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Einleitung

Peter Feldbauer

Quelle: Peter Feldbauer: Estado da India. Die Portugiesen in Asien 1498-1620. Wien, Mandelbaum, 2003

1998 feierte man in Portugal mit erheblichem Aufwand das 500-Jahr Jubiläum der Flottenexpedition Vasco da Gamas nach Indien. Kritische Anmerkungen zu diesem Schlüsselereignis der frühneuzeitlichen europäischen Expansion nach Übersee fanden zwar durchaus Gehör, im Kern ging es aber doch darum, das Jahr 1498 als Epochenschwelle hervorzuheben und die positiven Konsequenzen des Ereignisses auf Europas Weg in die Moderne zu betonen. Es passt gut zur Jubelstimmung, dass sogar in Bezug auf Asien die mit dem portugiesischen Vorstoß einsetzende Vasco da Gama-Epoche eher als Zeitalter der Partnerschaft denn als Epoche vielfältiger Konflikte gedeutet wurde. Vor allem aber ließ man wenig Zweifel daran, dass seit dem 16. Jahrhundert eine lange Phase europäischer Dominanz im Indischen Ozean einsetzte, die zwar nicht unbedingt und ausschließlich positive Konsequenzen für die asiatischen Gesellschaften nach sich zog, fast überall aber einen tiefgreifenden Wandel der ökonomischen und politischen Entwicklung in Gang setzte.
Als Kavatam M. Panikkar 1954 sein berühmtes Buch Asia and Western Dominance. A Survey of the Vasco da Gama Epoch of Asian History 1498-1945 publizierte, hatte er seine Analyse mit dem Satz "Vasco da Gama arrived at the port of Calicut on the south-west coast of India on 27 May 1498. Without doubt his arrival marks a turning point in the history of India and Europe" begonnen und damit die Anfänge portugiesisch-europäischer Präsenz in Indien zu einem Datum höchster welthistorischer Relevanz erklärt. Seine Position, die asiatischen Staaten und Gesellschaften im Unterschied zu den expandierenden Europäern vergleichsweise wenig Dynamik und Veränderungspotenzial zubilligte, wurde damals von vielen westlichen Wissenschaftlern geteilt und fand im Rahmen des Vasco da Gama-Jubiläums offenbar noch immer gedämpften Anklang. Allgemeiner Forschungsstand ist sie seit der in den 70er-Jahren einsetzenden Neubewertung der kolonialen Vorreiterrolle Portugals in Asien aber längst nicht mehr. Im Zuge intensiver Detailforschungen asiatischer, europäischer und amerikanischer Historiker wurde die Geschichte der Frühphase der atlantischen Expansion teilweise völlig neu gedeutet und radikal umgeschrieben. Nicht selten wird inzwischen die Überlegenheit der Portugiesen, Niederländer und Engländer im Indischen Ozean bis zum späten 18. Jahrhundert in Frage gestellt und der europäische Einfluss auf Wirtschaft, Kultur und Politik als sehr gering oder überhaupt unerheblich veranschlagt.
Das letzte Wort ist in all diesen Fragen freilich noch lange nicht gesprochen. Dies betrifft gleichermaßen die Rolle des portugiesischen Asienimperiums für den so genannten Prozess der ›Europäisierung der Welt‹ bzw. den Aufstieg des Westens seit dem 16. Jahrhundert - anders gesehen: für die Anfänge des Europäischen Weltsystems - wie die Folgen der europäischen Präsenz für Asiens Staaten und Ökonomien. Einen Beitrag zur Klärung einiger Aspekte dieses ziemlich komplizierten Fragenkomplexes soll das vorliegende Buch leisten, das lediglich als historische Skizze der Anfänge des portugiesischen Estado da India im 16. Jahrhundert konzipiert wurde und sowohl Gedanken zu den iberischen Anfängen der atlantischen Expansion als auch Überlegungen zur globalgeschichtlichen Positionierung Eurasiens von 1480 bis 1620 zur Diskussion stellen soll. Angepeilt ist keine weitere, möglichst viele Themen gleichmäßig berücksichtigende, handbuchartige Monographie, sondern eine pointierten Fragestellungen verpflichtete Analyse ausgewählter wichtiger Themenkomplexe in knapper Form. Bei aller Kürze sollen zeitliche Tiefe und regionale Weite angemessen berücksichtigt und der Darstellung wissenschaftlicher Kontroversen gebührend Platz eingeräumt werden. Vor allem aber gilt es, die Gesellschaften, Ökonomien und Kulturen im Bereich des Indischen Ozeans nicht bloß als Anhängsel europäischer Geschichte zu behandeln, sondern im Rahmen eines sich verdichtenden Kommunikations- und Interaktionsprozesses zwischen Ost und West zu begreifen, was die möglichst gleichrangige Analyse verschiedener Gesellschaften, Staaten und Regionen sowie das Bemühen um eine zumindest tendenzielle Überwindung des Eurozentrismus der alten ›Weltgeschichte Europas‹ voraussetzt.
In der Folge wird die Expansion einiger missionsbegeisterter, land-, macht-, gold- und profithungriger portugiesischer Könige, Adeliger, Kaufleute und Abenteurer ab der Mitte des 15. Jahrhunderts als Teil eines die gesamte Menschheitsgeschichte und sukzessive den gesamten Erdball umfassenden Prozesses zunehmender Kontaktaufnahme und Konfrontation, vielfältiger Kommunikation sowie intensiven Kenntnistransfers in alle Richtungen gesehen. Die daraus erwachsende Aufmerksamkeit für das große Ausmaß transkontinentaler wirtschaftlicher, politischer und kultureller Interaktionsprozesse vor dem Einsetzen des europäischen Imperialismus im 19. Jahrhundert macht die als konsensuale Lehrbuchweisheit tradierte Vorstellung obsolet, derzufolge bis in die jüngste Vergangenheit ausschließlich Europäer und der Westen das Gesetz des Handelns im Weltmaßstab bestimmt hätten.
Bis zum 15. Jahrhundert war Europa ein nicht unwesentlicher Teil, aber sicherlich nicht Zentrum jenes eurasischen Kommunikations- und Handelsnetzwerkes, das besonders zwischen 1260 und 1350 eine enorme Verdichtung im Zeichen der Pax Mongolica erfuhr. Bestimmend für diese Entwicklung waren die politisch-militärische Stärke der Reitervölker des zentralasiatischen Raumes - die Vormachtstellung der Mongolen sicherte den Karawanenrouten der Seidenstraße zwischen Asien und Europa Frieden, Stabilität sowie Prosperität - sowie die ökonomische und kulturelle Attraktivität Ostasiens und der Islamischen Welt. Portugal lag im äußersten Westen dieses - nach den Worten von Janet Abu-Lughod - vormodernen Weltsystems und spielte in diesem nur eine periphere Rolle. Die mehr als hundert Jahre später einsetzende italienisch-portugiesische Expansion stellte die bereits erprobten transkontinentalen Zusammenhänge wieder her, weitete die alten Netzwerke aus und vertiefte sie mancherorts sogar. Wieso der große Expansionsschub letztlich von Südwesteuropa und nicht etwa von China ausging, bleibt trotz vieler Forschungsanstrengungen vorerst eine der großen unbeantworteten Fragen einer wie auch immer definierten Globalgeschichte. Klar ist hingegen, dass der Sieg der Europäer in der Arena von Weltwirtschaft und Weltpolitik vor der Industriellen Revolution sicherlich nicht feststand. Und ebenso klar ist auch, dass die Bewohner Asiens - aber auch Afrikas und Amerikas - mit ihren vielfältigen Ökonomien, Kulturen, Politik- und Staatsformen sicherlich nirgends nur passive Opfer entschlossen handelnder, überlegener Europäer waren.
Dennoch erhebt sich die Frage, warum der anfänglich mehr oder weniger gleichberechtigte Kontakt mit wirtschaftlich vielfach stärkeren asiatischen Gesellschaften schlussendlich, nach drei Jahrhunderten, unterschiedliche Formen kolonialer Beherrschung und Unterordnung annahm. In der Ära der iberischen Expansion ließ sich die spätere Dominanz der nordwesteuropäischen Metropolen über Indien, China und Südostasien ja tatsächlich noch nicht erahnen. Inwieweit die portugiesischen Aktivitäten im Rahmen des Estado bereits eine folgenreiche Vorstufe für die seit dem späten 18. Jahrhundert deutlich werdenden militärischen, politischen und ökonomischen Ungleichgewichte, Abhängigkeitsstrukturen und imperialistischen Herrschaftsverhältnisse waren, ist die zentrale Frage der folgenden Ausführungen.


Quelle: Peter Feldbauer: Estado da India. Die Portugiesen in Asien 1498-1620. Wien, Mandelbaum, 2003
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