[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Venedig 800 - 1600. Die Anfänge der Dogenrepublik

Peter Feldbauer/John Morrissey

Quelle: Peter Feldbauer/John Morrissey: Venedig 800 - 1600. Wasservögel der Macht. Wien, Mandelbaum, 2002.

Venedigs Entstehungsgeschichte lässt sich nur schwer erfassen. Ein Kuriosum - ist doch die Serenissima eine der meistuntersuchten Städte der Welt, wenn nicht die am häufigsten beschriebene überhaupt. Dennoch lässt sich ihr Ursprung nur erahnen. Bei äußerst spärlicher Quellenlage können aus den uns bekannten Fakten bestenfalls Indizienketten zu den Wurzeln der späteren Weltmacht konstruiert werden. Erschwert wird eine Darstellung nicht zuletzt dadurch, dass die venezianischen Eliten im Interesse staatlicher Identitätsfindung schon seit dem 9. Jahrhundert selbst fleißig an der Mythenbildung beteiligt waren.(1) Eines steht jedenfalls fest: Im Gegensatz zu fast allen bedeutenden italienischen Städten war Venedig keine Gründung der Römer. Auf zerstreuten Inselchen eine größere Siedlung nach bewährten regelmäßigen Strukturen anzulegen wäre an der Topographie gescheitert, jede andere Lösung hätte allen Grundsätzen römischer Ingenieurskunst widersprochen. Außerdem war die kostspielige Bautätigkeit weder wirtschaftspolitisch noch militärisch sinnvoll - lag doch die Lagune im Herzen eines Riesenreiches. Es gibt allerdings Hinweise auf eine antike Befestigungsanlage, woran der Name des Stadtteils Castello erinnern soll.(2) Erst der Zerfall des Weströmischen Reiches und die Neuverteilung der Machtverhältnisse im Mittelmeerraum ließen die Lagunenlandschaft zu einer Region höchster strategischer Bedeutung aufsteigen.
Dass Hunneneinfälle und Goteninvasion zum dauerhaften Massenexodus verschreckter Festlandbewohner führte, darf wohl als Teil der Legendenbildung angesehen werden. Sie lösten vielleicht kurzfristige Flüchtlingsströme aus, doch nach Abzug der Eindringlinge kehrten die Emigranten rasch auf das Festland zurück.(3) Zahllose Inselchen waren ohne Zweifel schon seit der Antike von Fischern und Salzproduzenten besiedelt. Außerdem dürften wohlhabende Bürger aus Aquileia und Padua den Sommer - nicht anders als Urlauber heute - auf den lidi, flachen Sandbänken zwischen Lagune und offenem Meer, verbracht haben. In einem Brief an die »veneti« schrieb der Beamte Cassiodorus 537: Sie lebten »wie Wasservögel jetzt auf dem Wasser, jetzt auf dem Land«, die Boote »wie die Haustiere an ihren Hausmauern angebunden.« Eine scheinbar egalitäre Gesellschaft, wo »Reich und Arm in gleicher Weise zusammenleben.« Diese Lagunenmenschen »sind reichlich mit Fisch gesegnet. … Ihre Arbeit ist die Ausbeutung der Salinen, …dank dieser Salinen besitzen sie alles, was sie sonst nicht produzieren.«(4)
Bereits um 550 traten die Wasservögel erstmals militärisch in Erscheinung: Ihre Schiffe unterstützten Byzanz bei der Bekämpfung ostgotischer Truppen. Die erfolgreiche langobardische Expansion im letzten Drittel des 6. Jahrhunderts löste nun wirklich eine Flüchtlingswelle Richtung Insellandschaft aus, unter den Neuankömmlingen befanden sich nicht wenige vermögende Städter - aus Altino, Treviso oder Padua - und Grundbesitzer. Der Mythos sieht in ihnen die Vorfahren des venezianischen Patriziats.(5) Die Exilanten brachten administrative und juridische Kenntnisse - Erfahrungen antiker Urbanität - in die Lagunensiedlung. Weder die schleichende Desintegration des Römischen Reiches noch die so genannten Barbaren aus dem Norden konnten diesen bewährten Strukturen etwas anhaben. Im Gegenteil: Gerade die Ostgoten waren klug genug, den etablierten Beamtenapparat nicht zu zerschlagen. Davon profitierte das zukünftige Venedig.
Bootsfahrer, Fischer, Salinenbesitzer, städtische Eliten. Sie bildeten den Kern einer dynamischen Gesellschaft, die für einen Sonderweg prädestiniert war - oder aufgrund der unwirtlichen Lebensumstände einer maritimen Streusiedlung von über 60 Inselchen gar keine andere Wahl hatte. An der Spitze des Inselreiches stand ein »Dux« oder »Doge«, seit etwa 700 durch Wahl gekürt. Dieses Amt leitete sich vom »Magister Militum« ab, der bis dahin vom byzantinischen Exarchen Ravennas eingesetzt worden war.(6)
Schon im 8. Jahrhundert entwickelte sich Venedig zur Drehscheibe im Handel zwischen West- beziehungsweise Mitteleuropa, byzantinischem Reich und islamischer Welt. In dieser Frühphase merkantiler Expansion stammte das benötigte Kapital wohl aus Überschüssen der Agrarproduktion. Die eingewanderten Eliten des Festlandes hatten ihren Grundbesitz - Gärten, Felder, Salinen - nicht aufgegeben.(7) Griechen, Juden und Syrer brachten per Schiff die Luxuswaren des Orients in die Lagunenstadt, deren Kaufleute übernahmen den Weitertransport auf den Flüssen Norditaliens ins Landesinnere, von wo sie vor allem Getreide bezogen. Um 780 boten venezianische Händler in Pavia - hier kreuzte sich der Po mit der Fernhandelsstraße Richtung Alpen - vergoldete Pfauenfedern, Seide und purpurfarbene Stoffe aus Tyros an. Wie weit die Handelskontakte bereits reichten, beweisen Münzfunde auf Torcello: Archäologen fanden arabische Dirham aus dem 8. und 9. Jahrhundert.(8) Die erste politische Bewährungsprobe galt es 810 zu bestehen: Der aufstrebende Kleinstaat, de jure noch immer Teil des Byzantinischen Reiches, wurde von karolingischen Truppen angegriffen. Spätestens an der etwas höher aufragenden Insel »rivo alto« konnte Pippins Armee zurückgeworfen werden. In einem 814 mit Konstantinopel abgeschlossenen Vertrag musste Karl der Große die Unantastbarkeit Venedigs akzeptieren.
Aufgrund dieser miltärischen Erfahrung, aber vielleicht auch wegen der häufigen Malaria im näher beim Schilfgürtel gelegenen Torcello, wurde Rialto neues Zentrum der autonomen Stadt, die ihr Selbstbewusstsein und Unabhängigkeitsstreben durch die Adoption eines neuen Schutzheiligen demonstrierte: 828 erwarb man unter dubiosen Umständen die Gebeine des Evangelisten Markus in Ägypten. Ein Heiliger der ersten Kategorie entsprach viel mehr den Ambitionen des Aufsteigers als ein eher unscheinbarer Lokalpatron namens Theodorus. Nicht anders handelten Venedigs italienische Konkurrenten. Amalfi wählte sich keinen geringeren Schutzherren als den Hl. Andreas, Pisa adoptierte nach fulminanten Siegen über die Sarazenen die Jungfrau Maria. Genua war mit dem Hl. Laurentius, zu dem sich später der Drachentöter Georg - auch Namensgeber einer der einflussreichsten Banken des Mittelalters und der frühen Neuzeit - gesellte, ebenfalls prominent vertreten. San Marco erwies sich für die Corperate Identity der Lagunenstadt als Glücksgriff: Soll er doch in Aquileia gewirkt und dort die Basilika gegründet haben. Mit der Inthronisation eines international und regional bedeutsamen Heiligen stellte man sich nicht nur in eine Reihe mit Rom, Konstantinopel oder Jerusalem, sondern untermauerte den Anspruch auf die Führungsrolle in der nördlichen Adria. Die Adoption eines »lateinischen« Patrons - an Stelle des »griechischen« Theodorus - untermauerte auch deutlich Venedigs Anspruch auf Unabhängigkeit von Byzanz. (9) Außerdem war für Umwegsrentabilität gesorgt: Starheilige kurbelten den Pilgertourismus an. Politische Legitimation und Wallfahrtsziel: Jahrhunderte lang sollten diese Erwägungen beim Raub von Reliquien eine wichtige Rolle spielen, wie der Streit zwischen Venedig und Bari um die Authentizität der Gebeine des Hl. Nikolaus zeigt. Die Serenissima entschied den Disput um den Schutzherren der Seeleute für sich. Ein Triumph, der in zeitgenössischen Chroniken Erwähnung fand:
»Das glückliche Venedig, schreibt der Hagiograph, ist heute glücklich, denn es glänzt, gestützt auf zwei Säulen. Es hat den Löwen (Hl. Markus), der ihm in der Schlacht den Sieg schenkt. Es hat den Steuermann (Hl. Nikolaus), der den Seesturm nicht fürchtet.«(10)
Vom fernen Basileios als wichtigster Partner im Westen - 827 unterstützten venezianische Kampfschiffe die Byzantiner in Sizilien - in die Autonomie entlassen, dem in gefährlicher Nähe agierenden westlichen Kaiser die Krallen gezeigt, zum Papst freundlich-kritische Distanz: Bereits im 9. Jahrhundert zeichnet sich ein wesentliches Charakteristikum venezianischer Politik ab. Flexible Diplomatie und geschicktes Lavieren zwischen Großmachtinteressen einerseits, blitzartige und skrupellose Anwendung von militärischer Gewalt andererseits. Lane verleiht diesem Wesenszug das Adjektiv »geschmeidig«: Ein Gefühl für die Grenzen des Machbaren. Mit geeigneten Mitteln Chancen sofort nützen. Aber auch machtpolitischen Verlockungen bei zu großem Risiko widerstehen.
Geschickt baute die Markusrepublik bis zur Jahrtausendwende ihre Machtposition im Handel auf Norditaliens Flüssen, aber auch in der Adria aus: Unterwerfung benachbarter Konkurrenten wie das im Podelta gelegene Comacchio oder das istrianische Koper, endgültige Verdrängung der Sarazenen aus der Adria - noch 878 waren arabische Schiffe bis Grado vorgestoßen -, Kontrolle der dalmatinischen Küste. Im Jahr 1000 nahm der Doge den Titel »Dux Dalmaticorum« an. Zur Jahrtausendwende soll erstmals die bis heute mit größter Begeisterung zelebrierte Vermählung des Dogen mit dem Meer inszeniert worden sein: »Lo sposalizio del mare«, ein geradezu antik-heidnischer Staatsakt als Ausdruck venezianischer Identität und Unabhängigkeit. Der feierlich ins Meer geworfene Ring symbolisiert die Vereinigung der Republik mit dem Meer und legitimiert somit ihren Herrschaftsanspruch. Eine Souveränität, die ihr kein Kaiser oder Papst gewährt - die Serenissima nimmt sie sich einfach. »Desposamus te, mare, in signum veri perpetuique dominii«, heißt es in der Trauungsrede - »dominii« und nicht »domini«, im Namen der Herrschaft und nicht des Herrn. Von Gottes Gnade keine Rede. Dieses Staatszeremoniell zeigt auch, welche Rolle die Kirche in Venedig spielte: Sie hatte der Republik zu dienen. Bezeichnenderweise unterstand die Markuskirche dem Dogen, Pfarrer wurden von den Bürgern ihres Sprengels gewählt.(11)
Mittlerweile hatte sich die Seerepublik vollkommen aus der ohnehin nur theoretischen Abhängigkeit von Byzanz gelöst. Wie und wann dieser Schritt zur endgültigen Eigenstaatlichkeit vollzogen wurde, ist unklar. Vielleicht ein langsames Gleiten in die Unabhängigkeit, ohne offiziellen Vertrag und Zeremoniell: »Die Oberhoheit des Kaisers von Byzanz verblich allmählich … .«(12) Möglicherweise markiert aber der »Pactum Lotarii« des Jahres 840 den definitiven Beginn venezianischer Selbstbestimmung: In diesem Dokument wurde der fränkisch-byzantinische Vertrag von 814 erneuert, allerdings vom Dogen im Namen der Republik und nicht vom griechischen Kaiser unterzeichnet. Erstmals trat die Lagunenstadt als international anerkannter Partner auf, dessen Interessen nicht mehr ignoriert werden konnten. Die Abmachung anerkannte ausdrücklich Venedigs Anspruch auf Kontrolle der Adria.(13)
Ähnliches galt für die Flüsse. Das Heilige Römische Reich gewährte der Dogenrepublik ab dem 9. Jahrhundert auf Po, Etsch, Brenta, Piave und Tagliamento weit gehende Handelsrechte und Schutz bei Schiffbruch. Venezianische Kapitäne unterlagen nicht dem Strandrecht, lokale Grundbesitzer mussten ihre Finger von gestrandeten Booten samt Ladung lassen. Bald nahmen die Venezianer vor allem auf dem Po mit kampfstarken Geleitzügen den Schutz ihrer Flussfahrer in die eigene Hand. Ein System, das sie später mit den Konvois der muda perfekt auf die maritime Schifffahrt übertrugen. Außerdem zwangen sie allen anderen auf den Flüssen verkehrenden Kaufleuten ihre Regeln auf: Fremde Händler mussten Waren- und Gewichtskontrollen akzeptieren, bei Verstößen wurden strenge Geldstrafen verhängt. Auch als sich Venedig immer mehr der Adria zuwandte und den Binnentransport Spezialisten aus Pavia, Piacenza, Cremona oder Verona überließ, wurde er venezianischen Bestimmungen entsprechend abgewickelt.(14) Nicht weniger energisch setzte sich die Markusrepublik im Salzgeschäft durch: Hier erlangte sie durch die übliche Melange aus Diplomatie, Boykott und Gewalt - wovon Triest ein Lied zu singen wusste - in der nördlichen Adria eine geradezu monopolartige Position bei Herstellung und Vermarktung dieses vielseitig verwendbaren Rohstoffes. (15)
Der steigende Bedarf nach orientalischen Luxuswaren führte bald zur entscheidenden Neuorientierung venezianischer Wirtschaftspolitik: Expansion über das offene Meer, Einstieg in den Fernhandel. Als besonders hilfreich erwies sich dabei eine byzantinische Chrysobull des Jahres 993. Als Anerkennung für erfolgreiche Flottenunterstützung im Kampf gegen die Sarazenen Süditaliens und gegen die Slawen gewährte der Kaiser dem Lagunenstaat Vergünstigungen in der gesamten Romania. Außerdem hatten venezianische Seefahrer trotz ihrer Kampagnen gegen arabische Schiffe Kontakte zur islamischen Welt geknüpft.(16) Darauf weist auch die Legende vom illegalen Export der Gebeine des Hl. Markus hin: In Alexandrien erwarben venezianische Kaufleute die Gebeine des zukünftigen Schutzpatrons und versteckten sie vor den arabischen Zöllnern unter einer Kiste voller Schweinefleisch.(17) Auch die aus dem 10. und 11. Jahrhundert stammenden ägyptischen bacili - bunte Tonteller, die zur Dekoration in Kirchenaußenwände eingemauert wurden - im Museum der südlich des Po liegenden Abtei von Pomposa belegen frühe Handelsbeziehungen zwischen Italienern und Muslimen. In anderen Regionen Italiens wurde ebenfalls arabische Keramik als Fassadenschmuck verwendet. Ein besonders schönes Beispiel ist der winzige frühromanische Dom im ligurischen Noli, dessen bunt glasierte Tellerchen - hier wie in der Toskana bacini genannt - aus Tunesien und Sizilien stammen.
Venedigs Position als unumstrittene Regionalmacht bedeutete den Zugriff auf die damals noch riesigen Eichen-, Eschen- und Buchenwälder des Hinterlandes, dazu kamen die Nadelhölzer der nahe gelegenen Alpen. Der Export von Holz, einem strategischen Rohstoff, in das waldarme östliche Mittelmeergebiet war eine Trumpfkarte im internationalen Handel, ganz besonders mit muslimischen Staaten. Kaiserlichen und päpstlichen Verboten zum Trotz lieferten venezianische Kaufleute reichlich das für Kriegszwecke unentbehrliche Bauholz an arabische Machthaber, die ihrerseits häufig mit Gold bezahlten. Das afrikanische Edelmetall diente ihren christlichen Partnern beim Erwerb jener orientalischen Luxuswaren, nach denen Europa so gierte und welche riesige Gewinnspannen versprachen. (18) Nicht anders verhielt es sich mit dem zweiten lukrativen »Exportprodukt«, den Sklaven. Die Riva degli Schiavoni zwischen Markusplatz und Arsenal erinnert an den Stellenwert dieses einträglichen Wirtschaftszweiges.
»Im 9. und 10. Jahrhundert waren die noch nicht bekehrten slawischen Völker … Hauptversorgungsquelle des Sklavenmarktes. Italien war einer dieser Märkte, das muselmanische Nordafrika ein noch besserer. … Eine Zeit lang spezialisierte sich Venedig darauf, Eunuchen für die Höfe und Harems des Ostens zu liefern, und die Sarazenen kauften slawische Sklaven auch als Soldaten zur Auffüllung ihrer Heere.« (19)
Im 11. Jahrhundert sah sich Venedig in der südlichen Adria mit einem neuen Gegner konfrontiert: Dem Normannen Robert Guiscard, welcher nicht nur die merkantilen Interessen der Markusrepublik bedrohte, sondern durch seine tollkühnen Expansionspläne Byzanz' hochproduktive Balkanprovinzen(20), ja Konstantinopel selbst. Wie schon so oft traten die Venezianer an die Seite ihres traditionellen Verbündeten, der zu Lande gegen die Normannen eine vernichtende Niederlage einstecken musste. 1081 schlugen Venedigs Galeeren Guiscards Flotte bei Durazzo - ein Sieg mit weitreichenden Folgen. Als Dank gestand Kaiser Alexios den Venezianern innerhalb der Romania volle Reisefreiheit zu, sie mussten keinerlei Zölle zahlen. Ein unglaubliches Privileg, unterlagen doch selbst Griechen dem Abgabensatz von zehn Prozent.(21) Damit stand der Serenissima auf dem Weg zur ökonomischen Vorherrschaft im Byzantinischen Reich nichts mehr im Wege, was vor allem Amalfi schmerzlich zu spüren bekam.
Zur Absicherung ihrer Privilegien war die Serenissima nicht einmal gegenüber dem Vertragspartner besonders zimperlich. Wann immer den Griechen Venedigs Dominanz unheimlich wurde und sie an Einschränkungen alter Vorrechte beziehungsweise an Begünstigungen der italienischen Konkurrenten dachten, reagierte die Dogenrepublik mit Entsendung ihrer Galeeren. Handelsexpansion und steigende Profite sollten also nicht alleine der friedlichen Tätigkeit unternehmerischer Kaufleute zugeschrieben werden. Eine viel wichtigere Voraussetzung des raschen Erfolgs war der staatlich organisierte, gezielte Einsatz der schlagkräftigen Flotte im Dienste von - immer häufiger aber auch gegen - Byzanz, zum Schutze eigener Handelsschiffe oder zum Zwecke der Seeräuberei. Was Venedig in den ersten Jahrhunderten seines Aufstiegs reich machte, waren daher nicht einfach Zwischenhandelsgewinne infolge überlegener kommerzieller Techniken. Genauso wichtig waren: Eintreibung von Protektionsrenten, Differenzialprofite aufgrund der höheren Schutzkosten der Konkurrenz, sowie Einkünfte aus Kaperfahrten und Krieg.(22)
Der Einsatz von Kampfschiffen zur Bekämpfung ökonomischer Kontrahenten und zur Durchsetzung von Monopolansprüchen sowie das Bemühen, die Schutzkosten der eigenen Galeerenverbände niedrig zu halten, blieben jahrhundertelang kennzeichnend für Venedigs Handelspolitik. Im Zuge der erfolgreichen Handelsexpansion verlor Gewalt gegenüber ständig verbesserten kommerziellen Organisationsformen und schmiegsamer Diplomatie allmählich an Bedeutung, sodass Ende des 15. Jahrhunderts ein venezianischer Kaufmann den nach Indien vordringenden Portugiesen vorhielt, sie sollten die Schiffe der Konkurrenten nicht ausplündern, falls sie Handel treiben wollten.(23) Hinter diesem Vorwurf verbirgt sich ein kurzes historisches Gedächtnis: Die Adriametropole war erst nach vielen Kämpfen zu jener Handelsrepublik geworden, die den mediterranen Wirtschaftsraum dominierte, deren Eliten längst nach kommerziellen Kriterien dachten, die am meisten vom so genannten friedlichen Wettbewerb profitierte - und die noch immer Monopolgewinne notfalls auch mit ihren Kriegsschiffen verteidigte. Im 12. Jahrhundert war man von all dem noch weit entfernt.
Im Sinne dieser Strategie war es logisch, dass Venedigs erste Intervention im Verlauf der Kreuzzüge die Zerstörung pisanischer Schiffe vor Rhodos war. Die Toskaner mussten zusätzlich versprechen, sich vom Handel in byzantinischen Häfen zurückzuziehen. 25 Jahre später fiel die bei Tyros so erfolgreiche Flotte plündernd über mehrere Ägäisinseln her, um dem griechischen Kaiser die Konsequenzen seiner Diversifizierungspolitik zu Gunsten italienischer Konkurrenten vor Augen zu halten. Das traditionell freundliche Verhältnis zwischen Dogenrepublik und Ostrom schlug nun endgültig in Misstrauen, Verachtung und Hass um. Als Manuel Komnenos gar mit Papst Alexander III. über die Wiedervereinigung der Kirchen und der Kaiserreiche verhandelte, schrillten in der Serenissima alle Alarmglocken, sahen sie doch die Machtbalance im Mittelmeer gefährdet. Mit nicht weniger Argwohn beobachtete der Dogenstaat Byzanz' wachsenden Einfluss an der dalmatinischen Küste. Verstärkt wurden die Ressentiments durch die auf byzantinischem Territorium ausgetragenen Kämpfe zwischen Pisanern, Genuesen und Venezianern.(24) Außerdem empfanden viele Griechen das Auftreten der »Lateiner«, die sich wie die wahren Herren des Reiches aufspielten und tatsächlich über einigen Einfluss am Hof der Kaiserfamilie verfügten, als Provokation. Der griechische Chronist Niketas Choniates schrieb über die Venezianer, sie seien »Menschen, die sich vom Meer ernähren, nach Art der Phönizier umherschweifend, zu jeder List bereit.«(25) Die hochexplosive Stimmung entlud sich 1171 in den »Lateinerpogromen«. Die blindwütigen Ausschreitungen dürften so manchen Venezianer das Leben gekostet haben, viele fanden sich im Gefängnis wieder, ihr Stadtviertel wurde geplündert. In den kommenden Jahrhunderten betrachtete Venedig je nach Interessenlage Byzanz als Feind oder als leicht manipulierbare Marionette - nie wieder jedoch als gleichberechtigten Partner. Was für die einstige Weltmacht fatale Folgen haben sollte.

Anmerkungen

1 Rösch 1989, 17 ff.
2 Zorzi 1999, 15.
3 Crouzet-Pavan 2001, 8 f.
4 zit. in Lane 1980, 20 und Hocquet 1992, 525.
5 Bettini 1988, 47 ff.; Rösch 1989, 35; Crouzet-Pavan 2001, 8 f.
6 Bettini 1988, 50; Pavan/Arnaldi 1992, 428.
7 Jones 1997, 106.
8 Luzzatto 1995, 4; Tangheroni 1996, 93 f.; Horden/Purcell 2000, 167.
9 Crouzet-Pavan 2001, 62 f.
10 Crouzet-Pavan 2001, 65.
11 Lane 1980, 142 f. und 160, Karbe 1995; 34, Zorzi 1999, 28.
12 Lane 1980, 23.
13 Pavan/Arnaldi 1992, 437 ff.; Zorzi 1999, 263; Rösch 2000, 36 ff.
14 Crouzet-Pavan 2001, 134.
15 Lane 1980, 24 ff.; Karbe 1995, 38 und 44.
16 Rösch 1992, 549; Tangheroni 1996, 149 ff.
17 Bragadin 1989, 8 f.; Rösch 2000, 25.
18 Lane 1980, 28.
19 Lane 1980, 27.
20 zur Bedeutung der byzantinischen Balkanregionen vgl. Lilie 1999, 164 ff.
21 Ferluga 1992, 702; Rösch 1992, 560; Nicol 1999, 60 f.
22 Curtin 1984, 117.
23 Magalhães-Godinho 1969, 563.
24 Lane 1980, 67; Ravegnani 1995a, 49 ff.; Nicol 1999, 95.
25 zit. bei Ravegnani 1995a, 53.


Quelle: Peter Feldbauer/John Morrissey: Venedig 800 - 1600. Wasservögel der Macht. Wien, Mandelbaum, 2002.
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]