[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Markus Cerman

Städtische Sozialstrukturen in der Frühen Neuzeit: Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/99. 29. Jg.

Im vorliegenden Heft wird die Vielfalt städtischer Sozialstrukturen in Mittel- und Westeuropa seit dem Spätmittelalter dargestellt. Anders als in anderen Beiträge-Heften stehen hier nicht so sehr theoretische Debatten über "Struktur" und "Erfahrung", über die Wahrnehmung, Bildung oder "Konstruktion" von Klassen, Gruppen oder Schichten im Mittelpunkt.
Die Beiträge - ein Überblick über städtische Sozialstrukturen, zur Entwicklung in den wirtschaftlich führenden niederländischen Städten, zu Verwaltung und Bürgertum in frühneuzeitlichen mitteleuropäischen Kleinstädten sowie zur Frage der Armut in englischen Städten - versuchen dieser Vielfalt Rechnung zu tragen.
Dies wird besonders im Aufsatz von Helmut Bräuer deutlich, der einleitend auf die in den letzten Jahrzehnten gewachsene Unsicherheit der sozialhistorischen Forschung hinweist, entlang klarer Linien zu klassifizieren. Bräuer verweist auf die Notwendigkeit, sich der Schwächen solcher Klassifizierungen bewusst zu sein, auf die Unterschiede zwischen Stadttypen, auf die Entwicklung während der Neuzeit und auf das Wechselspiel zwischen inhärenten sozialen Grenzen, ihre Übertretungen und Gemeinsamkeiten.
"Klassische" frühneuzeitliche Städtelandschaften, inmitten von Kommerzialisierung und "Frühkapitalismus", präsentiert der Aufsatz über die niederländischen Städte im "Goldenen Zeitalter". Hintergrund dieser Darstellung ist unzweifelhaft der Aufstieg der Niederlande zum vorherrschenden Handelszentrum Europas, ja der beginnenden Weltwirtschaft im 17. Jahrhundert. Die Sozialstruktur niederländischer Städte entspricht unseren "klassischen" Vorstellungen deswegen so stark, weil dort die Bourgeoisie wie in keinem anderen Land dieser Zeit in die politischen Machtpositionen vorgedrungen war und die ständische Adelsherrschaft zurückgedrängt hatte. Die Handelszentren der Niederlande waren zugleich große, internationale und besonders wohlhabende Städte, in denen sich eine spezifische städtische Kultur ausprägte, wie der Beitrag auch an ausgewählten Beispielen beschreibt.
In die ganz andere Welt mitteleuropäischer Kleinstädte in der Frühen Neuzeit führt Katrin Keller. Sie schildert am Beispiel der städtischen Selbstverwaltung, ihrer Institutionen und Ämter ein Sozialprofil der städtischen Obrigkeiten und geht der Frage nach, aus welchen sozialen Schichten sie sich rekrutierten, welche Konfliktlinien zwischen den einzelnen Gruppen sich dabei ergaben und welche Position die Stadtverwaltung als Konfliktpartner dabei einnehmen konnte. Sie übersieht dabei auch nicht das jeweilige Ausmaß der Einbindung der städtischen Verwaltung in übergeordnete landesherrliche Interessen und Behörden.
Einen besonders brisanten sozialpolitischen Bezug hat der Beitrag von Margaret Pelling über die Armut in den Städten am Beispiel der englischen Stadt Norwich in der Frühen Neuzeit. Seit geraumer Zeit muss sich die sozialhistorische Forschung in und über England dem aktuellen Diskussionszusammenhang der Kapitulation des modernen Sozialstaates vor der herrschenden Doktrin des Neoliberalismus stellen, die dort unter dem Régime von Premierministerin Thatcher etwa zehn Jahre früher begann als in den meisten anderen europäischen Staaten. Das gegenwärtige Auseinanderklaffen von arm und reich und das Absinken einer immer größeren Zahl von Menschen unter die Armutsgrenze seit dem Ende des "Fordismus" Anfang der siebziger Jahre hat die Frage nach dem Umgang mit sozial Schwachen in der Vergangenheit stark in den Vordergrund gerückt. Dabei beruft sich besonders ein Teil der britischen Historiker auf die mit dem sog. "Poor Law" fixierte kommunale Verantwortung für die Versorgung sozial Schwacher. Solche institutionellen Formen der Armenfürsorge waren auch auf dem Kontinent nicht fremd, wenngleich nicht immer, wie in England, in staatliche Rahmengesetzgebung eingebunden. Margaret Pelling skizziert eine Fülle von sozialen Verhaltensformen der Bedürftigen, die von "symbiotischen" Ehen zu unterschiedlichen Formen von Arbeiten bis ins hohe Alter reichten, um überleben zu können. Sie analysiert aber auch klar Strategien der Stadtverwaltung, die daran interessiert war, soziale Ausgaben zu senken und "wahre" Bedürftige von solchen, die nach ihrer Meinung die Unterstützung der Stadt nicht verdienten, wie z. B. Zugezogene, zu unterscheiden. Auch das klingt angesichts der aktuellen Debatte um sog. "Sozialschmarotzer" und der offenen Feindlichkeit gegenüber Bürgern von "Drittländern", wie es im Eurospeak des Schengener Abkommens heißt, durchaus vertraut, als ob das fruchtlose Suchen nach Sündenböcken am Vorliegen des strukturellen Problems "Armut" irgendetwas ändern würde.
Die Beschäftigung mit städtischen Sozialstrukturen in der Neuzeit eröffnen somit mehrere Anknüpfungspunkte an die Gegenwart. Dies illustrieren nicht zuletzt auch die Beiträge zur Fachdidaktik über ein Projekt zum Thema "Bürgertum im 19. Jahrhundert". Der unmittelbare gegenwärtige Bezug der Sozialgeschichte ergibt sich, wie einleitend treffend erläutert wird, aus dem Spannungsfeld zwischen der Fortdauer "bürgerlicher" Normen und den durchaus "bürgerlichen" Lebensvorstellungen der jugendlichen Schüler einerseits und Assoziationen von "Bürgerlichkeit" mit dem Lebenswandel der Erwachsenen/Eltern/Lehrer. Vera Karin Cerha gibt eine sehr detaillierte Projektbeschreibung und -evaluation, auch der Reflexionen der Schülerinnen und Schüler, dieses sehr gelungenen fächerübergreifenden Unterrichtsprojekts.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/99. 29. Jg.
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]