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Das Werden der "Dritten Welt. Geschichte der Nord-Süd-Beziehungen

Andrea Komlosy

Quelle: Karin Fischer/Irmtraut Hanak/Christof Parnreiter: Internationale Entwicklung. Eine Einführung in Probleme, Mechanismen und Theorien. Frankfurt a. M./Wien, Brandes & Apsel/Südwind, 2002. ISBN 3-86099-230-9

Wie praktisch wäre es, könnte ich den Titel dieses Aufsatzes wörtlich nehmen und einfach eine kurze Geschichte des kapitalistischen Weltsystems erzählen. Ich würde mit der kolonialen Expansion als Antwort auf die Krise des Feudalismus beginnen, die den Anstoß zur Herausbildung des modernen Weltsystems gegeben hat (1450-1640), und fortsetzen über Handelskolonialismus und die Festigung der europäischen Nationalstaaten (1650-1750), den Funktionswandel der Kolonien im Dienste der westeuropäischen Industrialisierung (1750-1850), die verschärfte Konkurrenz in der Weltwirtschaft in der Phase des klassischen Imperialismus (1850/70-1930), die Atempause, die sich für die Peripherien der Weltwirtschaft dadurch ergeben hat, dass die Metropolen zwischen 1930 und 1960 vorrangig mit sich selbst beschäftigt waren, bis hin zur Krise des Nachkriegsakkumulationsmodells in den 1970er-Jahren und die mit der Krisenüberwindung einhergehende neue internationale Arbeitsteilung, die heute unter dem Schlagwort der Globalisierung in aller Munde ist. Es wäre freilich unrealistisch, diesen Themenkatalog im Rahmen eines kleinen Aufsatzes zu bewältigen. Zudem ließe die kompakte Erzählung die wichtigsten Fragen ungeklärt, nämlich: Was ist überhaupt der Gegenstand, der in der Fragestellung des Titels angesprochen wird, aus welcher Perspektive kann und soll die Annäherung an diese Fragen erfolgen, mit welchen theoretischen Annahmen? Erst nachdem diese Grundvoraussetzungen geklärt sind, möchte ich ein Stück aus der langen Geschichte von Kolonialismus und Imperialismus herausnehmen und an diesem illustrieren, wie Nord-Süd-Beziehungen erzählt werden können.

Zum Gegenstand und zum Standpunkt

Gemeinhin werden unter dem Begriff der "Dritten Welt" die Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas gefasst. Zu welchem Zeitpunkt sollte nun sinnvollerweise die Beschäftigung mit der Geschichte der Nord-Süd-Beziehungen ansetzen? Es wäre nahe liegend, die Geschichte in jener Epoche beginnen zu lassen, in der diese Weltregionen zur "Dritten Welt" geworden sind, also im 15. Jahrhundert im Fall von Lateinamerika, im 17. Jahrhundert im Fall von Afrika, im 19. Jahrhundert im Fall von Asien.
Lassen wir die Frage des Zeitpunkts offen und versuchen zunächst zu klären, um welche Weltgegenden es sich denn eigentlich handelt, wenn von Nord und Süd die Rede ist. Süd steht im Titel zweifellos für "Dritte Welt". Nord steht für die Staaten, von denen aus die Entdeckung, Erschließung und Kolonialisierung der lateinamerikanischen, afrikanischen, asiatischen Gebiete erfolgt ist. Zu berücksichtigen sind allerdings die Verschiebungen unter den Teilnehmenden und der Wechsel der kolonialen Führungsmächte in diesem Prozess: Während in seinen Anfängen Venedig, Genua, Spanien und Portugal die führenden Orte waren, verschob sich die Hegemonie im 17. Jahrhundert in die Niederlande, im 18. und 19. Jahrhundert nach Großbritannien und Frankreich. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schlossen schließlich noch weitere europäische Staaten mit dem Kolonialismus auf und beteiligten sich an der territorialen Aufteilung der drei Kontinente, (Latein-)Amerika, Afrika und Asien: Deutschland, Belgien und Italien. Österreich-Ungarn hingegen, das ebenfalls zum Norden zählte, verfügte über keine Kolonien. Auch die wirtschaftlich erstarkende ehemalige Siedlerkolonie USA hatte die eroberten Territorien in ihr Staatsgebiet inkorporiert. Und Russland, das Osmanische Reich, China, Japan: Sind sie dem Norden oder dem Süden zuzurechnen, oder handelte es sich auch hier um Spezialfälle?
Der Titel dieses Aufsatzes legt eindeutig fest, aus welcher Perspektive die Nord-Süd-Beziehungen betrachtet werden. Indem die "Dritte Welt", der Süden, ins Visier genommen wird, positioniert sich der Betrachter eindeutig im Norden, in Europa. Für diese Standortwahl gibt es Pro- und Contra-Argumente. Dafür spricht, dass die koloniale Durchdringung von Europa ausging, die davon erfassten Gebiete auf den drei Kontinenten dadurch überhaupt erst zur "Dritten Welt" wurden und dass in den europäischen Staaten der Zugriff auf die Kolonien die Entwicklung zu einem führenden Industrieland überhaupt erst ermöglichte. Dafür spricht auch, dass die Entkolonialisierung an der Abhängigkeit der "Dritten Welt" von den westlichen Industrieländern nichts geändert hat; die Mechanismen des Weltmarkts gewährleisten, dass die Kluft zwischen Nord und Süd nicht geringer wird.
Gegen die eurozentristische Betrachtungsweise möchte ich ein Argument aus nördlicher und eines aus südlicher Sicht anführen. Zunächst die nördliche Sicht: Europa, das als Ausgangspunkt der kolonialen Eroberung und Durchdringung gilt, ist ein äußerst unscharfer Begriff. Tatsächliche koloniale bzw. neokoloniale Mächte stellen lediglich die westlichen Industrieländer dar, denen keineswegs alle europäischen Staaten angehören, zu denen allerdings auch die USA, Kanada und Japan als führende außereuropäische Zentren der kapitalistischen Weltwirtschaft zu zählen sind. Andererseits fallen bei einer Gleichsetzung des Nordens mit Europa die innereuropäischen Peripherien, die "Dritte Welt" in Europa, zwangsläufig unter den Tisch. Die inneren Kolonien Österreich-Ungarns, des zaristischen Russlands, Preußens und des Osmanischen Reiches - Polen, Galizien und die Bukowina, die Slowakei und Siebenbürgen, die Moldau, die Walachei und viele andere Regionen am Balkan, die ihre staatliche Unabhängigkeit im Laufe des 19. Jahrhunderts bzw. 1918 erlangt haben, bleiben so aus der Betrachtung ausgeschlossen, obwohl ihre Beziehungen zu den wirtschaftlichen und politischen Zentren ihrer Reiche jenen zwischen Nord und Süd durchaus vergleichbar waren. Im Fall der Habsburgermonarchie ersetzten die inneren die nicht vorhandenen äußeren Kolonien.
Wenn wir die Perspektive dieser inneren Kolonien im europäischen Osten und Südosten wählten, wäre das eigentlich ein Blick aus dem "Süden". Bei vielen ost- und südosteuropäischen Staaten, deren "Rückkehr nach Europa" nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus 1989 eine Rückkehr in die Peripherisierung darstellt, liegt dies heute auf der Hand; solange der RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe = Comecon) existierte, überdeckte die politische Zugehörigkeit zur sowjetischen Einflusssphäre die Einordnung dieser Staaten in die Rangordnung der kapitalistischen Weltwirtschaft, der der "Ostblock" stets angehörte. Gleichzeitig erweckten die Erfolge nachholender Industrialisierung, die in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg in den RGW-Staaten stattfand, den Eindruck, die ehemaligen Agrarperipherien des europäischen Ostens und Südostens hätten ihre historische Unterentwicklung überwunden. Wir könnten auch eine inneramerikanische Perspektive auf die Nord-Süd-Beziehungen wählen und diese aus der Perspektive der indigenen Bevölkerung erzählen.
Auch wenn dieser Exkurs als Abschweifung erscheinen mag: ein Blick in die Brockhaus-Enzyklopädie, Ausgabe 1988, gibt mir recht, daß ich mit meinen Ausführungen immer noch beim Thema "Dritte Welt" bin. Unter dem Stichwort "Dritte Welt" findet sich folgende Eintragung: "Sammelname ursprünglich für jene Staaten, die im Kalten Krieg als blockfreie Staaten eine Politik der Bündnisfreiheit zwischen den Militärblöcken der westlichen (parlamentarisch-demokratischen) und östlichen (kommunistischen) Staatenwelt (der bei der Wortprägung einbezogenen ‚ersten' und ‚zweiten' Welt) betrieben, z. B. Ägypten, Indien, Indonesien, Jugoslawien." (Brockhaus 1988)
Es fällt auf, dass Jugoslawien hier der "Dritten Welt" zugerechnet wird. Weiters fällt auf, dass die zum Warschauer Pakt gehörige östliche Staatenwelt als eigene "Zweite Welt" gerechnet wird - ein Aufsatz zum Thema "Dritte Welt" wäre sonach nicht verpflichtet, sich mit ihr zu befassen. Die "Erste Welt" wird durch parlamentarische Demokratie und Zugehörigkeit zum westlichen Militärblock definiert. Man kann das 1 - 2 - 3 als Rangordnung ansehen, und der Entwicklungsprozess wird auch gerne als Wettlauf angelegt - wobei oft die Vorstellung existiert, alle könnten den ersten Platz erringen. Wenn die "Blockfreien", die sich im Jahr 1955 im indonesischen Bandung konstituierten und 1964 als "Gruppe der 77" in der UNO zusammenschlossen, unter dem Banner der "Dritten Welt" antraten, wollten sie damit nicht die Hierarchie der Weltwirtschaft zementieren, sondern einen Ausweg aus der politisch von Bipolarität und ökonomisch von Ungleichheit geprägten aufzeigen. Der französische "Larousse" wiederum definierte in seiner Ausgabe von 1985 "Tiersmonde" als "ensemble des pays en voie de development, généralment issus de la décolonisation, et qui représentent les deux tiers de la population mondiale" (Larousse 1985).
Der "Brockhaus" erlaubt weiteren Erkenntnisgewinn: "Der ursprüngliche bündnispolitische Sinn wurde in den 60er-Jahren immer stärker von seiner heutigen vor allem entwicklungspolitischen Bedeutung überlagert. Mit Dritte Welt werden nunmehr die wirtschaftlich unterentwickelten Staaten in Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa (siehe Entwicklungsländer) den industrialisierten hochentwickelten Ländern mit marktwirtschaftlicher oder planwirtschaftlich-bürokratischer Wirtschaftsordnung (1. und 2. Welt) gegenübergestellt."
Damit wurde eingeräumt, dass auch unterentwickelte Staaten in Europa zur "Dritten Welt" gehören (man denke also etwa an Portugal, Spanien, Griechenland, Jugoslawien oder Albanien) - soferne sie eben nicht zur "Zweiten Welt" zählten. Seit es keine "Zweite Welt" mehr gibt, müsste die Dritte gemäß der hier angeführten Definition neuen Zulauf bekommen haben. Nach der Überarbeitung des "Brockhaus" im Gefolge des Zusammenbruchs der kommunistischen Staatenwelt erscheint auch die "Dritte Welt" in einem neuen Licht: "Heute dient Dritte Welt häufig als Bezeichnung für die Gesamtheit der wirtschaftlich und sozial unterentwickelten (gemessen am Stand der industrialisierten hochentwickelten Länder) Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas (siehe Entwicklungsländer), während die Begriffe ‚erste' und ‚zweite' Welt kaum gebräuchlich sind." (Brockhaus Ausgabe 1997) Es wird weiters auf die zunehmenden Unterschiede innerhalb der Staaten der "Dritten Welt" hingewiesen, die zur Untergliederung in verschiedene Staatengruppen (Schwellenländer, "Vierte Welt" etc.) führte. Eine andere Tendenz wurde darin erkannt, dass die zunehmenden Interdependenzen die Verwendung des Begriffs "Eine Welt" begünstigten. Von der Möglichkeit, europäische Staaten als Teil der "Dritten Welt" zu begreifen, hatte man Ende der 1990er-Jahre jedenfalls Abstand genommen.
Die Enzyklopädie legt generell nahe, "Dritte Welt" und Nord-Süd-Beziehungen als Fragen anzusehen, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg relevant wurden. Demgegenüber wird hier die Notwendigkeit einer historischen Herangehensweise an das "Werden der Dritten Welt" vertreten. Dies führt zur Frage zurück, aus welcher Perspektive die Welt in den Blick genommen werden soll.
Aus südlicher Perspektive gibt es gute Gründe gegen eine eurozentristische Betrachtungsweise - und zwar nicht nur gegen eine, die die Entwicklung in Europa (genauer: in den westlichen Industrieländern) als Vorbild für die "Dritte Welt" hinstellt, sondern auch gegen eine kritische eurozentristische Betrachtungsweise, also eine solche, die die Gewalt des Kolonialismus und die Zerstörung der indigenen Gesellschaften thematisiert und den Beitrag herausstreicht, den die Ausplünderung der Kolonien für die Entwicklung der europäischen Mutterländer hatte. Selbst eine kolonialismuskritische Darstellung muss sich die Frage gefallen lassen, warum die Geschehnisse in den Ländern der "Dritten Welt" nicht aus - zum Beispiel - bengalischer/indischer/asiatischer Perspektive untersucht werden sollen. Für die Entscheidung über den zeitlichen Beginn sowie die Periodisierung würde dies einen großen Unterschied machen. Es würde zum Beispiel für Indien überhaupt keinen Sinn ergeben, seine Geschichte mit der Ankunft irgendeines europäischen Seefahrers, Händlers oder einer Handelskompagnie zu beginnen, wo doch zuvor schon oft solche Händler, vor allem Araber, indische Luxuswaren erworben haben. Ebenso absurd wäre es, die formale Eingliederung in das British Empire zum Ausgangspunkt der Geschichte zu nehmen, auch wenn dies schon viel mehr mit der Verwandlung in eine "Dritte Welt" zu tun hatte.
Genau genommen, müsste die Geschichte der Nord-Süd-Beziehungen immer alle die verschiedenen Teilräume im Blick haben, die in den Prozess der kapitalistischen Weltwirtschaft (aber auch in frühere Weltmarktbeziehungen) involviert waren - und zwar sowohl aus dem Blick der Betroffenen vor Ort (interne Faktoren) als auch aus jenem der verschiedenen Außenakteure (externe Faktoren, aus deren Zusammenwirken globale Rahmenbedingungen entstehen). Dies ist freilich von einer Person nicht zu erfassen. JedeR muß sich einen bestimmten Standpunkt herausgreifen - im Bewusstsein seiner Begrenztheit, seiner Relativität und im Bemühen um Inbezugsetzung und Vergleich.
Eine mögliche Einschränkung der Materialfülle könnte darin liegen, dass wir uns nicht primär auf die inneren Verhältnisse in den verschiedenen Gesellschaften konzentrieren - deren Erforschung den Area Studies überlassen -, sondern auf jene Ebenen und Momente, wo sie miteinander in Kontakt und Konflikt traten: Nord-Süd-Beziehungen eben. Das Problem dabei ist, dass wir diese Beziehungen und ihren Wandel überhaupt nicht erfassen können, wenn wir uns nicht auch mit den gesellschaftlichen Strukturen der Teilräume befassen.
Mein eingangs skizzierter Themenkatalog für eine Erzählung der Nord-Süd-Beziehungen ist ein eurozentristischer. Es handelt sich, anderes als die meisten Weltgeschichten für sich in Anspruch nehmen, um keinen universellen, sondern um einen äußerst eingeschränkten Blick. Die anderen Weltregionen werden nicht ausgeblendet. Sie werden jedoch nur dann in den Blick genommen, wenn sie durch ihre Einbeziehung in die ungleiche internationale Arbeitsteilung eine Funktion als Kolonie, Hinterland oder verlängerte Werkbank in der kapitalistischen Weltwirtschaft zugeschrieben erhielten. Dabei stellt sich immer auch die Frage, ob und unter welchen Bedingungen einer Region - wenn sie einmal in Abhängigkeit von den Zentren der Weltwirtschaft geraten ist - eine nachholende Entwicklung nach dem Vorbild der Zentren überhaupt noch offen steht. Die Gliederung folgt den unterschiedlichen Phasen der Entwicklung in den jeweils führenden westeuropäischen/nordamerikanischen Industrieländern bis in die postindustrielle Phase, in der Industrialisierung im Zuge der neuen internationalen Arbeitsteilung eine globale Standortausweitung erfahren hat. Die zentrale These lautet: Es waren und sind die jeweiligen Verhältnisse in den Metropolen, die den Ausschlag geben, ob und in welcher Form und Funktion die (welche?) Peripherien in die internationale Arbeitsteilung einbezogen werden.
Die Auswirkungen auf die jeweils davon erfassten Regionen waren gewaltig, stehen in diesem Konzept jedoch nicht im Vordergrund. Denn mich interessiert in erster Linie die Verantwortung der führenden kapitalistischen Industriestaaten (allen voran Westeuropa) bei der Durchdringung und der Zerstörung der traditionellen Gesellschaften und der Abhängigmachung dieser Gebiete als Kolonien und Neokolonien. Ich möchte wissen, wie Entwicklung (in den westlichen Industriestaaten) und Unterentwicklung (in den Ländern der "Dritten Welt") zusammenhängen. Deshalb wähle ich die auf die westeuropäischen Industriestaaten zentrierte Perspektive. Sie bedarf freilich einer permanenten Relativierung sowie der Konfrontation und Ergänzung aus der Sicht konkurrierender Zentren (Nordamerika, Japan) und der Peripherien, die diesen Prozess ja nicht nur als Opfer, sondern auch als Akteure mitgemacht haben.

Theorien und Modelle

Ebenso wie die entwicklungspolitische Debatte benötigt die Geschichtswissenschaft Theorien und Modelle. Die theoretischen Vorannahmen, aber auch die Weltanschauung und die Werthaltungen, die - meist unausgesprochen - einem Forschungsprozess zugrunde liegen, beeinflussen die verwendeten Begriffe. Sie erlauben es, Thesen über Funktionszusammenhänge und historische Abläufe zu formulieren. Zur Vereinfachung der komplexen Wirkungszusammenhänge dienen Modelle. Theorien und deren modellartige Simplifikation helfen einerseits, überhaupt Forschungsfragen zu entwickeln, sie beeinflussen die Auswahl des Quellenmaterials und seine Analyse im Rahmen des Forschungsprozesses. Umgekehrt wirken die empirischen Ergebnisse der Arbeit auf die Reformulierung von Forschungshypothesen, Theorien und Modellen zurück. Das Ziel einer solchen "work in progress", die immer wieder zwischen Annahme und Überprüfung, Abstraktion und Veranschaulichung hin- und herpendelt, ist die Herausarbeitung von differenzierten, kausalen Beziehungen und Wirkungszusammenhängen.
Im Folgenden wird das Modell vorgestellt, das den vorliegenden Überlegungen zugrunde liegt. Es speist sich aus verschiedenen Theorien, die am besten als Theorien ungleicher und ungleichmäßiger Entwicklung im Weltmaßstab zusammengefasst werden können. Als es im Kontext von historischen Imperialismustheorien, Dependenztheorien und Weltsystemtheorien entwickelt wurde, grenzte es sich zunächst von verschiedenen bestehenden theoretischen Annahmen ab, die hier grob als Stadien- oder Modernisierungstheorien bezeichnet werden; damit wird offenkundig, dass Theorien und Modelle ihre eigene Geschichte haben (Frank 1990).
Modernisierungstheorien, wie sie im entwicklungstheoretischen Kontext der 1950er- und 1960er-Jahre formuliert wurden, gingen vom Nationalstaat als Bezugsrahmen der Entwicklung aus. Sie postulierten - unter Untermauerung ihrer Annahmen durch erfolgreiche historische Entwicklungsverläufe - einen universell gültigen Entwicklungsweg, der sich in Stufen bzw. Stadien vollziehe und verschiedene gesellschaftliche Gruppen, Regionen und Länder zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfasse. Damit entstand das Bild von Vorreitern, die sich "schon" auf dem Weg der modernen Entwicklung befanden, und Nachzüglern, die diesen hinterherhinkten oder "noch gar nicht" in den Prozess der Modernisierung eingetreten waren. Als Vorreiter und historisches Vorbild dieses Entwicklungsweges galt England.
Entwicklung (zur modernen Industriegesellschaft) wurde und wird demnach durch Zurückdrängung der Adelsmacht, technische und organisatorische Innovationen und die entsprechende institutionelle Umgestaltung der Gesellschaft erreicht. Dies vollzog sich zuerst in gesellschaftlichen Enklaven und erfasste schließlich die gesamte Gesellschaft. Auf der politischen Ebene wurde die wirtschaftliche und institutionelle Modernisierung von der Herausbildung des modernen Staates mit seinen Verwaltungs- und Justizstrukturen und der Festlegung der politischen Rechte der Staatsbürger begleitet. Rückständigkeit lag im modernisierungstheoretischen Sinn dann vor, wenn die traditionellen Bereiche der Gesellschaft nicht oder nicht ausreichend von der Transformation einbezogen wurden - und an diesem Defizit setzten auch die entsprechenden Entwicklungsstrategien an. Sie zielten auf Integration der als rückständig identifizierten sozialen Gruppen, Sektoren oder Regionen in den Modernisierungsprozess.
Als nach Ablauf mehrerer Entwicklungsdekaden, die auf die Integration der Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft gesetzt hatten, die Kluft zwischen traditionellen und modernen Sektoren nicht abnahm, wurden bisherige Annahmen und Modelle in Frage gestellt und revidiert. Diese Revision ging soweit, dass die Sinnhaftigkeit modellartiger Abstraktionen und Reduktionen überhaupt in Misskredit geriet und damit auch der Versuch, die Ursachen von Unterentwicklung theoretisch zu erfassen. Auf der anderen Seite wurden den Stadien- und Modernisierungstheorien sowohl in ihrer bürgerlichen als auch in ihrer marxistischen Ausprägung Modelle ungleicher und ungleichmäßiger Entwicklung im Weltmaßstab entgegengesetzt, die nicht vom einzelnen Nationalstaat, sondern von der Existenz eines kapitalistischen Weltsystems ausgingen, dessen Wirkung auf dem Zusammenspiel von Entwicklung und Unterentwicklung bzw. von Zentrenbildung und Peripherisierung beruhte.
Die Geschichte eines Teiles dieses kapitalistischen Weltsystems, ob im Norden oder im Süden gelegen, ließe sich demnach nur in seiner Wechselwirkung und gegenseitigen Bedingtheit mit den anderen Teilen und mit dem Gesamtsystem erforschen. Das Augenmerk muss auf dem Zusammenhang zwischen Entwicklung und Unterentwicklung als zwei unterschiedlichen Ausprägungen des Modernisierungsprozesses in verschiedenen Weltregionen liegen, die als Folge dieser Entwicklung in Zentren und abhängig auf diese bezogene Peripherien zerfallen. Es gilt, Zentren und Peripherien nicht als Folge von Voraussein und Rückständigkeit, von "schon" und "noch nicht", sie also nicht als bloße Erscheinungsform zu begreifen, sondern als Folge der unterschiedlichen Rolle, die verschiedene Regionen bzw. Sektoren im historischen Prozess der ungleichen und ungleichmäßigen Entwicklung gespielt haben. Dabei gilt es gleichermaßen, die Deformationen herauszuarbeiten, die Regionen durch die Peripherisierung erwachsen sind, wie die Rolle, die Kolonien/Peripherien für den Aufstieg bestimmter Regionen bzw. Staaten zu Zentren der Weltwirtschaft spielten.
Unterentwicklung stellt somit kein Synonym für Rückständigkeit dar. Es handelt sich dabei nicht um eine ungünstigere Startposition oder ein Zurückbleiben im Entwicklungsprozess, sondern um eine untrennbar mit Entwicklung verbundene Ausprägung des gleichen sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Prozesses. Periphere Regionen zeichnen sich durch eine Spaltung der Gesellschaft aus. Im Zentrum steht ein formeller Kern, oft auch als moderner Sektor bezeichnet, den wir uns als kleine weltmarktbezogene Enklaven (Exportlandwirtschaft, Bergbau, Häfen, Produktionsstätten multinationaler Unternehmen, freie Produktionszonen, Maquilas …) vorstellen können. Zunächst dominiert hier die Zwangsarbeit, u. a. von importierten Sklaven, seit dem 19. Jahrhundert fand jedoch eine Ausweitung der Lohnarbeit statt. Dieser Kern war immer von einem informellen Bereich umgeben, der ein breites Feld von prekären Existenzen und unterbezahlten Zulieferern umfasste; heute liegt hier in vielen Dritte Welt-Ländern der expandierende Sektor der Gesellschaft (Komlosy u.a. 1997). Er ist mehr oder weniger in einen Subsistenzbereich eingebettet, der zwar nicht eigenständig existieren kann, weil die Menschen auf Geldeinkommen angewiesen sind, der aber die Versorgung der Arbeitskräfte im formellen und informellen Bereich gewährleistet. Wo dafür die Grundlagen fehlen, herrscht Hunger. Alle drei Bereiche sind eng aufeinander bezogen. Durch Kauf von Waren oder Auslagerung von Tätigkeiten in den informellen Bereich spart der Unternehmer bei den Kosten. Der Konsument kauft billiger ein, was indirekt ebenfalls dem Unternehmer zugute kommt. Wie können die Menschen im informellen Sektor die niedrigen Löhne verkraften? Sie tun es, indem sie ihr Überleben auf mehrere Erwerbsstandbeine stellen und niedriges Geldeinkommen durch ein Mehr an Arbeitseinsatz und Selbstversorgungsleistungen ausgleichen. ArbeiterInnen im formellen wie im informellen Sektor hängen also immer an Personen, die ihr Überleben durch unbezahlte Arbeit gewährleisten. Die Zusammensetzung von Arbeitsverhältnissen nimmt zeitlich und räumlich unterschiedliche Formen an, sodass sich Erscheinung, Struktur, Umfang und Verteilung von bezahlter, unterbezahlter und unbezahlter Arbeit ändern, nicht aber die Tatsache ihres Zusammenwirkens selbst.
Zentrale Charakteristika von Unterentwicklung stellen die Herausbildung "struktureller Abhängigkeit" und "struktureller Heterogenität" dar, die gleichermaßen im interregionalen wie im internationalen Maßstab auftreten. "Strukturelle Abhängigkeit" charakterisiert das Verhältnis zwischen Zentren und Peripherien als Abfluss von Werten, die in der Peripherie geschaffen wurden, in ein Zentrum (Senghaas 1977: 48). "Strukturelle Heterogenität" liegt der "strukturellen Abhängigkeit" zugrunde: der Begriff, der von Dieter Senghaas in den 1970er-Jahren in die entwicklungspolitische Debatte eingeführt wurde, bringt die gesellschaftliche Zerklüftung zum Ausdruck, die im Prozess der Kolonisierung durch die Aufspaltung des Landes in Wachstumspole und Hinterländer bestehende soziale, kulturelle und wirtschaftliche Zusammenhänge aufgebrochen und diese den Interessen der Kolonialmächte untergeordnet hat. Durch die Entkolonialisierung hat diese Form der gesellschaftlichen Zerklüftung vielfach ihren Charakter geändert, verschwunden ist sie jedoch nicht.
Vor dem Hintergrund "struktureller Abhängigkeit" und "struktureller Heterogenität" bilden die Heranziehung unterschiedlicher Weltregionen als Produktionsstandorte (Standort- und Warenketten) sowie die ihnen zugrunde liegende Kombination von unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen in Bezug auf Entlohnung und soziale Absicherung die Grundlage für den Werttransfer von der Peripherie ins Zentrum. Das folgende Modell dient der Veranschaulichung dieses Grundmusters der Nord-Süd-Beziehungen.

  1. 1. Die Kolonialmacht bzw. der multinational agierende Konzern setzt bei den Wachstumsinseln an und extrahiert, woran Interesse besteht: Edelmetalle, Rohstoffe, Nahrungsmittel, unterschiedliche Formen von Arbeitskraft.
  2. Traditionelle Gesellschaften werden durch Zwangsarbeit, Enteignung des Bodens, Vertreibung, Steuerdruck etc. aufgebrochen und in Hinterland verwandelt. Menschen müssen sich in der Plantagenwirtschaft/im Bergbau/in der Weltmarktfabrik verdingen; das Beschäftigungsausmaß bzw. die Löhne sind so gering, dass zum Hinterland deformierte traditionelle Sektoren (Haushalte) sie versorgen und damit subventionieren müssen.
  3. Waren- und Standortketten und unterschiedliche Zusammensetzung bezahlter und unbezahlter Arbeit in verschiedenen Teilräumen der Weltwirtschaft sind das Geheimnis des "Billiglohns" und der "billigen" Rohstoffe aus Entwicklungsländern. Wenn ein Unternehmen Waren unter peripheren Bedingungen produzieren lässt, macht es sich das niedrigere Lohn- und Preisniveau in der Peripherie zunutze. Durch "Ungleichen Tausch", "Brain Drain", Abfluss von Gewinnen und Ersparnissen, Schuldendienst etc. kommen diese erzielten Kosteneinsparungen den Zentren zugute.
  4. Der Zufluss von Werten aus den Peripherien der Weltwirtschaft gewährleistete, dass in den entwickelten Industriestaaten im Zeitraum zwischen 1880 und 1980 eine gesellschaftliche Homogenisierung erfolgte. Neue Tendenzen (nicht nur) in den Zentren der Weltwirtschaft in Richtung Informalisierung und Deregulierung schufen erneut Voraussetzungen für den Werttransfer von informellen zu formellen Sektoren.
    Handelsdreiecke

Greifen wir ein Stück aus der Geschichte des kapitalistischen Weltsystems heraus, um zu überprüfen, wie eine Verknüpfung der verschiedenen, über Waren- und Standortketten verbundenen, durch Ungleichzeitigkeit der Arbeitsverhältnisse geprägten Weltregionen erfolgen kann. Ich wähle dafür das in der Literatur ausführlich dokumentierte Beispiel des Atlantischen und des Orientalischen Handelsdreiecks (Frank 1980:32ff). Eckpunkte des Altantischen Handelsdreiecks bildeten Großbritannien, die Westküsten Afrikas und die Plantagen der Neuen Welt. Dabei lieferten die westeuropäischen Metropolen, allen voran Großbritannien, Manufakturwaren, die in Afrika mit Profit gegen Sklaven getauscht wurden, welche ihrerseits auf den amerikanischen Plantagen als Zahlungsmittel für Kolonialprodukte dienten, die nach Europa gebracht wurden. Dabei handelte es sich einerseits um Nahrungs- und Genussmittel zur Versorgung der nordwesteuropäischen Bevölkerung, die sich unterdessen auf gewerbliche Lohnarbeit spezialisierte, andererseits um Rohstoffe zur Weiterverarbeitung zu Manufakturwaren. Die Produktion von Manufakturwaren erfolgte sowohl für den Binnenmarkt als auch für den Export - in andere europäische Staaten, in die Kolonien und als Zahlungsmittel für Sklaven.
Genau genommen handelte es sich nicht um ein bloßes Handelsdreieck, sondern um Produktion im Weltmaßstab, bei der unterschiedliche Arbeitsverhältnisse - gewerbliche Lohnarbeit in Europa, Sklavenarbeit, verschiedene Formen der bezahlten und unbezahlten Zwangsarbeit in den Amerikas - im Rahmen von Warenketten so zusammengesetzt wurden, dass sie den größtmöglichen Profit erlaubten, der - vermittelt über den Wertabfluss, der bei jeder Transaktion stattfand - im Zentrum des Dreieckshandels anfiel. Die höchste Wertschöpfung erfolgte in der gewerblichen Endfertigung. Ohne die Beschaffung der Arbeitskräfte in Afrika und den Amerikas sowie die - auf Grundlage der unbezahlten Arbeit - billig verfügbaren Kolonialwaren hätte sich diese jedoch nicht entwickeln können. "Der Dreieckshandel gab der britischen Industrie einen dreifachen Anstoß. Die Neger wurden mit britischen (und orientalischen) Manufakturgütern gekauft; auf die Plantagen geschafft, produzierten sie Zucker, Baumwolle, Indigo, Melasse und andere tropische Produkte, deren Weiterverarbeitung in England neue Industrien schuf, während die Ernährung der Neger und ihrer Eigentümer auf den Plantagen einen weiteren Markt für die britische Industrie, die Landwirtschaft Neuenglands und die Fischerei Neufundlands schuf. Um 1750 gab es kaum eine Handels- und Industriestadt in England, die nicht in irgendeiner Weise mit dem Dreiecks- oder direkten Kolonialverkehr in Verbindung stand. Die erzielten Profite versorgten einen der Hauptströme jener Kapitalakkumulation in England, der die industrielle Revolution finanzierte." (Williams 1966 nach Frank 1980:33)
Das Orientalische Handelsdreieck bestand aus einer älteren Handelsachse zwischen Asien und Europa, auf der asiatische Gewürze und hochwertige Textilien gegen ungemünztes Edelmetall getauscht wurden. Zum Dreieck wurde dieser Austausch, dessen höchste Wertschöpfung in Asien anfiel, durch seine Verknüpfung mit der atlantischen Expansion. Aufgrund der starken Nachfrage nach asiatischen Fertigwaren, die von den europäischen Kolonialhandelskompagnien auch in andere europäische Staaten, nach Afrika und Amerika reexportiert wurden, stellte das in den südamerikanischen Minen gewonnene Silber einen wichtigen Motor für den Orienthandel dar. Dabei führte der Gold- und Silberbergbau keineswegs zum ökonomischen Aufstieg Spaniens, von wo der Raub- und Plünderungskolonialismus in Lateinamerika seinen Ausgang nahm. Der Gewinn aus der Silberförderung floss in die Handels- und Finanzzentren in Holland und England, die sowohl die Exportgewerbeproduktion als auch den lukrativen Asienhandel koordinierten.
Während Lateinamerika und die Karibik im Zuge der kolonialen Durchdringung seit dem 16. Jahrhundert eine folgenschwere Deformation ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse erlebten, bewahrte Asien seine Eigenständigkeit. Auch Afrika erlebte - abgesehen vom Sklavenkauf - vergleichsweise geringe Veränderungen seiner inneren Verhältnisse. Immanuel Wallerstein bezeichnet den Nahen Osten, Indien und China als "Außenarena" - als Weltregionen, die zwar über Handelsbeziehungen mit den Zentren des kapitalistischen Weltsystems in Kontakt standen, diesem jedoch im 17. und 18. Jahrhundert noch nicht angehörten (Wallerstein 1986:449; Wallerstein 1998:105). Aus asiatischer Perspektive könnte man freilich auch sagen: Indien oder China waren Zentren, deren hochwertige Waren Europa überhaupt nur kaufen konnte, wenn es sich Zugang zu lateinamerikanischen Edelmetallen verschaffte. Ein Brief des Kaisers von China an Georg III., König von England, aus dem Jahr 1793 bringt das Verhältnis deutlich zum Ausdruck: "Wie Euer Gesandter selbst sehen kann, besitzen wir alles. Ich lege keinen Wert auf fremde und kunstvolle Gegenstände und habe keine Verwendung für Manufakturgüter Eures Landes." (zit. in Frank 1980:36). Es waren die europäischen Abnehmer, die den asiatischen Produzenten technisch und kulturell unterlegen und deshalb am Bezug ihrer Fertigwaren höchst interessiert waren. Dies schuf den Kolonialhandelskompagnien zwar Gewinne, blieb auf die gesellschaftlichen Strukturen in den asiatischen Regionen jedoch ohne Auswirkung.
Andre Gunder Frank bestreitet daher in seinem Buch "Re-Orient", dass das (Nordwest-) Europa des 16. und 17. Jahrhunderts als Zentrum der kapitalistischen Weltwirtschaft angesehen werden kann (Frank 1998). Er stellt damit eine der Grundannahmen der Weltsystemtheorien in Frage, an deren Entwicklung er selbst federführend beteiligt war und setzte eine Reihe von Auseinandersetzungen im Kreis der Weltsystemtheoretiker in Gang (Review XXII/3/1999; Frank 1995). Frank wies nach, dass erst die Zerstörung der asiatischen Wirtschaftskraft Europa an die Spitze der Weltwirtschaft setzte. Die atlantische Expansion stand zunächst im Dienste der Silberbeschaffung für den Orienthandel. Der Aufbau des Atlantischen Handelsdreiecks begünstigte gleichzeitig die industrielle Produktion in England. Für die asiatischen Märkte stellten europäische Manufakturwaren keinerlei Gefahr dar. Die Qualität der asiatischen Textilien, allen voran die berühmten indischen Baumwoll-Drucke, waren für die englische Textilindustrie jedoch eine enorme Herausforderung. In dem Maße, wie sich die englische Industrie entwickelte und die Asienimporte als Konkurrenz betrachtete, wurden Mechanismen zum Schutz der heimischen britischen Produktion entwickelt.
Dabei standen einander nicht nur die Interessen von Produzenten und Händlern entgegen, sondern auch die Interessen der unterschiedlichen textilen Wirtschaftszweige. Für Einfuhrbeschränkungen machten sich zu allererst die englischen Baumwolldrucker stark, die um 1700 ein Einfuhrverbot für indische Drucke durchsetzten (ausgenommen für den Reexport) (Wallerstein 1998:307). Betroffen waren davon vor allem Gujarat und Südindien, die Zentren des indischen Textildrucks. Die notwendigen weißen Tuche hingegen bezogen die englischen Druckereien aus Bengalen, dessen Weißweber in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage zu verzeichnen hatten (Rothermund 2001). Zur gleichen Zeit hatte sich in der Schweiz, wo die Nachfrage bedeutend geringer war, im Züricher Raum eine Spezialisierung der Weber auf weiße Baumwolltuche für den Textildruck herausgebildet (Rothermund 2001). Seit 1736 entwickelte sich die Baumwollspinnerei und -weberei auch in England, wo traditionell die Wollfabrikanten federführend waren und die Verarbeitung von Rohbaumwolle lange Zeit zu verhindern wussten; im Jahr 1736 gestattete das englische Parlament die Verarbeitung von Baumwolle für den inländischen Markt (Blaich 1973:121). Diese Produzentengruppe konnte schließlich im Jahr 1750 Importverbote auch für unbedruckte Baumwollgewebe durchsetzen. Damit hatte den bengalischen Webern die Stunde geschlagen, sie wurden - mit Gewalt - aus dem Weltmarkt verdrängt (Rothermund 2001). Begleitet war die Entwicklung der englischen Textilindustrie vom zunehmenden Engagement des Handelskapitals in der, zunächst im Manufaktur- und Verlagswesen organisierten Produktion. Die steigende Nachfrage nach Baumwollwaren und die Engpässe am englischen Arbeitsmarkt gaben schließlich den Anstoß für die Mechanisierung der Textilproduktion, die in der Folge auch die Textilproduzenten in anderen europäischen Ländern unter Zugzwang setzte.
Gleichzeitig wurde direkt in die asiatischen Textilregionen eingegriffen. Sobald sich in Großbritannien die Industrieproduzenten gegenüber den reinen Handelsinteressen durchgesetzt hatten, wurden nicht nur die Importe verarbeiteter Textilien aus Asien unterbunden. Die Ausweitung der Produktion und die mit der Mechanisierung verbundene Produktivitätssteigerung verlangten auch nach zusätzlichen Rohstoffen. Aufgabe der staatlichen Kolonialpolitik war es, die Baumwolle, die bisher den indischen Produzenten gedient hatte, für die britische Industrie zu sichern. Die Handelsströme im britischen Asienhandel hatten sich damit umgekehrt. Allein zwischen 1794 und 1835 gingen die indischen Textilexporte nach England von 1,3 Mio auf 100.000 Pfund zurück. Im gleichen Zeitraum stiegen die englischen Textilexporte nach Indien von 156 (!) auf 400.000 Pfund (Bergmiller/Feldbauer 1977:78). Der indische Subkontinent stellte einen wichtigen Hoffnungsmarkt für die englische Textilindustrie dar; dazu kamen die Investitionen, die zur infrastrukturellen Erschließung des kolonialen Indien erforderlich waren und die für das englische Kapital insbesondere in Zeiten geringer Profiterwartung in der Heimat einen wichtigen Investitionsmarkt bedeuteten. Die koloniale Durchdringung, die in Indien zur militärischen Eroberung (ab 1757) und formellen Eingliederung ins British Empire (1858) führte, im osmanischen Machtbereich hingegen schleichend Abhängigkeiten aufbaute und in China auf Schwierigkeiten stieß, erfolgte im Interesse des britischen/europäischen Produktionskapitals. Sie führte zur Degradierung der ehemaligen asiatischen Handelspartner zu Rohstofflieferanten.
Anders als in England, gelang es in Holland, der führenden textilen Exportgewerberegion am europäischen Kontinent, nicht, die industriekapitalistischen Interessen mit der staatlichen Kolonialpolitik in Einklang zu bringen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts konnte die englische Textilindustrie die holländische daher als Konkurrentin ausschalten. In Frankreich hingegen, das 1686 als erstes ein Importverbot für indische Textildrucke erlassen hatte, förderte der Staat aktiv die Entwicklung einer einheimischen Textilindustrie, was zwangsläufig die Konflikte mit England verschärfte (Wallerstein 1998:75, 110f, 283f).
Es gibt also gute Gründe, Asiens Eintritt ins von Europa dominierte kapitalistische Weltsystem erst in der zweiten Hälfte des 18. bzw. im 19. Jahrhundert anzusetzen. Das gleiche gilt unter anderen Umständen für den afrikanischen Kontinent. Unabhängig davon, ob eine formale Eingliederung in ein Kolonialreich stattfand oder nicht, kann seit damals die Zurichtung der einheimischen Produktionsstrukturen im Dienst der europäischen Kolonialmächte beobachtet werden. Damit war ein Zustand erreicht, der im Fall von Lateinamerika bereits im 16. Jahrhundert gegeben war. Ironischerweise stand der aggressiven kolonialen Durchdringung Afrikas und Asiens in Lateinamerika eine Periode der Entkolonialisierung gegenüber. Erklärbar ist diese lediglich vor dem Hintergrund, dass die abhängige Eingliederung der lateinamerikanischen Kolonien in den von den Metropolen beherrschten Weltmarkt bereits so gefestigt erschien, dass die Gewährung staatlicher Unabhängigkeit dazu nicht im Widerspruch stand.
Die Darstellung der beiden Handelsdreiecke hat deutlich gemacht: Die Beteiligung an einem Handelsdreieck allein sagt weder etwas über die örtlich-regionalen Verhältnisse noch über den Charakter der Beziehungen zwischen den Partnern aus. Während das Atlantische Handelsdreieck dazu diente, auf der Grundlage der Zwangsmigration afrikanischer Sklaven Lateinamerika und die Karibik in koloniales Hinterland zu verwandeln, das den Werttransfer in die Zentren der industriell-gewerblichen Produktion in Europa speiste, führte der Handel zwischen Europa und Asien in den beteiligten Gebieten zu keiner gesellschaftlichen Deformation. Die asiatische Überlegenheit bewirkte allerdings eine Anpassung, die schließlich die globalen Kräfteverhältnisse umkehrte und das Orientalische Handelsdreieck ebenfalls in ein Instrument für den Werttransfer von der (asiatischen) Peripherie ins (nordwesteuropäische) Zentrum verwandelte. Was ursprünglich gedacht war, um Vorteile in der Konkurrenz mit einem überlegenen Partner zu gewinnen (Asien), setzte Entwicklungen in Gang, die zum Aufstieg Nordwest-Europas, und hier vor allem Großbritanniens, zur führenden Weltregion führten. Es ist daher notwendig, nicht nur die Zirkulation, sondern vor allem die sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Verhältnisse in den beteiligten Gesellschaften zu berücksichtigen. Mit anderen Worten: es ist an jedem beteiligten Punkt des Weltsystems eine Vertiefung in die lokalen Verhältnisse erforderlich. Diese muß jedoch immer die überregionalen Interaktionen und die globalen Rahmenbedingungen im Auge behalten.

Literatur

Bergmiller, Alfred/Feldbauer Peter (1977): Kolonialismus, Imperialismus, Dritte Welt 1. Salzburg: Wolfgang Neugebauer
Blaich, Fritz (1977): Die Epoche des Merkantilismus. Wiesbaden: Steiner
Brockhaus Enzyklopädie (1988, 1997)
Delapina, Franz (1977): Die Erschließung der Peripherie. Zur Geschichte informeller Arbeitsverhältnisse in der außereuropäischen Welt. In:Komlosy/Parnreiter/Stacher/Zimmermann: 29-44
Frank, Andre Gunder (1980): Abhängige Akkumulation und Unterentwicklung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
Frank, Andre Gunder (1990): Die Unterentwicklung der Entwicklung. In: Widerstand im Weltsystem. Kapitalistische Akkumulation - Staatliche Politik - Soziale Bewegung, Hg. Andre Gunder Frank/Marta Fuentes-Frank. Wien: Promedia: 92-133
Frank, Andre Gunder (1995): The Modern World System Revisited: Re-reading Braudel and Wallerstein. In: Civilizations and World-Systems, Hg. Stephans Sanderson. Thousand Oaks, CA: Altamira Press: 163-194
Frank, Andre Gunder (1998): Re-Orient. Global Economy in the Asian Age. Berkeley: University of California Press
Komlosy, Andrea/Parnreiter, Christof/Stacher, Irene/Zimmermann, Susan, Hg. (1997): Ungeregelt und unterbezahlt. Der informelle Sektor in der Weltwirtschaft (HSK 11). Frankfurt a. M./Wien: Brandes & Apsel/Südwind
Larousse = Grand Dictionnaire Encyclopedique Larousse (1985)
Review Fernand Braudel Center (1999, Bd. 22/3): Reorientalism? mit Beiträgen von Samir Amin, Giovanni Arrighi und Immanuel Wallerstein: 291-372
Rothermund, Dietmar (im Druck): Indiens Beitrag zur industriellen Revolution Europas. In: Periplus 2001. Jahrbuch für außereuropäische Geschichte. Münster: Lit Verlag
Senghaas, Dieter (1977): Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik. Plädoyer für Dissoziation. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
Wallerstein, Immanuel (1986): Das moderne Weltsystem, Bd. 1 - Die Anfänge der kapitalistischen Landwirtschaft und die europäische Weltökonomie im 16. Jahrhundert. Frankfurt a. M./Wien: Promedia
Wallerstein Immanuel (1998): Das moderne Weltsystem, Bd. 2 - Der Merkantilismus. Europa zwischen 1600 und 1750. Wien: Promedia
Williams, Eric (1966): Capitalism and Slavery. New York: Capricorn Books


Quelle: Karin Fischer/Irmtraut Hanak/Christof Parnreiter: Internationale Entwicklung. Eine Einführung in Probleme, Mechanismen und Theorien. Frankfurt a. M./Wien, Brandes & Apsel/Südwind, 2002. ISBN 3-86099-230-9
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