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2. Entwicklung erforschen

Andreas Novy

Quelle: Andreas Novy: Entwicklung gestalten. Gesellschaftsveränderung in der Einen Welt. Frankfurt a. M./Wien, Brandes & Apsel/Südwind, 2002.

Wie können wir Entwicklung beschreiben, verstehen und erklären? Diese Fragen werfen schwierige philosophische Probleme auf. Für viele erscheint es sinnvoll, keine langen Umwege in die Methodenlehre und Wissenschaftstheorie zu machen. Sich mit den Fragen von Rationalität und Objektivität zu beschäftigen, ist aber nicht nur für den Wissenschaftsbetrieb wichtig, sondern hat in hochkomplexen, arbeitsteilig organisierten Gesellschaften große praktische Bedeutung. In diesem Kapitel wird die dialektische Methode zum ersten Mal dargelegt. Aus der Gegenüberstellung von zwei gegensätzlichen Positionen resultiert eine Synthese, die in diesem Fall die interpretative Sozialforschung ist. Der Positivismus und die Postmoderne repräsentieren vermeintliche Extrempositionen, die sich in vielerlei Hinsicht widersprechen. Zuerst müssen die Gemeinsamkeiten und die Unzulänglichkeiten, die die beide Ansätze kennzeichnen, verstanden werden, welche oftmals bedeutsamer sind als die trennenden Ansichten. Erst dann kann eine radikale Alternative formuliert werden. Das Ideal der Aufklärung, wie es im Positivismus politisch und wissenschaftlich bedeutsam wurde, bildet den Ausgangspunkt der Überlegungen. Die Kritik an Positivismus und Aufklärung ließ viele an der Rationalität als Maßstab der Gesellschaftsgestaltung zweifeln. Die postmoderne Rationalitätskritik ist ernst zu nehmen und gleichzeitig zu überwinden. Es gibt nämlich keine andere Möglichkeit, wie sich Gesellschaften demokratisch organisieren können, als eben basierend auf Vernunft. Daher stellt die interpretative Sozialforschung eine Synthese universeller und partikulärer Erklärungen dar, die auf einem bescheidenen und selbstkritischen Verständnis von Vernunft aufbaut. Vernunft ist demnach nichts anderes als die kollektive Anstrengung, die Welt gemäß gemeinsam festgelegter Regeln zu interpretieren.

2.1. Positivismus

Der Positivismus ist eine philosophische Strömung, die seit dem 19. Jahrhundert großen Einfluss auf Wissenschaft und Politik ausübt. Die soziale Welt ähnelt demnach der physikalischen Welt und daher können soziale Gesetzmäßigkeiten mit denselben Methoden erkannt werden, die in der Physik halfen, die Natur zu entmystifizieren. In "Was ist Aufklärung?" beschreibt Immanuel Kant den emanzipatorischen Anspruch der Aufklärung, der auch den Positivismus leitet: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen". Der Rationalismus ist also die philosophische Strömung, die gesellschaftliche Ordnungen durch Rationalität legitimiert. Das mythische und auf Gewohnheit und Tradition basierende Weltbild soll durch eine vernünftige, durch Menschen rational geplante Ordnung ersetzt werden. Der Wissenschaft komme hierbei die Aufgabe zu, die Gesetzmäßigkeiten der Welt zu erforschen, um Natur und Gesellschaft beherrschbar zu machen. Forschen heißt entdecken. Das bürgerliche Bildungsideal erzieht Menschen dazu, sich selbstständig ein Urteil bilden zu können. Mündige Individuen sollen die Gesellschaft nach rationalen Gesichtspunkten gestalten.
Der Positivismus als die bekannteste und einflussreichste Spielart des Rationalismus behauptet, die Realität existiere außerhalb des subjektiven Bewusstseins. Wissenschaft bestehe demnach darin, zu objektiven Erkenntnissen über diese Realität zu gelangen. Mit korrekten Methoden wäre es möglich, die Wirklichkeit abzubilden und damit Objektivität herzustellen. Die positivistische Sozialwissenschaft sieht die Gesellschaft als eine soziale Maschine, die durch die Wissenschaft objektiv erkannt werden muss. Darauf aufbauend wird es möglich, vernünftig in die soziale Maschine zu intervenieren. Daraus resultiert auch eine gesellschaftliche Arbeitsteilung. Die Wissenschaft stellt objektive Probleme fest und SozialingenieurInnen reparieren in der Folge Fehlentwicklungen, so wie IngenieurInnen Defekte einer Maschine in Ordnung bringen. Der Positivismus steht daher sowohl für Ordnung als auch für Fortschritt.
Der Positivismus glaubt an die Objektivität der Welt. Es sei ein "Faktum", dass einige tausend Kilometer von Wien entfernt, ein Land namens El Salvador existiere. Dieses im Süden Mexikos gelegene Land war jahrelang Schauplatz eines Bürgerkrieges, vielen Bauern und Bäuerinnnen wird bis heute der Zugang zu Grund und Boden vorenthalten. Ebenso sei es "Tatsache", dass das Land von Erdbeben erschüttert werde und es ist "unbestreitbar", dass das Land von einer kleinen Schicht der Agraroligarchie regiert werde, die eng mit den US-amerikanischen Interessen verwoben sei. Das Faktenwissen zu erweitern, sei Aufgabe der Wissenschaften. Mit rationalen Methoden könne die Welt als Objekt erfasst, beherrscht und verändert werden. WissenschaftlerInnen sind demnach eifrige Sammlerinnen objektiver Daten. Arbeitsbienen gleich beteiligen sie sich am großen kollektiven Unternehmen der Anhäufung von Wissen; immer mehr wissend, nähere sich die Menschheit der objektiven Wahrheit an. Dieses Streben nach allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten bestimmt bis heute das Selbstverständnis der meisten Forschenden. Vor allem nach dem Aufstieg der Naturwissenschaften hat sich dieses Selbstbild auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften verbreitet. Es wird eine objektive Wirklichkeit - sprich Wahrheit - vorausgesetzt, der sich die Wissenschaft fortschreitend anzunähern vermag. Es wird zwar anerkannt, dass niemand im Besitz der absoluten Wahrheit ist, aber die gemeinsamen Anstrengungen von Wissenschaft als Kollektivunternehmung wird nach positivistischen Vorstellungen zu einer allmählichen und kontinuierlichen Annäherung an diese Wahrheit führen. Gemein ist der Wissenschaftsgemeinde, dass einzig die Rationalität als Autorität akzeptiert wird; Tradition, Moral und Vorurteile werden ins Reich des Unwissenschaftlichen verbannt. Eine Aussage ist dann wahr, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt. Damit verquickt sich Wahrheit und Wirklichkeit, was aufs Erste eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt: Das gewonnene Wissen wird so nämlich als neutral und unparteilich gedeutet, eigennützige und subjektive Intentionen werden per definitionem aus dem Wissenschaftsbetrieb entfernt. Fragen der Moral und von Werturteilen werden als un- oder vorwissenschaftlich betrachtet. Die wissenschaftliche Kernfunktion hingegen besteht in der Prüfung von Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt.
Auf diese Weise wird die Vorstellung verbreitet, die Wissenschaft sei neutral gegenüber den in der Gesellschaft existierenden Interessen, die im Feld der Wissenschaft tätigen Menschen seien an der Wahrheit und dem Allgemeinwohl orientiert, indem sie rational handelten. In dieser Selbstsicht der Wissenschaft liegt jedoch gleichzeitig die Wurzel ihrer größten Selbsttäuschung, denn dieses Wissen entsteht in einer Gesellschaft, die nicht nur in Besitzende und Nicht-Besitzende, sondern auch in Wissende und Nicht-Wissende geteilt ist. Methoden zu beherrschen wird zu einer gesellschaftlichen Schlüsselfähigkeit, die die Gesellschaft in Kompetente und Inkompetente, Wissende und Unwissende teilt. Die Wissenden sind die Subjekte, die Unwissenden bloße Objekte der Entwicklung. Der Zugang zur Methode, der durch verschiedene Formen der Qualifizierung möglich erscheint, eröffnet Einzelnen Perspektiven des gesellschaftlichen Aufstiegs. Indem sie wissen, erlangen sie Macht. Deshalb sind Methoden keinesfalls neutrale Techniken, die einfach angewandt werden, sondern sie produzieren Macht und verhärten Machtstrukturen. Der Diskurs der Kompetenz unterscheidet zwischen denjenigen, die über Theorie- und Methodenkenntnisse verfügen, und denen, die nicht ausreichend qualifiziert sind. Erstere sind Subjekte, Letztere Objekte, Erstere können Wissen produzieren, Letztere bloß konsumieren. Wissenschaft als eine Form der Kommunikation unter Menschen stabilisiert auf diese Weise gesellschaftliche Hierarchien. Deshalb wird der Positivismus zu einer Art der Wirklichkeitskonstruktion, die bestehende Gesellschaftsspaltungen nicht nur ausblendet, sondern zum Teil sogar begründet.
In vormodernen Gesellschaften wurde die Rolle der gesellschaftlichen Sinnstiftung vor allem von der Religion wahrgenommen. Die Priester behaupteten in der Gesellschaft eine Schlüsselrolle. Im Laufe der Neuzeit und der Säkularisierung des Abendlandes wurde diese Aufgabe der Wissenschaft und im Speziellen der Universität zugewiesen. ExpertInnen sollten die objektive Realität für die Gesamtgesellschaft erforschen. Damit bleiben in dieser Arbeitsteilung Denken vom Arbeiten, Wissenschaft von Gesellschaft entkoppelt. Doch gleichzeitig wirkt die Wissenschaft - professionalisiert und kompetent - auf die Gesellschaft zurück, um sich selbst und die bestehende Machtstruktur zu rechtfertigen. Wissenschaft ersetzte Religion, ohne aber die gesellschaftliche Grundstruktur des Macht-Wissens-Feldes aufzubrechen. Dieses Versagen, selbstkritisch die eigene Rolle zu reflektieren und die tief liegenden Hierarchien zu kritisieren, erlaubte die Institutionalisierung von Wissen im 20. Jahrhundert und führte gleichzeitig zu dessen Instrumentalisierung. In dieser Dialektik der Aufklärung legitimiert die Vernunft gleichermaßen Wissen und Herrschaft.

2.2. Postmoderne

1968 bedeutete eine wichtige ideologische Zäsur im 20. Jahrhundert. Diese progressive Bewegung in Kultur und Politik, die später den Namen Postmoderne bekam, sollte in den folgenden Jahrzehnten die Grundfesten des politökonomischen Kompromisses der Nachkriegszeit erschüttern. Die Studentenbewegung kritisierte sowohl Ordnung als auch Fortschritt und war insofern eine politische Bewegung gegen die gesellschaftlichen Werte des Positivismus. Sie kritisierte aber auch jegliche Autorität, die sich einzig auf Tradition berief, insofern war sie eine Bewegung, die mehr gesellschaftliche Rationalität und die Herrschaft unter Rechtfertigungszwang stellte. Schließlich war die Postmoderne eine Bewegung, die sich gegen die voranschreitende Vereinheitlichung durch die Durchrationalisierung der Gesellschaft wandte. Eigenständigkeit und Respekt vor der Vielfalt rückten ins Zentrum der Sorge um das gute Leben. Es sei allen Menschen, auch den Benachteiligten am meisten gedient, wenn sie in Ruhe gelassen würden. Wenn von außen nicht in Gemeinschaften und Räume hineinregiert und -interveniert würde, könne dies nur gut sein. "Lasst uns spielen, und lasst uns dies in Frieden tun", so die postmoderne Botschaft, die von den Blumenkindern bis zur Love-Parade für einen Teil der Alternativbewegung handlungsleitend werden sollte.
Die widersprüchlichen Entwicklungen, die nach 1968 zu beobachten sind, können nicht alle der 68er-Bewegung angelastet werden. Umgekehrt wäre es aber genauso naiv zu glauben, dass zwischen dieser kulturellen Revolution und den politökonomischen Veränderungen keinerlei Zusammenhang bestehe. Die widersprüchlichen Entwicklungen wurzeln nicht zuletzt in der Ambivalenz der theoretischen Positionen der 68er. Am besten können die vielfältigen Strömungen und Zielsetzungen mit dem Begriff Postmoderne zusammengefasst und damit bei aller Unterschiedlichkeit eine Reihe von Gemeinsamkeiten beschrieben werden. Die Postmoderne ist eine philosophische Strömung, die sich gegen die durch die Moderne produzierte Vereinheitlichung stellt. Sie fordert Vielfalt, ein friedliches Nebeneinander unterschiedlicher Theorien, Weltsichten, moralischer Standards und Kulturen. Daher kritisiert die Postmoderne auch jeglichen Anspruch, jemand könne im Besitz von Wahrheit sein. Ausgangspunkt dieses Anti-Objektivismus, der dem postmodernen Denken zugrunde liegt, ist die Kritik am Ideal von Objektivität: Wie ist es möglich, die Welt zu erkennen und Objektivität festzuhalten? Woher wissen wir, dass es in El Salvador ein Landproblem gibt? Aus der Zeitung oder aus Statistiken der UNO? Aus dem Geographieunterricht oder dem neuesten Sammelband zur Entwicklungspolitik? Da die meisten von uns wahrscheinlich noch nie in El Salvador waren, stellt sich die Frage: Ist den Zeitungen zu trauen? Sind Statistiken verlässlich? Sagen Geographielehrerinnen und Entwicklungsforscher die Wahrheit? Alle diese Fragen zeigen, dass selbst die objektivste Darstellung auch eine Form von Kommunikation bedeutet. Auch eine rein quantitative Beschreibung muss die Qualität der Datenquelle beurteilen und die Verlässlichkeit verschiedener Informationen gegeneinander abwägen. In einem zweiten Schritt resultiert die Kritik des Objektivismus in der Übernahme subjektivistischer Positionen. Demnach entstehe Wirklichkeit erst durch das Bewusstsein: Solange Europäer Amerika nicht einmal kannten, solange es keine amerikanischen Nationalstaaten gab, solange gab es auch El Salvador nicht. Und auch die spezifische Landproblematik gibt es erst, seit Menschen in Mittelamerika und später auch in Europa begannen, in der Landverteilung ein "Problem" zu sehen. Denken produziert somit durch seine Ordnungsleistung Wirklichkeit. Dem Subjektivismus folgend gebe es keine Fakten, vielmehr existieren diese nur vermittelt über das Subjekt, das diese wahrnimmt. Wirklichkeit sei demnach konstruiert. Obwohl uns die äußere Welt prinzipiell verborgen bleibe, können wir offensichtlich dennoch eine brauchbare und verlässliche Vorstellung von ihr entwickeln. Aus dieser Sichtweise ergeben sich gänzlich andere Herausforderungen an Theoriearbeit, denn diese muss nun verschiedene Wirklichkeitskonstruktionen wiedergeben, unabhängig davon, ob diese "richtig" oder "falsch" seien. Wie die Menschen in El Salvador über Land und dessen Verteilung denken, das ist die interessante Frage. Wie ökonomische, politische und religiöse Aspekte verwoben sind, steht im Mittelpunkt dieses interpretativen Zugangs. Ob das Land Gott gehört und damit nicht Privatbesitz sein kann oder die Bäuerinnen gar nicht auf den Gedanken kommen, ein eigenes Stück Land zu fordern, "weil dies noch nie so üblich war", konstruiert gänzlich unterschiedliche Welten und Wirklichkeiten. Die politische und ethische Absicht hinter dem Großteil postmoderner Forschung ist es, individuelle Besonderheiten als wichtig festzuhalten und gegen die Vereinheitlichung im Rahmen einer großen umfassenden Theorie aufzutreten.
Die Postmoderne versuchte innerhalb der Wissenschaft das, was im Kulturellen der "Multikulturalismus" forderte: Die Vielfalt nebeneinander stehen zu lassen. Dem Subjektivismus folgend liege es am Individuum, wie dieses die Welt ordnet. Die große Schwäche des Subjektivismus liegt darin, das Individuum zur bestimmenden Einheit, sowohl im Erkenntnisprozess als auch in der Bewertung von Handlungen zu machen. Weil es keine objektive Beurteilungsinstanz gibt, sind verschiedene individuelle Entscheidungen und Handlungen gleichermaßen gültig, d.h. gar nicht vergleich- und bewertbar. Die politische Folge aus der Aufwertung der Subjektivität ist dann oftmals der Relativismus und damit paradoxerweise eine Gleichgültigkeit gegenüber den verschiedenen individuellen Sichtweisen und Lebensstilen. Wenn ich Obdachlosigkeit untersuche und die Kultur der Armen als eine spezifische Form der Lebensführung darstelle, kann dies den Respekt gegenüber dieser Kultur ausdrücken oder in der Ausblendung der Gesamtgesellschaft und der Gründe für ihren prekären Lebenswandel münden. Die Analyse der Kultur der Armen ohne Rückbezug auf die in Global Cities anzutreffenden globalisierten Lebensstile anderer StadtbewohnerInnen zerstückelt die Stadt als Einheit. Sie relativiert Lebensstile und lässt diese als unverbunden nebeneinander existierend erscheinen. Sie verliebt sich ins Detail und verliert die Welt aus dem Blick.


Quelle: Andreas Novy: Entwicklung gestalten. Gesellschaftsveränderung in der Einen Welt. Frankfurt a. M./Wien, Brandes & Apsel/Südwind, 2002.
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