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Anton Badinger

Kunst im digitalen Zeitalter

Quelle: Beiträge zur Fachdidaktik. Nr. 1/99. 29. Jg.

Die großen historischen Medienrevolutionen zielten auf eine Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten, marginalisierten im Gegenzug aber fast zwangsläufig bereits vorhandene Medien und Ausdrucksformen. So führte der Buchdruck bekanntlich zur Verkümmerung einer jahrhundertelangen Tradition mündlicher Erzählkunst, die Fotografie stellte die Malerei in Frage, der Siegeszug der Kinematografie schmälerte die Bedeutung der darstellenden Künste, das Fernsehen verdrängte das Kino usf.
Neue Medientechnologien haben die etablierten Sparten der Kunst immer verunsichert und, im besten Fall, von Grund auf erneuert. Auch angesichts der gegenwärtigen Umwälzungen auf dem Sektor der Neuen Medien stellt sich die Frage nach kunstrelevanten Auswirkungen und was man sich unter einer "Digitalisierung der Kunst" überhaupt vorzustellen hat.
Unter Neue Medien verstehe ich im folgenden die neuen digitalen Medien, also nicht nur digitales Video und Fernsehen, sondern auch Multimediacomputer und die weltweite Datenmatrix des Internet. Außer Frage steht die enorme Faszination, die dieser Bereich seit ca. fünf bis zehn Jahren auf die Kunstwelt ausübt. Es sind vor allem junge KünstlerInnen, die sich in diesem Feld engagieren, und viele stammen aus einer Generation, für die seit frühester Jugend der Umgang mit Computern, Joysticks und Videospielen eine Selbstverständlichkeit war. Ein wesentlicher Grund für das rasch wachsende Interesse an den neuen Technologien ist aber zweifellos die rasant voranschreitende Vereinfachung in der Handhabung der technischen Werkzeuge ("plug and play") bei gleichzeitigem Ansteigen der Anwendungsmöglichkeiten. Vorhaben, die noch vor fünf Jahren recht utopisch anmuteten, wie das digitale Speichern, Bearbeiten und Abspielen halbstündiger Videosequenzen, sind heute bereits die Norm. Die hohen Rechenanforderungen in der Bild- und insbesondere Videobearbeitung haben diese Sparten geradezu zum Schrittmacher der Hardware-Entwicklung gemacht. Sinkende Anschaffungspreise erlauben es schließlich immer breiteren Kreisen, an den neuen Technologien zu partizipieren und ihr kreatives Potential zu erkunden.
Doch die Neue-Medien-Euphorie hat nicht nur die ausübenden Künstler ergriffen. Auch in den maßgeblichen Entscheidungsgremien der Kunst- und Kulturpolitik erkennt man eben jetzt die Zeichen der Zeit. Deutschland und Frankreich, um nur zwei Beispiele zu nennen, haben erst vor kurzem und fast gleichzeitig zwei hochdotierte Institutionen ins Leben gerufen, die dem boomenden Trend der neuen Medienkunst Rechnung tragen: das Studio national des arts contemporains Le Fresnoy und das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, nach Eigendefinition eine "Kulturfabrik für das digitale Zeitalter". Daß die Kunst des Informationszeitalters digital sein könnte, scheint angesichts solcher Entwicklungen alles andere als utopisch.

Kunst und Internet

Einer der greifbarsten Auswirkungen der Neuen Medien auf die Kunstwelt betrifft oberflächlich betrachtet eher die Sphäre der Kunstrezeption und Kunstdistribution als die Produktion selbst. Die Rede ist von der zunehmende Präsenz von Kunstinitiativen in weltweiten Datennetzen. In diesen Bereich fallen die zahlreichen regionalen und überregionalen "Kulturserver", aber auch digitale Verkaufsgalerien sowie mehr oder weniger opulent gestaltete Onlinemuseen. Das Internet ist heute nicht nur ein elektronischer Marktplatz für Kunstwerke aller Qualitätsschattierungen, und eine digitale Präsentationsfläche für Museen und Ausstellungsinitiativen, sondern auch ein funktionierender Kommunikationspool für Künstler und Kunstinteressierte (www.dart.fine-art.com, www.kunstnet.at [viele Kunst-Links],www.art-online.de, www.thing.at).
Wer immer noch glaubt, daß digital per se progressiv und avantgardistisch bedeutet, wird allerdings auf einem Web-Spaziergang durch diverse Online-Galerien schnell eines besseren belehrt. Die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen", eine häufig beschworene Signatur der Postmoderne, manifestiert sich derzeit vielleicht nirgends so stringent wie in den Weiten des digitalen Netzes. Quantitativ dominiert hier immer noch das altbackene Tafelbild, und neben eingefleischten Medienkunst-Fans kommt auch der Anhänger des traditionellen Kunstgeschmacks auf seine Kosten - sofern er sich nicht an der Präsentation der Werke in hochkomprimierten 256-Farben-JPEGs stößt, die auch im besten Fall nur schwerlich an das Original herankommen (www.uky.edu/Artsource, www.uni-erlangen.de/wm/paint, www.galerie-mensing.de).
Die Enthierarchisierung bzw. Einebnung qualitativer Rangunterschiede, die das Internet, wo URL neben URL quasi gleichberechtigt nebeneinanderstehen, bewirken kann, bringt aber nicht nur die Gefahr einer weltweiten Provinzialisierung, sondern auch die Chance einer echten Dezentralisierung mit sich. Und hier liegt wohl eine der ganz entscheidenden Chancen des WorldWideWeb: Auch Künstlern in entlegenen Weltregionen ist es heute möglich, zur Informationsavantgarde zu gehören und auf der Höhe der Zeit zu arbeiten - sofern sie Anschluß an das digitale Netz haben. Es geht, anders gesagt, nicht mehr darum, ob man New York, Wien oder Zagreb zum Mittelpunkt seines Wirkens macht, sondern ob der Internet-Server, dessen Dienste man beansprucht, schnell genug ist.
Die absehbaren Verlierer dieser Entwicklung sind Institutionen und Inititativen, die auf echte Kopräsenz, auf körperliche Anwesenheit und auf den unmittelbaren kommunikativen Akt angewiesen sind, also auch traditionelle Museen. Wenn man sich die Bestände des Louvres samt nützlicher Zusatzinformationen bequem am Bildschirm zu Gemüte führen kann (mistral.culture.fr/louvre/), erspart man sich unter Umständen die Reise und das lange Warten vor der Glaspyramide. Besonders gefährdet sind darüber hinaus natürlich Künstler, deren Arbeit nicht "medienadäquat" genug ist, um im Netz ohne semantische Einbußen vermittelt werden zu können. Ihnen droht das Schicksal, von der digitalen Welle überrollt zu werden.

Der Cyberspace

Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um festzustellen, daß sich viele künstlerische Initiativen der aktuellen digitalen Szene auf einen Fluchtpunkt zubewegen, der eben erst die Sphäre der Imagination verlassen hat, um technische Realität zu werden, und der auf den glitzernden Namen Cyberspace hört.
Die ars electronica (www.aec.at) als wesentliche Leistungsschau der internationalen digitalen Kunst gewährt dem Publikum alljährlich einen Vorgeschmack auf das, was schon bald jede Videoperformance als hoffnungslos veraltet und überholt erscheinen lassen könnte. Was genau versteht man aber unter Cyberspace? Cyberspace zielt auf die multisensorische virtuelle Immersion, das Eintauchen des Betrachters in computersimulierte Räume mit der Möglichkeit umfassender Interaktion. Der Betrachter wird so zum Teil der Bildwelt, sein Verhalten beeinflußt die virtuellen Szenarien, und die simulierten Welten beeinflussen rückkoppelnd den Betrachter selbst. Cyberspace ist also eine Medium, das die audiovisuellen Medien vor allem durch die Einbeziehung unserer taktilen Sinne überschreitet. Man ist nicht mehr Beobachter eines Bildes, sondern integraler Bestandteil einer simulierten, dreidimensionalen Welt.
Noch hat das künstlerische Experimentieren mit dem Cyberspace seine Schaubudenphase nicht hinter sich gelassen (siehe z.B. www.inm.de/people/alba/espo/virtual/virtual.html). Daß die meisten aktuellen Kunstanwendungen von Cyberspace eher banale Resultate zeitigen, gestehen sogar eingefleischte Enthusiasten wie Peter Weibel zu (vgl. Interview mit ZKM-Direktor Peter Weibel, in: Der Spiegel Nr. 3/18.1.99:186ff). Der Hamburger Philosophieprofessor Martin Seel bringt die Problematik auf den Punkt: "Die mögliche Zugänglichkeit virtueller Räume und die mögliche künstlerische Verwendung dieser Welten ist zweierlei ... Die Technik des Cyberspace ist als solche keine künstlerische Technik."
In vielem erinnert die aktuelle Cybereuphorie an die klassische Avantgarde der 20er Jahre, die den Medien Film und Fotografie übersteigerte Hoffnungen entgegenbrachte und dabei realistische Entwicklungen aus den Augen verlor. Ging es damals um eine Befreiung der Kunst aus den Klauen ihrer bürokratisch-musealen Verwaltung, um ihre Reintgeration in das "echte Leben", so verleitet heute der Fetisch "Interaktivität" mit dem möglichen Fernziel einer "basisdemokratischen" Kunst, an der jeder mitwirken darf, zu utopischen Träumen. Kulturkritiker weisen im Gegenzug gerne darauf hin, daß die künstlerische Besetzung der virtuellen Welten (die sich bekanntlich einem "spin off"militärstrategischer Technologien verdanken), im großen und ganzen ausgesprochen technikaffirmativ und distanzlos-naiv vollzieht, und monieren einen Rückfall hinter die kritischen Positionen der Moderne - oder konstatieren gar das Heraufdämmern eines neuen gigantischen Verblendungszusammenhangs.
Die beklagte Distanzlosigkeit liegt gewissermaßen in der Natur der Sache selbst, denn der Cyberspace zielt ja gerade auf die Verschmelzung mit dem Betrachter und nimmt ihm so jene Distanz, die die Moderne dem Betrachter immer wieder auferlegt hat, und worin sie sich von der (vermeintlich) seichten Unterhaltungsware der "Kulturindustrie" unterscheiden wollte. Die traditionellen Grenzlinien zwischen Unterhaltungs- und Hochkultur könnten durch den Cyberspace ebenso schnell obsolet werden, wie das Prinzip der individuellen Autorenschaft.
Und was ändert sich für den Rezipienten? Unsere Vorstellung vom Bild als etwas Statischem, bzw. als Fenster, durch das man einen kleinen Ausschnitt der Welt beobachtet, wird sich zu einem multisensorisch-interaktiven Erfahrungsraum verändern, in dem Text, Grafik, Animation, Film, Video, Klang und Skulptur zusammenfließen. Ob die Reize dieser schönen neuen virtuellen Welten ausreichen, um etablierte Ausdrucksformen zu verdrängen, wird sich weisen. Daß die Neuen Medien das Potential besitzen, echte imaginative künstlerische Kraft freizusetzen, belegen bereits einzelne realisierte Projekte, auch wenn sie im Rückblick nur erste Gehversuche gewesen sein werden.

Stichwort "Kunst": Einstiegsadressen für das Internet (Anton Badinger)

www.dar.fine-art.com
Hier können Angebote von über 2.000 Kunsthändlern, Galerien und Künstlern abgefragt werden. Eine detaillierte Suche nach Künstlern, Techniken, Preisen, Themen usw. ist möglich.
www.kunstnet.at
Eine Website, die über laufende Aktivitäten auf dem österreichischen Kunstmarkt- und Ausstellungssektor informiert.
www.art-online.de
Eine echte virtuelle Kunstgalerie mit vielen Arbeitsproben von mehr oder weniger unbekannten Künstlern aus ganz Europa; Malerei dominiert.
www.thing.at
Die einmalige Registierung garantiert die regelmäßige Zusendung des THING-Newsletters mit wichtigen Informationen aus dem Kultur- und Netzkunstbereich.
www.uky.edu/Artsource
Ein Netztreffpunkt zu den Themenfeldern Kunst und Architektur (englischsprachig).
www.uni-erlangen.de/wm/paint
Eine riesige Gemäldesammlung, die von der Gotik bis zur Pop Art reicht und durch einen übersichtlichen Themen- und Künstlerindex abgefragt werden kann.
www.galerie-mensing.de
"Europas größtes Kunsthaus" - Kommerzieller Kunstversand im Internet.
www.zkm.de
Die Homepage des ZKM in Karlsruhe. Interessant: Digitalbody.zkm.de
Eine Website-Installation von Jill Scott mit Webcams und Chat-Diskussion.

Für die Recherche auf eigene Faust eignen sich alle großen Suchmaschinen (Lycos, Altavista ...). Das richtige Verknüpfen von Suchbegriffen ist eine Kunst für sich und wird im Help-Menü der Suchmaschinen erläutert.


Quelle: Beiträge zur Fachdidaktik. Nr. 1/99. 29. Jg.
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