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Im Zeichen der Kanone. Vorwort

Gottfried Liedl/Thomas Kolnberger

Quelle: Gottfried Liedl/Manfred Pittioni/Thomas Kolnberger: Im Zeichen der Kanone. Islamisch-christlicher Kulturtransfer am Beginn der Neuzeit. Wien, Mandelbaum, 2002.

»Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.«
Cato vor dem Römischen Senat


Um Geschichte zu schreiben, muss man wissen, was man wissen will. Dass man nicht über etwas geschrieben hat, muss aber umgekehrt nicht bedeuten, dass es bewusst verheimlicht, unterschlagen oder nicht zur Kenntnis genommen wurde - kurzum, man es nicht wissen wollte! Geschichtswissenschaft braucht gerade solche Missverhältnisse als Problemstellungen, denn ohne Probleme keine Geschichte. Geschichtswissenschaft ist zu ihrem besten Teil fundierter Widerspruch und wiederholte Thematisierung vorliegender Problemlösungen. Andrerseits soll die Historie verhindern helfen, über etwas schweigen zu müssen, bloß weil darüber wenig geredet, wenig geschrieben wurde, oder weil Tatsachen zu geringen, ja kärglichen Eingang in die allgemeine Diskussion gefunden haben. »Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung« - so Ludwig Wittgenstein im Tractatus logico-philosophicus.
Wir spielen hier auf die Debatte um die so genannte »Military Revolution« an. Unser kleines Buch ist thematisch als ein qualifizierter Einwand angelegt, der für und gegen eine »Military Revolution« im Sinne von Geoffrey Parker gelesen werden sollte.(1) Den eigentlichen Grund für diese Zwitterstellung kann man aber nur im Zusammenhang einer allgemeineren und noch viel weiterreichenden Debatte verstehen: einer Debatte über den Aufstieg des Westens während der Neuzeit etwa ab 1500. Das Datum, auch verstanden als ein symbolisch aufgeladener Stichtag - man denkt natürlich sofort an die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus -, fällt hier zunächst nicht ins Gewicht. Wichtiger scheint es uns zu sein, die ganze »Logik« des Wirkungsgefüges zu hinterfragen beziehungsweise zu testen. Ab 1500 erhöht sich die Präsenz europäischer Mächte in der Welt merklich. Menschen aus Europa verstreuen sich über beide Hemisphären und mit ihnen Waren, Wissen, Seuchen, Pflanzen, soziale Netze und vieles mehr. Im Kielwasser dieser Ausbreitung - das Schiff wird zum wichtigsten Übertragungsmedium und Transportmittel - strömt eine ganze neue Welt nach Europa zurück. Immer regelmäßiger und fester werden Kontinente miteinander verbunden und im 18. Jahrhundert ist schließlich auch noch der letzte bewohnbare Kontinent für die Weltöffentlichkeit entdeckt.(2)
Das sind Tatsachen im Sinne von Wittgenstein. Ist die Lösung zu dieser Vernetzung der Welt aber gerechtfertigterweise als ein »Aufstieg des Westens« zu formulieren? Ein rise of the west, dem sich fast zwangsweise ein decline of the rest anhängt? Militärische Stärke und kriegerische Kompetenz sind oft die ersten Argumente einer Expansion. Sie mussten offenbar unbedingt in das Erklärungsprofil einfließen, warum denn ausgerechnet Europa als vielgliedriger »Wurmfortsatz Asiens« - wie es einmal von Paul Valéry bezeichnet wurde - weltumspannende Macht zu entfalten verstand. Aber zu glauben, man könne es mit der Formulierung einer Liste von europäischen Besonderheiten in Wirtschaft, Sozialorganisation oder Militär (sozusagen als selbstevidente Argumente) auf sich beruhen lassen, oder zu meinen, dass Sein von selbst Sinn ergibt, hat vielleicht dem einen oder anderen als Aufgabe der Geschichtsschreibung gelten können - im Sinne von Wittgenstein war es sicher nicht. Um es gleich vorwegzunehmen - wir können Parker über weite Strecken seiner Argumentation folgen, nur fällt es uns schwer zu bestätigen, dass die Entwicklung militärischer Standards, die Weiterentwicklung techno-militärischer Kompetenz tatsächlich fast durchgehend Eigenproduktion europäischer Mächte gewesen sein soll. Im Gegenteil. In der Absicht, das zu schreiben, was man einen »produktiven Essay« nennen könnte, und dabei den Rahmen eines Einführungswerkes nicht zu überschreiten, nehmen wir ein Privileg des Historikers in Anspruch, welches sich aber nur selten in dieser Deutlichkeit deklariert: nämlich auszuwählen ohne beliebig zu werden. In einer arbeitsteiligen Wissenschaft, wie sie eben auch die Geschichtsschreibung ist, geht es wohl auch gar nicht anders.
Also eine Auswahl … Wir haben uns dazu einen unmittelbaren »Nachbarn« der europäischen Christenheit ausgesucht, die islamische Welt. Einen Nachbarn, der gefährliche Nähe und zugleich kreativen Kontakt über diffuse Grenzen entwickelte. Das muslimische Spanien bis zum Fall Granadas 1492, dem großen Jahr des Kolumbus -, das osmanische Reich mit seiner Expansion bis vor die Tore Wiens 1529 und 1683: Das war durchaus alles andere als eine harmlose Nachbarschaft … Gerade der Konflikt im und um das Mittelmeer ist für die Zukunft Europas ein entscheidendes Wegstück technisch-organisatorischer Akkulturation gewesen - und da besonders im militärischen Feld. Und obwohl wir der These vom Aufstieg des Westens in ihrer ganzen Rigidität nicht folgen können, so können wir ihren Anhängern immerhin zubilligen, diese Schwellenzonen einer so genannten »Neuzeit« in ihrer ungeheuren Bedeutung nicht unterschätzt zu haben. Denn einerseits verdeutlicht der ibero-arabische Fall - und das mit erstaunlicher Klarheit! -, wie sich »militärische Modernität« entwickeln kann: nämlich laut Zeitplan der »Military Revolution« Parkers eigentlich … zu früh! Andererseits bietet das Schicksal der Osmanen das Exempel, wie man sozusagen trotz »the rise of the west« als dessen Gegenspieler nicht mit Notwendigkeit »fällt«.(3) Das Blatt wendet sich spät - erst mit den Friedensverträgen von Karlowitz (1699) und Passarowitz (1718), die zwischen der Hohen Pforte und der Hofburg geschlossen wurden. Künftig wurde der Kaiser in Wien als dem Sultan gleichrangig tituliert.(4) Beobachtungen dieser Art reizen zum Widerspruch.
Es sind einige Termini gefallen, denen es eigentlich an Präzision fehlt und die darum im Sinne größtmöglicher Transparenz immer wieder der jeweils eigenen Leseart und Argumentation angepasst werden sollten. Modernität - auch militärische Modernität - entsteht nicht aus einer Art Anfangsvorsprung, dem andere so lange vergeblich nachlaufen - und den sie trotz aller Mühe nicht aufholen könnten, es sei denn, auch sie schlagen den einzig möglichen Weg ein - den Weg der Modernisierung. Es gibt nicht einen Weg, sondern viele Wege zur militärischen Moderne und wohl nochmal so viele, die darin bestehen, dass man die Tradition, die alte Moderne sozusagen, ein weiteres Mal »modernisiert«: »Die Welt ist keine moderne, sondern eine gegenwärtige Welt.«(5) Die heftig umstrittenen und bestrittenen Modernisierungstheorien euro-amerikanischer Provenienz haben die Annahme gemein, dass etwa vor 200 bis 250 Jahren und nur in einem deutlich begrenzten Gebiet Westeuropas die Basis für die Entwicklung zur Moderne, wie wir sie heute kennen, gelegt wurde.(6) Als Grundannahme, was modernste Moderne sein soll, werden westeuropäische Industriegesellschaften zum Modell genommen. »Unter Modernisierung verstehe ich einen Typus des sozialen Wandels, der seinen Ursprung in der englischen Industriellen Revolution und in der politischen Französischen Revolution [… hat]«. Er findet statt »im wirtschaftlichen und politischen Fortschritt einiger Pioniergesellschaften und den darauf folgenden Wandlungsprozessen der Nachzügler« - so eine für den deutschen Sprachraum klassisch gewordene Definition.(7) Bemerkenswert daran ist, dass der Anteil, den Militärisches an derlei »Fortschritt« hat, vornehmlich im Rahmen einer »defensiven Modernisierung« gesehen wird. »Das schockartige Erlebnis einer militärischen Niederlage, manchmal auch die Einsicht herrschender Eliten in die Gefahr eines solchen Rückschlags, gelten als Auslöser forcierter Modernisierungsprozesse in der Wirtschaftspolitik sowie in der steuerlichen Finanzierung und inneren Organisation des Militärs. Schon die Frühphase der westeuropäischen Modernisierung stellten etwa das Russische und das Osmanische Reich unter einen Druck, dem die Modernisierung von Armee und Bürokratisierung entgegenwirken sollte.«(8)
Die Debatte um eine militärische Revolution europäischer Prägung mit dem berühmten Ausnahmefall Japan, der sich durch die industriell-militärische Aufrüstung und den sozialen Umbau Nippons wieder stimmig in das Bild einer defensiven Modernisierung einfügen ließ, verstärkte gleichzeitig den Trend, allem Militärischen und überhaupt dem Krieg eine prominentere Rolle in Modernisierungstheorien einzuräumen.(9) Förderlich dabei war die weitgehende Deckungsgleichheit der Zonen einer militärischen Revolution in der frühen Neuzeit mit den europäischen Pionierzonen industrieller Revolutionen in einer ersten und zweiten Industrialisierungswelle. Zunehmend kam, wie es schon Otto Hintze auf den Punkt gebracht hatte,(10) dem Krieg die Rolle eines »Schwungrades an der Staatsmaschinerie« zu. In der Folge formierte sich eine Theorie sozialen Wandels im Wirkungsgefüge von Staat-Militär-Wirtschaft. Eine dynamische Beziehung - die zwischen Militär und Staat - wurde in einer Ursprungssuche in die frühe Neuzeit Europas zurückverfolgt und der »okzidentale Sonderweg«, wie es Max Weber formulierte, mit einem militärischen durchwirkt. Nur: die Moderne, von lateinisch modo - »eben erst«, zeigt auch im Kriegerischen keinen linearen Aufstieg und im Westen schon gar nicht. Europa und das lateinisch-protestantische Abendland waren im globalen Vergleich nicht immer auf der Höhe der Zeit.(11) Auch bedeutete bis weit ins 18. und 19. Jahrhundert hinein regionale Differenz zu einem bestimmten militärischen System, etwa zur immer wieder modernisierten militärischen Tradition des Westens, keinen wirklichen Nachteil oder Grund für einen unaufholbaren Rückstand.(12) Man darf hier durchaus rigoros sein und - mit Blick auf die »Globalisierungsfrage« - den europäischen Sonderweg auch in sozial- und wirtschaftshistorischer Hinsicht relativieren: » Der Sieg der Europäer stand vor dem Durchbruch der Industriellen Revolution keineswegs von vornherein fest, und die Bewohner der anderen Kontinente mit ihren vielfältigen Ökonomien, politischen Organisationsformen und Kulturen waren sicherlich nirgends nur passive Opfer entschlossen handelnder oder gar überlegener Europäer.«(13)
Für die Geschichtsschreibung ist das auch eine Frage der geänderten Methoden. Der Historismus des 19. Jahrhunderts hatte mit sich und der Welt - »seiner« Welt, einer Welt, die er zu beherrschen glaubte - noch keine Probleme. So wie Europas imperialistische Staaten der Meinung sein durften, dass »to rule the waves« ihre Sendung wäre, sonnten sich auch die europäischen Historiker in der hegelianischen Illusion, in ihrer Epoche - im ausgehenden 19. Jahrhundert - sei die Welt als europäisierte endlich bei sich selber angekommen. Am Beginn des 21. Jahrhunderts beginnt der Zunft zu dämmern, dass diese Hybris falsch war: »Die neue Historizität muss eine Offenheit bewahren und die Einbindung des Menschen in die Geschichte auf andere Weise begründen«. Statt einem einzigen Subjekt der Geschichte nachzulaufen - in einem sozusagen »zielgerichteten« Interaktionsprozess (worin alle Beziehungen mit Notwendigkeit hierarchisch geordnet wären) -, gilt es zuzugeben, dass »mehrere Prozesse parallel verlaufen oder sich überschneiden [können]. Ferner setzten sich nicht alle Prozesse kontinuierlich fort, sie können unterbrochen oder auch ganz beendet werden. Es gibt Prozesse, die sehr langsam verlaufen, insbesondere wenn sie auf eine langfristige kumulative Verursachung zurückzuführen sind. Andererseits gibt es Prozesse, die geradezu schlagartig ablaufen […].« Es gilt also erstens den Prozesscharakter von Geschichte, der sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten von typologisch ganz verschiedenen Geschichten (Plural!) ausdrückt, entsprechend zu beachten. Zweitens kommt aber auch ein Begriff der Interaktion ins Spiel, der nicht bloß eine einzige Qualität - einen ein für alle Mal feststehenden »Kommunikationspegel« - kennt, sondern es in seiner prinzipiellen Offenheit dem Historiker ermöglicht, Serien von schwächeren oder stärkeren Intensitäten zu bilden, die dann dazu berechtigen, von so etwas wie »historischer Relevanz« zu sprechen. Als Beispiel für »historisch relevante« kommunikative Interferenz könnte man sich jenes indischen Großmoguls erinnern, »der selbst noch als meisterhafter Bogenschütze galt, [andrerseits aber schon] türkische Kanonengießer [beschäftigte] und […] das zahlenmäßig weit überlegene Heer des Sultans von Delhi mit seiner Feldartillerie [besiegte].« Und dann wiederum gibt es »selbst in unserer Zeit der globalen Interaktion […] neben dem häufig reisenden Geschäftsmann auch noch den Jäger mit Pfeil und Bogen, der ein Flugzeug allenfalls einmal über den Wipfeln der Bäume gesehen hat.«(14)
Aber kehren wir wieder zum eigentlichen Thema zurück … Geoffrey Parker, Autor maßgeblicher Arbeiten zur militärischen Entwicklung der frühen Neuzeit, hat die Bezeichnung »militärische Revolution« von Michael Roberts entlehnt und folgt seinem Mentor leider auch darin, den Übergang zur Moderne erst im 16. Jahrhundert und verstanden als eine irreversible Weichenstellung anzusetzen:(15) zweieinhalb Jahrhunderte nach den spektakulären Niederlagen der Ritterheere bei Kortreijk und Morgarten, Crécy und Elvira und ebenso lang nach Einführung der modernen Waffengattung schlechthin - der Kanone - auf dem europäischen Festland (nachweislich um 1324 bzw. sogar 1317). Und die Uninformiertheit des Fachmanns ist in diesem Umfeld kein Einzelfall. John Keegan lässt die Mamluken von Kairo bis ins 16. Jahrhundert hinein ohne Kenntnis respektive Besitz von Feuerwaffen sein,(16) die Bombardierungen von Kairo und Damaskus durch eben diese Mamluken ein Jahrhundert zuvor sind ihm - wie auch anderen Kapazitäten des Fachs (17) - offenbar unbekannt oder nicht der Rede wert. Ein anderer Historiker - exzellenter Kenner der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Geschichte Spaniens - liest, wenn es um Militärisches geht, gleich eine ganze Quelle falsch. Er lässt die Christen mit Kanonen schießen, obwohl im Dokument, der Crónica de Don Alfonso el Oncero ausdrücklich von den grässlichen Verlusten die Rede ist, die den Christen von ihren arabischen Gegnern durch jene neuartigen Maschinen zugefügt wurden.(18)
Diese Ignoranz (?) hat eine lange Tradition und geht bis in die Zeit der ersten frühneuzeitlichen, »modernen« Militärschriftsteller zurück. Die Gelehrten der Renaissance begründen auch hierin den europäischen Charakter, als sie nämlich - mit Ausnahme einiger Spanier, was nicht von ungefähr kommt - den gleichwohl als »teuflisch« verrufenen technischen Fortschritt lieber einem deutschen Mönch, dem notorischen Berthold Schwarz, unterstellen als ihn einer nicht-christlichen Zivilisation zuzubilligen.(19) Ein Reflex, der bis heute gilt. »Es herrscht kein Mangel an ›eurozentrischen‹ Werken«, gibt selbst Parker zu. Und bittet seine außereuropäischen Kollegen, »meine eurozentrische Perspektive zu korrigieren.«(20) Offensichtlich weiß er, wovon er spricht. Volker Schmidtchens detailreiches Buch über die Kriegsführung im Spätmittelalter widmet der arabischen Militärwissenschaft des 13. bis 15. Jahrhunderts (der man die ersten Erwähnungen des Schießpulvers, die ersten bildlichen Darstellungen von Feuerwaffen sowie Beschreibungen des Einsatzes und der Wirkung solcher »Maschinen« verdankt) nicht eine Zeile. Von den rund 50 in der Einleitung erwähnten oder zitierten Quellen ist keine einzige außereuropäischen Ursprungs(21) - obwohl die Situation etwa auf dem Gebiet edierter Manuskripte mittlerweile ausreichend Bewegungsraum böte.(22)
Noch einmal: die Thesen von Roberts, Parker und anderen sind qualifiziert,(23) können trotz vieler Revisionen zum Teil aufrecht bleiben und werden auch für die Zukunft produktiv sein - nur darum geht es uns hier nicht in erster Linie. »Was modernisiert wird, wird neu gestaltet, veränderten Umständen angepasst oder darauf vorbereitet, auch unter veränderten Umständen bestehen zu können. Modernisierung hat mit Gestaltbarkeit und Steigerung zu tun, letztlich mit Steigerung von Anpassungsfähigkeit. […] Modernität ist in aller Regel kurzlebiger als der Tatbestand, auf den sie sich bezieht. Bei nächster Gelegenheit kann oder muss sie durch eine andere Modernität ersetzt werden. So gerät Modernisierung zu einem laufenden Prozess der Zerstörung von Modernität - im Dienste der Erhaltung dessen, was an der Sache nicht modern ist, was bleibt oder bleiben soll. Dass als unbeabsichtigte Folge auch diese Sache selbst, ein ‚Identitätskern‚ zerstört werden kann, ist nicht auszuschließen.«(24) Genau diesem Druck und genau dieser Herausforderung zur Anpassung waren europäische Mächte selbst immer wieder ausgesetzt, die Wirkungskräfte und deren Richtung blieben uneindeutig, führten zu teilweise rasanten Veränderungen auf beiden Seiten, was uns zu einem weiteren Terminus bringt, den der »Grenze« - und damit zur Frage, wo dieser Begriff greift oder wo er uns andrerseits unzulässig erscheint.
An diesem Punkt wäre an einen genialen Einwurf zu erinnern, der umso erstaunlicher ist, als er laut wurde, als noch alle Welt ins Triumphgeschrei einer positivistischen Weltgeschichte / Universalgeschichte einstimmte. Im Jahr 1889 wurde die saturierte Kolonialwissenschaft, »Ethnologie« genannt, mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert - mit »Galtons Problem«. Dieses stellt eine Art Unschärferelation dar, wie sie sich notwendigerweise bei jedem Kulturvergleich einstellt. Man kann, sagt Galton, nicht gleichzeitig die Fälle isolierend herauspräparieren und in ihrer Beziehung zueinander darstellen (beziehungsweise erklären, inwieweit sie voneinander abhängig sind). Anders gesagt: es geht darum, »sich den Unterschied zwischen Vergleich und Beziehungsgeschichte vor Augen zu führen, denn beides lässt sich nicht immer widerspruchslos miteinander kombinieren.«(25) So kann man von einem »Sonderweg Europas« eigentlich nur unter dem Aspekt des Vergleichs reden - als Beziehungsgeschichte (als die der Historismus des 19. Jahrhunderts den »europäischen Weg« so gern gelesen hätte) hört besagter Weg nämlich augenblicklich auf, »ein besonderer« zu sein! - Dies gilt es zu bedenken, wenn das Folgende nicht falsch verstanden werden soll - oder anders formuliert: damit es richtig verstanden werde, nämlich vor dem Hintergrund und auf der Folie jenes Problems, das Sir Francis Galton vor mehr als 100 Jahren zum ersten Mal formuliert hat.
Die Heraufkunft des Westens, europäischer Mächte, welche globale Reichweiten unterschiedlichster Art und Weise entwickelten, haben die Welt zum erstenmal »entgrenzt«. »Ferne macht fremd und Nähe macht eigen« - erinnert sich Heinz Schilling an einen Ausspruch seiner Mutter.(26) Wie entscheidend es aber für die Militärgeschichte Europas war, Fremdes zum Eigenen gemacht zu haben und dass Nähe sowohl zur gefährlichen Nähe als auch zur fernen Grenze wurde, verdeutlicht die Notwendigkeit, geschichtliche Scheidelinien zu überschreiten und auch wieder neue zu ziehen.
»Geschichte Europas« ist stets auch Geschichte des Anderen gewesen: in letzter Instanz hat nicht das von jeher Eigene, sondern das, wie auch immer angeeignete, Fremde »Europa gemacht«. Am Anfang der neuen Praxis - »auffällig-augenscheinlich« wird diese ab dem 15. Jahrhundert - steht eine neue (wenn auch zuweilen sehr indirekt agierende) Theorie - vielmehr eine ganz charakteristische Verschränkung von Theorie und Praxis. Dabei verbindet sich in der Vorstellung von, nennen wir sie ruhig so, »intellektuellen Kriegstreibern« eine wieder entdeckte Klassik (vulgo Renaissance der artes militares unter dem Siegel römischer Tugend) mit der brutalen Wirklichkeit des Schlachtfelds zu einer Mischung von bis dahin unerhörter Brisanz. Das »Newcomertum« selbsternannter Experten - und was die praktische Seite betrifft, so sind das eben keine schöngeistigen Schriftsteller und Denker, sondern Horden skrupelloser Bauern, zu allem entschlossene Randschichten und teilweise gut gedrillte städtische Milizen - hat weder Hemmungen, den Gegner abgrundtief zu hassen noch Hemmungen, ihn eifrig zu kopieren, also in die »Schule des Feindes« zu gehen. Das sieht man besonders an jenen neu auftauchenden »ruchlosen« Waffen und wie diese auf den Schlachtfeldern in Taktiken, die gegen jede überkommene Regel verstoßen, erfolgreich eingesetzt werden. Dieser Prozess dringt von den Rändern ins Innere der alten sozialen und politischen Gebilde vor; was auch geographisch gelesen werden muss. Es sind die Militärgrenzen zwischen Islam und Christenheit, Islam und Mongolen, an denen die kriegerischen Neuheiten entstehen, übernommen, ausgetauscht werden.(27)
Genau daran orientiert sich unser Ansatz einer Militärgeschichte der frühen Neuzeit. Geographisch (kulturgeographisch oder, wie man auch gesagt hat: geopolitisch) entsteht so am Leitfaden des Krieges ein ganzes separates Zwischenreich - das Reich der »Grenze«, einer christlich-muslimischen, auch zuweilen spanisch-arabischen frontera, einer Grenze, die wandert: von der Straße von Gibraltar zum Goldenen Horn, von dort auf den Balkan, vom Mittelmeer in den Atlantik. Eine Grenze, die aber auch nach innen wirkt. Als Grenze, die allmählich absolut wird und sich dann von einer Seite und einseitig »Aufklärung« nennt. Alles dreht sich um die Filterwirkung eines cordon sanitaire, die Anverwandlung des Fremden zum gleichsam Eigenen; aber so, dass der Motor der Expansion - Akkulturation durch Interaktion - niemals zum Stillstand kommt. »Krieg« wäre unter diesem Aspekt eine Art Anerkennung des Anderen ex negativo; als der Versuch, ein Nicht-Ich auszuhalten, ohne darin zu verschwinden. Grundlegendes hat dazu schon Fredrik Barth festgestellt - in seinem Forschungsansatz über Phänomene der Grenze. Grenzen werden gerade auch durch einen intensiven Kontakt über Abgrenzungen und Scheidelinien hinweg aufrechterhalten und akzentuiert. »Wenn sich Ethnien voneinander absetzen, so bedeutet das nicht, dass es zwischen ihnen keine soziale Interaktion, keinerlei soziale Anerkennung gäbe - im Gegenteil. Nicht selten sind ethnische Unterscheidungen die Grundlage für gut integrierte soziale Systeme. In solch einem System geht dann das interaktive Sich-voneinander-Unterscheiden nicht einfach unter - auch nicht durch Akkulturation; kulturelle Differenziertheit besteht trotz interethnischer Kontakte und Abhängigkeiten tendenziell weiter.«(28) Ferner lernen wir vom norwegischen Ethnologen, dass Menschen dann Grenzen überschreiten, zu transethnischen, transnationalen Grenzgängern werden, wenn es ihnen zum Vorteil gereicht - Basis jedes Renegatentums und oft Basis von Wissenstransfer. Kriege, die so viele Menschen und Ressourcen zu mobilisieren verstanden, erzeugten somit ganz von selbst mannigfache Grenzwirkungen, oft mehrere simultan, egal, ob sich nun die Grenze auflöste, verschob, undurchlässiger wurde, ja selbst wenn sie sich zur staatlichen Territorialgrenze wandelte.(29)
Um die Untersuchung dieser Dynamik im anvisierten Feld - »Europa« am Beginn der Neuzeit - zu akzentuieren, wird sie unter der Chiffre »orientalisch-okzidentale Spuren und Verbindungen« noch weiter eingeengt und werden vor allem Aspekte des militärisch-technologischen Transfers in den Blick genommen. Zugleich ist das ein gutes Stück Ideologiegeschichte. Etwa dann, wenn der Begriff einer »Ermittlung basaler strukturaler Ähnlichkeiten« ins Spiel gebracht wird, um sozusagen in einem »Vergleich über die europäischen Zivilisationsgrenzen hinaus« klären zu können, welche Eigenschaften nun etwa tatsächlich »für Europa charakteristisch sind, worin sein Sonderweg in der Weltgeschichte besteht und welche Ursachen sich dafür angeben lassen.«(30) Es gilt der Suche nach dem archimedischen Punkt in der Geschichte Europas - dieser Punkt kann eine Epoche sein, eine privilegierte Region, ein hervorstechendes technisch-zivilisatorisches Moment -, worin sich die charakteristische Struktur, die Vorstellungswelt, die man als typisch europäisch empfindet, wie von selbst enthüllt. Fernand Braudel verdankt man unter anderem die Erkenntnis der Geographie eines solchen Ortes. Er selbst nannte ihn die Méditerranée. Nach dem Entwurf des Franzosen sieht es tatsächlich so aus, als komme für Europa, für das moderne Europa, das sich anschickt, die Welt in seinen Bann zu ziehen, als ein privilegierter Ort im oben skizzierten Sinn nur das Mittelmeer in Frage. Mehr noch. Als dessen charakteristische Serie könnte man die technisch-zivilisatorische Revolution des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit ansehen - mit der Kultur des Islam als einem charakteristischen Vergleichsobjekt - einem »geliebten Feind«, einer »verfreundeten« Nachbarschaft, einer Konkurrenz im doppelten Sinne des Wortes, denn der Begriff bedeutet Rivalität und Zusammenkommen in einem. Die Kultur des Islam spiegelt jenen Zyklus, jene Serie von defensiven und progressiven Modernisierungen nicht nur passiv als Kontrast wider, sondern sie nimmt aktiv und mit großer Vehemenz an ihm teil.
Wenn, wie oben angedeutet wurde, der archimedische Punkt in der Geschichte - eine Epoche, eine privilegierte Region, ein hervorstechendes technisch-zivilisatorisches Moment - zugleich eine »Grenze« ist, so haben wir nach Parker mit Nordwesteuropa und Oberitalien (mit eindeutigem Schwerpunkt im Nordwesten) beziehungsweise nach Braudel mit der Méditerranée (im Norden begrenzt von einem Europa »jenseits der Olivenhaine«(31), die süd- und südöstliche Hälfte ist gleichzeitig Teil der islamischen Welt) mindestens zwei archimedische Punkte - noch dazu solche, die in ihrer Geschichte nicht für sich allein stehen geblieben sind. Es bleibt also auch hier noch jede Menge Raum für gravierende methodische Auffassungsunterschiede. Umso mehr, als der Begriff einer great frontier spätestens seit Turners rabiat ethnozentrischer Auffassung(32) geradezu zum Symbol der »abendländischen Suprematie«, zum Beweis der unaufhaltsam nach Weltgeltung strebenden zivilisatorischen Sendung Europas und des Westens geworden ist. Frontier und »manifest destiny« wurden zu einem unauflöslichen Begriffsduo, zur selbstevidenten Illustrierung, denn wer expandiert, der hat Recht und dahinter muss Überlegenheit stecken, ganz egal, wo sie herkommt oder wie sie abgeleitet wurde. Fundamentale ideologisch-methodische Auffassungsunterschiede pflegen aber schwerwiegende erkenntnistheoretische Konsequenzen nach sich zu ziehen. So auch hier. Denn es ist alles andere als einerlei, ob frontiers oder fronteras - in ihrer Eigenschaft als welthistorisch bedeutsame Phänomene - unvordenkliche und unveränderliche Kultur- und Schicksalsgrenzen bedeuten (wie in der Turner'schen Darstellung) oder »Zonen der Interaktion zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen«, wo diese Kulturen »miteinander ringen und im Rahmen ihrer physischen Umwelt eine nach Zeit und Ort spezifische Dynamik hervorbringen.«(33) Und es liegt auf der Hand, dass einer solch »doppelseitigen, anthropologisch interessierten Grenzauffassung«(34) auch das Konzept der Méditerranée bzw. einer nordwesteuropäischen Militärrevolution untergeordnet zu werden hat. Ein solches Projekt - auch wenn es hier nur in einem speziellen Stückwerk angegangen wird - kann sich daher begründete Hoffnung machen, über genau jenes Scharnier eines »Krieges der Zivilisationen« - der ja nicht nur Konfrontation, sondern immer auch Austausch ist - nicht nur das Wesentliche der einen Seite, sondern die Essenz eines Ganzen in seinem Zusammenspiel zu beleuchten.

Anmerkungen

1 Parker 1990, Black 1994 u. 1998, Rogers 1995.
2 Zur Erweiterung und Vervollständigung des (kartographischen) Weltbildes vergleiche Dörflinger 2002, 13 (über die sagenhafte Terra Australis auf einer Weltkarte des 16.Jahrhunderts) mit Rothermund 2002, 258 (zu Hendrik Brouwers »noch kühnerer Bezwingung des südlichen Indischen Ozeans« - der Passatwind-Route südlich des 40. Breitengrades)!
3 zuletzt betont z.B. durch Grant 1999.
4 Übrigens stammt, Lewis zufolge, aus dieser Wendezeit auch »das erste muslimische Dokument, in dem muslimische und christliche Methoden der Kriegsführung verglichen werden, wobei der Vergleich zugunsten der letzteren ausfällt und die bis dahin undenkbare Ansicht vorgetragen wird, die wahren Gläubigen täten gut daran, die militärische Organisation und die Kriegsführung der Ungläubigen zu übernehmen«: Lewis 2001, 16.
5 Le Goff 1994, 64.
6 allgemein dazu: Berger 1996(a) u. 1996(b), Joas 1996, Zapf 1996 u. 1970.
7 Bendix 1970, 506 u. 510.
8 Joas 1996, 18.
9 Morillo 1995.
10 Joas 1996, Kroener 1995, 1.
11 Neuerdings wird auf solche »Limitations of Christian Power« in der militärwissenschaftlichen Diskussion gern Bezug genommen - siehe z.B. Black 1998, 20 ff.
12 In diesem Sinne war die Moderne immer schon »reflexiv« - Beck/Giddens/Lash 1996 oder Appadurai 2000.
13 Feldbauer 2002, 25.
14 Alle Zitate: Rothermund 1998, 9.
15 Parker 1990, 19.
16 Keegan 1993, 36.
17 vgl. etwa Hale 1983, 390.
18 Ladero Quesada 1979, 122.
19 Hale 1983, 390.
20 Parker 1990, 12f.
21 Schmidtchen 1990, 22-37.
22 Shatzmiller 1992 u. 1982 bzw. 1988; Reinaud 1848; Reinaud/Favé 1849; Ritter 1929; Attiya 1954.
23 siehe Thompson 1999.
24 Hondrich 1996, 28.
25 Osterhammel 1998a, 35.
26 Schilling 2000(b), 53.
27 Eine übersichtliche Zusammenfassung der Entwicklungslinien frühester Pyrotechnik unter besonderer Berücksichtigung der arabisch-orientalischen Beiträge, wobei der momentane Stand der wissenschaftlichen Debatte recht überzeugend dargelegt ist, findet sich bei Cook 1994, 59 ff.
28 Barth 1994(b), 10.
29 Baud/van Schendel 1997.
30 Osterhammel 1996, 145.
31 Braudel 1990, Bd.1, 32.
32 vgl. Turner 1986, 13.
33 Osterhammel 1995, 112 ff.
34 Osterhammel 1995, 113.


Quelle: Gottfried Liedl/Manfred Pittioni/Thomas Kolnberger: Im Zeichen der Kanone. Islamisch-christlicher Kulturtransfer am Beginn der Neuzeit. Wien, Mandelbaum, 2002.
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