesens - vergleichbar etwa den großen Predigerorden der Westkirche - hat sich im Islam nicht ausgebildet. Neben solchen politisch-wissenschaftlichen Rahmenbedin-gungen wird aber sicher auch zu fragen sein, inwieweit die jeweilige religiöse Entwicklung des Islam eine interpretierende Verkündigung des Koran zuließ. Die Möglichkeit einer solchen interpretierenden Verkündigung der heiligen Schrift erscheint ja für die Entfaltung des Predigtwesens eine essentielle Voraussetzung.
In idealtypischer Vereinfachung läßt sich zwischen "Kultreligionen" und "Buchreligionen" unterscheiden. Grundlage der gottesdienstlichen Handlung ist in Kultreligionen zumeist das Opfer, das dargebracht und ausgedeutet wird. Auch die Vergegenwärtigung und Verlebendigung von göttlichem Geschehen im Mythos durch das heilige Schauspiel gehört in diesen Zusammenhang. Die meisten alten Hochkulturen des Orients und des Mittelmeerraums sind dem Typus der "Kultreligion" zuzurechnen, vor allem auch Ägypten und Griechenland. Die "Buchreligionen" hingegen basieren auf einer "heiligen Schrift", und diese steht im Mittelpunkt des Wortgottesdienstes. Von der Schriftverlesung führt der Weg zur Schrifterklärung. Die Predigt als Schrifterklärung ist an diesen Typus gebunden. Religionsgeschichtlich zuerst begegnet er im Judentum, voll ausgeprägt in nachexilischer Zeit, dann im Zoroastrismus, im Christentum, im Manichäismus und im Islam. In allen diesen Religionen hat sich - mehr oder minder stark - auf der Basis des Wortgottesdienstes eine Predigtkultur entwickelt. In "Kultreligionen" fehlen dafür die Voraussetzungen. Eine solche Gegenüberstellung simplifiziert freilich. So hat das Christentum als "Buchreligion" sicher auch starke Elemente der "Kultreligion" in sich. In der Entwicklung der Ostkirche traten sie mit der Durchsetzung der Bilderverehrung in den Vordergrund - eine Tendenz, die mit dem vorchristlichen Substrat des griechischen Bildkults in Zusammenhang gebracht werden kann, aber sicher primär aus zeitgenössischen Rahmenbedingungen zu erklären ist. In der Westkirche ist die Entwicklung gegenläufig. Seit dem Hochmittelalter entsteht hier eine hochentwickelte Predigtkultur, die im innerchristlichen, auf Dauer gesehen aber auch im interkulturellen Vergleich gesehen einmalig ist. Durch Reformation wie Gegenreformation erhält sie zusätzliche Impulse. Für die Entwicklung mündlicher Formen der Massenkommunikation im europäischen Kulturraum ist sie die entscheidende Grundlage.
In Hinblick auf den Charakter des Christentums als "Buchreligion" mag es überraschen, daß der Massenkommunikation durch das Medium Buch die Massenkommunikation durch das Medium Bild vorangeht. Etwa ein halbes Jahrhundert vor der Erfindung des Buchdrucks wer-den in Mitteleuropa neue Techniken der Druckgraphik entwickelt, die die massenhafte Vervielfältigung von Bildern ermöglichen: vor allem der Holzschnitt und - für die Massenkommunikation von geringerer Bedeutung - der Kupferstich. Die Bilderwelt des Spätmittelalters verändert sich dadurch radikal. Das Kultbild bleibt nicht mehr auf den öffentlichen Raum beschränkt. Das private Andachtsbild, das bisher nur einer schmalen Oberschicht zugänglich war, die sich mit Malereien illustrierte Gebetbücher oder Hausaltärchen leisten konnte, setzt sich jetzt in allen Bevölkerungsgruppen breit durch. Auch in der Stube des Bürgers und des Bauern findet sich nun das Heiligenbild als Holzschnitt. Aber auch profane Bildmotive werden aufgegriffen und erfahren durch den Holzschnitt enorme Breitenwirkung. Der Einblattdruck eignet sich vorzüglich als Mittel der politischen Agitation. Durch Holzschnitt vervielfältigte Bilder - meist kombiniert mit Text - bilden die Grundlage der Flugschriften, wie sie dann im Zeitalter der Reformation so große politische Bedeutung erlangen sollten. Wie die Predigt ermöglicht auch der Holzschnitt, über traditionelle Formen der Gruppenkommunikation hinauszugehen und ein anonymes, dem Kommunikator unbekanntes Massenpublikum anzusprechen.
Zum Unterschied von der Erfindung des Buchdrucks läßt sich die des Holzschnitts weder personalisieren noch datieren. Es handelt sich dabei auch nicht um einen einmaligen technischen Durchbruch, sondern um eine stufenweise Entwicklung. Der Zeugdruck, das Bedrucken von Textilien mit Hilfe hölzerner Modeln, kam schon im 13. Jahrhundert vom Orient nach Europa. Beim Druck von Spielkarten werden ähnliche Verfahren angewandt, die zum Bilddruck hinüberführen. Aber diese technischen Vorstufen allein vermögen das Aufkommen des Holzschnitts zu Anfang des 15. Jahrhunderts nicht befriedigend zu erklären. In Hinblick auf das schon relativ früh erreichte technische Niveau kann man eher fragen, warum der Holzschnitt erst so spät entstand. Ähnliche Überlegungen gelten gegenüber Argumentationen, die das Aufkommen des Holzschnitts primär aus der Verbreitung des Papiers ableiten. Sicher - Pergament war für die neue Druckgraphik ein wenig geeignetes Material. Das weitaus billigere Papier begünstigte die Vervielfältigung. In weiten Teilen Südeuropas wurde freilich Papier schon lange vor 1400 produziert, und auch die Technik des Drucks mit Holzmodeln war bekannt. Trotzdem wurden hier keine Holzschnitte hergestellt. Die Motive früher Holzschnitte zeigen deutlich, daß das Aufkommen des neuen Bildmediums auch religiöse Gründe gehabt haben muß. Unter ihnen finden sich Passionsbilder, die der privaten Andacht dienten, Darstellungen von Heiligen, die in der Not angerufen wurden und deren Anblick vor Krankheit, Unglück und Tod schützen sollte, sowie religiöse Bildmotive, mit deren Betrachtung die Gewährung von Ablässen verbunden war. Symptomatisch ist das Thema des ersten datierten Holzschnitts, einer Christophorus-Darstellung von 1423. Über den heiligen Christophorus herrschte im Spätmittelalter der Volksglaube, wer sein Bild ansieht, dem geschähe am selben Tag kein Leid. Deshalb wurde in vielen Gegenden - etwa im Ostalpenraum - vielfach an Außenwänden der Kirche eine riesige, weithin sichtbare Christophorus-Darstellung angebracht. Der Holzschnitt ermöglichte neue Wege der Heilsvermittlung über das Bild. In einem Verkündigungs-Bild des Meisters von Flémalle sieht man in der Stube über dem Kamin einen kolorierten Christophorus-Holzschnitt angebracht. Diese Konstellation dürfte typisch gewesen sein. Das Christophorus-Motiv begegnet unter den frühen Holzschnitten besonders häufig. Allgemeiner gesprochen ist es das zunehmende Bedürfnis nach privaten Andachtsbildern, das als religiöser Bedingungsfaktor hinter dem Aufkommen des Holzschnitts steht. Dieses Bedürfnis ist schon vor dem Entstehen dieser neuen Technik deutlich spürbar. In Klöstern, aber auch in handwerklichen Betrieben wurden zunehmend kleine Andachtsbilder für den privaten Gebrauch von Familien bzw. von Einzelpersonen hergestellt. Dieser Druck der Nachfrage, der in Anforderungen eines individualisierten Frömmigkeitslebens zu sehen ist, dürfte den entscheidenden Anstoß für eine Innovation gegeben haben, für die technisch längst die Voraussetzungen bestanden.
Warum wurde der Holzschnitt nicht in Byzanz erfunden? Für die Entwicklung dieses neuen Bildmediums müßten doch - so könnte man auf's erste vermuten - in einer religiösen Kultur der Bilderverehrung besonders gute Voraussetzungen bestanden haben. Papier sowie die Techniken des Textildrucks waren hier längst bekannt. Aber gerade die starke theologische und sakralrechtliche Bindung der Ikone, wie sie in der Ostkirche gegeben war, bedeutete ein Hindernis auf dem Weg zur freien Reproduzierbarkeit bzw. Vervielfältigung heiliger Darstellungen. Seit der Entscheidung des Bilderstreits im 9. Jahrhundert galt das Christusbild neben der Heiligen Schrift als gleichberechtigtes Objekt der Verehrung sowie als Medium der Heilsvermittlung - für eine Offenbarungsreligion eine einmalige Entwicklung.
Ebenso wesentlich war aber sicher der Umstand, daß die Entwicklung zur privaten Bildandacht in der Ostkirche im Spätmittelalter keineswegs in vergleichbarer Weise gegeben war. So fehlte hier von der Nachfragesituation her der entscheidende Anstoß.
In ähnlicher Weise für den islamischen Kulturraum gefragt, sieht man sich gänzlich anderen Voraussetzungen gegenüber. Das Kult- bzw. Andachtsbild wird hier grundsätzlich abgelehnt. So bestand keine Basis für ein massenhaft produziertes Bildmedium. Der Holzschnitt erscheint im Abendland als die entscheidende Vorstufe zum Buchdruck. Dementsprechend fehlt dem Islam eine wesentliche Voraussetzung, um aus sich zu dieser Innovation zu gelangen.
Die Anfänge des Buchdrucks waren in der Forschung lange umstritten. Einerseits ging es um die Frage, wer denn in Europa den Druck mit beweglichen Lettern erfunden habe. War es der Prager Goldschmied Prokop Waldvogel, der in den 1440er Jahren in der Papststadt Avignon wirkte, war es der Holländer Laurens Janszoon in Harlem, der schon 1440 die entscheidende Erfindung gemacht haben soll, oder war es der Mainzer Patriziersohn Johannes Gensfleisch zum Gutenberg, der 1455 sein großes, nach dem neuen Verfahren gedrucktes Bibelwerk herausbrachte? Dieser in starkem Maß von nationalen Gefühlen genährte Streit ist im wesentlichen entschieden. Interessant erscheint der Sachverhalt, daß in den hochentwickelten Regionen Europas um die Mitte des 15. Jahrhunderts viele Personen das gleiche Problem zu lösen versuchten. Das zeigt, daß damals ein hoher Druck bestand, Schriftwerke mechanisch zu vervielfältigen. Die Frage nach dem "genialen Erfinder" verliert in einer solchen Situation an Relevanz.
Andererseits geht es bei der Diskussion um die Anfänge des Buchdrucks um das Verhältnis von China und Europa. Handelte es sich bei der Entwicklung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern um eine Nachahmung Chinas oder eine Nacherfindung? Denn daß China diesbezüglich die Priorität zukommt, ist eindeutig. China kennt den Buchdruck seit dem 9. Jahrhundert. Im 11. Jahrhundert druckte man in Japan buddhistische Bücher. Diese ersten Druckverfahren waren äußerst langwierig. Für jede Seite mußten in Holz geschnittene Druckstöcke angefertigt werden, die jeweils einer Buchseite entsprachen - eine Technik, die in etwa der Herstellung der sogenannten "Blockbücher" auf Holzschnittbasis im Europa des 15. Jahrhunderts entsprach. Zwischen 1040 und 1050 kam dann der Chinese Pi Cheng auf die bahnbrechende Idee, bewegliche Lettern aus gebranntem Ton zu benützen, die mit Wachs in einer Metallform befestigt wurden. Ebenso wie die etwas später entwickelten Typen aus Zinnguß fand diese Innovation allerdings wenig Verbreitung. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts kamen bewegliche Holzlettern auf, die schließlich ein Jahrhundert später durch metallene Lettern ersetzt wurden.
Ob Johannes Gensfleisch zu Gutenberg und alle die anderen, die um die Mitte des 15. Jahrhunderts mit beweglichen Lettern experimentierten, von den Buchdrucktechniken der Chinesen wußten bzw. von ihnen angeregt waren, läßt sich nicht rekonstruieren. Es scheint eher unwahrscheinlich. Wichtiger als die Frage der Originalität der Innovation ist die Frage der Auswirkung. Für China ergibt sich die bemerkenswerte Situation, daß trotz der Erfindung der beweglichen Lettern weiterhin in der Buchproduktion der Blockdruck bevorzugt wurde. Verschiedene Argumente werden als Erklärung dafür genannt: die Liebe zur Kalligraphie, die sich im Blockdruck besser realisieren ließ, die Hochbewertung der Klassiker, die man auch in klassischer Form rein überliefern wollte, vor allem die vielen Tausende Ideogramme, die als Lettern zu berücksichtigen waren. Die ostasiatischen Sprachen wurden ja nicht wie die europäischen in einer Buchstabenschrift geschrieben. Dieser Unterschied der Schriftsysteme war wohl letztlich dafür entscheidend, daß es in China mit der Erfindung der beweglichen Lettern nicht zu einem vergleichbaren revolutionären Durchbruch zu neuen Formen der Massenkommunikation gekommen ist wie in Europa.
In welchen Dimensionen das neue Medium wirksam wurde, können einige Zahlen veranschaulichen. Für die sogegannten Inkunabeln - die vor 1500 erschienenen Wiegendrucke - wurde eine Gesamtauflage von 20 Millionen Exemplaren berechnet. Etwa 70 Millionen Menschen lebten damals in Europa. Im 16. Jahrhundert steigerte sich die Buchproduktion auf 140 bis 200 Millionen Bände, bei einer Einwohnerzahl von kaum mehr als 100 Millionen. 1480 wurde bereits in nicht weniger als 130 europäischen Städten gedruckt. Druckereien verbreiteten sich in den großen städtischen Zentren in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wie im 13. die Konvente der Predigerorden. Wie diese finden sie sich von Sizilien bis Norwegen, von Portugal bis Polen. Darüber hinaus können sie sich nicht durchsetzen. Sieht man von einem Experiment eines Mönchs in Cetinje in den 90er Jahren des 15. Jahrhunderts ab, so bleiben die orthodoxen Kirchen des Balkanraums unberührt. Auch Rußland übernimmt den Buchdruck lange nicht. Dogmatische Unterschiede lassen sich für diese Zurückhaltung nicht ins Treffen führen. Es besteht viel mehr kein Interesse an der für die Westkirche so wichtigen Neuerung. Ebenso stößt der Buchdruck im Osmanischen Reich auf Widerstand. Die Sultane verbieten ihn. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. Im militärtechnischen Bereich übernahm man westliche Erfindungen bereitwillig. Hatte man Angst vor dem Eindringen politisch gefährlicher Ideen? War es die Sorge, daß das eigene heilige Buch, der Koran, letztlich auch mit der neuen Technik vervielfältigt hätte werden können? Das wäre aus religiösen Gründen inakzeptabel gewesen. Wie auch immer - die traditionsreichen Buchkulturen des islamischen Raums waren nicht bereit, den Buchdruck zu übernehmen, eine Entscheidung, die ihre weitere Entwicklung nachhaltig beeinflußte, nicht zuletzt im Bereich der Massenkommunikation.
Daß der Buchdruck im Bereich der Westkirche allgemein so rasch Verbreitung fand, läßt erkennen, daß er in diesem Raum einem generellen Bedürfnis entsprach. Schon in den Jahrzehnten vor der bahnbrechenden Innovation hatte die Buchproduktion stark zugenommen. Auch diesbezüglich ist die Erzeugung von Papier als billigem Beschreibstoff, den Europa über den Orient vermittelt aus China übernommen hatte, nur als eine Rahmenbedingung anzusehen, nicht als entscheidende Voraussetzung. Es wurde mehr Papier produziert, weil mehr Bedarf nach Schriftgut bestand - nicht umgekehrt. Eine wichtige Rolle in der Zunahme der Schriftlichkeit spielten die Universitäten - und zwar auf verschiedenen Ebenen. Wie früher schon Predigtmitschriften entstanden nun Vorlesungsmitschriften als Verschriftlichung des gesprochenen Worts. Flüchtige Kursivschriften bis hin zu Formen von Kurzschrift sind Ausdruck der neuen Notwendigkeit, sehr schnell etwas schriftlich festzuhalten. Die Vielfalt der Schriftformen, die sich im Spätmittelalter entwickeln, ist Ausdruck dieser Dynamisierung der Schriftkultur. Die Buchschrift stellte dabei nur eine Form unter vielen dar. Für die Abschrift von Büchern unterhalten die Universitäten gewerbliche Lohnschreiber. Das Bücherschreiben ist nun nicht mehr nur Sache von Mönchen und anderen Klerikern. Auch die Leserschaft von Büchern ändert sich durch den Einfluß der Universitäten. Über die Kleriker hinaus erfaßt sie zunehmend adelige und bürgerliche Laien. Die als Faktor zunehmender Schriftlichkeit wirkenden Universitäten sind ebenfalls eine auf die Westkirche beschränkte Institution.
Wenn auch die vor der Erfindung des Buchdrucks so stark zunehmende Buchproduktion vielfach profane Themen betraf - gerade auch durch die Entwicklung der Universitätsstudien bedingt D, in ihrem Mittelpunkt stand weiterhin das religiöse Buch. Der frühe Buchdruck setzt diese Linie fort. Das erste mit beweglichen Lettern gesetzte Buch war die Bibel in lateinischer Sprache, die 1455 in Gutenbergs Werkstatt fertiggestellt wurde. Schon 11 Jahre später folgte der Druck der Bibel in deutscher Sprache. Viele andere Übersetzungen in Volkssprachen schlossen sich an. Die Heilige Schrift war im 15. Jahrhundert das meistgedruckte Buch und sie blieb es bis heute. An zweiter Stelle folgte ihr Thomas a Kempis' "De imitatione Christi". Dieses aus dem Gedankengut der Mystik entstandene Andachtsbuch war schon seit den 20er Jahren des 15. Jahrhunderts vielfach abgeschrieben worden. 1473 wurde es in lateinischer, 1489 in deutscher Sprache gedruckt. Viele Übersetzungen in andere Sprachen schlossen sich an. Gerade diese volkssprachlichen Drucke zeigen, daß das gedruckte Buch als Medium weit über den Kreis der lateinisch-sprachig Gebildeten hinausging. Die Abfolge von zahlreichen Abschriften mit der Hand zur Drucklegung läßt die steigenden Bedürfnisse nach religiösen Büchern dieser Art in einem breiter werdenden Publikum erkennen. Wie die Nachfrage nach dem privaten Andachtsbild zum Holzschnitt, so führt die nach dem Andachtsbuch zum Buchdruck.
Solche Zusammenhänge in den Entstehungsbedingungen bildlicher und schriftlicher Massenmedien im Spätmittelalter werfen die Frage nach gemeinsamen Wurzeln europäischer Frühformen der Massenkommunikation insgesamt auf. Bei aller Unterschiedlichkeit der drei Medien Predigt, Holzschnitt und Buchdruck - ihre Entstehung und Entwicklung ist aus einem einheitlichen kulturellen Kontext zu verstehen. Ohne die spezifische Form der Massenpredigt, die sich im Abendland im Hochmittelalter entwickelt hat, wäre es hier nicht zu jener individualisierten Laienfrömmigkeit gekommen, durch die so starke Bedürfnisse nach privaten Andachtsbildern und Andachtsbüchern geweckt wurden. Insbesondere die Predigttätigkeit der Bettelorden bewirkte, daß sich monastische Frömmigkeitsformen auch außerhalb des Klosters in der Laienwelt auf individueller bzw. familialer Basis verbreiteten. In der Form der Dritten Orden haben sie dieser neuen Laienfrömmigkeit auch einen besonderen organisatorischen Rahmen gegeben. So läßt sich der - scheinbar - paradoxe Satz formulieren, daß religiöse Massenkommunikation religiöse Individualisierung bewirkt hat, die ihrerseits wiederum zu neuen Formen der Massenkommunikation führte.
Viele Zusammenhänge zwischen den behandelten Medien sind stärker vermittelt zu sehen, vor allem solche zwischen Predigt und Buchdruck. Das gilt etwa für die schon skizzierte Entwicklungslinie Predigt - Universität - vermehrte Schriftlichkeit - erhöhte Buchproduktion - Buchdruck. Die Predigtaktivitäten im Spätmittelalter haben vielfach die Prediger selbst zur Aufzeichnung bzw. Zuhörer zur Mitschrift angeregt. Predigtsammlungen waren ein stark verbreiteter Buchtypus, auch schon vor der Möglichkeit der Vervielfältigung durch den Druck. Es erscheint bezeichnend, daß große Predigerheilige sehr oft mit dem Attribut des Buches abgebildet wurden.
Allgemein gesprochen sind Predigten, religiöse Bilder und religiöse Schriften, die sich an ein Massenpublikum wenden, drei verschiedene Formen der religiösen Verkündigung. Verkündigung ist ein spezifisches Charakteristikum von "Buchreligionen", die eine in heiligen Schriften fixierte Offenbarung immer wieder neu zu vermitteln haben. Nicht alle "Buchreligionen" benützten alle drei Medien. Judentum, Islam und manche christlichen Gruppen hielten das Bild für ein unzulässiges Mittel. Nicht alle wandten sich mit diesen Medien an ein Massenpublikum. Alle drei auf der Basis der Massenkommunikation eingesetzt zu haben, ist eine Besonderheit der Westkirche, für die einige Erklärungsversuche zu bieten versucht wurde. Die Ursachen religiöser Massenkommunikation helfen verstehen, warum Massenkommunikation generell in der europäischen Geschichte eine so wesentliche Rolle gespielt hat: Die in religiösem Kontext entstandenen Kommunikationsmittel wurden sehr rasch darüber hinausgehend eingesetzt.
Einige Auswirkungen dieser neuen Formen der Massenkommunikation auf die europäische Gesellschaft seien bloß skizzenhaft angedeutet. Grundsätzlich schafft Massenkommunikation über Primärgruppen hinausgehend Gemeinsamkeiten in Bewußtsein, Haltungen, Einstellungen, Stimmungen, Hoffnungen, Ängsten. Dieses Phänomen läßt sich schon für die Kreuzzugspredigt des Hochmittelalters feststellen. Religiöse Begeisterung für neue Ziele, aber auch Antisemitismus und Millenarismus waren Folgen der europäischen Predigtaktivitäten. Der Millenarismus des Spätmittelalters ist ein gutes Beispiel für die neuen Möglichkeiten, kollektive Ängste durch Massenmedien zu erzeugen. Nicht nur Predigten trugen zu seiner Verbreitung bei, im 15. Jahrhundert waren es vor allem die als Holzschnitt verbreiteten Apokalypsebilder, die in diese Richtung wirkten.
Auf der Basis überregionaler Gemeinsamkeiten des Bewußtseins schufen die neuen Medien Voraussetzungen für religiöse, soziale und politische Bewegungen neuer Art. Das gilt von den Kreuzzügen bis zu den Bauernkriegen, von den Armutsbewegungen des Hochmittelalters bis zur Reformation. Solche Bewegungen konnten im Einklang mit der Kirche stehen, sehr wohl aber auch in Opposition zu dieser. Die Medien der Massenkommunikation haben gerade auch nonkonformistische und heterodoxe Bewegungen gestärkt. Durch sie erhielten solche Bewegungen immer mehr Breitenwirkung. Im Hochmittelalter konnte man noch von der Rechtgläubigkeit abweichende Lehren austilgen, indem man Ketzer gemeinsam mit ihren Büchern verbrannte. An der Wende zur Neuzeit ließ sich dies in Hinblick auf die massenhafte Verbreitung der Schriften nicht mehr erreichen. Daß der Erfolg der Reformation ohne Buchdruck nicht möglich gewesen wäre, war schon den Reformatoren selbst bewußt. Bereits früh wurde im Protestantismus Johannes Gutenberg als die große Vorläufergestalt Luthers wie ein Heiliger verehrt. Aus heutiger Sicht wird man der Bildpropaganda durch den Holzschnitt in der Wegbereitung der Reformation eine mindestens ebenso große Bedeutung zumessen.
Die neuen Massenmedien haben neue Formen der Öffentlichkeit geschaffen, und zwar in sehr unterschiedlicher Weise. Das Publikum eines Wanderpredigers konnte zunächst stark wechselnd, instabil und eher flüchtig sein. Wo es sich zur begeisterten Anhängerschaft formierte, kamen dauerhafte Bindungen zustande. Dies gilt ebenso bei ortsansässigen Predigern mit großer Anziehungskraft - etwa den Zuhörern des Jan Hus in der Bethlehemskapelle in Prag oder des Girolamo Savonarola in Florenz. Öffentlichkeitsformen ganz anderer Art entstanden durch den Buchdruck - etwa europaweit solche der gelehrten Welt.
Mit der Entstehung neuer Formen der Öffentlichkeit waren auch Veränderungen privater Lebenswelten verbunden. Von den Auswirkungen der spätmittelalterlichen Predigt auf die Ausbildung privater Frömmigkeitsformen war schon mehrfach die Rede. Privatisierung meint dabei nicht notwendig Individualisierung. Viele Formen privater Andacht waren familienbezogen. Das Christophorus-Bild über dem Kamin diente allen Haushaltsmitgliedern. Und aus den Andachtsbüchern wurde vielfach der ganzen Familie vorgelesen. In der Langzeitwirkung haben aber sicher Predigt, Holzschnitt, Buch und andere Massenmedien in dem Sinn individualisierend gewirkt, daß sie dem einzelnen die Möglichkeit zu einer alternativen Orientierung boten.
Predigt und Bildung hängen in ihrer Entwicklung - wie schon betont - auf's engste zusammen. Predigt setzt einerseits Bildung voraus und begünstigt daher die Entstehung von Bildungsinstitutionen bis hin zur Universität. Andererseits wird Bildung durch Predigt vermittelt - im allgemeinen Sinne der Erläuterung der Heiligen Schrift im Wortgottesdienst wie auch im speziellen als aus dem Predigtamt des Bischofs abgeleitete Lehrtätigkeit. Die Entfaltung des mittelalterlichen Predigtwesens war auch von einer Entfaltung des Bildungswesens begleitet. Daß der Buchdruck dieser Entwicklung entscheidende neue Impulse gab, liegt auf der Hand. Weniger selbstverständlich ist die Bildungswirkung der Bildmedien. Man darf jedoch davon ausgehen, daß zunächst sie entscheidend zu einer Erweiterung des Weltbilds über die unmittelbare Erlebniswelt hinaus beigetragen haben.
Das der Predigt zugrundeliegende Spannungsmoment, einen heiligen Text der Vergangenheit für die Gegenwart zu interpretieren, hat für wissenschaftliches Denken grundlegende Bedeutung. So wurde die Predigtrevolution des Hochmittelalters von zukunftsweisenden Neuansätzen der Wissenschaftsentwicklung begleitet. Zunehmende Verschrift-lichung gab neue Impulse. Denn schriftliche Fixierung bedeutet gegenüber mündlicher Tradition eine dauerhafte Festlegung von Standpunkten, die Nachfolgende zur Auseinandersetzung anregt. Das fördert Reflexion und abstraktes Denken. Der Buchdruck hat differente Positionen in bisher nicht dagewesener Weise festgelegt und zugänglich gemacht. Für den kritischen Diskurs der Wissenschaft bedeutete diese quantitative Veränderung einen qualitativen Sprung.
Mit weitreichenden Folgen haben die im Spätmittelalter entwickelten Formen der Massenkommunikation die Sprachentwicklung beeinflußt. Die überregionale Predigttätigkeit in Volkssprachen verlieh diesen eine starke Verankerung im kirchlichen Bereich. Der Buchdruck konnte hier anschließen, insbesondere durch die volkssprachlichen Ausgaben von Bibelübersetzungen. In vielen Regionen Europas wurden diese zur Grundlage für die Schriftsprache.
Insgesamt förderte der Buchdruck Tendenzen zur sprachlichen Vereinheitlichung, eine Wirkung, die für Medien der Massenkommunikation auf sprachlicher Grundlage generell gilt. Sprachliche Vereinheitlichung bedeutet aber nicht nur Gemeinsamkeit formaler Zeichen, sie bedeutete auch Vereinheitlichung von damit verbundenen kulturellen Werten. So wurden durch die Innovation des Buchdrucks wichtige Voraussetzungen für die Ausbildung von Sprach- und Kulturnationen in neuerer Zeit geschaffen.
Viele Besonderheiten des spezifisch europäischen Wegs der Gesellschaftsentwicklung, die in der Neuzeit in Erscheinung treten, lassen sich im Kontext kommunikativer Veränderungen des Hoch- und Spätmittelalters erklären. Die damals im Rahmen der Westkirche entstandenen Kommunikationsstrukturen stellen selbst - im interkulturellen Vergleich betrachtet - eine Besonderheit dar. Nirgendwo sonst in der Welt gab es damals derart intensive und derart weitreichende Kommunikationsformen über Primärgruppen hinaus. Daß Massenmedien für den europäischen Sonderweg besonders wichtig wurden, wird auf diesem Hintergrund verständlich.

Literatur

Artikel "Predigt" in: Theologische Realenzyklopädie 27 (1997), 225-319.
F. R. ALBERT, Die Geschichte der Predigt in Deutschland bis Luther. 3 Bde. Gütersloh 1892-1896.
W. SCHÜTZ, Geschichte der christlichen Predigt. Berlin 1972.
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H. Th. MUSPER, Der Holzschnitt in fünf Jahrhunderten. Stuttgart o.J.
M. FRIEDLÄNDER, Der Holzschnitt. Berlin 1970.
H. BELTING, Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. München 1990.
Artikel "Buchdruck", Lexikon des Mittelalters 2. München 1983, Sp. 815.
Th. F. CARTER, The Invention of Printing in China and its Spread Westward. New York 1925.
D. HAY, Fiat Lux, in: Bücher die die Welt verändern, hgg. von J. Carter/ P. H. Muir. München 1968.
S. MORENZ, Entstehung und Wesen der Buchreligion, in: ders., Gesammelte Aufsätze. Köln-Wien 1975.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/98. 28. Jg. S. 69 - 78.
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