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Helmut Opletal

Durch Nein-Sagen zur Weltmacht? Nationalismus in China von Mao Zedong bis Deng Xiaoping

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/98. 28. Jg. S. 171 - 178.

Wer Anfang 1989 auf der Pekinger Eliteuniversität "Bei Da" mit jungen Studenten diskutierte, und das gleiche dann ein paar Jahre später wieder tat, der sah sich mit einem fundamentalen Wandel von Meinungen und politischem Interesse konfrontiert: Damals, im "Pekinger Frühling" vor den Tian'anmen-Massakern, waren Demokratie, Freiheit und Menschenrechte die Hauptthemen gewesen, die die angehenden chinesischen Akademiker erregten. Und nicht von ungefähr errichteten Kunstschüler am Höhepunkt der Demonstrationen vor dem 4. Juni auf dem Tian'anmen-Platz die Statue einer "Göttin der Demokratie", die der amerikanischen Freiheitsstatue recht ähnlich sah.
Zwei, drei Jahre später, mit der nächsten Studentengeneration, hatte sich die Stimmung völlig gedreht: Nicht mehr freie Wahlen und Bürgerrechte faszinierten die jungen Intellektuellen, sondern Chinas möglicher Aufstieg zu einer zukünftigen Weltmacht, die auch dem "Westen", den "Amerikanern", die Stirn bieten könnte. Nicht mehr Gorbatschow oder Lech Walesa waren nun die Idole, sondern einige Studenten trugen wieder baumwollene Mao-Anzüge wie in den sechziger Jahren und hefteten sich Plaketten des 1976 verstorbenen Revolutionsführers an die Brust. Er hatte China, so sagte man, "die nationale Würde" wiedergegeben.
Und nach dem Zerfall der Sowjetunion verstiegen sich chinesische Akademiker in privaten Zirkeln sogar zu der Forderung, jetzt, wo Rußland schwach und China wieder stark sei, sollte Peking die von den Zaren annektierten Gebiete in Zentralasien und im sibirischen Fernen Osten militärisch zurückerobern. Nationalismus war zur neuen gefährlichen Ideologie geworden.
Auch eine andere Episode demonstriert eine Gefühlslage, die in den letzten Jahren in China oft zu beobachten war: Es ist die Geschichte eines erfolgreichen jungen Studenten aus tiefer chinesischer Provinz, der es an eine renommierte Universität in Amerika geschafft hat und dort sein Studiengeld mit Jobs in Restaurants verdient. Als er das 1994 zum Neujahr seiner Mutter, einer einfachen Bäuerin, über das dort gerade neu installierte Telefon erzählt, ist diese entsetzt: "Mach Dir nichts draus", versucht sie ihn zu trösten, "wenn Ihr Euch Wissen angeeignet habt, und unser Land stark geworden ist, dann werden auch wir sie für uns Geschirr abwaschen lassen" (Zhao 1997:744).
Da steckt vieles drinnen: Einmal die immer noch verbreitete Unkenntnis anderer Kulturen (daß es etwa in Amerika ganz normal ist, daß auch hochqualifizierte Studenten durch solche Jobs dazu verdienen), die unterschiedlichen Wertesysteme (in China gelten Dienstleistungsberufe immer noch als erniedrigend), ein latentes Minderwertigkeitsgefühl der Chinesen gegenüber dem Westen ("wir werden immer wieder ausgenutzt"), aber auch die Überzeugung, in Wirklichkeit doch die überlegene Zivilisation zu besitzen und daher eines Tages nach oben zu kommen (um die erlittene Schmach dann auch in irgendeiner Form "heimzuzahlen").
Ob wahr oder nur gut erfunden, die Geschichte führt uns an das Phänomen eines alltäglichen Volksnationalismus, der spätestens seit der politischen Wende nach "Tian'anmen" (1989) wieder deutlicher als früher sichtbar und hörbar geworden ist. Doch zum Teil hat er auch schon vorher existiert, neben einer langen Tradition des Staatsnationalismus (Zhang 1997:27), der in einer beinahe geraden Linie alle politischen Erneuerungsbewegungen seit dem 19. Jahrhundert bis zu Mao Zedong, Deng Xiaoping und Jiang Zemin geprägt hat - ein endloses Thema für Historiker, Soziologen, Kulturphilosophen und Politikwissenschafter. Aus der aktuellen Perspektive drängen sich dabei ein paar Fragen auf:
- Ist der Nationalismus nach der Diskreditierung des klassischen Marxismus-Leninismus und Maoismus zum Ideologieersatz geworden?
- Wie sind Alltagsnationalismus und kalkulierter Staatsnationalismus des Staates miteinander verknüpft?
- Welche Auswirkungen hat dieser Nationalismus auf das politische Verhalten Chinas, vor allem gegenüber anderen Staaten und Minderheiten im eigenen Land?
- Wie weit kann es einen "gemäßigten" kulturbezogenen Nationalismus als positive Triebkraft geben?
- Wie weit stecken in diesem chinesischen Nationalismus Gefahren?

Nationalismus, Internationalismus, Patriotismus

Zunächst eine Begriffsklärung: In China kann "Nationalismus" (minzuzhuyi) positiv (im Sinne eines nationalen Befreiungskampfes) oder negativ (im Sinne eines "kleinbürgerlichen" N. im Gegensatz zum Lenin'schen "Internationalismus") besetzt sein, doch in der (positiven) chinesischen Selbstdarstellung ist viel häufiger noch von "Patriotismus" (aiguozhuyi) die Rede, wobei die Grenze zwischen den Bedeutungen schwer zu ziehen ist: "Patriotismus" hebt jedenfalls mehr den moralischen Aspekt hervor, Nationalismus den ethnischen (Zhang 1997:29).
In jedem Fall schwingt bei der Verwendung des Begriffs in China nicht nur die marxistische Betrachtungsweise mit, die nationale Gegensätze immer als den "Klassenwidersprüchen" untergeordnet betrachtet, sondern das Wort ist im heutigen chinesischen politischen Denken auch tief verwurzelt als erstes der "Drei Volksprinzipien" (san minzhuyi) des Republikgründers Sun Yatsen. Er verstand "Nationalismus" auch als Bewegung gegen die "fremde" Kaiserdynastie der Mandschus und - im weiteren Sinne - auch gegen ausländische (vor allem auch japanische) Dominierung und Überfremdung.
Doch ethnisch fundierte Ausgrenzungs-Ideologien hat es in China und Asien nie in einem dem Hitlerschen Rassenwahn auch nur ansatzweise vergleichbaren Maße gegeben - daher fehlt auch weitgehend eine Belastung des Nationalismus-Begriffs durch faschistoide Blut-und-Boden-Theorien.

Von der Kaiserzeit bis Deng Xiaoping

Im "nationalistischen" Denken der politischen Erneuerer von den bürgerlichen Reformern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts Jahrhunderts über Sun Yatsen bis zu den Kommunisten Mao Zedong und Deng Xiaoping ging es fast immer darum, China stark und mächtig zu machen, um es aus Abhängigkeit und fremder Dominanz zu befreien.
Doch fast immer standen solche nationalistischen Ansätze auch vor einem Dilemma: Die Reform- und Revolutionskonzepte kamen ebenfalls aus dem Ausland oder waren zumindest "ausländisch" geprägt. Ein Bild, das jeder Besucher Pekings in den siebziger Jahren erleben konnte, erscheint typisch dafür: Zu Zeiten noch, als Mao Zedong seinem Riesenreich weitgehende Isolation und Abschottung verpaßte, da wurden zu hohen politischen Feiertagen auf dem Tian'anmen-Platz, gegenüber dem Eingangstor mit dem Bildnis Maos, noch die überlebensgroßen Porträts der fünf revolutionären Ahnväter Marx, Engels, Lenin, Stalin und Sun Yatsen aufgestellt: vier Europäer (wenn man den Georgier Stalin als solchen dazuzählt) und ein Chinese, der große Teile seines Reformdenkens (Demokratie, Sozialstaat, _) erst recht wieder vom Westen bezogen und weiterverarbeitet hatte.
Die nationalistischen Gefühle der Chinesen waren also oft ambivalent: Die Ablehnung des "Fremden" maß sich ihrerseits erst recht wieder an dessen Maßstäben, die politischen und ideellen Rezepte "eigenständigen" nationalen Erstarkens waren ihrerseits von importierten Ideologien geprägt.
Natürlich wußte man um diese Zwiespältigkeit Bescheid. Immer wieder wurde versucht, Selektionskriterien zu definieren: "Das Fremde für China nutzbar machen" (yang wei Zhong yong), hieß ein solches Schlagwort bei Mao Zedong; und als Grundprinzip für Deng Xiaopings "Sozialismus mit chinesischem Gesicht" gilt, daß man zwar die ökonomischen Errungenschaften des Westens in China übernehmen, ideologische und kulturelle Einflüsse zugleich aber möglichst fernhalten will. In der Praxis erwies sich das meist als sehr willkürliche Abgrenzung, was blieb, war meist die Abgrenzung an sich.
Mit dem ökonomischen und politischen Erstarken asiatischer Länder - ein erstes Mal durch den unseligen Aufstieg Japans vor dem Krieg, dann noch einmal mit dem wirtschaftlichen Asienboom der achtziger und neunziger Jahre - gab es immer wieder auch Versuche, die nationalen Ambitionen aus dieser Fremdbezogenheit zu lösen und aus eigenen Werten und Traditionen zu begründen, also ein japanisches, chinesisches, "asiatisches" Modell des Fortschritts bzw. einer überlegenen Entwicklung zu definieren. Auch die aktuelle Debatte über ein "asiatisches" oder "neo-konfuzianisches" Fortschrittsmodell zielt in diese Richtung. Japans Größenwahn im Zweiten Weltkrieg und einige jüngere nationalistische Tendenzen in China lassen allerdings auch die Gefahren eines darauf begründeten Nationalismus deutlich werden.

Nationalismus unter Mao

Auch Mao Zedongs Revolution war in ihrem Grunde eine nationalistische Bewegung, wobei viele seiner Denk- und Handlungsansätze weit über das Ziel einer "nationalen Befreiung" (von der japanischen Aggression und den teilweise halbkolonialen Verhältnissen der Vorkriegszeit) hinausgingen und zeitweise zu einer übersteigerten und (für das internationale Umfeld und auch China selbst) bedrohlichen Selbstüberschätzung und Xenophobie wurden.
Dabei waren etliche der Entwicklungen unmittelbar nach der Errichtung der Volksrepublik im Jahr 1949 noch mit der Neuorientierung auf die Sowjetunion und ihre Verbündeten und den Notwendigkeiten, nach den Kriegs- und Revolutionswirren wieder Ordnung herzustellen, erklärbar: Die rasche Ausweisung bzw. sanfte Verdrängung fast aller Ausländer, die damals in China lebten (allein in Schanghai waren es immer noch Zehntausende), die Unterbrechung der meisten internationalen Wirtschafts- und Kulturkontakte, an deren Stelle bald ausschließlich die streng reglementierten offiziellen Beziehungen zu sozialistischen Bruderstaaten traten.
Doch auch mit diesen sollte es nach nur wenigen Jahren zu Ende gehen: Etwa ab 1956, als Stalin tot war, und der "Tauwetter"-Politiker Nikita Chruschtschow in Moskau die Macht übernommen hatte, zeichneten sich allmählich die Risse im chinesisch-sowjetischen Verhältnis ab. Zwei, drei Jahre später war der Bruch besiegelt. Zehntausende Technik- und Wirtschaftsexperten, Berater und Studenten aus der Sowjetunion und den sozialistischen Ländern Osteuropas verließen beinahe über Nacht China. Nach offizieller Pekinger Lesart wurden sie "einseitig" und zur bewußten Schädigung Chinas abgezogen, doch in Wirklichkeit war es wohl ein wechselseitiger Vertrauensschwund, an dem auch China mitgewirkt hatte: In dem Maße, in dem Moskau die Chinesen sein politisches Hegemoniestreben spüren ließ (doch war das unter Stalin etwa weniger gewesen?), wuchs unter Mao ein nationalistisch motiviertes Selbstbewußtsein - verbrämt durch Slogans wie "Vertrauen auf die eigene Kraft" (zi li geng sheng) -, das den brüderlichen Beratern zu verstehen gab, daß man sie in Wirklichkeit bestenfalls duldete.
Dem sowjetischen Hegemoniestreben folgte bald der chinesische Anspruch, den allein "richtigen" Kommunismus zu vertreten. Oft weit jenseits aller sachlichen Debatten wurde das sowjetische Modell nun als generelle Fehlentwicklung qualifiziert, spätestens ab den sechziger Jahren wurden die Machthaber in Moskau als "neue Zaren" bezeichnet. Und aus den russischen Gebietsaneignungen in Zentralasien und Fernost im 18. und 19. Jahrhundert, über die beide Seiten zunächst pragmatisch hinweggegangen waren, wurde plötzlich ein chinesisch-sowjetischer Grenzkonflikt, der die beiden Staaten 1968 am Ussuri-Fluß an den Rand eines Krieges führte.
Wir finden uns (seit 1966) schon mitten in der "Kulturrevolution", Maos Massenbewegung der revolutionären Volksmobilisierung, mit der er - unter Verkündung einer radikalen Sozialismus-Utopie - auch politische Widersacher aus der Parteiführung zu entmachten trachtete. Diese "Kulturrevolution" bediente sich auch offener Fremdenfeindlichkeit, trotz gleichzeitiger internationalistischer Rhetorik.
Als die Roten Garden Geschäfte, Bibliotheken und Archive stürmten, suchten sie vor allem nach "Ausländischem", das (zusammen mit allen Relikten der eigenen "feudalen" Tradition) vernichtet wurde. Das "Ausländische anbeten" (bai yang) oder "Sklave des Ausländischen" (yangnu) zu sein, gehörte zu den angeprangerten "Verbrechen" der Intellektuellen, ob es sich um Literatur oder Naturwissenschaft, Lebensart oder persönliche Kontakte handelte. Bücher und Kunstobjekte landeten oft auf dem Scheiterhaufen, Chinas Alltag wurde von allem Fremden (und Traditionellem) gesäubert.
Und der Internationalismus - die vielzitierte "Solidarität zwischen den Völkern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas", die eigentlich die Klassengegensätze über alle nationalen Widersprüche heben sollte - wurde von der chinesischen Propaganda rasch in einen bevormundenden Paternalismus verkehrt. Und der allgegenwärtige Personenkult um Mao Zedong wurde mit dem Ziel einer von ihm inspirierten Weltrevolution verknüpft.
Bilder zeigten damals Chinas "Großen Führer", verehrt von den Völkern der Welt, oder afrikanische Guerillakämpfer mit der roten Mao-Bibel in der Hand. Auf chinesischen Landkarten sandte die "rote Sonne" (natürlich Mao persönlich) ihre Strahlen über den ganzen Globus aus. Und auf zwei 1967 verausgabten Briefmarken kann man die Parolen lesen "Der Vorsitzende Mao ist die rote Sonne in den Herzen der revolutionären Völker der Welt!" und "Die revolutionären Völker der Welt lieben den Vorsitzenden Mao innigst und grenzenlos!". Darauf abgebildet sind Araber, Afrikaner, Lateinamerikaner im Che-Guevara-Look und blonde Europäerinnen, die den großen Vorsitzenden bejubeln.
Doch Mao Zedongs China appelliert auch in anderer Form an nationalistische Reflexe, nämlich in einer Geschichtsschreibung, die immer weniger eine dialektische und historisch-materialistische Analyse betreibt, sondern zu einem Schwarzweißbild hingebogen wird, das vor allem propagandistische Parallelen suggerieren soll: Qin Shi Huang zum Beispiel, der Despot, Bücherverbrenner und Reichseiniger vor mehr als 2000 Jahren, wird als historischer Nationalheld präsentiert (Maos Vorbild?); und die zahlreichen Volksbewegungen der Geschichte - Bauernaufstände, Widerstand im Opiumkrieg, die Taiping-Rebellion Mitte des 19. Jahrhunderts oder auch der beileibe nicht immer revolutionäre Boxer-Aufstand werden vor allem mit ihren anti-ausländischen Zielen und Parolen hervorgehoben und zu einer kontinuierlichen Reihe des Kampfes um nationale Unabhängigkeit hochstilisiert, der schließlich in Maos Revolution seine Vollendung findet.

Nationalismus unter Deng

Das Jahr 1978 - Mao ist zwei Jahre tot, der viele Jahre lang politisch geächtete Deng Xiaoping in die Parteiführung zurückgekehrt - wird als der Beginn der Öffnungs- und Reformpolitik angesehen. Von der radikalen "Kulturrevolution" hatte sich China schon abgewandt, eine außenpolitische Wende weg von der internationalen Isolation war vorsichtig mit dem UNO-Beitritt 1971 und dem historischen Besuch des US-Präsidenten Richard Nixon in Peking im Februar 1972 eingeleitet worden. Deng Xiaoping mit seiner Politik der "Ent-Maoisierung" versuchte die langjährige Abkapselung von der Welt in eine rasche Öffnung des Landes umzukehren - vor allem ökonomisch, doch es zeigte sich bald, daß Wirtschaft und Politik schwer zu trennen waren.
Die früher zum Teil xenophobischen Tendenzen des Maoismus kippten in Teilen der Bevölkerung, vor allem unter den Intellektuellen, aber auch unter Politikern und Funktionären, rasch in eine dezidiert pro-westliche und pro-amerikanische Stimmung, fast einen "prowestlichen Komplex" (Zhao 1997:725): Das Bild von Deng Xiaoping, wie er bei seinem USA-Besuch Anfang 1979 einen Cowboyhut aufsetzt und so den Amerikanern und eigenen Landsleuten zuwinkt, könnte symbolischer kaum sein.
Nicht nur westliches Wirtschaftsdenken, auch politische Ideen und Lebensart wurden in den Medien aufgegriffen, und nicht nur ökonomische und naturwissenschaftliche Fachbücher, sondern auch die lange verbotenen Werke der westlichen Literatur und Philosophie wurden in den achtziger Jahren in großer Zahl übersetzt. Ein richtiggehendes "Vom-Westen-lernen-Fieber" (xixue re) kam auf. Es knüpfte weitgehend an jenes Modernisierungsdenken an, das schon im 19. Jahrhundert entstanden war, an einen chinesischen "Anti-Traditionalismus", der aber immer zutiefst nationalistisch geblieben war (ebenda:727), der den "Traum eines neuen Weges zu nationaler Größe" pflegte, indem er "das Geheimnis des Erfolges des Westens" zu ergründen trachtete (ebenda:729).
Seinen massenwirksamen literarischen und medialen Niederschlag fand dieses Denken in der 1988 ausgestrahlten sechsteiligen Fernsehserie "Flußelegie" (Heshang), einer kritischen Auseinandersetzung mit den traditionellen Symbolen der chinesischen Kultur, die nach Meinung des Hauptautors Su Xiaokang seit Jahrhunderten das weite Hinterland, die Lößebenen am Gelben Fluß, in kultureller Erstarrung hielten und den Fortschritt in China blockierten; oder weniger positiv formuliert, ein "Lamentieren über den Niedergang einer stolzen Zivilisation" (ebenda:727f).
Doch auch hier bleibt der Blick auf den "Westen" zwiespältig: Im Hintergrund steht immer der Mythos eines "großen, mächtigen und wohlhabenden Reiches" im vormodernen China (ebenda:725), das von einem aggressiven und feindlich gesinnten Westen seit dem Opiumkrieg gnadenlos gedemütigt und ausgebeutet worden ist (ebenda:729). Doch auch die moderne westliche Gesellschaft kommt nicht ungeschoren davon: Neben der Romantisierung der westlichen Erfolgsstory steht auch ein Bild des Westens als "oberflächlicher Konsumkultur".
Ein Grund für solche Widersprüche und fehlende Orientierung war, daß zu dieser Zeit nur sehr wenige chinesische Intellektuelle Gelegenheit gehabt hatten, Europa, Japan und Amerika aus eigener Anschauung und Erfahrung kennenzulernen. Doch das sollte sich allmählich ändern, als in den achtziger Jahren Zehntausende Chinesen in Europa und den USA studierten oder sich im Rahmen von Delegationen und Austauschprogrammen kurzzeitig im Westen aufhielten, und noch mehr Ausländer als Geschäftsleute oder Akademiker nach China kamen.
Gleichzeitig hat das Fernsehen einen Siegeszug angetreten. 250 Millionen Geräte stehen mittlerweile in den chinesischen Haushalten und liefern - dank Liberalisierung - auch die bunte, weite Welt frei Haus; nicht unzensiert zwar (vor allem was Sex und politische Inhalte betrifft), aber doch genug an Alltagsbildern, Spielfilmen und Seifenopern, um ein neues, zwar auch nicht realistisches Bild vom Westen zu prägen, das aber die Mythen der späten siebziger Jahre nachhaltig relativiert hat.

Verwestlichung und "geistige Verschmutzung"

Schon in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre verbreitete sich in China ein differenziertes Bild des internationalen Umfelds, und es kam auch zunehmend zu politischen Auseinandersetzungen zwischen pro- und anti-westlichen Strömungen, die zum Teil noch von den ideologischen und personellen Rivalitäten zwischen Erneuerern und konservativen Maoisten aus den siebziger Jahren überlagert waren.
Enttäuschungen über das westliche Gesellschaftsmodell nahmen aus verschiedenen Gründen zu. Eine erste "De-Romantisierung" (Zhao 1997:730) löste den prowestlichen Reflex ab, in dem zunächst einmal in zynischer Umkehrung alles für gut befunden worden war, was die diskreditierte Parteipropaganda kritisiert hatte.
Vor allem die Konservativen - selbst ein Sammelsurium aus Altmarxisten, Veteranen des "Langen Marsches", Kulturtraditionalisten und Seilschaften aus Maos "Kulturrevolution" - machten dabei die Bewahrung der chinesischen Gesellschaft vor allzu kapitalistischen und westlich geprägten Einflüssen zu ihrem zentralen Anliegen und brachen in den offiziellen Medien Kampagnen gegen "Verwestlichung" und (1981) "geistige Verschmutzung" (jingsheng wuran) vom Zaun.
Doch während es in diesen Debatten vor allem um politische und ideologische Positionen ging, erwachten - als Nebenprodukt der Liberalisierung in Alltag und Denken - auch nationalistische Stimmungen im Volk, wie sie in dem kontrollierten und rigid gesteuerten Alltag zu Maos Zeiten kaum Chance auf Entfaltung gehabt hätten - ein Volksnationalismus, der auch allen offiziellen politischen Intentionen - der Reformer und der Konservativen! - zuwiderlief.
So konnte man Mitte der achtziger Jahre in den Straßen von Peking chinesische Kriegsveteranen sehen, die japanische Reparationszahlungen einforderten - zum Leidwesen der Regierung, die die schwierigen Beziehungen zu Japan möglichst wenig belasten wollte. Chinas Rückkehr in internationale Sportwettkämpfe mündeten 1985 in Ausschreitungen von Fußballfans nach verlorenen internationalen Spielen (Barmé 1996:185). Und mehrmals während der siebziger und achtziger Jahre kam es an chinesischen Universitäten zu gewalttätigen und rassistischen Übergriffen gegen afrikanische Kommilitonen (Zhang 1997:40).

Die Wende nach 1989: Nationalismus statt Sozialismus

Die blutige Niederschlagung der Demokratie- und Studentenbewegung auf dem Tian'anmen-Platz Anfang Juni 1989 signalisierte einen Wendepunkt in den nationalen Gefühlen der chinesischen Bevölkerung. Nach anfänglicher großer Verbitterung über die gewaltsame Unterdrückung des Volksaufstandes griffen auch bei vielen Intellektuellen immer öfter nüchternere Sichtweisen Platz. Dieser im Westen oft wenig verstandene Bewußtseinswandel wird aber durch eine ganze Reihe innerchinesischer und internationaler Entwicklungen Anfang der neunziger Jahre erklärbar:
- Nach dem Zerfall der Sowjetunion (insbesondere nach dem August 1991) wuchs in China die Überzeugung, daß durch Tian'anmen letztlich auch ein russisches Schicksal abgewendet worden war (formale Demokratisierung, aber dramatische wirtschaftliche Einbrüche und Auseinanderfallen des Staates).
- Die Erkenntnis, daß die Übernahme "westlicher Werte" die Lage in den meisten Ländern Osteuropas nicht wirklich verbessert hat (Barmé 1996:186).
- Ein zunehmendes Unbehagen über die "neue Weltordnung", die ausschließlich von der verbliebenen Supermacht USA dominiert wird (ebenda:184).
- Auch eine wachsende Skepsis gegenüber dem westlichen Gesellschaftsmodell bei Chinesen, die selbst im Ausland ernüchternde Erfahrungen gemacht haben.
Festgehalten wurden solche Eindrücke etwa in einem 1996 erschienenen Bestseller von Qian Ning, dem Sohn des Außenministers Qian Qichen, mit dem Titel "Studieren in den Vereinigten Staaten" (Liuxue Meiguo), in dem er über ökonomische Ausgrenzung, Diskriminierung und Kehrseiten der amerikanischen Gesellschaft berichtet (Zhao 1997:742). Auch eine 1993 ausgestrahlte extrem populäre Fernsehserie "Ein Pekinger in New York" (Beijingren zai Niu Yue) thematisierte die Ängste vieler Chinesen, in den Gesetzmäßigkeiten der neuen Weltordnung zurückzubleiben.
Sehr geschickt wurden außerdem von der chinesischen Führung die westlichen Sanktionen gegen China nach den Tian'anmen-Massakern als Signale einer offensiven anti-chinesischen Eindämmungspolitik ("containment") präsentiert. Tatsächlich mehrten sich in den USA Stimmen, die dafür eintraten, die aufstrebende Großmacht China in die Schranken zu weisen. In dem 1993 erschienenen Aufsatz Samuel Huntingtons "The Clash of Civilizations" fanden zahlreiche chinesische Kommentatoren die Bestätigung für eine solche Gefahr.
Auch die 1993 knapp gescheiterte Olympiabewerbung Pekings trug - weit über offizielle Meinungsmache hinaus - zum Entstehen anti-westlicher Ressentiments bei. Dem aufkommenden Nationalismus lieferte die nicht zuletzt von den USA betriebene Ablehnung Chinas Munition für seine Entfaltung. "Gebt China eine Chance" (gei Zhongguo yige jihui), hatten die chinesischen Medien zunächst nüchtern gefordert, doch in der Pekinger Propagandasprache wurden daraus bald Mythen von einem übermächtigen "chinesischen Geist" (Zhongguo jingshen), der, wenn es sein muß, auch "Berge versetzen und Ozeane trockenlegen" kann (auch das ist wieder ein Rückgriff auf Maos berühmten Artikel zur nationalen Mobilisierung "Yu Gong versetzt Berge"), gepaart mit der mehr oder weniger suggerierten Ansicht, daß die Welt aufgrund begangenen historischen Unrechts China eigentlich etwas schulde (Barmé 1996:187f).
Mehr als je zuvor in der jüngeren chinesischen Geschichte verwischen sich in der Nationalismus-Frage die Grenzen zwischen offizieller Politik und "Ressentiments von unten". Nachdem die klassische maoistische und marxistisch-leninistische Ideologie durch das Scheitern staatlicher Planwirtschaften und den allgemeinen Niedergang des internationalen Kommunismus Anfang der neunziger Jahre diskreditiert ist, füllt - nicht anders als in vielen Gesellschaften Osteuropas - immer öfter nationalistisches Gedankengut dieses Vakuum.
Die kommunistische Parteiführung sieht sich selbst immer mehr in der Rolle der "Hüterin der chinesischen Kultur" (Zhang 1997:31) gegen fremde Einflüsse, sie versucht daraus neue Kraft und Legitimation zu schöpfen und das durchaus im Einklang mit einem großen Teil der chinesischen Intelligenzia, die in einem ,postmodern' gewendeten kulturellen Neo-Konservativismus und einem affirmativen neuen Nationalismus" (Schubert 1997:74) eine Abgrenzung von westlichen Modellen sucht.
Auf das "Vom-Westen-lernen-Fieber" folgte nun ein "Über-China-lernen-Fieber" (guoxue re), eine Rückbesinnung auf eigene, vor allem konfuzianische Traditionen. Ja, ein wahrer Konfuzius-Kult erfaßt China, wird Teil einer neuen nationalistischen Ideologie, die chinesische/"asiatische" Werte dem westlichen Denken gegenüberstellt. Politiker und Parteimedien fordern "Nationalerziehung" (guoqing jiaoyu, eig. "Erziehung über die Lage der Nation") und "patriotische Erziehung" (aiguo jiaoyu) ein (Barmé 1996:186). Der asiatische Wirtschaftsboom und der von westlichen Medien und Politikern ebenfalls hochstilisierte Mythos eines unaufhaltsamen Aufstiegs Asiens zur führenden Weltregion des 21. Jahrhunderts kamen dabei zu Hilfe (ebenda:189).
Auch das Wiederaufleben eines Mao-Kultes zu Beginn der neunziger Jahre (die Unistudenten, die sich Mao-Abzeichen an die Brust heften, das Erscheinen umfangreicher Mao-Literatur, usw.) fügt sich in dieses Bild einer nationalistischen Renaissance. Der Kult bezieht sich vor allem auf die nationale Haltung des früheren Revolutionsführers: Mao hatte die Supermächte immer auf Distanz gehalten, und Mao, so meinten auch viele, hätte der chinesischen Nation damals jene Würde und jenes Selbstwertgefühl gegeben, das im Zuge der Öffnungspolitik unter Deng wieder verlorengegangen sei (vgl. Barmé 1996:187).

"China kann nein sagen"

"China kann nein sagen" ist der Titel eines 1996 erschienenen und millionenfach nachgedruckten Bestsellers, der die verbreitete nationalistische Stimmung auf den Punkt bringt: China sollte vor allem den US-amerikanischen Weltmachtallüren die Stirn bieten. Zu zahlreichen durchaus plausiblen Feststellungen und Argumenten zur amerikanischen Politik nach dem Ende des "Kalten Krieges" mischen sich auch sehr bedenkliche Aussagen, etwa die Aufforderung an die chinesische Bevölkerung, keine Angst vor dem Krieg mit den Großmächten zu haben, oder die Diffamierung jener, die in China mit ausländischen Firmen zusammenarbeiten als "Kompradoren von heute", also als "Handlanger von Kolonialisten" (Zhang 1997:41).
Doch nationalistische Beiträge kommen nicht nur von den konservativen Parteitraditionalisten (denen die Autoren von "China kann nein sagen" zugerechnet werden), sondern auch von "Dissidenten" wie dem früheren Anwalt und 1994 zeitweise inhaftierten Menschenrechtsaktivisten Yuan Hongbin. In einem 1990 erschienenen Buch "Wind über der Lößebene" (Huangyuan feng) verlangt er "neuen Heroismus", dem das Schicksal der "Rasse" und nicht individuelles Freiheitsstreben zum Hauptanliegen wird. Das Buch - zwischen "New-Age-Nitzscheanismus" und "Sino-Faschismus" angesiedelt (Barmé 1996:203) - fand damals unter der frustrierten, nach neuen Interpretationen suchenden Studentengeneration nach Tian'anmen großen Anklang.

Zukünftige Weltmacht China

Vor allem in der ersten Hälfte der neunziger Jahre ist auch eine deutliche Radikalisierung der chinesischen Außenpolitik, und auch der Politik in bezug auf die umstrittenen Inseln im Südchinesischen Meer, auf Taiwan, Hongkong und Tibet (die alle auch internationale Komponenten haben) zu beobachten. Die Außenpolitik (und Minderheitenpolitik) war durch nationalistische Einflüsse stark geprägt:
- Hatte man in den achtziger Jahren noch eine pragmatische Kontaktaufnahme mit Taiwan beobachtet (Öffnung für taiwanesische Touristen, Investitionen, etc.), bei der Grundsatzfragen geschickt außer acht gelassen wurden, so steuerte Peking nun zielstrebig auf einen Abbruch aller hochrangigen Kontakte hin (1995) und unterstrich die militärische Option, die sich die kommunistische Führung offenhalten wollte (Marineübungen vor Taiwan 1996).
- Hatte Peking vor 1989 dem Dalai Lama noch Gespräche über die politische Zukunft Tibets angeboten und schwere Fehler in der Minderheitenpolitik eingestanden, so setzte die zentrale Führung nun auch in bezug auf Tibet auf einen verstärkten Einsatz von Polizei und Militär und die Ausgrenzung und Diffamierung der Dalai-Lama-Anhänger.
- Durch unnachgiebige Territorialansprüche und eine verstärkte Militärpräsenz um die zwischen sieben Regierungen umstrittenen Inseln im Südchinesischen Meer (und den riesigen umliegenden Territorialgewässern) schürte Peking in Südostasien Ängste vor einem chinesischen Expansionismus (Chanda/Huus 1995:22).
- Und auch in der Frage der damals bevorstehenden Rückgabe Hongkongs zog sich Peking auf Grundsatzpositionen zurück, die schließlich zu einem Bruch mit London in dieser Frage (und einer wiederholten Brüskierung der öffentlichen Meinung in Hongkong) hinauslief.
In außenpolitischen Erklärungen und internationalen Kontakten nahm China immer mehr für sich in Anspruch, das zu sein (oder zu werden), was auch die USA, Rußland, Frankreich oder Japan seit langer Zeit für sich als selbstverständlich betrachten: Weltmacht oder zumindest regionale Ordnungsmacht zu sein, die die Regeln internationaler Beziehungen mitbestimmt und dabei durchaus eigennützig handeln darf. "Es fällt den Chinesen schwer zu verstehen, warum sie nicht tun dürfen, was andere Großmächte getan haben: Atomwaffen testen, Waffen verkaufen, verlorene Territorien zurückerobern, die Umwelt verschmutzen", wird der Pekinger Sozialwissenschafter Wang Jisi zitiert (Chanda/Huus 1995:23).
Vor allem auch Militärs (u.a. der bekannt anti-amerikanische Strategieforscher He Xin) drängten in der ersten Hälfte der neunziger Jahre auf einen härteren Kurs gegenüber den USA, in der Menschenrechtspolitik, im Umgang mit den Minderheitengebieten in Tibet und Sinkiang oder gegenüber Taiwan (Whiting 1995:300f). In Zusammenhang mit Pekings Ansprüchen auf die umstrittenen Eilande im Südchinesischen Meer und drei Millionen Quadratkilometer Gewässer taucht 1995 in der chinesischen Presse erstmals auch der Begriff "Lebensraum" (shengcun kongjian) auf (Chanda/Huus 1995:22).
Und: Auf die öffentliche Meinung in China selbst (soweit meßbar) konnte die chinesische Führung immer mehr zählen. Der spontane "Volksnationalismus" hatte den offiziellen "Staatsnationalismus" längst überholt, in manchen Fragen zeigte sich das Volk noch radikaler, als es den Außenpolitikern lieb war. So befürworteten 1996 laut einer Meinungsumfrage 80 Prozent der Festlandchinesen unter bestimmten Umständen eine militärische Eroberung Taiwans! (Zhang 1997:34)
Immerhin entfaltete sich in China - und das war in dieser Form ziemlich neu - eine sehr umfangreiche Debatte über Rolle und Ausdrucksformen des Nationalismus, an der sich auch bald zahlreiche Auslandschinesen in Hongkong, Taiwan, Singapur oder den USA via Internet beteiligten (vgl. Yu 1996). Darunter waren auch Stimmen, die China vor einem aggressiv-nationalistischen Weg warnten, wie ihn Japan im Zuge seines wirtschaftlichen und militärischen Aufstiegs in der ersten Hälfte des Jahrhunderts genommen hatte.
Dem Anti-Amerika-Buch "China kann nein sagen" folgten weitere, die z.B. auch Japan aufs Korn nahmen, aber auch eine Reihe akademischer Repliken (vgl. Zhao 1997; Zhang 1997). Das 1998 erschienene Buch "Die Klingen kreuzen" vertritt sogar die Ansicht, daß die verbliebenen Konservativen (vor allem unter dem ehemaligen Propagandachef Deng Liqun) nationalistische Regungen im Volk bewußt anfachten, um die Reformer in der Partei und sogar Deng Xiaoping selbst zu schwächen (Ma/Ling 1998:285).

Die Wende zurück

Wie dem auch sei: Etwa seit 1996 versucht die Pekinger Führung, den allzu radikalen nationalistischen Strömungen im Volk, unter Intellektuellen und in einzelnen Bereichen der Partei entgegenzutreten. Politiker machen deutlich, daß etwa ein Bruch und Konfrontationskurs mit den Vereinigten Staaten keinesfalls gewünscht sei, und daß es sich bei den im Buch "China kann nein sagen" geäußerten Meinungen um Ansichten handelt, die sich nicht mit denen der Regierung decken. In einer internen Direktive des Zentralkomitees ("Dokument 13/1996) wird eine Eindämmung der patriotischen Welle gefordert (Der Spiegel, 40/1996:177; Zhang1997:44)
Vor allem in der Außenpolitik setzte sich eine pragmatische und gemäßigte Linie durch, die sich vor allem die Schaffung eines stabilen und friedlichen Umfelds für Chinas wirtschaftliche Entwicklung zum Ziel setzt.
In den Medien, an den Universitäten, in den zahlreichen halbstaatlichen "think tanks" und sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituten bildet sich im Zeichen einer fortgesetzten Liberalisierung des Denkens immer mehr eine kritische Öffentlichkeit heraus, die von der Parteiführung kaum mehr steuer- und kontrollierbar ist und die beginnt, zu einem eigenständigen Faktor der politischen Kultur zu werden. Im Fall des Nationalismus wirkt sie in beide Richtungen: Als "pressure group" für eine Radikalisierung der Außen- und Minderheitenpolitik, aber auch als Mahner und Vorreiter der Mäßigung. So treten seit 1997 chinesische Intellektuelle vermehrt für eine konziliante Tibet- oder Taiwan-Politik ein, wie in einem Manifest "mittlerer und höherer Kader" zum Ausdruck kommt, das Anfang 1998 in Peking zirkulierte (Luo 1998:6f).
Chinas kommunistische Ära ist seit der Gründung der Volksrepublik in Peking im Jahr 1949 von nationalistischen Visionen geprägt: In den fünfziger Jahren war es die von Mao Zedong geäußerte Vorstellung, irgendwann England und Amerika (Zhao 1997:726) wirtschaftlich zu überholen; in der "Kulturrevolution der sechziger und siebziger Jahre sah sich China als Ausgangspunkt einer Weltrevolution; seit den achtziger Jahren als Kern eines aufstrebenden Asien und in den Neunzigern zeitweise (und in den Augen mancher Politiker und Intellektueller) sogar als zukünftige Weltmacht, die den gesamten Fernen Osten in ein "asiatisches Jahrhundert" führen könnte.
Welche Auswirkungen die Ende 1997 akut gewordene Asienkrise auf Chinas Rolle und Selbstverständnis haben wird, ist dabei noch offen. Zunächst sieht es jedoch so aus, als ob China mit seiner Landmasse und den 1,25 Milliarden Menschen (weit mehr als alle anderen ost- und südostasiatischen Länder zusammen) den wirtschaftlichen Einbruch zunächst besser übersteht als andere, daß China sogar einen wirtschaftlichen Stabilitätsfaktor für die Region darstellt und damit auch seinen politischen und ökonomischen Einfluß verstärken kann.
Ob daraus eher ein Segen oder eine Bedrohung für das internationale Umfeld erwächst, ob ein solcher Aufstieg in einen aggressiven und expansionistischen Nationalismus umschlägt (wie das im Vorkriegsjapan passiert ist), wird von anderen Faktoren abhängen: vor allem von der Sorgfalt und Klugheit, mit der chinesische Politiker und Intellektuelle mit der Geschichte, der Kulturtradition und den nationalen Ressentiments umgehen, und davon, inwiefern auch ein sozialer und politischer Ausgleich in China gelingt, der Unzufriedenheit eindämmt und nationalistischen Demagogen möglichst wenig Raum läßt.

Literatur

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N. CHANDA/K. HUUS, China. The New Nationalism, in: Far Eastern Economic Review, 9. 11. 1995, 20-26.
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B. LUO, Jing guan ,minzhu gangling' de zhenhan (Schock durch ,Demokratisches Manifest' Pekinger Funktionäre), in: Zhengming 2/1998, 6-8.
L. MA/Z. LING, Jiao feng (Die Klingen kreuzen). Peking 1998.
G. SCHUBERT, Was ist Neokonservativismus? - Notizen zum politischen Denken in der VR China in den 90er Jahren, in: ASIEN, Oktober 1997, 65, 57-74.
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J. YU, Haiwai de minzuzhuyi da bianlun (Große Nationalismusdebatte im Ausland), in: Jiushi Niandai (The Nineties) 1996/11, 62-63.
J. ZHANG, Rivalen oder Genossen? Die Spielarten des Nationalismus in der VR China, in: ASIEN, Juli 1997, 64, 27-47.
S. ZHAO, Chinese Intellectuals' Quest for National Greatness and Nationalistic Writing in the 1990's, in: The China Quarterly 152, Dec. 1997.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/98. 28. Jg. S. 171 - 178.
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