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Michael Mitterauer

Investiturstreit: Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/99. 29. Jg.

Mit dem Themenheft "Die Kreuzzüge" (3/1996) haben die "Beiträge zur Historischen Sozialkunde" einen neuartigen Versuch unternommen: Ein klassisches Thema des traditionellen Geschichtsunterrichts wurde aufgegriffen und in veränderter Zugangsweise behandelt. An die Stelle der ereignisgeschichtlichen Erzählung trat die strukturgeschichtliche Analyse. Es sollte gezeigt werden, dass sich auch "alte Themen" in einer Weise behandeln lassen, die den neuen Zielen des Geschichte- und Sozialkunde-Unterrichts gerecht wird. Die Reaktion auf dieses Heft hat die Sinnhaftigkeit dieses Versuchs bestätigt. Nicht nur, dass das Heft im Schul- und Studienbetrieb viel verwendet wurde - dank der internationalen Nachfrage liegt es nun auch in englischer Sprache vor.

Beim sogenannten "Investiturstreit" handelt es sich um ein ganz ähnlich gelagertes Thema wie die "Kreuzzüge". Lehrerinnen und Lehrer, die sich um eine sozialkundliche Vermittlung bemühen, haben Schwierigkeiten - wird doch dieses Thema traditionell in ganz anderer Weise dargestellt. Auch hier steht herkömmlich die ereignisgeschichtliche Darstellungsweise im Vordergrund, auch hier stammt diese Darstellungsweise aus einem identifikatorischen Zugang zur mittelalterlichen Geschichte, der Emotionen wecken soll, nicht aus einem analytischen, der Einsichten vermitteln will. Der sogenannte "Investiturstreit" - häufig auf die Episode des Canossagangs reduziert - ist ein klassisches Bild der deutschen Nationalgeschichte. Und nationale Emotionen zu bewirken, war das Ziel der Darstellung. Die Analyse einschlägiger Schulbuchdarstellungen in der Fachdidaktik-Beilage versucht dies aufzuzeigen. So sind die Schwierigkeiten verständlich, vor die sich Lehrerinnen und Lehrer gestellt sehen, die das Thema aus historisch-sozialkundlicher Sicht behandeln wollen. Ihnen sollen die Artikel dieses Hefts eine Hilfestellung geben.
Als ein historisch-sozialwissenschaftliches Thema behandelt, ist die Beschäftigung mit dem "Investiturstreit" nicht bloß einem einzigen Bildungsziel untergeordnet. Es bietet in ganz unterschiedliche Richtungen weitergedacht Einsichten und Erkenntnismöglichkeiten. Die vorgelegte Nummer versucht, einige exemplarisch vorzustellen. Stichworte wie "politische Religiosität des Mittelalters", "machtgeschützte Innerlichkeit" contra "Reformerische Weltgestaltung", "Regnum und Sacerdotium", "Gewaltenmonismus und "Weltfriedensordnung", "Radikalreform und Fundamentalismus" oder "Produktive Trennungen" als europäisches Spezifikum, um nur einige aufzugreifen, eröffnen ein thematisch weites Spektrum. Auch in der didaktischen Zugangsweise werden unterschiedliche Wege gegangen. Der Beitrag "Produktive Trennungen" ist vorwiegend als historischer Querschnitt konzipiert. Er will den sogenannten "Investiturstreit" als Ausdruck einer Entwicklungskrise der sich besonders dynamisch entwickelnden hochmittelalterlichen Gesellschaft verstehen und bezieht deshalb über die beiden Hauptkontrahenten hinaus auch andere gesellschaftliche Kräfte, wie städtische Autonomiebewegungen oder Reformmönchtum in die Analyse ein. Dasselbe gilt für die "Streiflichter aus der ottonisch-frühsalischen Reichskirche vor der Reform", die die lebensweltlichen Aspekte des Themas erschließen. Der Beitrag "Der Priester über dem König" ist eher als epochenübergreifender Längsschnitt angelegt. Sicher lässt sich auch das Thema "Produktive Trennungen" über den hier angesprochenen Konflikt zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt hinaus als ein die europäische Geschichte durchziehendes Längsschnittthema behandeln. In solche weite Zusammenhänge eingeordnet, haben die Themen dieses Hefts sicher vielfältige Gegenwartsbezüge. Themenfelder wie "Staat und Kirche" oder "Totalitarismus" lassen sich vom "Investiturstreit" ausgehend genauso behandeln wie die "Sonderstellung des Papsttums" oder "Probleme der Bischofsbestellung".
Gerade die Gegenwartsrelevanz des Mittelalterthemas "Investiturstreit" könnte diese Nummer über den engeren Gebrauch im Geschichte- und Sozialkunde-Unterricht hinaus auch in anderen Fächern einsetzbar machen. Für den Religionsunterricht liegt eine solche Verwendung nahe. Vielleicht gilt ähnliches auch für die Politische Bildung. Wie auch immer - Hauptziel bleibt, über eine veränderte Zugangsweise zu einem klassischen Thema zu zeigen, dass die Beschäftigung mit dem Mittelalter jedenfalls sinnvoll, vielleicht sogar lustvoll sein kann.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/99. 29. Jg.
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