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Entwicklung als gesellschaftlicher Auftrag

Walter Schicho

Quelle: Karin Fischer/Irmtraut Hanak/Christof Parnreiter: Internationale Entwicklung. Eine Einführung in Probleme, Mechanismen und Theorien. Frankfurt a. M./Wien, Brandes & Apsel/Südwind, 2002. ISBN 3-86099-230-9

Ende der 70er-Jahre wurde, auf Initiative und Drängen Studierender und mit tatkräftiger Unterstützung der Österreichischen Hochschülerschaft, der "Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik an den Österreichischen Universitäten" gegründet. Die Beteiligten waren sich darin einig, dass Österreich etwas nachzuholen hatte: anders als in vielen industrialisierten Ländern gab es in Österreich keine Einrichtung an den Universitäten, die sich mit "Entwicklungsforschung" beschäftigte.
Eine Dekade später hatte sich in der Sache immer noch nichts geändert, und so kam es zum Antrag einer Proponentengruppe von Lehrenden an der Universität Wien, der Senat möge ein überfakultäres Institut einrichten, das sich in Lehre und Forschung der Entwicklungsstudien annehmen sollte.
Der Name "Entwicklungsforschung" (development studies) war im deutschen Gebrauch bereits durch andere wissenschaftliche Disziplinen besetzt (Pädagogik, Psychologie) und im Übrigen hatte der Begriff eine zunehmend negative Konnotation erworben. Die Senatskommission, die die Einrichtung der neuen Disziplin vorbereitete, entschloss sich daher, dem akademischen Senat die Einrichtung eines Instituts und einer Studienrichtung für "Internationale Entwicklung" vorzuschlagen. Damit sprachen wir uns nicht zuletzt auch dafür aus, dass unsere wissenschaftliche Tätigkeit nicht nur jenen Gesellschaften (gut zwei Drittel der Weltbevölkerung) galt, die man gemeinhin als "Dritte Welt", als den "Süden", die "Entwicklungsländer" oder auch immer noch als die "unterentwickelten Länder" bezeichnete, sondern dem globalen Netzwerk aus Süden und Norden insgesamt. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung mit dem Ziel, allen Menschen "ein erfülltes und menschenwürdiges Leben" (Südkommission 1991) zu ermöglichen, setzt Veränderungen an vielen Stellen dieses globalen Netzwerkes voraus.

"Projekt Internationale Entwicklung"

1994 beschloss die Universität Wien die Gründung des "Senatsinstituts für Internationale Entwicklung". Das zuständige Ministerium sah keinen Bedarf und lehnte die Einrichtung ab. Anfang 1999 beschloss die Universität ein zweites Mal die Institutsgründung; "Internationale Entwicklung" rechtfertigte in den Augen der Behörde auch 1999 die Ausgaben für Räumlichkeiten im Umfang von 65 m2 und die Kosten für eine(n) Mitarbeiter/in nicht. Das Konzept des akademischen Senats sah für die Neuorganisation der Universität mit dem Jahr 2000 erneut ein überfakultäres Institut für Internationale Entwicklung vor: auch dieser Beschluss musste unter Druck des Ministeriums zurückgenommen werden. "Internationale Entwicklung" an der Universität Wien ist daher in der Sache und in der Form ein "Projekt".
Dass das "Projekt Internationale Entwicklung" dennoch ein konkreter, aber auch ein ideeller Ort der Begegnung ist, verdankt es der ständig wachsenden Gemeinschaft engagierter und interessierter Mitglieder der Wiener Universität, anderer Universitäten und wissenschaftlicher Einrichtungen, der fachnahen Nichtregierungsorganisationen und der staatlichen Einrichtungen der Entwicklungszusammenarbeit. Gemeinsam haben sie es im Verlauf einer Dekade geschafft, den Gegenstand "Entwicklungsforschung" auf akademischem Boden erfolgreich einzuführen. Studierende, PraktikerInnen aus den Bereichen Politik und EZA sowie akademische LehrerInnen haben mit geringen finanziellen Mitteln, aber mit viel Engagement und Selbstverantwortung diese Organisation geschaffen.
Das Projekt betreut im Auftrag des Senats das Fach "Internationale Entwicklung" in Forschung und Lehre. In seinen Arbeitsbereich fällt:

o die Organisation interdisziplinärer Zusammenarbeit in den Bereichen der "Entwicklungsforschung", "Nord-Süd-Beziehungen" und "Entwicklungspolitik"
o die Koordination der Lehre und die Herausgabe eines kommentierten Vorlesungsverzeichnisses
o die Organisation eines Wahlfachs und eines individuellen Diplomstudiums "Internationale Entwicklung"
o die Veranstaltung von Vorträgen und von Workshops
Dafür erhält das Projekt von der Universität Unterstützung für die Lehre und den Betrieb eines Sekretariats. Es gibt dazu einen Beirat, der in seiner Zusammensetzung einer Institutskonferenz (drittelparitätisch) gleicht.

Die Lehrveranstaltungen der Internationalen Entwicklung wurden seit Mitte der 90er-Jahre zunehmend häufig als Teil einer Fächerkombination oder als Wahlfächer eines Einfachstudiums gewählt. Das "Wahlfach Internationale Entwicklung" ist ein Vorschlag, den alle Studierenden ihrem Studienprogramm gemäss übernehmen können, zur Gänze oder in Teilen. Die Lehrveranstaltungen können auch in ein "Individuelles Diplomstudium" integriert werden, wie es das neue Studiengesetz (UniStG) vorsieht. Die Zusammenstellung eines eigenen, individuellen Studienprogramms ist eine sicherlich lohnende und reizvolle Aufgabe; das Bewilligungsverfahren ist allerdings relativ aufwendig und braucht vor allem Zeit. Für weitere Informationen über das Projekt und das Studienprogramm verweisen wir auf das kommentierte Vorlesungsverzeichnis, das jedes Semester erscheint, und unsere homepage http://www.univie.ac.at/int-entwicklung/.
Die derzeitige Ausbildungspraxis, das "Projekt", ist ein sehr flexibles Angebot an die Studierenden. Wie immer Interessierte aus den angebotenen Elementen ihr Studium gestalten, so gilt es doch etwas deutlich hervorzuheben: die Ausbildung im Bereich der Internationalen Entwicklung - ob grundlagen- oder anwendungsorientiert - setzt eine gründliche Auseinandersetzung mit drei Bereichen voraus: Modelle und Theorien der Entwicklung, Objektivierung der eigenen Position und der Position anderer Akteure im Bereich Entwicklung sowie eine kritische Bewertung des Entwicklungsdiskurses und der dadurch bestimmten Prinzipien. Mehr als in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen gilt für die Internationale Entwicklung der Satz: "Das Gegenteil von gut ist gut gemeint".

"Entwicklung" und gesellschaftlicher Auftrag

Die Gesellschaften der "alten Welt" konstruierten im Verlauf der Neuzeit eine höchst positive Vorstellung von "sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung". Die periodisch wiederkehrenden Krisen des Kapitalismus erschütterten den Glauben an den Fortschritt nicht. Ihre Erklärung durch ökonomische Theorien und ihre Überwindung durch neue Phasen der Prosperität verfestigten vielmehr das Dogma des Wachstums und der unaufhörlichen gesellschaftlichen Evolution.
Entwicklung war in diesem Sinne der "kontinuierliche gesellschaftliche Fortschritt", dessen Realisierung der menschlichen Natur entsprang. Der Glaube an die "beharrlich aufwärts strebende menschliche Natur" erwies sich ebenso als Trugschluss wie der Glaube an den "sich selbst regulierenden Markt", dem immer noch zahlreiche Gläubige anhängen. Anstatt eines "Dogmas von der unaufhörlichen Entwicklung", die je nach Glaubensbekenntnis bei Gott, in Utopia oder in der klassenlosen Gesellschaft endet, formulieren wir eine andere These, die komplexer ist und die beobachtbaren gesellschaftlichen und ökonomischen Phänomene besser erklärt: (1) "Entwicklung ist ein durch unterschiedliche Akteure gesteuerter Prozess, der nicht nur Fortschritt, sondern auch Krisen produziert".
Erst in rezenter Zeit begannen Wissenschaft und Politik, begann eine ständig größer werdende Öffentlichkeit, zur "Entwicklung" auch die "Unterentwicklung" zu denken. Mit dem Bericht des Club of Rome und der Sahelkatastrophe (der ersten vom Norden wirklich wahrgenommenen großen Versorgungskrise in Afrika) wurde es in unserer Öffentlichkeit opportun, neben dem Nutzen auch den Schaden der Entwicklung zu diskutieren. Der Schock der Erkenntnis hielt sich jedoch in Grenzen. Die Differenzierung von "Wachstum" und "Entwicklung" erwies sich als brauchbare Strategie zur Rettung des alten Dogmas. "Wachsen bedeutet, dass eine Größe materiell zunimmt. Entwickeln aber bezeichnet eine qualitative Änderung. Wenn etwas wächst, wird es quantitativ größer, wenn es sich entwickelt, wird es qualitativ besser - oder zumindest andersartig. Quantitatives Wachstum und qualitative Änderung unterliegen unterschiedlichen Gesetzen." Mit diesem Zitat aus einem Arbeitsbericht der Weltbank versuchten die Autor/innen der "Neuen Grenzen des Wachstums" (Meadows/Meadows/Randers 1993:20) ein vertrautes Weltbild zu retten: "Entwicklung ist gut" (und Wachstum zumindest nicht expressis verbis "böse"). Den Beweis dafür, dass Wachstum und Entwicklung unterschiedlichen Gesetzen unterliegen, bleiben sie schuldig.
Auch eine nur oberflächliche Auseinandersetzung mit der "Entwicklungszusammenarbeit" oder weiter gegriffen mit den "Nord-Süd-Beziehungen" zeigt, dass die These (1) zu ergänzen ist. These (1) berücksichtigt nicht, dass es neben (unterschiedlich mächtigen) Akteuren auch Objekte, "Zielgruppen", gibt und dass das Handeln der Akteure an unterschiedlichen Orten auch unterschiedliche Wirkungen und Begründungen hat. Wir formulieren daher zwei weitere Thesen: (2) "Die Entwicklung der Einen hat gehemmte Entwicklung oder Unterentwicklung der Anderen zur Voraussetzung / Folge" und (3) "Prozesse der Entwicklung beruhen auf einem gesellschaftlichen Auftrag, wobei dieser Auftrag primär die Interessen des/der mächtigen unter den Akteuren wahrnimmt".
Der Vorgang ist gewiss kein Nullsummenspiel, wie es die vereinfachte Erklärung der imperialistischen Ausbeutung und der Entwicklung des Kapitals in den Zentren der Weltwirtschaft beschrieb. Es war oder ist aber allemal ein Prozess der ungerechten Verteilung. Die dabei Begünstigten setzten und setzen sich gegen den aus (2) und (3) resultierenden Vorwurf des Egoismus mit Verschleierungs- und Rationalisierungsstrategien zur Wehr. So fand sich (zumindest noch bis vor kurzem) in unseren Schulbüchern der Satz von der "vielfach segensreichen Wirkung des Kolonialismus". Die Präsenz (und der Zufluss) von Kapital der industrialisierten Länder in den (bzw. in die) gern so genannten "Entwicklungsländer" geschieht, so heißt es, "im Interesse der zu Entwickelnden". Die Weigerung der USA, das Klimaschutzabkommen zu akzeptieren, macht jedoch deutlich, dass der "gesellschaftliche Auftrag Entwicklung" in erster Linie ein Auftrag zur Entwicklung der jeweils mächtigen Gesellschaft (oder noch präziser, der jeweils Mächtigen in dieser Gesellschaft) ist.
Die Objekte der Entwicklung erhalten von jenen, die über die finanziellen Mittel und die Technologie verfügen, ihren Status und ihre Rolle zugewiesen. Gustavo Esteva zitiert in diesem Zusammenhang aus der (im Diskurs der EZA immer wieder genannten) Antrittsrede Harry S. Trumans von 1949: "Wir müssen", so sagte der US-amerikanische Präsident, "mit einem neuen, kühnen Programm beginnen, um den Nutzen unserer wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung dem Fortschritt und Wachstum der unterentwickelten Weltgegenden zugänglich zu machen." In der ihm eigenen provokanten Diktion fährt Esteva fort: "Indem er zum ersten Mal in einem solchen Kontext den Begriff ‚unterentwickelt' verwendete, veränderte Truman die Bedeutung von ‚Entwicklung' … Eine neue Auffassung von der eigenen Identität und der der anderen wurde in diesem Moment geschaffen. Zweihundert Jahre sozialer Konstruktion der historisch-politischen Bedeutung des Begriffs Entwicklung wurden erfolgreich vereinnahmt. … An jenem Tag wurden zwei Milliarden Menschen ‚unterentwickelt'. Das hieß, sie hörten von jenem Tag an auf, das zu sein, was sie waren, in all ihrer Vielfalt, und wurden auf magische Weise zur Spiegelung der Realität von jemand anderem." (Esteva 1992:6f) Damit wurde "Entwicklung", so Esteva, für die "unterentwickelten" Zwei-Drittel der Weltbevölkerung zum Zeichen für eine ihnen aufgezwungene unwürdige Rolle.
"Political correctness" hat inzwischen neben einer Reihe anderer Termini auch die "Unterentwicklung" in ihrer Verbreitung beschränkt. Das hat wenig an der Art der Beziehung zwischen den "Entwickelten" und den "Unterentwickelten" geändert. Mit Esteva glauben wir zwar an die Macht des Wortes, aus der heutigen Sicht erscheint die Fortsetzung der Rede Trumans allerdings noch folgenreicher: "Der alte Imperialismus hat keinen Platz mehr in unseren Plänen. Was wir anstreben ist ein Entwicklungsprogramm, das auf den Grundsätzen eines demokratischen fairen Verhandelns beruht." (nach Esteva 1992:6) Mit diesen Grundsätzen meinte der Präsident die US-amerikanischen, die im Netzwerk der Nord-Süd-Beziehungen die europäischen (old imperialism) ablösen sollten. Wo dabei der Gewinn für die "Entkolonisierten" lag, erscheint aus heutiger Sicht höchst zweifelhaft.

Was ist Entwicklung?

Die meisten Definition von "Entwicklung" ignorieren, dass der Begriff "entwickeln" mehrfache Bedeutung hat: neben "entstehen" und "sich verändern" heißt "entwickeln" auch "hervorbringen" und "verändern", wobei nur die beiden letzten Gebrauchsweisen ganz eindeutig die Nennung eines Akteurs bzw. einer Ursache fordern. Angesichts der vielfältigen Verwendung des Begriffs überrascht es nicht, dass es so viele unterschiedliche Gebrauchsbedeutungen gibt. Wir stehen vor dem Dilemma, dass der Gegenstand, mit dem wir uns beschäftigen, für unterschiedliche Akteure, an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder ein anderer ist. Die Beschreibung von Entwicklung unterliegt Moden und unterschiedlich mächtigen Ideologien; sie orientiert sich an den jeweils dominierenden Interessen der Beteiligten.
In der Entwicklungsdiskussion verändern sich ständig die Vorzeichen: Theorien, Konzepte, Schlüsselworte erscheinen und verlieren sich wieder. Ansätze wie "Grundbedürfnisbefriedigung", "Solidarität mit den Armen", "nachhaltige Entwicklung", "community-development" sind ebenso der Vergänglichkeit unterworfen wie Kriterien der Bewertung oder sektorielle Schwerpunkte der EZA. Spezielle Politiken oder Ideologien, gruppen- oder organisationsspezifische Interessen, das Anstreben (selbst)bestimmter Ziele oder der Versuch, unbequeme Merkmale des verhandelten Gegenstandes verschwinden zu lassen, prägen den Diskurs über Entwicklung und die Aufteilung der global zur Verfügung stehenden Ressourcen.
Entwicklungskonzepte versprechen Erfolg, wenn sie sich an den Normen und Bedürfnissen des spezifischen "Marktes" orientieren. Entwicklungsagenturen wenden sich damit einerseits an die Geldgeber und an die jeweilige nationale Öffentlichkeit, anderseits an die Zielgruppen in Ländern des Südens. Die jeweils gültigen Formulierungen müssen also sehr unterschiedlichen sozialen Welten genügen. Daraus entsteht mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Widerspruch, der nicht nur aus der Heterogenität der einzelnen Gesellschaften des Südens, sondern auch aus den grundlegend unterschiedlichen Vorstellungen von Süd und Nord resultiert.
Entwicklungskonzepte sind meist moralisch motiviert. Sie sind Willenserklärungen und bieten Modelle zur Lösung von Entwicklungsproblemen an. Die Praxis der Entwicklungshilfe demonstriert, dass ihre Umsetzung oft erfolglos bleibt und Planungsziele nicht erreicht werden. Entwicklungsexperten und -arbeiter sind ständig damit konfrontiert, die Kluft zwischen Anspruch und Realität argumentativ abzudecken bzw. für sich selbst als gegeben zu akzeptieren. Eine Erklärung des vorhandenen Widerspruchs kann gleichermaßen vom Management, den Geldgebern, irgendwelchen mit Evaluierung beauftragten Dritten, und - das allerdings selten - von den Zielgruppen eingefordert werden. Im letzten Fall erfolgt sie mit den kommunikativen Mitteln der Machtlosen, kann also leicht übergangen oder mit mächtigen Strategien niedergeredet werden.
Auch die Wissenschaft, die an dem Diskurs um die jeweils gültige Gebrauchsbedeutung von Entwicklung heftig Anteil nimmt, folgt in der Regel den vorgegebenen Leitlinien. Ob dabei die Geber das Huhn und die Wissenschaft das Ei repräsentieren oder umgekehrt, wird angesichts der engen Verflechtung dieser beiden Domänen (vor allem im Umfeld der Bretton-Woods-Institutionen) schwer feststellbar sein. Es bleibt uns als Betroffenen wenig mehr über, als die Wandelbarkeit des Untersuchungsgegenstands zur Kenntnis zu nehmen und als solche zu einem Gegenstand unserer wissenschaftlichen Analyse zu machen. Braucht es dabei einer Definition von "Entwicklung", so gilt es die unserem Standpunkt und Auftrag entsprechende auszuwählen. Ich persönlich ziehe jene der South Commission (1990) vor, die besagt: Entwicklung ist "ein Prozess, der es den Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten, Selbstvertrauen zu gewinnen und ein erfülltes und menschenwürdiges Leben zu führen. Sie ist ein Prozess, der die Menschen von der Angst vor Armut und Ausbeutung befreit. Sie ist der Ausweg aus politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Unterdrückung. … eine Bewegung, die im wesentlichen in der Gesellschaft entsteht, die sich entwickelt. … Entwicklung ist gleichbedeutend mit wachsender individueller und kollektiver Eigenständigkeit. Grundlage für die Entwicklung einer Nation müssen ihre eigenen personellen und materiellen Ressourcen sein, die im vollen Umfang für die eigenen Bedürfnisse genützt werden." (Südkommission 1991:34) Diese Definition stellt die soziale und individuelle "Ermächtigung", "Empowerment", die Schaffung eines sozialen, wirtschaftlichen etc. Raumes, in dem sich Menschen selbst entwickeln, in den Vordergrund. Sie ist menschzentriert, ganzheitlich und demokratisch und entzieht den Akteuren des Nordens das Recht, über das "Produkt Entwicklung" zu verfügen. Die Folge daraus ist, dass eine solche Definition von Entwicklung von den mächtigen Partnern, wenn überhaupt, nur in der Theorie akzeptiert wird.

Akteure und Opfer: "entwickeln, entwickelt werden, sich entwickeln"

Seit den 50er-Jahren entstanden im Kontext der nationalen und globalen politischen und wirtschaftlichen Veränderung - von der "Modernisierung" über den autoritären Entwicklungsstaat des Kalten Krieges bis zur Strukturanpassung der Internationalen Finanzinstitutionen - zahlreiche Netzwerke der Internationalen Entwicklung.
Sie bauten auf vorhandene Netzwerke und Institutionen auf, wie Missionen, internationale Organisationen christlicher Kirchen, koloniale administrative Einrichtungen, militärische Präsenz in Form von Stützpunkten oder Personalentsendung, Einrichtungen und Netzwerke von Geheimdiensten der Großmächte u.a. mehr. Die Kontinuität von der Kolonialpolitik zur Entwicklungspolitik lässt sich ganz besonders gut am Beispiel Frankreichs dokumentieren.
Staaten wie Österreich begannen großteils neue Beziehungen und Einrichtungen aufzubauen, und noch heute verweisen Repräsentanten der EZA immer wieder stolz darauf, dass Österreich keine Kolonialmacht war und deshalb im politischen Bereich unbelastet agieren kann. Desungeachtet entstehen in Verbindung mit der österreichischen Tätigkeit im Bereich der Internationalen Entwicklung die gleichen Probleme, die auch die Arbeit der einstigen kolonialen Akteure kennzeichnet.
Zum Verständnis dieser Probleme gehen wir noch einmal zurück zur Entwicklungsdefinition der Südkommission. Das dort formulierte Verständnis von Entwicklung basiert auf einer weitgehenden Gleichsetzung von Akteuren und Begünstigten in Zusammenhang mit Entwicklungshandlungen: "Das Dorf entwickelt sich", meint eine auf sich selbst bezogene oder auf Gegenseitigkeit unter Gleichen gerichtete Aktivität.
Für gewöhnlich ist es aber keine auf sich selbst gerichtete, von außen nur "ermöglichte" Handlung; die dominierende Interpretation von Entwicklung ist eine transitive: Experten und Entwicklungsarbeiter "entwickeln" Betroffene/Begünstigte; Geber finanzieren "Nehmer" (mit allen daraus resultierenden rechtlichen, moralischen und wirtschaftlichen Konsequenzen); wer über eine bestimmte Technologie oder Information verfügt, gibt diese an jemand anderen weiter, der darüber nicht verfügt (und wiederum entstehen daraus die oben angesprochenen Konsequenzen).
Aufgrund der ungleichen Verteilung von notwendigen Gütern ergibt sich unausweichlich eine asymmetrische Beziehung zwischen "Subjekt" und "Objekt" des Entwicklungshandelns. Die daraus resultierende Macht für den Norden bzw. die Unterlegenheit des Südens haben dem Projekt der Internationalen Entwicklung mehr geschadet als alle andern Schwächen des Systems zusammengenommen. Der leichtfertige Umgang mit dieser Macht hat in nicht wenigen Fällen dazu beigetragen, dass sich Entwicklungsarbeiter in keiner Weise von kolonialen Repräsentanten unterschieden, und dies in allen möglichen Varianten, vom paternalen bis zum autoritären Typ.
Daher ist keine koloniale Vergangenheit nötig, um koloniale Verhaltensformen an den Tag zu legen oder sich kolonialer diskursiver Stereotypen zu bedienen. Die Exklusivität der Geberkonferenzen in Entwicklungsländern erinnert fatal an koloniale Zirkel; ein österreichischer Entwicklungsexperte, der seinem afrikanischen Gesprächspartner auf die Frage nach der Begründung für eine bestimmte Entscheidung antwortet: "Wer das Geld hat, bestimmt", der hat wie ein unerfahrener Kolonialbeamter noch nicht gelernt, mit Macht umzugehen.

Die Asymmetrie sozialer Beziehungen und der Mythos von Partnerschaft

In Saint-Exuperys "Der kleine Prinz" trifft der reisende Prinz auf einen König, der für den Widerspruch von Partnerschaft und Autorität eine ihm angemessene Lösung sucht. Der absolute, zugleich weise Monarch verlangt, "dass man seine Autorität respektiere, da er aber sehr gütig war, gab er vernünftige Befehle", d.h. er befahl, was die Adressaten seiner Befehle nicht nur durchführen konnten, sondern auch durchführen wollten. Für die Akteure der heutigen EZA stellt sich das Beziehungsproblem, das die beiden zauberhaften Protagonisten haben, genau im umgekehrten Sinne.
Die unterschiedlichen Akteure der EZA - von der Weltbank und der europäischen Kommission bis zu den kleinen nichtstaatlichen Entwicklungsorganisationen und Solidaritätskomitees - sind gemäß ihren eigenen Vorstellungen den Prinzipien der Gleichheit und der Partnerschaft verpflichtet. Demokratie, Menschenrechte und Partnerschaft haben in der organisationellen Kultur der EZA wie in der politischen Kultur der Nord-Süd-Beziehungen koloniale Dominanz und paternale Lenkung abgelöst. Zur Realisierung ihrer Absichten steht den Akteuren des Nordens also nicht mehr der Befehl, sondern die konsensuale Entscheidung der Partner zur Verfügung.
Dies bringt viele Beteiligte in Schwierigkeiten. Als Ausweg aus dem Dilemma bieten sich zwei unterschiedliche, aber durchaus kombinierbare Vorgangsweisen an:
1. Plane und argumentiere in Übereinstimmung mit den Prinzipien "Gleichheit" und "Partnerschaft", handle autoritär und an den eigenen Zielen orientiert.
2. Formuliere Deine Kontrolle über den Partner so, dass dir wegen deines Handelns kein Vorwurf der Verletzung der Prinzipien gemacht werden kann.
Macht hat zwei Gesichter: offenes Zurschaustellen von Stärke (Drohungen, Versprechungen etc.) und verdecktes Handeln. Entwicklungskommunikation setzt in der Regel auf die zweite Vorgangsweise. Offene Machtausübung ist jedoch - vor allem in den zwischenstaatlichen Beziehungen - häufig genug beobachtbar.
Wenn, wie im partnerschaftlichen Ansatz, die Ausübung von Macht tabuisiert ist, muss die Verhandlung von Macht zwischen den Teilnehmern und die Ausübung von Macht über Andere verdeckt erfolgen. Nicht die Anweisung oder der Befehl, sondern die Bitte, die nicht abgeschlagen werden kann, weil sie mit wirtschaftlichen Sanktionen gekoppelt ist, wird zum dominierenden Sprechakt.
Partnerschaft wird in diesem Kontext zu einem alles überdeckenden Mythos, zu einer omnipräsenten Floskel und zu einem nie erreichten Ideal. Sie erlaubt es, den gesellschaftlichen Auftrag der Entwicklung mit Zielrichtung auf Dritte ungebrochen fortzuführen. "Whose Development?" wählten Emma Crewe und Elizabeth Harrison als Titel ihres Buches über Ethnography of Aid, in dem sie die unauflösbare Spannung zwischen dem "Auftrag zur Entwicklung", der "Asymmetrie der Macht" und dem "Glauben an die Partnerschaft" ausführlich beschreiben. Ihr Schlusssatz ist keine Antwort auf die im Titel gestellte Frage, sondern eine Bestätigung des Dilemmas: "Vielleicht werden sich einige der Konzepte, auf denen Entwicklung aufbaut, verändern, wie es bei jedem konzeptuellen System geschieht sobald der Graben zwischen theoretischen Annahmen und praktischer Erfahrung zu breit für eine Überbrückung wird." (Crewe/Harrison 1998:194) Begnügen wir uns damit, abzuwarten?

Die Lösung: in Ruhe zuschauen?

In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren meldeten sich maßgebliche Akteure des Nordens (vor allem aus Wirtschaft und Wissenschaft) immer häufiger mit dem Vorschlag, in den Prozess der "natürlichen Entwicklung" nicht mehr einzugreifen. Ulrich Menzel verkaufte 1992 "Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie", die Verfasser eines Memorandums "zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik" sprechen im Jahr 2000 dem Großteil der afrikanischen Staaten jede Chance auf Entwicklung im Verlauf der nächsten 50 Jahre ab und die Vertreter der Internationalen Finanzinstitutionen haben für jene Gesellschaften, die sich nicht uneingeschränkt ihrer Rezepte bedienen, gerade noch ein Achselzucken übrig.
Wir finden, dass es angesichts einer globalen Vereinheitlichung des Denkens und Handelns mehr denn je notwendig ist, Alternativen zu suchen und zu vertreten. Wir sehen als "Projekt Internationale Entwicklung" darin einen Auftrag und eine Aufgabe. Eine Universität, die sich damit begnügt, den Ansprüchen des Mainstreams zu gehorchen, wird über kurz ihre Daseinsberechtigung verlieren. Eine akademische Gemeinschaft, die es sich zur Pflicht macht, anders zu denken, erfüllt nicht nur ihren gesellschaftlichen Auftrag, sondern sichert den Weiterbestand der freien Wissenschaft und der Universität.
Von diesem Anspruch ist auch der vorliegende Sammelband geleitet, der in transdisziplinärer Herangehensweise Fragen von Entwicklung und Unterentwicklung thematisiert. Der am Beginn stehende Beitrag von Fischer/Hödl/Parnreiter liefert einen Einstieg in entwicklungsstheoretische Grundannahmen und bereitet aktuelles empirisches Material über die Verteilung von Armut und Reichtum in der Welt auf. Andrea Komlosy schließt an mit einer Darstellung der Nord-Süd-Beziehungen in historischer Perspektive. Gleich mehrere Beiträge beschäftigen sich mit entwicklungstheoretischen Denkschulen und Paradigmen und damit, wie diese in der politischen Praxis wirken (Franz Kolland und das Autorenteam Johannes Jäger/Andreas Novy; Kunibert Raffer setzt sich kritisch mit der ökonomischen Lehrmeinung auseinander). Eine zentrale Kategorie von Entwicklung in Theorie und Praxis, die Rolle des Nationalstaats, untersucht Joachim Becker; Irmtraut Hanak widmet sich der Kategorie "Gender" und zeigt, welche Rolle den Frauen im Entwicklungsdiskurs zukommt. Darüber hinaus versammelt das Buch eine Reihe von Beiträgen zu einzelnen Feldern der Entwicklungspolitik: Elisabeth Aufhauser beleuchtet die Diskurse um Bevölkerungspolitik, Karin Küblböck die Verschuldungskrise und Maßnahmen zur Entschuldung, die von internationalen Institutionen und Nicht-Regierungsorganisationen vorgeschlagen werden. Wolfgang Dietrich und Rasheed Akinyemi schließlich diskutieren einen weiteren Schlüsselbegriff im entwicklungspolitischen Diskurs, der in den vergangenen Jahren eine Renaissance erfahren hat, das Konzept der "Zivilgesellschaft".


Literatur

Crewe, Emma/Harrison, Elizabeth (1998): Whose development? An ethnography of aid. London: Zed Books
Drei-Jahres-Bericht 1997-1999 [In Abständen von drei Jahren berichtet das ressortzuständige Ministerium über die Entwicklung der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Im November 2000 hat das Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten einen Drei-Jahres-Bericht 1997 bis 1999 veröffentlicht.]
Esteva, Gustavo (1992): Development. In: The development dictionary, Hg. Wolfgang Sachs. London: Zed Books: 6-25
Meadows, Donella/Meadows, Dennis/Randers, Jorgen (1993): Die neuen Grenzen des Wachstums. Reinbek: rororo
Rodney, Walter (1972): How Europe underdeveloped Africa. London: Bogle-L'Ouverture (deutsch 1975): Afrika, Geschichte einer Unterentwicklung. Berlin: Wagenbach)
Südkommission (1991): Die Herausforderung des Südens. Der Bericht der Südkommission: über die Eigenverantwortung der Dritten Welt für dauerhafte Entwicklung". Bonn: Stiftung Entwicklung und Frieden


Quelle: Karin Fischer/Irmtraut Hanak/Christof Parnreiter: Internationale Entwicklung. Eine Einführung in Probleme, Mechanismen und Theorien. Frankfurt a. M./Wien, Brandes & Apsel/Südwind, 2002. ISBN 3-86099-230-9
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