[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Außenseiter im Weltsystem.
Die Sonderwege von Kuba, Libyen und Iran im Vergleich

Andreas Exenberger

Quelle: Andreas Exenberger: Außenseiter im Weltsystem. Sie Sonderwege von Kuba, Libyien und Iran. Frankfurt a. M./Wien, Brandes & Apsel/Südwind, 2002.


Fidel Castro unterjocht sein Volk und instrumentalisiert sogar einen sechsjährigen Jungen für seine Politik. Doch auf den Tagungen internationaler Organisationen tritt er als engagierter Anwalt für die Rechte der unterentwickelten Nationen auf. Muammar al-Qathafi gilt als Förderer des internationalen Terrorismus, der in seinem Land mit eiserner Hand regiert, ohne formell ein Regierungsamt zu bekleiden. Doch er betätigt sich auch als Friedensstifter in innerafrikanischen Konflikten und zahlt Millionen US$ für die Freilassung europäischer Geiseln auf den Philippinen. Die geistliche Führung in Teheran in der Nachfolge von Khomeini übt immer wieder Gewalt gegen politisch Andersdenkende aus und erscheint als Bedrohung des Friedens im Nahen Osten. Doch die politische Führung hat in den letzten Jahren überzeugende Öffnungsschritte gesetzt und genießt breite Zustimmung in der Bevölkerung, die in freien Wahlen zum Ausdruck kommt.
Drei Personen, drei Revolutionen, drei Länder, die sich kulturell, politisch und geographisch erheblich unterscheiden. Kuba, Libyen und Iran teilen aber das Image des "Schurkenstaates", das von der westlichen Öffentlichkeit in der Regel unkritisch übernommen und tradiert wird. Doch trifft dieses einseitige Abbild der Realität zu oder zeigen nicht die Ambivalenzen im politischen Verhalten der Länder und ihrer führenden Personen schon an, dass eine Analyse lohnen könnte, die hinter die Feindbilder blickt und nach den Ursachen und Gründen für scheinbar widersinniges und wahnwitziges Verhalten fragt?

Die vorliegende Arbeit versucht, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Dazu bedarf es freilich einer geweiteten historischen Perspektive, die sich analytisch aus den Fängen der Tagesaktualität befreit, ohne sie deshalb außer Acht zu lassen. Die Analyse ist daher einer breiten Perspektive verpflichtet, einerseits dem Weltsystemansatz von Immanuel Wallerstein und andererseits dem zyklisch-strukturellen Zeitbegriff Fernand Braudels. Ausgehend von einer Bestandsaufnahme der Unterdrückungsmechanismen des herrschenden Weltsystems folgt eine Beschreibung und ein Vergleich der historischen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der drei Staaten als der Entwicklung von Peripherien im Weltsystem.
Im Lichte dieser Theorien erscheint der Weg der drei Staaten als ein gemeinsamer: als Versuch, aus der Unterdrückung des Modernen Kapitalistischen Weltsystems auszubrechen und sich seiner Gegenschläge zu erwehren. Die mehr oder minder aufsehenerregenden Revolutionen, deren Schauplatz diese Länder im Zehnjahresrhythmus waren (1959 Kuba, 1969 Libyen, 1979 Iran), sind dabei nicht nur willkommener Aufhänger, sondern auch Strukturmerkmal. Dass sie alle dazu beitrugen, dass sich die betroffenen Länder politisch und ideologisch von den USA entfernten, ist dabei kein Zufall. Der historische Zusammenhang, die Revolutionen und ihre Ziele, die postrevolutionären politischen Systeme und die außenpolitischen Positionen dieser Länder und deren Wandel werden eingehend betrachtet, um ein subtileres und damit zutreffenderes Bild der Realität zu gewinnen, als dies über die Reproduktion der herrschenden Feindbilder möglich ist.
Die vergleichende Analyse führt schließlich zu einer Positionierung der drei Staaten im Weltsystem, die in einer Weise stattgefunden hat, die der auf Widerstand und Abkoppelung gerichteten Rhetorik der Revolutionen eindeutig widerspricht. Es wirft allerdings auch Licht auf die Frage, inwieweit die Repressionsmechanismen in diesen Ländern, die heute teils auch zu Recht deren Image bestimmen, nicht erst durch Gegenschläge des Zentrums hervorgerufen worden sind. Denn die Bevölkerungen dieser Länder mussten viel Leid in Revolutionen, in Kriegen und im Alltag ertragen, viele Andersdenkende erlitten Verfolgung oder wurden ermordet, die Regime zeigen teils unverhohlen autoritäre Züge. Doch haben auch äußere Bedrohungen zu dieser Abwehrhaltung geführt, so die Invasion und das jahrzehntelange Embargo in Kuba, die Bombardements und die Ausgrenzung in Libyen und der vernichtende achtjährige Krieg gegen den Irak im Iran.
Warum wurde Kuba sozialistisch und warum blieb es das bis jetzt? Welches politische und soziale Experiment geht in Libyen vor? Welche Bruchlinien bestimmen den Machtkampf zwischen politischer und religiöser Elite im Iran? Welche Chancen hat eigentlich Widerstand gegen die politischen und ökonomischen Strukturen des herrschenden Weltsystems? Welche gemeinsamen Züge zeigen sich in Kuba, Libyen und Iran und sind sie mit ihren Versuchen letztlich gescheitert oder nicht? Worin bestanden eigentlich diese Versuche? Und zuletzt: Nützt oder schadet der Widerstand dem System? Wenn sie solche Fragen interessieren, finden sie in diesem Buch ein interessante und anregende Lektüre.

"Denn was als Ergebnis dieser Arbeit schließlich steht, ist die schlüssige Erkenntnis von der Anpassungsfähigkeit des Weltsystems und von den Schwierigkeiten des Widerstandes gegen seine Ausbeutungsmechanismen. Dies gilt zumindest dann, wenn der Widerstand den Rahmen des Systems nicht verlässt, wenn er sich innersystemisch auf staatlicher Ebene artikuliert, wenn er sich damit bescheidet, nationale Regime zu verändern."

Inhaltliche Zusammenfassung

Kuba, Libyen und Iran teilen sowohl Differenzen als auch Ähnlichkeiten. Kulturell, politisch, religiös, wirtschaftlich und geographisch sehr unterschiedlich, zeichnen sie sich doch durch Revolutionen aus, die diese Länder gleichermaßen auf Konfrontationskurs mit der westlichen Welt brachten. Diese Revolutionen wurden jeweils durch charismatische Führer getragen, die den politischen Werdegang der Länder bis heute prägen. Diese komparative Analyse von drei Fallbeispielen betrachtet daher den innersystemischen Widerstand im Weltsystem, der sich auf der Ebene von Staaten artikuliert. Sie basiert auf dem Weltsystemansatz von Immanuel Wallerstein und seinem Konzept vom ZeitRaum, durch das der zyklisch-strukturellen Zeitbegriff Fernand Braudels weiterentwickelt wurde.
Ausgangspunkt sind die Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen, die das Zentrum des Weltsystems auf seine Peripherien anwendet und die Versuche, sich dagegen zu wehren. Die drei deskriptiven Fallstudien über Kuba, Libyen und Iran sind dabei gleich aufgebaut und behandeln der Reihe nach den historischen Gesamtzusammenhang, dem sich das jeweilige Land gegenüber sieht, die in diesen Ländern durchgeführten Revolutionen in den Jahren 1959, 1969 und 1979, die jeweiligen postrevolutionären politischen Systeme und deren Wandel sowie zuletzt die außenpolitischen Positionen und deren Wandel. Dabei liegt der Schwerpunkt bei Kuba auf der Transformation der Revolution in eine sozialistische in den allerersten Jahren, die auf sie folgten, bei Libyen auf Theorie und Praxis der Staatsideologie, des Grünen Buches, und beim Iran auf dem Machtkampf an der Spitze der geistlichen Hierarchie seit Khomeinis Tod 1989.
Die komparative Analyse baut unmittelbar darauf auf. Darin werden verschiedene Formen der peripheren Entwicklung diskutiert, die aufgrund der Fallstudien deutlich geworden sind, die drei Revolutionen nach Form, Inhalt und deren Rolle im Weltsystem verglichen, verschiedene außenpolitische Strategien analysiert (pro- und antizentrische Politik, aktive und passive Isolation und Disoziation, periphere Kooperation) und die drei behandelten Staaten im aktuellen Weltsystem positioniert. Dabei zeigen sich Indizien dafür, daß der Iran und Libyen anstatt aus dem System auszuscheiden sich inzwischen sogar vielmehr zu einer Semiperipherie entwickelt haben.
In den Schlußfolgerungen werden die zentralen Fragen der Arbeit diskutiert, vor allem inwieweit sich die betroffenen Staaten und das Weltsystem durch den Widerstand verändert haben und damit, welche Chancen Widerstand im Weltsystem hat. Dabei werden drei Phasen des Widerstandes identifiziert: in der ersten, revolutionären Phase verbessern die Revolutionen unmittelbar die politische und materielle Situation der eigenen Bevölkerungen; in der zweiten Phase schlägt das Zentrum durch eine Politik der "passiven Isolation" zurück, die Errungenschaften der Revolutionen geraten in Schwierigkeiten, politische und ökonomische Stagnation ist charakteristisch; in der dritten Phase schließlich erfolgt eine Abschwächung der revolutionären Veränderung durch Reform oder Liberalisierung.
Da die drei Revolutionen - manchmal entgegen ihrer Rhetorik - niemals den Staat in Frage stellten, sondern lediglich die Macht im Staate übernahmen und ihre Früchte neu verteilten, konnte der Widerstand letztlich nur selektiv erfolgreich sein. Aus dieser Rolle der revolutionären Staaten entwickelte sich ein Verständnis des internationalen Systems, das im wesentlichen darauf beruhte, die eigene Position im System zu verbessern und nicht so sehr, das System an sich zu verändern. Daher ist weltsystemische Kontinuität durch die innersystemisch agierenden systemfeindlichen Bewegungen (wie den diskutierten Revolutionen) nach 1945 nicht gefährdet, sondern vielmehr gestärkt worden.


Quelle: Andreas Exenberger: Außenseiter im Weltsystem. Sie Sonderwege von Kuba, Libyien und Iran. Frankfurt a. M./Wien, Brandes & Apsel/Südwind, 2002.
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]