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Einleitung

Peter Kirsch

Quelle: Peter Kirsch: Die Barbaren aus dem Süden. Europäer im alten Japan 1543 bis 1854. Wien, Mandelbaum, 2004

An manchen Orten Kyushus, in Nagasaki, in Shimabara oder im abgelegenen Hirado, kann der Tourist heute unter den Produkten der japanischen Nippes- und Reiseandenkenindustrie eigenartige Keramikmännchen entdecken. Sie tragen manchmal große runde Schlapphüte, Stulpenstiefel und eine Kleidung, die an europäische Vorbilder des 17. und 18. Jahrhunderts erinnert. Sind es japanische Gartenzwerge? Oder mythologische Figuren? Wer fragt, bekommt auch gleich die Antwort: Die Figürchen aus der Tradition der Netsuke - Schnitzereien (Gürtelknöpfe) stellen die Europäer dar, die zur Zeit des alten Japans, der Zeit vor der Öffnung des Landes für die übrige Welt, ihren Weg hierher gefunden hatten. Heute sind sie putzige Zwerglein der japanischen Folklore. Damals waren es Männer aus Fleisch und Blut, Männer unterschiedlichster Herkunft und mit den unterschiedlichsten Absichten, die nach einer schier endlosen Seereise in Japan an Land gegangen waren.

Europäer waren es, die fast ein Jahrhundert lang mit ihrem Glaubens- und Missionseifer die Seelen vieler Japaner in Verwirrung stürzten. Europäer waren es, die hier jahrhundertelang Silber, Seide und tausend andere luxuriöse und praktische Dinge ins Land brachten, darunter die rauhe Haut des Rochens, die den Griff des japanischen Schwertes umspannte, und das Kobalt für das Blau der Porzellanmalerei. Sie waren es, die das Wissen über die Welt außerhalb Japans vermittelten, nicht nur über den Bau eines Gewehrs, sondern auch über das Zusammenspiel der Sterne, über die Segnungen der Medizin oder das Funktionieren einer Uhr und einer Feuerwehrspritze.

Die Fremden kamen aus Ländern, in denen nicht - wie in China - konfuzianische Prinzipien herrschten. Sie erschienen daher den Japanern ungehobelt und wurden die "Barbaren aus dem Süden" genannt. Diese "Südbarbaren" betrachteten das Inselreich als einen Boden, auf dem gute Geschäfte zu machen waren. Und das galt nicht nur für die Handelskompanien, für die sie arbeiteten. Auch in die eigene Tasche ließ sich hier trefflich wirtschaften. Das machte viele Entbehrungen wett.

Die kollektive Erinnerung an diese Männer aus vier Jahrhunderten ist heute für den durchschnittlichen Japaner zu einer Miniatur geschrumpft, zu den lustigen Zwergen, die ein bißchen europäisch aussehen. Er denkt nicht an den Wert der zahlreichen wissenschaftlichen und kulturellen Informationen, mit denen die Europäer einst sein Land bereicherten. Die Figürchen sind heute Symbole für etwas Ungefährliches und Begreifbares, das den eigenen Rang und das eigene Selbstwertgefühl nicht mehr in Frage stellt.

Es sind die Spuren dieser ganz unterschiedlichen Männer, denen der Autor nachgehen möchte. Es ist die Geschichte der Europäer im vormodernen Japan, die wiederum ein Teil der Geschichte der europäischen Expansion in Asien ist.

Es war immer schwierig, die fernen Inseln Japans zu erreichen. Das begrenzte die Zahl der europäischen Besucher. Was es bedeutete, das Land direkt von Europa aus anzusteuern, sehen wir an den extremen Anstrengungen und den Unwägbarkeiten, denen die Männer der Expedition von Coordes und Mahu (1600) ausgesetzt waren. Eigentlich war ein System von leistungsfähigen Stützpunkten notwendig, um überhaupt eine gewisse Regelmäßigkeit der Kontakte mit diesem abgelegenen Reich zustande zu bringen. Solche Stützpunkte sind nie wegen Japan selbst gegründet worden, sondern meistens aus kaufmännischem Interesse am gigantischen Markt China oder wegen der Herrschaft über die Sundastraße, den Zugangsweg zur Inselwelt Indonesiens. Über eine derartige Infrastruktur aus Stützpunkten verfügten jahrhundertelang nur die Portugiesen mit Macao an der chinesischen Küste, die Spanier mit den Philippinen und die Niederländer mit Batavia auf Java. Die Engländer, die als protestantische Macht mit den Niederländern eine Zeitlang verbündet waren, nutzten die entsprechenden niederländischen Einrichtungen.

Welche Männer waren es, die nach jahrelanger Seereise schließlich auf den japanischen Inseln an Land gingen? Den typischen Europäer dort hat es nicht gegeben. Er war immer ein Kind seiner Zeit und seiner Kultur. Die Zeiten und Kulturen, aus denen die europäischen Besucher des alten Japans kamen, waren sehr unterschiedlich. Ihr Reigen begann mit den Männern der katholisch-klerikal geprägten portugiesischen Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts. Zumindest die portugiesischen Geschichtsschreiber waren davon überzeugt, daß ihr Land den göttlichen Auftrag hatte, seine Religion und Herrschaftsform über die Meere zu verbreiten - wenn es sein mußte auch mit Gewalt. Und dieser Auftrag verband sich mit dem Anliegen der Profitmaximierung bei den portugiesischen Kaufleuten. Die Portugiesen trafen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Japan auf ein instabiles, von Bürgerkriegen zerrissenes und verwüstetes Land ohne starke zentrale Führung. Das begünstigte das zersetzende Eindringen des katholischen Glaubens in die japanische Kultur. Mit der zunehmenden Einigung Japans und dem Erstarken einer zentralen Macht begannen folgerichtig die Schwierigkeiten für die fremden Eindringlinge und ihre Lehre. Es war der portugiesische Handel, der einst die Mission in Japan ermöglicht und finanziert hatte, und es war die Mission, die später diesen Handel wieder zerstörte.

Einem ganz anderen Kulturkreis entstammten die Europäer aus den protestantischen Ländern. Im Kaufmannsimperium der Niederländischen Ostindischen Kompanie entstand kein Druck durch die Mission. Hier war man in religiösen Dingen zurückhaltend. Die Protestanten, Niederländer und Engländer, kamen zu Beginn des 17. Jahrhunderts in ein anderes, stärkeres Japan als die Portugiesen 50 oder 60 Jahre zuvor. Sie waren die Vertreter profitorientierter Handelsgesellschaften, die von ihren Geistlichen nur zu ihrem eigenen Seelenheil begleitet wurden. Man dachte nicht im geringsten an eine kulturelle Einflußnahme, sondern war vor allem darauf bedacht, daß die Aktionäre zu Hause eine gute Dividende erzielten.

Wegbereiter der europäischen Kontakte mit Japan waren also die Kaufleute. Sie haben über viele Jahrzehnte hinweg davon profitiert, daß es keinen freien Handel zwischen China und Japan gab. Zum einen war den Chinesen seit 1549 jeder Handelsverkehr mit Japan untersagt, nachdem japanische Seeräuber die chinesischen Küsten unsicher gemacht hatten. Dieser dem Schmuggel förderliche Zustand endete erst 1644 mit dem Sturz der Ming-Dynastie. Zum anderen gab es auch in Japan eine restriktive Handelspolitik gegenüber China. Solche Einschränkungen ließen den portugiesischen Handel aufblühen. Man führte chinesische Seide und Arzneimittel und einige südostasiatische Produkte nach Japan ein und exportierte Silber, Kampfer, Kupfer und Lackarbeiten. Importe aus Europa spielten keine nennenswerte Rolle, so daß man die Tätigkeit der portugiesischen Kaufleute eigentlich als einen "indirekten China - Japanhandel" bezeichnen könnte.(1)

Die europäischen Kaufleute betraten ein Land, in dem eine strenge feudale Ordnung herrschte. Hier lebten etwa zwei Millionen Mitglieder der unproduktiven herrschenden Klasse, das waren der Adel und die Kriegerkaste der Samurai, von der Arbeit der Bauern und Handwerker. Der Graben zwischen einem Bauern und einem Samurai war breit und unüberwindbar. Das untere Ende der Rangskala nahmen die Eta, die Unberührbaren, die Ausgestoßenen, ein, die dennoch unvermeidbare Arbeiten verrichteten. Den vorletzten Platz besetzten die Kaufleute, denn der Handel war ein wenig geachtetes Gewerbe. Doch die Kaufleute wußten sich dadurch zu behaupten, daß sie Edelmetalle und später Geld besaßen. Für den japanischen Feudaladel war es undenkbar, irgend etwas zu produzieren und damit Gewinn zu machen. Und so war Geld beim Adel, bei den Lehnsleuten, den Daimyo und bei den Samurai ständig knapp. Hier setzten die Kaufleute, auch die europäischen, an. Das bißchen Achtung für die Europäer kam mit dem Geld, das der Adel durch sie erhielt.

Vom Zugang der Kaufleute zum Adel profitierte wiederum die Mission. Ein Daimyo, ein Lehnsmann auf Kyushu, dessen Häfen die portugiesischen Kaufleute besuchten, sah im einsetzenden Geldstrom einen Zugewinn an Macht und Einfluß. Dieser Geldstrom hing auch von der Fürsprache der christlichen Missionare ab. Und worauf beruhte deren Erfolg? Anfänglich hielt man die Gottesmänner für Mitglieder einer neuen buddhistischen Sekte, die toleriert werden konnten. Als sich herausstellte, daß die Fremden eine unendlich weite Seereise hinter sich gebracht hatten, nur um die Japaner von ihrem Glauben an eine unsterbliche Seele und an einen Erlöser zu überzeugen, beeindruckte das durchaus. Noch dazu in einem Land mit traditioneller Ahnenverehrung. Schmeichelte es nicht dem sterblichen Menschen, eine unsterbliche Seele zu besitzen? Und waren sie nicht wichtig, diese Patres, da sie alles über die "ewige Seligkeit" wußten?

Dennoch darf man diesen meist auf Kyushu begrenzten Einfluß der Missionare auf die Gesellschaft im alten Japan nicht überbewerten. Er verschwand nach etwa 90 Jahren so schnell, wie er gekommen war. Es bedurfte harter Maßnahmen und großer Opfer an Menschenleben, um das Christentum in Japan so gründlich zu vernichten, daß es praktisch keine Spuren hinterließ. Sein Niedergang begann mit der zunehmenden Macht des Shoguns, der formell der oberste Feldherr des Kaisers war. Um diese Macht zu erhalten und um den Frieden zu sichern, kam es den Shogunen - sie waren Militärdiktatoren - darauf an, die wirtschaftliche Unabhängigkeit ihrer Lehnsmänner zu kontrollieren und zu beschneiden. Das japanische Selbstverständnis einer streng hierarchisch gegliederten Gesellschaft mit dem Shogun an der Spitze wurde von den Autoritäten, die ein japanischer Christ anerkannte, in Frage gestellt. Hatten die Christen nicht dem Papst in Rom, nicht aber dem Shogun als wichtigster Autorität, zu gehorchen? Als das Christentum dann die althergebrachte japanische Gesellschaftsordnung immer mehr bedrohte, kam es schließlich zu einer Ghettoisierung der Unruhe stiftenden Europäer in Hirado und Nagasaki. Dort standen dann ihr Handel und Wandel unter einer ständigen Aufsicht durch den Staat.

Was dachte man voneinander? Die gegenseitige Einschätzung von Europäern und Japanern war sehr unterschiedlich. Es waren die jesuitischen Missionare, die als erste sehr positive Nachrichten über das Land, in dem sie arbeiteten, nach Europa brachten. Ihre Motive waren klar. Sie suchten in der Heimat qualifiziertes Personal und Kapital, um die vielversprechende Mission voranzutreiben, denn "diesen Heiden fehlt zur Vollkommenheit nur noch das Evangelium".

Für die Japaner waren anfangs die Portugiesen, die Barbaren aus dem Süden, so etwas wie Dämonen oder übernatürliche Wesen, denen man auch bereitwillig tierische Eigenschaften zusprach. Im Volk ging sogar die Mär, daß sie wie ein Hund das Bein heben würden, wenn sie urinierten. Außerdem konnten sie beim Gehen nur mit den Zehen auftreten. Wozu brauchten sie sonst die hölzernen Klötze hinten an ihren Schuhen? Und etwas objektiver, wenn auch mit einer gefährlichen Fehleinschätzung, heißt es in einer japanischen Quelle über die ersten Portugiesen, die nach Tanegashima kamen: "Sie können bis zu einem gewissen Grad zwischen höhergestellten und niedrigen Menschen unterscheiden, aber es ist zweifelhaft, ob sie wirklich über zeremonielle Etikette verfügen. Sie essen mit den Fingern statt mit Stäbchen wie wir. Sie zeigen ihre Gefühle ohne jegliche Selbstbeherrschung. Sie können die Schriftzeichen nicht lesen. Es sind Leute, die ohne festen Wohnort herumvagabundieren und Tauschhandel mit Dingen treiben, die andere nicht haben. Aber alles in allem sind sie harmlos."(2) Als dann später die Niederländer ins Land kamen, wurden sie die "Rothaarigen" genannt, wobei weniger auf ihre tatsächliche Haarfarbe abgehoben wurde als auf den diabolischen Eindruck, den die Fremden erweckten.(3)

In Japan galten die Europäer nicht als die unangreifbaren Herren, die über mächtige Schiffe mit Geschützen verfügten und Truppen hinter sich wußten, die den Nimbus der Unbesiegbarkeit besaßen. Das Land war stark und kriegerisch. Hier konnte man es sich leisten, die Händler allein unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit zu betrachten. Es gab nur eine zeitlich begrenzte Ausnahme: die "Hofreise". Jahrhundertelang waren die Europäer, Portugiesen wie Niederländer, verpflichtet, jährlich eine Gesandtschaft an den Hof des Shoguns zu schicken. Dort holte man sich offiziell die Handelserlaubnis für die laufende Saison, man pflegte Kontakte und übergab die Geschenke, die eigentlich eine Art von Naturalsteuer waren. Da es für den Shogun undenkbar war, einen Kaufmann zu empfangen, wurde der Gesandte für die Zeit der Hofreise in den Rang eines kleineren Lehnsträgers erhoben.
Aber es gab auch noch eine andere, wenn auch winzige Gruppe von Europäern in Japan, denen man so etwas wie Respekt entgegenbrachte. Das waren die Ärzte. Ihre Zeit kam, als die wenigen Niederländer in Nagasaki die einzigen Europäer waren, die noch im Lande geduldet wurden. Da in der sino-japanischen Medizin auf chirurgische Kenntnisse wenig Wert gelegt wurde, waren die Heilerfolge der japanischen Ärzte auf diesem Gebiet bescheiden. Umso mehr wurden daher das Wissen und die therapeutischen Erfolge der europäischen Ärzte anerkannt und geschätzt. Ihr Einfluß begann im Jahre 1649, als erstmalig ein Mitglied der jährlichen niederländischen Gesandtschaft am Hof des Shoguns dort, in der Hauptstadt zurückbleiben durfte. Es war der Leipziger Arzt Dr. Caspar Schamberger. Er leitete in Edo, dem späteren Tokio, ein chirurgisches Praktikum und begründete damit so etwas wie eine "Schule", denn seine Instruktionen wurden später von den Praktikanten an andere Schüler weitergegeben.

Damals erkannten die Kaufleute der VOC, der "Vereenigde Oostindische Compagnie", daß die bestaunten Kenntnisse der europäischen Ärzte auch ihr Prestige hoben. Und so legten sie fortan Wert darauf, daß möglichst oft ein hervorragender Vertreter dieses Berufsstandes in Nagasaki und bei der Reise an den Hof in Edo anwesend war. Diese naturwissenschaftlich ausgebildeten Männer, die mit dem Kommerz wenig zu tun hatten, pflegten Kontakte zu ihren japanischen Kollegen. Sie sammelten Kenntnisse über das Land und seine Kultur und sie instruierten Schüler, die meist aus dem Kreis der Dolmetscher kamen. Und so habe ich in den Mittelpunkt dieser Geschichte der Europäer im alten Japan einen Mann gestellt, der zu dieser Berufsgruppe gehörte, die in Japan immer geachtet war: Engelbert Kaempfer (1651-1716).

Den Pastorensohn aus Lemgo in Westfalen zog es eigentlich gar nicht dorthin. Aber der Arzt und Naturforscher bekam 1683 das Angebot, als Sekretär einer schwedischen Gesandtschaft nach Isfahan, an den Hof des persischen Schahs zu reisen. Als er annahm, geschah das aus der Neugier des Forschers heraus und aus Karrieregründen. Er wollte seine Position und seinen Ruf am schwedischen Königshof stärken. Es war Zufall, daß er in Isfahan einigen Herren von der Niederländischen Ostindischen Kompanie begegnete. Sie machten ihm das Angebot, weiter in den Osten zu reisen - wenn auch nur als angestellter Arzt, der da zu arbeiten hatte, wo man ihn brauchte. Kaempfer träumte von China. Dort zu forschen und zu beschreiben, was er sah und erlebte, würde ihm, wie er hoffte, die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Kreise Europas einbringen.

Aber zunächst kam er nicht einmal bis nach Batavia. Er saß am Persischen Golf und in Südindien fest. Als er endlich doch noch Java erreichte, hatte er seine Träume von China schon begraben müssen. Er bewarb sich in Batavia nur noch für den Posten eines Arztes am Hospital. In seiner Freizeit wollte er botanische Studien treiben. Doch den Posten bekam er nicht. Statt dessen erhielt er wieder ein überraschendes Angebot: Er könne Arzt in der niederländischen Faktorei in Japan werden. Kaempfer zögerte. Wie er hörte, war man dort gezwungen, eingeschränkt und eingesperrt auf einer winzigen künstlichen Insel zu leben.

Aber dann hat Engelbert Kaempfer das Angebot doch noch angenommen. Aus zwei Jahren Fleißarbeit in Japan entstand ein großartiges und detailliertes Werk über das prosperierende Japan der Genroku-Periode (1688-1704). Kaempfer sah ein starkes und selbstbewußtes Land mit einer sehr differenzierten, eigenständigen Kultur. Der Arzt aus Lemgo war besessen von seiner selbstgestellten Aufgabe. Er notierte, er skizzierte, er schritt durch bunte Tempel mit vergoldeten Säulen und fremdartigen Bildnissen. Er glitt über die Tatamis herrschaftlicher Paläste. Er begegnete Priestern, großen Herren und schönen Frauen. Er beobachtete das Leben auf den Straßen, den Luxus in den Häusern der Großen und das Elend der Armen. Wenn er über die Straßen Japans ritt, vorbei an hohen weißen Burgen und niedrigen Hütten, begegneten ihm Tod, Glanz und Elend, Herren und Knechte. - Und das Werk, das schließlich aus diesen Eindrücken entstand, sollte in seiner Objektivität, seiner Vielfalt und in seinem Umfang bis ins 19. Jahrhundert unübertroffen bleiben.

Doch zurück zur gegenseitigen Einschätzung von Europäern und Japanern. Im Anschluß an die euphorische Wertschätzung Japans durch die Missionare - zumindest in der erfolgreichen Zeit von 1550 bis etwa 1612 - schnitt Japan auch in der Mitte des 17. Jahrhunderts in der Beurteilung durch die Europäer sehr gut ab. Und so blickt auch Bernhardus Varenius (1649) mit seinem kompilatorischen Werk wohlwollend auf die ferne Kultur. Auch in den Berichten und Beschreibungen der Engländer und Niederländer, etwa denen von Richard Cocks (1623) und François Caron (1636), überwiegt noch das Positive. Engelbert Kaempfer, der sich von 1690 bis 1692 in Japan aufhielt, schrieb den letzten großen objektiven Augenzeugenbericht des 17. Jahrhunderts. Auch Kaempfers Japanbild ist noch positiv, ebenso das des Carl Peter Thunberg, der 1775 nach Japan kam. Dann folgte bis ins nächste Jahrhundert an Berichten nichts Vergleichbares mehr.

Als etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa das Zeitalter der Aufklärung begann, meinte man dort, den Gipfel der Schöpfung erreicht zu haben. Alles, was nicht dem Vergleich mit Europa, dem Mittelpunkt der Welt, standhielt, galt nun als zweitrangig. Japan, dem man nun ein "despotisches" Regierungssystem und "unmenschlichste Grausamkeit" seiner Gesetze nachsagte, konnte nicht mehr, wie früher, als Vorbild dienen und gar zur Kritik an europäischen Verhältnissen herhalten. Es entstand nun das Bild vom nachahmenden Japaner, das sich noch bis ins 20. Jahrhundert hielt. Diese kritische Bewertung gründete sich aber nicht auf neues Material aus Japan. Die skeptischen Stimmen, darunter Montesquieu, Voltaire und Jonathan Swift, mußten sich auf die Berichte Kaempfers und seiner Vorgänger stützen. Auch die wenigen Kaufleute der Niederländischen Ostindischen Kompanie, die noch in Japan ausharrten, wurden in Europa mit zunehmender Verachtung angesehen. Stellvertretend dafür läßt sich der englische Schriftsteller Oliver Goldsmith (1728-1774) zitieren: "Durch die niederländischen Kaufleute […] erfahre ich, wie sehr Habgier die menschliche Natur erniedrigen kann [und] was an unwürdigen Dingen ein Europäer des Gewinnes willen erdulden kann." (4)

Zu der Zeit, in der Goldsmith dies schrieb (1760), lagen aber die goldenen Zeiten für Handel und Gewinn lange zurück. Die "unwürdigen Dinge", auch der illegale Privathandel, begannen überhandzunehmen. Dennoch war der Handelsposten in Japan einer der wenigen, der für die Niederländische Ostindische Kompanie noch etwas Gewinn machte. Dort begann damals ein Sinneswandel. Einzelne weitsichtige Japaner, und dann auch der Shogun, begannen sich für die Ergebnisse der westlichen Wissenschaften zu interessieren. Langsam verschwand nun das "Possenspiel" bei den Audienzen des Shogun für die niederländischen Gesandten, über das auch in der Zeit nach Kaempfer noch viele Beteiligte berichtet hatten. Vor allem die Kompanieärzte wurden nun ernsthaft befragt. Als mit dem schwedischen Arzt und Naturwissenschaftler Carl Peter Thunberg nach langen Jahren wieder ein besonders "gelehrter Doktor" in die Hauptstadt Edo kam, hingen dort sogar der Leibarzt des Shoguns und dessen angesehene Kollegen an seinen Lippen und ließen sich in westlicher Medizin unterweisen. Für die Ostindische Kompanie aber waren Dienstleistungen wie etwa die Nachrichten aus dem Ausland, der oben erwähnte Transfer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse oder die Lieferung von Kuriositäten und Merkwürdigkeiten ein Vehikel, das der Beförderung des Handels dienen sollte.
Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zeigte sich mit dem Untergang der VOC die Schwäche der niederländischen See- und Kolonialmacht. Die Republik der Niederlande war wirtschaftlich in Bedrängnis. Aufstände und Fremdherrschaft bedrohten das Land. Auch in Japan ging der Handel drastisch zurück. Obwohl es die Kompanie nicht mehr gab, wehte im Hafen von Nagasaki immer noch die Flagge mit ihrem Emblem. Wenigstens vor den Japanern versuchte man, die schwindende Bedeutung zu verbergen. Die Anwesenheit der Niederländer diente oft nur noch dazu, den Posten für eine ungewisse Zukunft zu bewahren. So viele andere Handelsniederlassungen waren in der Zwischenzeit an konkurrierende Nationen gefallen. Doch es gab einen Unterschied: Das war das Bestreben der Japaner, die Isolierung ihres Landes aufrechtzuerhalten und deshalb nur die Niederländer als Handelspartner zu dulden.

Um 1800 begannen die Versuche anderer Mächte - vor allem der Russen -, in die Fußstapfen der Niederländer in Japan zu treten oder wenigstens am Handel zu partizipieren. Die Besatzung auf Deshima, der künstlichen Insel vor Nagasaki, war oft nur noch dazu da, andere Bewerber um die Gunst der Japaner rechtzeitig zu erkennen und abzuwehren.
In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts gab es einen letzten Höhepunkt in der Begegnung von Europa und dem alten Japan. Das war der erste Aufenthalt des deutschen Arztes Philipp Franz von Siebold in Nagasaki (1823-29). Als ob er gewußt hätte, daß es vieles aus der Kultur des alten, des abgeschlossenen Japans bald nicht mehr geben würde, organisierte Siebold eine unvergleichliche Sammelaktion von Naturalien, von Gegenständen des japanischen Alltags und der Kunst. Er verstieß damit gegen die Gesetze des Landes und brachte sich und seine japanischen Zuträger in höchste Gefahr.

Die Welt außerhalb Japans änderte sich im 19. Jahrhundert erheblich. Es wurde für das Inselreich immer schwieriger, die Isolation aufrecht zu erhalten, die sich seit Jahrhunderten bewährt hatte. Das Interesse der seefahrenden Mächte am nördlichen Pazifik wuchs. Die Wale in der Japanischen See lockten die amerikanischen Walfänger an. Diese benötigten für ihre jahrelangen Reisen einen Stützpunkt in der Region. Die industrielle Revolution brachte das Dampfschiff hervor und die Waffentechnik machte Fortschritte. Japan war nicht mehr das abgelegene, schwer erreichbare Land, und die Versuche seiner Regierung, die Schiffe und Seeleute anderer Nationen von ihrer Küste fernzuhalten, wurden darum immer bizarrer und anachronistischer.

Und so geschah, was geschehen mußte: Im Juli 1853 ankerte eine amerikanische Schwadron, die schon zur Hälfte aus Dampfschiffen bestand, vor der Stadt Uraga in der Bucht von Edo, dem heutigen Tokyo. Ihr Kommandant, Kommodore Matthew. C. Perry, nötigte die Japaner, ein Schreiben seines Präsidenten entgegenzunehmen. Dieser unterbreitete eine Reihe von Vorschlägen, die vertraglich geregelt werden sollten. Perry hatte von seinen zahlreichen Vorgängern gelernt. Er war auf zeremonielle Würde bedacht. Er zeigte Stärke und er zeigte seine Waffen. Er gab den Japanern für ihre Entscheidung Zeit und zog sich zurück. Im folgenden Jahr war er mit noch mehr Schiffen, Geschützen und Geschenken wieder da. Der schwachen japanischen Regierung blieb nichts anderes übrig, als einzulenken. Der Vertrag von Kanagawa, der am 31. März 1854 abgeschlossen wurde, öffnete zwei japanische Häfen für amerikanische Schiffe. Die selbstgewählte Isolierung des Inselreiches war durchbrochen, Verträge mit anderen Nationen folgten, und in Japan begann ein Prozess der Veränderung, der bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist.

Auch noch im heutigen Japan sind die Nachwirkungen der Tokugawa-Zeit - der Zeit der Isolierung - erkennbar. Sie zeigen sich beispielhaft in der Betonung der nationalen Unabhängigkeit und Identität und im Wunsch des Einzelnen, mit seiner Gruppe zu harmonieren. Das können wir bei jedem Trupp japanischer Touristen beobachten, die - wie vor Jahrhunderten die Europäer in ihrem Heimatland - als Gruppe und distanziert die Wunder des alten Europa bestaunen.


Anmerkungen

Zitatübersetzungen stammen, wenn nicht anders angegeben, vom Verfasser.
1 Beasley 1995a, 18.
2 Zit. in: Boxer 1967, 29.
3 Bowers 1970, 22.
4 Oliver Goldsmith, The Citizen of the World, London 1760.


Quelle: Peter Kirsch: Die Barbaren aus dem Süden. Europäer im alten Japan 1543 bis 1854. Wien, Mandelbaum, 2004
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