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Zur Einführung

René Alexander Marboe

Quelle: Peter Feldbauer: Entdecker, Conquistadoren, Navigatoren . Europas Aufbruch in die Welt 1450 - 1700. Wien, Mandelbaum, 2003.

 

Le Navire
Tristan L'Hermite (1601-1655)

Je fus, Plante superbe, en Vaisseau transformée.
Si je crus sur un Mont, je cours dessus les eaux:
Et porte de Soldats une nombreuse Armée,
Apres avoir logé des Escadrons d'Oyseaux.

En rames, mes rameaux se treuvent convertis;
Et mes feüillages verds, en orgueilleuses voiles:
J'ornay jadis Cybelle, et j'honore Thetis
Portant tousjours le front jusqu'aupres des Estoilles.

Mais l'aveugle Fortune a de bisares loix:
Je suis comme un joüet en ses volages doits,
Et les quatre Elements me font tousjours la guerre.

Souvent l'Air orageux traverse mon dessein,
L'Onde s'enfle à tous coups pour me crever le sein;
Je dois craindre le Feu, mais beaucoup plus la Terre.


Das Schiff

Ich ward zum Schiff gemacht, der ich als Baum gethront.
Erwuchs auf einem Berg, muss übers Wasser fahren:
Und Kriegsvolk trage ich nunmehr in großen Scharen,
Nachdem ich einst vom Heer der Vögel war bewohnt.

Zu Rudern finden sich die Zweige umgestellt;
Mein Laubwerk ward zum stolzen Segelwerk der Meere:
Ich war Cybeles Schmuck und jetzo Thetis Ehre
Und trage stets empor die Stirn zu Sternenzelt.

Doch lässt Fortuna uns ihr seltsam Wirken kennen:
In ihren Händen bin ein Spielzeug ich zu nennen;
Die Elemente vier bekriegen stets mich sehr.

Oft will der wilde Wind den Willen mir versagen.
Die Welle schwillt und tost, den Leib mir zu zerschlagen;
Das Feuer ist mein Feind, die Erde noch viel mehr.

Unter seinem Pseudonym als Poet Tristan L'Hermite schrieb der aus dem nordfranzösischen Calvados stammende Abenteurer François L'Hermite diese einfühlsame Apotheose des wichtigsten Ferntransportmittels seiner Zeit, des Hochseeschiffes. Gleich ob Kauffahrer, Kriegsschiff oder Sklaventransporter hat das ozeantaugliche Segelschiff den "Aufbruch Europas in die Welt" erst ermöglicht. Was in karger Abgeschiedenheit der portugiesischen Halbinsel Sagres begann, wird nicht nur abertausende Menschen in eine zuvor nicht gekannte Welt hinaustragen. Mit ihnen reisten auch Glaube, Hoffnung auf Reichtum und besseres Leben sowie politische und wirtschaftliche Konzepte. Auf den Rückfahrten transportierten diese Schiffe in ihren Laderäumen aber auch jenen Mehrwert, der ein anderes Europa schuf. Ein Europa, das aus dem Schatten seiner Vergangenheit trat und ihn in veränderter Form über die Welt breitete.

Hartnäckig tasteten sich davor aber unzählige Schiffe entlang unbekannter Küsten in neue Länder vor, umschifften gefährliche Kaps, strandeten, fuhren in gewaltige Flussmündungen um feststellen zu müssen, dass diese keine Meeresbuchten oder Küstenhorne waren, erreichten neue Gestade oder gingen verloren. Sie sind wie "im Wasser segelnde Wälder" deren "Laubwerk ward zum stolzen Segelwerk". Gleich ob Karavelle, Karacke oder Galeone, das Schiff ist für den Beginn der europäischen Expansion der frühen Neuzeit die grundlegende Kombination aus Frachtraum und mobiler Festung, denn "Kriegsvolk trage ich nunmehr in großen Scharen". Europa bezog fortan auch die Weltmeere als weiteren Austragungsort seiner inneren Konflikte mit ein, ebenso und besonders ferne Länder. Mit arroganter Selbstverständlichkeit trat es von Anfang an als Herr auf, unfähig und nicht willens, diese Anmaßung zu erkennen oder wenigstens in Ansätzen zu hinterfragen.

Die Allegorie des François L'Hermite ausweitend werden in diesem Band gedankliche Verknüpfungen zwischen den einzelnen Bauetappen eines großen Segelschiffes und jenen Männern und Ereignissen hergestellt, die Europa in eine geographisch Neue Welt führten. So können die Bemühungen eines Heinrich des Seefahrers und die Fahrten des Kolumbus ebenso als tragendes Element für die explorative Seefahrt angesehen werden, wie Kiel und Spanten für das Schiff. Die Stützen für dessen Antrieb, die Masten, finden ihre menschlichen Gegenstücke in den Persönlichkeiten eines Magellan, Cortés, oder Pizarro. Erst deren Leistungen und Erfolge bildeten die tragenden Säulen, auf denen man zur See oder am Land weiter aufbauen konnte. Andere folgten nach und trieben ihrerseits die Grenzen des Bekannten immer ferner hinaus. Die Rahen eines Schiffes wieder lassen sich, als Träger der Segel, mit den nichtiberischen Seenationen vergleichen, deren Wirken erst den zukunftgerichteten Kurs ermöglichten. Und da ein Schiff ohne verbindende Elemente ebenso wenig vorankommen kann, sind gerade im Zeitalter der Entdeckungen eine Vielzahl eher unbekannter Personen zu nennen, ohne die eine detailreiche Sicht unmöglich wäre. In diesem Sinn ist ihre Summierung in den beiden Abschnitten über "Kleinteile" mehr eine sprachliche Anpassung in das Umfeld kleinerer, aber dennoch wichtiger Schiffsbestandteile, denn Missachtung oder Geringschätzung der persönlichen Verdienste jener Männer. Darüber hinaus dürfen in einem Buch, das sich mit Schiffen, Kapitänen, Steuerleuten und Landreisenden beschäftigt, ohne Frage auch Abschnitte über Kartographie und Nautik nicht fehlen.

Die großen Themenkreise werden jeweils in einem markanten Hauptkapitel des Schiffsbaues gebündelt, das seinerseits die ihm zugeordneten Abschnitte der Erkundung und Expansion ebenso umfasst, wie das innere Zusammenwirken der korrelierenden Schiffsteile. Verlässlicher Führer entlang dieser Gedankenkette soll der spanische Dreidecker SAN FELIPE sein, und das durchaus mit Symbolcharakter. Mit seinen 106 Kanonen war das Flaggschiff der Admiralität nicht bloß das bis dahin kampfstärkste Schiff der spanischen Kriegsmarine, sondern möglicherweise seiner Zeit überhaupt. Der Stapellauf im Jahr 1690 lag nur zehn Jahre vor dem Tod Karls II., des letzten spanischen Habsburgers. Die Verbindung aus beiden Fakten war ausschlaggebend für ihre Wahl zum "Modell des Buches"; konterkariert doch ihre üppig prachtvolle Ausstattung ein brüchig und morbid gewordenes Reich, das 200 Jahre zuvor aufgebrochen war, sich zum "Herrn der Welt" aufzuschwingen. Gleichzeitig markiert sie aber auch das unwiderrufliche Ende dieses politischen Anspruchs. Bei einem großen Seegefecht mit übermächtigen englischen Einheiten während des Spanischen Erbfolgekrieges, der auf den Tod des kinderlosen Karl folgte, wurde die SAN FELIPE 1705 derart schwer beschädigt, dass sie sogar von der enternden Prisenmannschaft des Siegers aufgegeben werden musste und sank. Mit ihr ging auch eine Epoche unter. Das politisch und wirtschaftlich schon lange kränkelnde Spanien war von der Zeit eingeholt worden und verlor in der sich ändernden Konfiguration europäischer Machtverhältnisse seine prominente Position. An seine Stelle traten nun Frankreich auf dem Kontinent, England nicht nur auf den Weltmeeren und wirtschaftlich die schon länger führenden Niederländer.

Bei aller Ausweitung des Themenkanons sollte aber sein Transportmittel, das Schiff in doppelter Hinsicht, nicht zur nebensächlichen Selbstverständlichkeit abgleiten. Ist man geneigt, dieser Konzeption einer Parallelführung von Schiff und Mensch zu folgen, so wird man nach kurzer Zeit verblüfft feststellen, dass mit dem Voranschreiten der Arbeiten am Modell im Gleichklang auch die reale, aber bis dahin noch weitgehend unbekannte Welt Konturen und Formen annimmt. Der Text versteht sich als "Lesebuch", als Almanach der Ereignisse und sein innerer Aufbau ist derart gewählt, dass auch Einzelkapitel in sich konsistent sind..


Quelle: Peter Feldbauer: Entdecker, Conquistadoren, Navigatoren . Europas Aufbruch in die Welt 1450 - 1700. Wien, Mandelbaum, 2003.
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