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Andrea Komlosy, Irene Stacher

Ungeregelt und unterbezahlt: Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/99. 29. Jg.

Hinter dem zunächst abstrakten Begriff des informellen Sektors versammelt sich eine bunte Mischung sozialer Phänomene. Gemeinsam ist den so unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen das Fehlen allgemein gültiger, institutioneller, meist staatlich garantierter Regulierungen in Bezug auf Arbeitsrecht, Arbeitsschutz, soziale Absicherung, gewerkschaftliche Organisierung, Ausbildung, Wettbewerbsregeln und Besteuerung. Informalisierung bedeutet die Auslagerung von Arbeiten in ungeregelte Bereiche, um Einsparungen bei Abgaben, Löhnen und indirekten Lohnbestandteilen zu erzielen. Aus der Sicht der Marginalisierten, die anderswo keine Arbeit finden, stellt sie eine Überlebensstrategie dar.

Wer vom informellen Sektor spricht, orientiert sich offenkundig an der höheren Bezahlung und dem größeren Ausmaß an gesetzlicher Regulierung in einem formellen Bereich der Wirtschaft. Der unterbezahlte Sektor muß jedoch nicht nur von besser bezahlten, sozial abgesicherten Bereichen unterschieden werden, sondern auch von unbezahlten Tätigkeiten, die als Haus- und Subsistenzarbeiten für das direkte Überleben geleistet werden.

Theoretische Implikationen

Lange Zeit unterstützten Modernisierungs- und Stadientheorien die Annahme, dass sich die geregelte Lohnarbeit, die sich in den westlichen Industrieländern im 19. Jahrhundert verbreitet hat, verallgemeinern werde. Die Auffassung einer langsamen, durch Entwicklungspolitik beschleunigbaren Diffusion des westlichen Fortschrittsmodells hielt der Realität in den Peripherien des kapitalistischen Weltsystems indes nicht stand. Periphere Regionen zeichnen sich statt dessen durch eine Spaltung der Gesellschaft aus. Im Zentrum steht ein formeller Kern, oft auch als moderner Sektor bezeichnet, den wir uns als kleine weltmarktbezogene Enklaven (Exportlandwirtschaft, Bergbau, große Häfen, Produktionsstätten multinationaler Unternehmen, freie Produktionszonen ...) vorstellen können. Zunächst dominierte hier die Zwangsarbeit, u. a. von importierten Sklaven, seit dem 19. Jahrhundert fand jedoch eine Ausweitung der Lohnarbeit statt. Dieser Kern war immer von einem informellen Bereich umgeben, der ein breites Feld von prekären Existenzen und unterbezahlten Zulieferern umfasste; heute liegt hier in vielen Dritte Welt-Ländern der expandierende Sektor der Gesellschaft. Er ist mehr oder weniger eingebettet in einen Subsistenzbereich, der zwar nicht eigenständig existieren kann, weil die Menschen auf Geldeinkommen angewiesen sind, der aber die Versorgung der Arbeitskräfte im formellen und informellen Bereich gewährleistet. Wo dafür die Grundlagen fehlen, herrscht Hunger. Alle drei Bereiche sind eng aufeinander bezogen.
Durch Kauf von Waren oder Auslagerung von Tätigkeiten in den informellen Bereich spart der Unternehmer bei den Kosten. Der Konsument kauft billiger ein, was indirekt ebenfalls dem Unternehmer zugute kommt. Wie können die Menschen im informellen Sektor die niedrigen Löhne verkraften? Sie tun es, indem sie ihr Überleben auf mehrere Erwerbsstandbeine stellen und niedriges Geldeinkommen durch ein Mehr an Arbeitseinsatz und Selbstversorgungsleistungen ausgleichen. ArbeiterInnen im formellen wie im informellen Sektor hängen also immer an Personen, die ihr Überleben durch unbezahlte Arbeit gewährleisten. Die Zusammensetzung von Arbeitsverhältnissen nimmt zeitlich und räumlich unterschiedliche Formen an, sodass sich Erscheinung, Struktur, Umfang und Verteilung von bezahlter, unterbezahlter und unbezahlter Arbeit ändern, nicht aber die Tatsache ihres Zusammenwirkens selbst.

Informalität als Regel, nicht als Ausnahme

Vor 1950 stellten dauerhafte geregelte Erwerbsarbeit, Massenkaufkraft und garantierte soziale Absicherung weder in den westlichen Industrieländern - und schon gar nicht in Osteuropa - ein Modell dar, das für die Mehrheit der Bevölkerung Gültigkeit besaß. Was in den USA unter den Stichworten von Fordismus und New Deal in der Zwischenkriegszeit seinen Anfang nahm und nach dem Krieg in Westeuropa unter sozialdemokratisch-keynesianischen und in Osteuropa unter realsozialistisch-entwicklungsdiktatorischen Vorzeichen perfektioniert wurde, ist historisch gesehen eine außergewöhnliche Erscheinung. Erklärungsbedürftig sind weniger ihre Auflösungs- als ihre Existenzbedingungen.
Gehen wir davon aus, dass die kapitalistische Produktionsweise auf der gleichzeitigen Existenz von Arbeitsverhältnissen beruht, die sich regional und sektoral hinsichtlich Bezahlung und sozialer Absicherung unterscheiden, so stellt der informelle Sektor eine Grundkonstante kapitalistischer Rationalität dar. In den westlichen Industrieländern setzte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich ein Prozess ein, der informelle zugunsten der formellen, abgesicherten Lohnarbeit aus dem Blick geraten ließ. Weil expandierende Märkte höhere Löhne und Nachfrage auch seitens der LohnarbeiterInnen erforderten, weil die Anforderungen der technischen Entwicklung mehr soziale Sicherheit, höhere Qualifikation und größere Stabilität der Beschäftigung notwendig erschienen ließen und das Zugeständnis gewerkschaftlicher und demokratischer Rechte politische Ruhe im Staat verhieß, kam es in den entwickelten Industriestaaten Ende des 19. Jahrhunderts zur Einführung von Arbeitsschutzgesetzen und staatlicher Sozialpolitik. Nicht erkannt wurde, dass ungesicherte, prekäre Arbeitsverhältnisse keineswegs weniger, sondern lediglich in ferne Weltregionen abgeschoben wurden, die als billige Rohstofflieferanten in die internationale Arbeitsteilung eingebunden waren. Wenn die Proletarisierung so an Terrain gewann, galt sie selbst in den Zentren der Weltwirtschaft niemals für alle Menschen. Ungeregelte Arbeit beschränkte sich jedoch zunehmend auf jene Tätigkeiten, die im Haushalt als unbezahlte Überlebensarbeit geleistet, von der Öffentlichkeit aber immer weniger als gesellschaftlich notwendige Arbeit anerkannt wurde.

Die Rückkehr der Informalität in die Zentren

Das Jahrhundert der sozialen Regulierung, das mit den Sozialgesetzen der 1880er Jahre begann und seinen Höhepunkt in der wohlfahrtsstaatlich abgesicherten Massenbeschäftigung der Nachkriegszeit fand, gehört seit den 1990er Jahren bereits zur Geschichte. Neuerdings ist eine Rückkehr der Informalität in die Zentren zu beobachten, die sich unter dem Motto von Flexibilisierung und Deregulierung in Form von Teilzeitjobs, Leih- und Kontraktarbeit ausbreiten.
Die Ursachen für das Abgehen von Vollbeschäftigung und Massenkonsum liegen darin, daß der Wiederaufbauzyklus nach dem Krieg um 1970 an seine Grenzen gestoßen ist. Strategien zur Überwindung der Krise des Kapitalismus stellten Rationalisierung und Neue Internationale Arbeitsteilung dar: um Produktionskosten zu senken, wird im Zeitalter der Globalisierung die digitale Revolution vorangetrieben. Investiert wird jeweils dort, wo die Produktionsbedingungen am günstigsten sind. Auf diese Art und Weise entstand ein weltweiter Konkurrenzdruck, der auch in den Industrieländern der Informalisierung Vorschub leistete. Die Zunahme der Arbeitslosigkeit, die Ausbreitung ungeregelter Arbeitsverhältnisse, das Anwachsen der Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen führte zu einer für viele überraschenden Heterogenisierung und Polarisierung der Gesellschaft. Diese schafft unter den neuen urbanen Schichten Nachfrage nach individuellen Dienstleistungen, Spezialprodukten, Einzelanfertigungen und kleinen Serien, die bestens unter informellen Bedingungen hergestellt werden können. Großkonzerne betreiben den Abbau von Stammbelegschaften und die Auslagerung von immer mehr Produktionsschritten an einen abgestuften Kreis von flexiblen, billigen, just-in-time abrufbare Subunternehmern. Die gesellschaftliche Polarisierung erhöht gleichzeitig die Bereitschaft, dass Menschen diese informalisierten Arbeiten auch tatsächlich annehmen.
Die vorliegenden Beiträge geben Einblick in das breite Spektrum von Erscheinungsformen, in denen informelle Arbeitstätigkeit in verschiedenen Weltregionen auftreten. Sie verstehen sich als Ergänzung zu einem einführenden Reader zum gleichen Thema, der 1997 unter dem Titel "Ungeregelt und unterbezahlt. Der informelle Sektor in der Weltwirtschaft" in der Reihe Historische Sozialkunde/Internationale Entwicklung als Begleitband zu einer Ringvorlesung an der Universität Wien erschienen ist (siehe S. 12 der FD-Beilage). Die Fortführung dieser Ringvorlesung in Wien und Graz im Studienjahr 1999/2000 bot den Anlass für die aktuelle Publikation. Den Einstieg bilden zwei Beiträge von Eva Angerler und Wolfram Manzenreiter, in denen die Herausbildung von informellen Sektoren anhand der Entwicklung von Leih- und Teilzeitarbeit, Subcontracting, Teleworking, befristeten Arbeitsverträgen und abhängiger Selbstständigkeit in Österreich und in Japan dargestellt werden. Trotz der unterschiedlichen industriellen Traditionen und der großen sozioökonomischen und kulturellen Unterschiede zwischen dem ostasiatischen Marktleader und dem zentraleuropäischen Kleinstaat springen die Parallelen beim Einsatz flexibler, ungesicherter Arbeitsverhältnisse zur Aufweichung bestehender Arbeitsrechte und der Senkung von Lohnkosten ins Auge. Ebenfalls in den entwickelten Industriestaaten angesiedelt ist die Darstellung der illegalen Erwerbstätigkeit von AusländerInnen in Wien (Walter Rohn). Keineswegs soll diese dazu beitragen, die Existenz von informellen Sektoren ursächlich mit kriminellen Aktivitäten (z. B. Drogen, Waffen) oder mit der Zuwanderung von AusländerInnen in Verbindung zu bringen. Wie das japanische Beispiel zeigt, kann der informelle Sektor ganz ohne ImmigrantInnen auskommen. Andererseits stellen ImmigrantInnen eine bevorzugte Quelle dar, informelle Arbeitsmärkte zu speisen, und dies umso mehr, wenn sich diese aufgrund fehlender Aufenthalts- oder Beschäftigungsbewilligungen gezwungen sehen, ihren Unterhalt im Schatten der Legalität zu verdienen. Die beiden Fallbeispiele aus der Dritten Welt sind in Kenya (Beat Sottas) und in Mexiko (Veronika Bennholdt-Thomsen) angesiedelt. Sie befassen sich nicht mit den prekären Überlebensstrategien in den urbanen und ökonomischen Zentren, die das gängige Bild des informellen Sektors bestimmen, sondern mit der Überlebenssicherung im ländlichen Raum, bei der selbstständige Erwerbstätigkeit (als Bauern oder HändlerInnen) in verschiedene Formen des Wirtschaftens eingebettet werden, in denen Nachbarschaftshilfe, Austausch- und Migrationsbeziehungen sowohl im Hinblick auf das materielle Überleben als auch im Hinblick auf den sozialen und kulturellen Zusammenhalt der Gemeinschaft eine zentrale Rolle spielen. Die von Sottas vorgestellten kenyanischen Kleinbauern pflegen diese informellen Formen unter Rückgriff auf traditionelle Tausch- und Rotationsmuster, um den Rückgang der Einkommen aus der Produktion von cash-crops für den Weltmarkt wenigstens ansatzweise auszugleichen. Bennholdt-Thomsens Marktfrauen bewegen sich in einem ähnlichen Gegenseitigkeitsnetz, in dem marktförmige von kulturellen, rituellen und sozialen Beziehungen nicht zu trennen sind. Aus Gründen, die im Rahmen dieses Aufsatzes nicht angesprochen werden, gelingt es den Marktfrauen von Juchitán - ganz anders als den kenyanischen Kleinbauern - ihre Drehscheibenfunktion am Schnittpunkt verschiedener ökonomischer Rationalitäten in gesellschaftliche Macht umzusetzen, die es ihnen erlaubt, einen anderen Umgang mit Geld zu praktizieren. Bennholdt-Thomsen nimmt das "Frauengeld" zum Anlass für einen Exkurs in die Kulturgeschichte der Tauschmittel, wobei sie der Verfügbarmachung der weiblichen Sexualität einen zentralen Stellenwert einräumt. Ob und in welcher ihrer Tätigkeiten die Marktfrauen von Juchitán als Händlerinnen oder als Oberhäupter der Familienökonomie dem informellen Sektor zuzurechnen sind, läßt Bennholdt-Thomsen im Dunkeln. Wenn wir sie richtig verstanden haben, tut sie das deshalb, weil der von ihnen praktizierte Überlebensansatz es nicht zuläßt, Gelderwerb, direkte Überlebenssicherung, materialle und kulturelle Austauschbeziehungen voneinander zu trennen oder gar in ein hierarchisches, durch Abhängigkeiten und Ausbeutung geprägtes Verhältnis zu bringen. Auch wenn die Frauen von Juchitán wahrscheinlich größere Mühe haben werden, die rauen Seiten der Weltmarktabhängigkeit, zu verarbeiten als Bennholdt-Thomsen es uns verrät, sollen sie hier als Modell einer Lebensweise begriffen werden, in denen integrierte Arbeits- und Lebenszusammenhänge an die Stelle der gesellschaftlichen Zerklüftung treten, die mit dem Konzept des informellen Sektors in kritischer Art angesprochen wird.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/99. 29. Jg.
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