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Hubert Christian Ehalt

Einleitung. Kunst und Kultur im 20. Jahrhundert

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/99. 29. Jg.

Kunst und Kultur haben in vielfältigen begrifflichen Konnotationen Konjunktur. Auf dem Opernball - ein Ereignis, das vielfältige traditionelle Kulturassoziationen evoziert - koexistieren Hollywood- und Kommerztycoons und Pornostars. Die "wirklich feinen Leute" gehen daher auf den Philharmonikerball, die "phantasievolle Avantgarde" trifft sich am Life-Ball, die "echten" Kulturgourmets, die Persönlichkeit und Kompetenz haben, wirklich schlechten Geschmack zu genießen, finden sich am "Mauerblümchenball" und am "Ball des schlechten Geschmacks".

Kultur hat Konjunktur und ist ein Standortfaktor von immer noch wachsender Bedeutung. Qualität und Vielfalt kultureller Angebote bestimmen wesentlich Lebens- und Wohnqualitäten. Mit zunehmender Freizeit, mit wachsendem Einkommen und mit höherer Bildung steigen die Ansprüche an Lebenskultur und Wohnqualität. In Entsprechung zu diesen wachsenden neuen Kulturbedürfnissen enstand eine Industrie, die wachsende Umsätze erzielt und Kaufkraft, Steuereinnahmen und Arbeitsplätze bringt. Und nicht zuletzt ist Kultur ein wichtiger Impulsgeber für die Tourismusbranche geworden.
Kunst und Kultur haben in den letzten drei Jahrzehnten ihre Begriffsinhalte, ihr Assoziationsfeld, ihre Identifikationsangebote und Qualität und Spektrum der Emotionen, die sie hervorrufen, dynamisch und entscheidend verändert. Die Begriffe, die Diskurse und die Institutionen und Medien, die sie formulieren, definieren und verbreiten, vermitteln zunächst einmal die feudalen und bürgerlichen Inhalte: Repräsentation, Lebensstil, Geschmack, elitäres Bewußtsein, Avantgarde, künstlerisch-formale Qualität. Die Begriffe sagen aber auch viel über aktuelle Lebensstile und Trends aus. In den von Ulrich Beck, Pierre Bourdieu, Gerhard Schulze und Richard Sennett analysierten Lebensweisen der individualisierten westlichen Gesellschaften agieren immer mehr Individuen wie vor nicht allzu langer Zeit die Künstler: immer mehr Menschen basteln am Denkmal ihrer eigenen Individualität, gestalten dementsprechend ihr Inneres (Psychodesign) und ihr Äußeres (Outfit) und begegnen der wachsenden Zahl unmittelbar persönlich erlebter und medial vermittelter Stile mit einem immer feineren Sensorium.
Das vorliegende Themenheft bezieht sich analysierend, beschreibend und erzählend vor allem auf drei Veränderungsprozesse, die den alltäglichen und intellektuellen Umgang mit Kunst und Kultur im 20. Jahrhundert prägten und prägen.
Die Lebenskultur der Menschen hat sich - nicht nur im "Westen" - im 20. Jahrhundert unter dem Einfluß einer dynamischen Veränderung wirtschaftlicher, technologischer, gesellschaftlicher und intellektueller Rahmenbedingungen radikal gewandelt. Urbanisierung, Auflösung traditioneller ländlicher Lebensformen, Säkularisierung, Entritualisierung, Aufbrechen der tradierten Wert- und Verhaltenskorsette, Emanzipation, Entpolitisierung, Veränderung des Lebenslaufes vom deutlich in Altersphasen strukturierten Leben zum Patchwork-Curriculum, vom durch die Familie geprägten Alltag zum Single-Haushalt, Mobilität, Konsum-, Freizeit- und Erlebnisgesellschaft sind Begriffe, die diese Änderung des Alltags, der Ziele, Gefühle und Ansprüche zum Ausdruck bringen. Die "alltägliche Kultur", d.h. der Umgang mit anderen Menschen, mit Tieren, mit Dingen, mit der äußeren Natur und mit sich selbst, hat sich in diesen letzten 100 Jahren radikaler verändert als in den 300 Jahren davor. Man kann das 20. Jahrhundert also auch als eine Folge vieler größerer und kleinerer Kulturrevolutionen sehen.
Die Kunst im engeren Sinn hat in ihrer Formensprache im 20. Jahrhundert die tradierten Inhalte, Methoden, Ausdrucks- und Vermittlungsformen aufgegeben. Sie hat sich auf einem Weg mit vielen Schritten von Funktionen, Bedingungen und Zuschreibungen autonom gemacht. Im Kosmos der Künste gab es vom 17. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts ein Bezugssystem "archimedischer Punkte", von dem aus Bewertungen, Qualitätszuschreibungen, Zielsetzungen, Vermittlungs- und Aneignungsformen von Kunst möglich waren. Dieser Wissens- und Bildungskanon, der den "feinen und gebildeten Leuten" aber auch den Avantgarden jene Orientierung gab, die gleichzeitig Grundlage ihrer gesellschaftlichen Hegemonie war, wurde in den Höheren Schulen, an den Universitäten, Kunstakademien und -hochschulen zelebriert und vermittelt. Erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde er zunächst zaghaft, schließlich jedoch radikal in Frage gestellt. Der Künstler, so postulierte Wassily Kandinsky am Beginn des 20. Jahrhunderts, ist einer, der "sieht und zeigt"; nicht ein Schöpfer und Gestalter, vielmehr ein "Hinweiser". Im Sinne dieses prophetischen Postulats wandelten sich die Künste im 20. Jahrhundert in ihren Ausdrucksformen, in ihrem Selbstverständnis, in Rhetorik und Kommentar vom "Hand- zum Kopfwerk". Die Idee wurde immer wichtiger, die eindeutige gesellschaftliche Funktion und Bedeutung verblaßte. Der Autonomieprozeß, der Inhalte, Methoden, Ausdrucksformen, Kontext und Vermittlung betraf, war gleichzeitig ein Prozeß der Desintegration. Gleichzeitig emanzipierten sich die populären und Unterhaltungskünste und machen am Ende des 20. Jahrhunderts der "E"-Kunst Quoten, Profit, aber auch gesellschaftliches Prestige streitig.
In den Geisteswissenschaften gibt es seit den 70er Jahren einen "cultural turn". Die Wissenschaften erkannten in den Disziplinen der Geschichte, der Soziologie, der Ethnologie, der Volkskunde, der Linguistik, daß eine umfassende Gesellschaftsanalyse und -beschreibung mit den Begriffen, Inhalten und Methoden der Kulturwissenschaften adäquater möglich ist als mit jenen der Politikwissenschaften und der Soziologie. Die Kulturwissenschaften eröffnen einen Blick auf die Rituale und Symbole, auf die Lebens- und Wahrnehmungswelten des Alltags. Sie zeigen, daß Kultur etwas ist, was sehr tief in der Seele des Individuums sitzt. Kultur ist jenes Feld, in dem sich individuelle Kreativität und individuelle Glückssuche in kollektiv überlieferten Inhalten und Formen ausleben. Kultur ist das Material, das uns hierfür gleichsam zur Verfügung steht. Kultur ist also jenes Vermittlungsfeld zwischen vorgegebenen Strukturen, kollektiven Mustern einerseits "und den Erfahrungen, der Praxis, der Subjektivität der jeweils handelnden oder betroffenen Menschen" (Hanisch 1994) andererseits. Der kulturelle Zusammenhang ruht auf drei Säulen: auf dem Wissen, auf dem Bewerten und auf den Symbolen. Alles, was unser Weltbild, unser Wissen um Natur und Menschsein, unsere technischen Fertigkeiten ausmacht, gehört ebenso zur Kultur wie die Wertmaßstäbe, die wir unseren Entscheidungen zugrunde legen und die unsere Wahrnehmung formen.
Die Kulturwissenschaften haben in den letzten 30 Jahren dazu beigetragen, daß der Kulturbegriff aus seiner Zentrierung auf intellektuelle und künstlerische Arbeit herausgelöst wurde. Kulturkritik und -diskurs in diesem Sinn hatten Konsequenzen für Wissenschaft und Politik. "Kultur ist das eigentliche Leben, sie liegt in der Politik und Wirtschaft, im Lokalen und im Feuilleton zugrund und verbindet beide. Kultur ist kein Vorbehaltsgrund für Eingeweihte, sie ist folglich auch die Substanz, um die es in der Politik geht." (Weizsäcker 1987)
Die "Beiträge zur historischen Sozialkunde" beschäftigen sich seit 23 Jahren - als Nr. 1/1976 erschien ein Themenheft "Architektur und Gesellschaft" - mit dem sich verändernden gesellschaftlichen und intellektuellen Feld, das sich zwischen "Kunst", "Kultur" und "Gesellschaft" aufspannt. Ich persönlich habe als Schwerpunktredakteur über zehn Themenhefte, die die Kulturdebatte thematisiert, analysiert und vorangetrieben haben, betreut. "Ritus und Gesellschaft", "Bild und Gesellschaft", "Denkmalkultur", "Fotografie", "Volksfrömmigkeit", "Kitsch und Kunst" hießen einige der Rahmenthemen. Zielsetzung auch des vorliegenden Heftes ist es, die Interdependenzen zwischen Gesellschafts- und Kunstentwicklungen, zwischen den Formen der Kunst und den wichtigen gesellschaftlichen Ideen und Symbolen herauszuarbeiten, sichtbar zu machen.
Die Behandlung des Themas "Kunst und Kultur im 20. Jahrhundert" ist aus mehreren Gründen sowohl für die Kulturwissenschaften als auch für den Unterricht interessant und wichtig.

Weiterführende Literatur

U. BECK, Weltrisikogesellschaft, Weltöffentlichkeit und globale Subpolitik, Wiener Vorlesungen im Rathaus, hg. v. H. Ch. Ehalt, Band 52. Wien 1997.
U. BECK, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M. 1986.
W. GRASSKAMP, Museumsgründer und Museumsstürmer. Zur Sozialgeschichte des Kunstmuseums. München 1981.
M. GODELIER, Wird der Westen das universelle Modell der Menschheit? Die vorindustrielle Gesellschaft zwischen Veränderung und Auflösung, Wiener Vorlesungen im Rathaus, hg. v. H. Ch. Ehalt, Band 5. Wien 1991.
E. H. GOMBRICH, Künstler, Kenner, Kunden. Wiener Vorlesungen im Rathaus, hg. v. H. Ch. Ehalt, Band 19. Wien 1993.
E. HANISCH, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, (Österreichische Geschichte 1890-1990, hg. von Herwig Wolfram). Wien 1994.
H. HÄUSSERMANN/W. SIEBEL, Neue Urbanität. Frankfurt a. M. 1987.
E. J. HOBSBAWM, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München 1995.
W. HOFMANN, Die Kunst, die Kunst zu verlernen. Wiener Vorlesungen im Rathaus, hg. von H. Ch. Ehalt, Band 27. Wien 1994.
R. SENNETT, Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds. Frankfurt a. M. 1991.
Sittenlockerung, Nr. 77/78 der Zeitschrift "Der Alltag". Berlin 1997.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/99. 29. Jg.
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