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Lutz Musner, Gotthart Wunberg

Vorwort: Kulturwissenschaft/en - eine Momentaufnahme (1)

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Sondernummer 1/99. 29. Jg.

Die (selbst)kritische Auseinandersetzung um Ziele, Selbstverständnis und Funktion der Kulturwissenschaften sollte nicht allein dem Feuilleton überlassen werden, sondern als eminent wichtige Aufgabe der "Scientific Community" begriffen werden. Die Kulturwissenschaften können sich nicht damit zufrieden geben, anstelle des obsolet gewordenen "Geistes" die Kultur zu setzen und diese philologisch und historisch zu entschlüsseln. Sie sollten Kultur vielmehr auch als symbolische Artikulationen des Sozialen und Politischen zu verstehen suchen.

Kultur im Plural

Kulturwissenschaft und "Kultur" können mittlerweile als ebenso inflationär gebrauchte Begriffe gelten wie Gesellschaftswissenschaft und "Gesellschaft" in den 1970er Jahren. Bislang ist es nicht gelungen, der Kulturwissenschaft als eigenständiger Disziplin bzw. distinktem Forschungsprogramm ein einheitliches und klares Profil mit charakteristischen Methoden und Theorieentwürfen zu verleihen.
Dafür gibt es offenbar mehrere Ursachen: Zum einen sind sie institutioneller Natur, da die wenigsten Universitäten/Fakultäten im deutschen Sprachraum imstande waren, integrierte Studienordnungen und Organisationsstrukturen zu entwickeln, die dem doppelten Erfordernis von Transdisziplinarität und inhaltlich-methodischer Paradigmenkonsolidierung einerseits und von internationaler Vernetzung und internationalem Ideentransfer andererseits entsprechen würden (Ausnahmen bilden die Humboldt-Universität zu Berlin und die Universität Frankfurt/Oder). Zum anderen ist die derzeitige Forschungs- und Ausbildungslandschaft durch eine große Vielfalt von methodischen und inhaltlichen Deutungen des Terminus "Kulturwissenschaften" charakterisiert, die einerseits die Diversifikation einzelwissenschaftlicher Innovationsversuche als Antworten auf die sogenannte "Krise der Geisteswissenschaften" und andererseits die partielle Hereinnahme und Adaption international relevanter Diskursformen wie z. B. Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus, feministischer und postkolonialistischer Theorien widerspiegeln. Diese Aneignung von Diskursen aus anderen wissenschaftskulturellen Räumen ist jedoch mitunter durch eine hohe Metaphorizität der verwendeten Sprache und durch eine wenig (selbst)kritisch verfahrende Begriffsbildung sowie eine geringe empirische Sättigung der Argumentationslinien gekennzeichnet.
Kulturwissenschaften präsentieren sich so in der aktuellen Debatte als "pluralistischer Dach- und Rahmenbegriff" (Böhme), unter dem sich eine Vielzahl begrifflich-methodischer Varianten versammeln wie z. B. Kulturwissenschaft als Reformprogramm zur interdisziplinären Erweiterung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Einzeldisziplinen; als Sammelbegriff zur Erweiterung des Methoden- und Begriffsarsenals in den traditionellen Sprach- und Literaturwissenschaften; als Bezeichnung für theoretische und methodische Ansätze, die aus dem Themen- und Theoriefundus der anglo-amerikanischen Cultural Studies und der Cultural Anthropology übernommen werden; als empirische Kulturwissenschaften im Sinne einer reformierten Volkskunde bzw. europäischen Ethnologie; als Bezeichnung für neuere Forschungsansätze in der Kultur- und Mentalitätengeschichte, den Gender Studies und der historischen Anthropologie; als Memoria-Forschung, die sich mit den kollektiven und kommunikativen Strukturen des kulturellen Gedächtnisses beschäftigt (z. B. Assmann 1993; Assmann 1992), sowie Kulturwissenschaft als kultursemiotisches Forschungsprogramm, das Kulturen als Texte und Literaturen als Texte der Kultur (Bachmann-Medik 1996) zu verstehen sucht und sich interpretativer Verfahren bedient, um die sozial signifikanten Wahrnehmungs-, Symbolisierungs- und Kognitionsstile in ihrer lebensweltlichen Wirksamkeit zu analysieren (Böhme/Scherpe 1996).
In den aktuellen Debatten lässt sich eine gewisse Dominanz der beiden letzten Ansätze erkennen, die im Folgenden als Text- bzw. Memoria-Paradigma bezeichnet werden. Für ihren durchaus als felddefinitorisch zu bezeichnenden Stellenwert ist offenbar ein komplexes Bündel von wissenschaftsintrinsischen und -extrinsischen Ursachen verantwortlich, von denen hier nur einige wenige skizziert werden sollen.

Kultur zwischen Text und Memoria

Das Text-Paradigma, das im wesentlichen auf einem textwissenschaftlich und semiotisch vermittelten Kulturbegriff basiert, erlaubt sowohl eine den Eurozentrismus relativierende Sichtweise der Alterität und Pluralität anderer Kulturen als auch die Thematisierung des Konstruktionscharakters kollektiver Bedeutungssysteme (z. B. Nation als imaginierter Gemeinschaft) auf einer Vielzahl von Ebenen, die von der "hohen Kultur" bis hin zur Popular- und Alltagskultur reichen. Das Memoria-Paradigma ermöglicht es, die selektive Aneignung, Tradierung und Speicherung von Erinnerungen auf der Ebene der Produktion und Dissemination von Texten zu untersuchen, ohne deshalb den gesellschaftlichen Rahmen der Kultur, d. h. die Institutionen, die Subjekte, wobei zunehmend generations- und genderspezifische Aspekte relevant werden, und die materialen Träger des Gedächtnisses aus den Augen zu verlieren. Es vermag dadurch vielfältige Anregungen sowohl für die Literatur- und Sprachwissenschaften wie für die Altertums- und Geschichtswissenschaften bereitzustellen. Das Text-Paradigma ist zudem mit verschiedenen international bedeutsamen Strömungen wie dem "New Historicism" (Greil Marcus 1989), der "Cultural Poetics" (Stephen Greenblatt 1988) und interpretativen Verfahren der Kulturanthropologie (Clifford Geertz 1973) sowie mit diskurstheoretischen und poststrukturalistischen Zugängen verschaltbar. Die von Friedrich Kittler untersuchten "Aufschreibesysteme" (1985) und die von den Medienwissenschaften entwickelten Epochensystematiken von Körperritualen über Schriftentwicklung und Buchdruck bis hin zu den audiovisuell orientierten neuen (elektronischen) Medien (Film, Radio, Fernsehen, Internet) erlauben zudem zusätzliche Verknüpfungen sowohl mit dem Memoria- als auch dem Text-Paradigma, indem sie die Wechselwirkungen von Oralität, Textualität und Ikonographie analysieren (vgl. Wenzel 1995).
Die große Resonanz, die das Memoria-Paradigma vor allem in Deutschland und zum Teil in Österreich gefunden hat, hängt zum einen mit der durch den Nationalsozialismus und seine traumatischen Folgen bedingte Spaltung bzw. generationsspezifischen Ausprägung historischer Gedächtnisse zusammen. Zum anderen ermöglichen memoria-orientierte Forschungsansätze die Analyse wichtiger Phänomene der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wie z. B. Erfindung von Traditionen, Nationsbildung, Kulturen ethnischer und religiöser Gruppen und Minderheiten, Verhältnis von schriftgestützter und mündlich überlieferter Geschichte usw.
Die relative Hegemonie des Text-Paradigmas ist wissenschaftsextrinsisch weniger klar zu verorten; sie dürfte jedoch mit einem Bündel von Phänomenen zusammenhängen, die zum einen in den Traditionen eines an der "etablierten Kultur" orientierten Schul- und Hochschulsystems wurzeln und zum anderen mit der Distanz der kulturellen Eliten zu Problemstellungen der Politik, der Arbeitswelt, der Popularkultur und den Subkulturen in unseren Gesellschaften zu tun haben. Zudem scheint ein nicht zufälliger Zusammenhang zwischen der Konjunktur des Text-Paradigmas und der "zeitgeistig" geprägten Produktion von Neologismen, Trendprognosen und Managementphilosophien zu existieren, die die anwachsenden Deutungs- und Erklärungsbedürfnisse von Wirtschaft, Politik und Medien zur Bewältigung der "neuen Unübersichtlichkeit" gesellschaftlicher Prozesse zu befriedigen suchen.
Insgesamt lassen sich in den vorgestellten Konzeptionen von Kulturwissenschaft gewisse Gemeinsamkeiten feststellen, die in dem Bekenntnis zur Inter- und Transdisziplinarität, der Pluralisierung der verwendeten (historischen) Quellen, einer erhöhten Aufmerksamkeit für die "Semiosphäre" der Lebenswelt und für die Rolle der Medien im Prozess der Selbstauslegung kultureller Prozesse sowie in einer Betonung geschlechtsspezifischer Fragestellungen festzumachen sind.

Kultur als Textur des Sozialen

Relativ schwach entwickelt sind derzeit im deutschsprachigen Wissenschaftsraum kulturwissenschaftliche Positionen, die explizit die Frage nach dem "Politischen der Kultur" und dem "Kulturellen der Politik" stellen und den wechselseitigen Verschränkungen von symbolischen und kulturellen Systemen einerseits und den Sphären von Politik, Ökonomie und Gesellschaft andererseits besondere empirische Aufmerksamkeit und analytisch-theoretische Kraft widmen (zu möglichen Ursachen siehe Horak 1999). Eine Ausnahme bilden die "Gender Studies", die a priori eine politische Dimension implizieren. Die Rezeption der "Cultural Studies", die zu einer umfassenden Thematisierung der Wechselwirkungen von Kultur, Gesellschaft, Politik und Ökonomie in den Worten von Raymond Williams als "a particular way of life, which expresses certain meanings and values not only in art and learning but also in institutions and ordinary behaviour" (Williams 1965:57) hätte Anlass geben können, ist vergleichsweise bescheiden ausgefallen (Ausnahmen bilden: Lutter/Reisenleitner 1998 sowie Engelmann 1999). Sie hat nur selektiv und nur in wenigen Feldern, wie z. B. in vereinzelten Studien zur Arbeiterkultur und zur Jugend- und Subkultur bzw. in den letzten Jahren in den Gender Studies, der Migrationsforschung sowie in bestimmten Spielarten der Medien- und Kommunikationswissenschaften stattgefunden.
Was weithin im deutschsprachigen Wissenschaftsraum und seinen Varianten von Kulturwissenschaften nach wie vor fehlt, ist ein relationaler, prozessorientierter Begriff von Kultur, der das Soziale jenseits funktional-strukturalistischer bzw. simplifizierend materialistischer Zugänge konzeptualisiert. Dieser würde es möglich machen, in den Lebenspraxen der Menschen und in den mannigfaltigen Artefakten ihrer Lebenswelten nicht nur deren systemisch-funktionalen Aspekte festzumachen, sondern auch die symbolischen Inhalte zu analysieren, wodurch Handlungen, Rituale und Artefakte überhaupt erst mit Sinn aufgeladen und mit Bedeutung versehen werden. "Kultur" ist in dieser Lesart (vgl. Lindner 1998:87) weder ein Faktor (neben anderen), noch ein in sich geschlossener Bereich, sondern durchtränkt und imprägniert das Soziale und gibt ihm dieserart erst eine charakteristische Färbung und distinkte Textur. Auch wenn ein so verstandener Begriff von Kultur als ein Gewebe von Zeichen, das Handlungen mit Bedeutungen in spezifischen sozialen und historischen Konstellationen vernetzt, keine Handlungswissenschaft begründen kann und soll, so erscheint es doch nicht hinreichend, Kulturwissenschaft bloß als "bedeutungsgenerierendes Verfahren" und als Zusammenführung von Medienforschung und Kultursemiotik zu konzipieren (vgl. Böhme). Vielmehr wird sich die Kulturwissenschaft gerade angesichts der Erosion national und kulturell homogen verfasster Gesellschaften, der Pluralisierung und Segmentierung ihrer "Semiosphäre" und den neuen Kommunikations- und Austauschformen einer global vernetzten Ökonomie der Frage stellen müssen, wie scheinbar idente Symbole und Zeichensysteme zu differenten Handlungen Anlass geben können und warum kulturelle Orientierungsmuster und "Imaginaires" durch den orts- und kontextgebundenen Gebrauch sozial unterschiedener Akteure und Akteurinnen jeweils andere Kombinationen von Wahrnehmung, Interpretation, Interaktion und Sozialität produzieren. Diese Sichtweise könnte nicht nur manchen "Texten der Kultur" einen gesättigten ethnographischen bzw. anthropologischen Rahmen verleihen und an den kulturellen Gedächtnissen deren soziale, geschlechtliche und ethnische Stratifikationen deutlicher erkennbar machen, sondern auch die begrifflich-theoretische Beliebigkeit und "Materialferne" einzelner kulturwissenschaftlicher Ansätze zugunsten einer am konkreten (historischen) Gegenstand entwickelten, skrupulösen und vorsichtigen Begriffsbildung korrigieren.

LITERATUR

A. ASSMANN, Arbeit am nationalen Gedächtnis: eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee. Frankfurt a. M. 1993.
J. ASSMANN, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 1992.
D. BACHMANN-MEDICK (Hg.), Kultur als Text. Die anthropologische Wende in der Literaturwissenschaft. Frankfurt a. M. 1996.
H. BÖHME "Was ist Kulturwissenschaft?", http://www.culture.hu-berlin.de/KWS/Home/kw_einfuehrung.html.
H. BÖHME/K. R. SCHERPE (Hg.), Literatur und Kulturwissenschaften. Reinbeck bei Hamburg 1996.
J. ENGELMANN (Hg.), Die kleinen Unterschiede: der cultural studies reader, Frankfurt a. M. 1999.
C. GEERTZ, The Interpretation of Cultures. New York 1973.
S. GREENBLATT, Shakespearean Negotiations. The Circulation of Social Energy in Renaissance England. Los Angeles 1988.
R. HORAK: Cultural studies in Germany (and Austria) and why there is no such thing, in: European Journal of Cultural Studies 2/1 (1999), 109-115.
F. KITTLER, Aufschreibesysteme 1800/1900. München 1985.
R. LINDNER, Kulturanalyse, Kulturwissenschaft, Cultural Studies, in: Ästhetik und Kommunikation, Heft 100 [29. Jahrgang]. Berlin 1998.
CH. LUTTER/M. REISENLEITNER, Cultural Studies - Eine Einführung. Wien 1998.
G. MARCUS, Lipstick Traces. A Secret History of the Twentieth Century. Cambridge/Mass. 1989.
H. WENZEL, Hören und Sehen, Schrift und Bild: Kultur und Gedächtnis im Mittelalter. München 1995.
R. WILLIAMS, The Long Revolution. Harmondsworth 1965.


1 Eine leicht veränderte Fassung dieses Beitrags erschien zuvor in: News. Mitteilungen des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften 2/1999, 4-6.
Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Sondernummer 1/99. 29. Jg.
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