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Die GlobalisierungskritikerInnen und ihre Perspektiven für Gesellschaftsveränderung

Karin Fischer - Johannes Jäger - Gerald Faschingeder - Alexandra Strickner

Quelle: Karin Fischer, Johannes Jäger, Gerald Faschingeder, Alexandra Strickner: Bewegung macht Geschichte. Globale Perspektiven für Gesellschaftsveränderung. Wien, Mandelbaum, 2003.

 

One cannot expect an individual or a book to change reality
but only to interpret and to indicate the possible lines of action.
Antonio Gramsci


Die globalisierungskritische Bewegung stellt eines der interessantesten und vielversprechendsten sozialen Phänomene der letzten Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, dar. Seit den Protesten gegen die "Millenniumsrunde" der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle ist eine lautstarke Protestbewegung entstanden, die wichtige Akteure der gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung ins Kreuzfeuer der Kritik gebracht hat. Die Nord-Süd-Solidarität findet damit (wieder) einen internationalen Ausdruck, der in Bezug auf Mobilisierungskraft und Breitenwirksamkeit vor kurzem noch undenkbar schien. Parallel zu den Protestformen auf der Straße wurde mit der Abhaltung des Weltsozialforums in Porto Alegre in den Jahren 2001 und 2002 ein weithin sichtbares Zeichen einer sich transnational vernetzenden Bewegung gesetzt. In Porto Alegre und mit der Gründung von Sozialforen auf allen Kontinenten wie auch auf lokaler Ebene wurde auch eine inhaltliche Auseinandersetzung unter sozialen, politischen und gewerkschaftlichen Organisationen über Alternativen zum gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell in Gang gesetzt. Über das eigene Selbstverständnis und die Organisationsstrukturen, über politische Forderungen und Strategien wird dabei sehr lebendig, aber auch sehr kontrovers debattiert.

Forschungsgegenstand und Selbstverortung

Ziel des Bandes ist es, der Frage nach dem gesellschaftlichen Veränderungspotenzial dieser neuen sozialen Bewegung nachzugehen. Zweifelsohne können Tiefe und Tragweite der Veränderungen, die systemkritische Bewegungen in Politik und Gesellschaft erwirken, erst in einigem historischen Abstand eingeschätzt werden. Daraus folgt, dass soziale Bewegungen erst im Nachhinein - in Form einer "nachholenden Theoretisierung" - angemessen erfasst werden können. Nichtsdestotrotz stellt sich für die kritische Sozialwissenschaft die Aufgabe, soziale Phänomene zu bearbeiten. Eine solche Beforschung kann niemals vom eigenen gesellschaftspolitischen Standpunkt abstrahieren: Der (Bewegungs-)Forscher befindet sich inmitten seines Gegenstandes. Seine Position kann mit Norbert Elias als Balance zwischen "Engagement und Distanzierung" (Elias 1983) beschrieben werden: Je stärker die Emotionsladung und das Engagement, desto stärker sind auch seine Beobachtungsgabe und sein Nachdenken über die Materie. Andererseits steigt damit die Wahrscheinlichkeit, dass seine kognitive Beobachtung und das Ergebnis seiner Reflexion weniger realitätsangemessen sein wird. Auch die HerausgeberInnen und AutorInnen des vorliegenden Bandes nähern sich ihrem Gegenstand, den Herausforderungen für die globalisierungskritischen Bewegungen, in einem Spannungsfeld von Engagement und Distanzierung. Als Teil der Bewegung, als der wir uns verstehen, wollen wir mit diesem Buch einen Beitrag zur wissenschaftlich fundierten Reflexion der Bewegung leisten. Neben aktuellen Analysen soll der Blick auf Chancen, Grenzen und mögliche Fallen mit historisch geleiteten Beiträgen geschärft werden, die die politökonomische Konjunktur und die Geschichte der politischen Bewegungen im historischen Wandel beschreiben.

Anfänge und Wurzeln

Bereits im April 1997 erreichte die Protestfront gegen den Entwurf für ein multilaterales Investitionsabkommen (MAI) eine breite internationale Öffentlichkeit. Der Widerstand, der damals vor allem elektronisch, über das Internet, organisiert wurde, hat sich seither an vielen Orten quer über die Weltkarte manifestiert. Vor allem seit den machtvollen Demonstrationen in Seattle im November 1999 hat die Bewegung enorm an Dynamik und öffentlicher Aufmerksamkeit - zu einem guten Teil vermittelt über die Massenmedien - gewonnen.

Die Anfänge bzw. Wurzeln dieser neuen Bewegung liegen jedoch nicht in Seattle. Bereits seit Jahrzehnten waren Gruppen in Europa und am amerikanischen Kontinent und Basisbewegungen in der so genannten Dritten Welt aktiv, die jedoch nur selten zu übergreifenden Aktionen zusammenfanden. Erst in den 1990er-Jahren wurde mit den Codewörtern "Globalisierung" und "Neoliberalismus" ein weithin geachteter und genutzter Interpretationsrahmen gefunden, an dem die Kritik festgemacht und gebündelt wurde (Rucht 2002:61ff).

Die Traditionslinie zu den neuen sozialen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre zeigt an, dass weder die Akteure noch die Forderungen, die sie vertreten, entlang von Klassenlinien oder materiellen Interessen festgemacht werden können. Damit unterscheiden sie sich deutlich vom klassischen Beispiel der Arbeiterbewegung, die in den 1890er-Jahren ihren Anfang nahm und in den 1980ern ihren strukturellen Niedergang erlebte. Artikuliert werden vielmehr kollektive, "postmaterielle" Interessen, die eng im Zusammenhang mit Wertentscheidungen stehen. Wie das politische Engagement in der globalisierungskritischen Bewegung einzuschätzen ist, ist Gegenstand des Sammelbandes. Fest steht jedenfalls, dass die Akteure mit ihrem Eintreten für eine gerechte Aufteilung der Ressourcen und für die Rechte der nachfolgenden Generationen deutlich machen, dass Fortschritt nicht alleine am Wachstum der Wirtschaft oder an der Vermehrung des eigenen Wohlstands zu messen ist.

Die AkteurInnen und ihre Organisationsformen

Auch auf organisatorischer Ebene scheinen die Netzwerke der globalisierungskritischen Initiativen den vielfältigen sozialen Realitäten sowie den weniger festgelegten Handlungsoptionen und Identitäten einen geeigneten Rahmen zu bieten. Neben der im Februar 1998 in Genf gegründeten People's Global Action (PGA), die sich am Politikverständnis der mexikanischen Zapatisten orientiert, oder dem themenzentrierten Netzwerk Jubilee (für Schuldenstreichung) ist es vor allem ATTAC (Association pour une Taxation des Transactions Financières pour l´aide aux Citoyens; Netzwerk für eine demokratische Kontrolle der Finanzmärkte), das zum Kristallisationspunkt der Bewegung wurde. Die Gründung von ATTAC erfolgte nicht zufällig 1998 im Gefolge der Ostasienkrise, als die Schockwelle Russland und Brasilien erfasste: "Die Zeit war reif - zumindest für eine mediale Projektionsfläche. Denn zunächst ist ATTAC Ausdruck eines tief sitzenden Unbehagens an der real-existierenden Globalisierung. Ein Unbehagen hinsichtlich der neoliberalen Wirtschaftspolitik und ihrer weltweiten Folgen, das sich in den Protesten der rebellierenden Akteure, aber vor allem in der Berichterstattung der Medien widerspiegelt." (von Lucke 2002:169) Nach der Initialzündung in Frankreich bildeten sich bislang in 30 afrikanischen, europäischen und lateinamerikanischen Ländern und jüngst auch in Australien entsprechende Organisationsstrukturen mit unzähligen Regionalgruppen.

Genauso wenig wie die globalisierungskritische Bewegung auf event hopping verkürzt werden kann, lässt sich ATTAC auf ein "massenmediales Phänomen" reduzieren. Die rasant steigenden Mitgliederzahlen zeigen, dass hier ein milieuübergreifender Rahmen für neue Organisationsbedürfnisse angeboten wird, in dem Räume für eine Selbstverständigung und Diskursproduktion einerseits und eine alternative Öffentlichkeit andererseits entstehen. ATTAC will bewusst einen Rahmen für politische Organisierung, Bildung und Aktion für jene schaffen, die sich in den traditionellen Formen des politischen Handelns nicht mehr wiederfinden. Formuliertes Ziel ist es, ein gemeinsames Dach zu bilden, unter dem der neue Internationalismus seinen Ausdruck finden kann, ohne selbst die Bewegung zu dominieren (siehe Grundsatzdokumente www.attac-netzwerk.de, www.attac.org). Ausdruck dessen ist eine beachtliche Vielfalt von Organisationen, die sich unter dem Dach von ATTAC versammeln, Organisationen, die anderswo zum Teil in Konkurrenz zueinander oder sogar im Konflikt miteinander stehen.

Wiewohl verschiedenste NGOs Mitglieder von ATTAC sind, versucht das Netzwerk die spezifische Organisationsweise von NGOs und ihr Prinzip der "Anwaltschaft" und Lobbypolitik zu vermeiden. Damit wird die Einsicht verarbeitet, dass die NGOs im Zuge der Professionalisierung ihre Mobilisierungskraft weitgehend eingebüßt haben. Darüber hinaus vermeidet ATTAC auch die Spezialisierung auf single-issues, wie es das Merkmal der NGOs ist: Das Programm von ATTAC blieb nicht auf die Besteuerung des Spekulationskapitals beschränkt. Mit der Losung "Die Welt ist keine Ware!" steht die Kritik an den Verhältnissen und den globalen Problemlagen, die die kapitalistische Weltwirtschaftsordnung produziert, auf der Agenda: von Armut, Krieg, Umwelt, Ernährung über Finanz- und Handelspolitik bis zur öffentlichen Daseinsvorsorge.

Welche Breite die globalisierungskritische Bewegung auf nationaler Ebene erhält und welche Bündnisse geschlossen werden, hängt von der jeweiligen Situation ab. Dies gilt insbesondere für die Orientierung der Gewerkschaften. Diese beteiligen sich zwar seit Seattle stärker an den Mobilisierungen (insbesondere in so genannten Schwellenländern wie Brasilien und Korea), in vielen europäischen Ländern müssen sich linke und unabhängige Gewerkschaften allerdings gegen die "offizielle" Führung oder die großen Gewerkschaftsverbände durchsetzen. Dies trifft für Österreich und Deutschland zu, während in Italien und Frankreich die Strukturen viel weniger festgefahren sind. Auf europäischer Ebene bewiesen die Gewerkschaften mit den Märschen gegen Erwerbslosigkeit und den Demonstrationen gegen EU-Gipfel beachtliche Mobilisierungskraft, die zum Teil in eine Bündnispolitik eingebettet war. Auch daran waren französische und italienische Gewerkschaftsgruppen maßgeblich beteiligt, die schon frühzeitig eine erhöhte Sensibilität für globalisierungskritische Positionen gezeigt haben (Klas 2002; Aguiton 2002:100-141).
Die Qualität der Verbindung zwischen den "kollektiven" Mitgliedern (Gewerkschaften, Verbände, Redaktionskomitees usw.), den individuellen AktivistInnen und den Intellektuellen, die sich für globalisierungskritische Positionen stark machen und die Bewegung begleiten, wird nicht zuletzt auch für die künftige Stärke von ATTAC entscheidend sein. Auf einer allgemeineren Ebene geht es dabei um die Selbstorganisation und die Frage, wie Gestaltung möglich sein soll - und damit vielleicht auch um den notwendigen Übergang von vielen sozialen Bewegungen zu einer politischen Bewegung, die gesamtgesellschaftlich gestaltend agiert.

Aktionsformen

Der dezentrale Netzwerkcharakter der Organisationsform findet auch in der Protest- und Widerstandskultur seinen Ausdruck. Wiewohl die klassische Protestform der Demonstration nach wie vor zentralen Stellenwert hat, versuchen die verschiedenen Gruppen innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung bewusst, die Paradigmen, Sprache und Methoden des Widerstands zu verändern und so neue Möglichkeiten politischen Handelns auszuloten. Mit direkten Agitationsformen und subversiven Spaßaktionen (wie antikapitalistische Karnevals, Straßenparties, aktionistisches Theater) sowie politischer Bildungsarbeit wird nicht nur auf die zunehmende Mediatisierung von Politik reagiert, die von der Skandalisierung und von medienwirksamen Auftritten lebt. Im Kern geht es darum, mit vielfältigen Aktionsformen im öffentlichen Raum neue Schichten zu gewinnen und zu politisieren. Gruppen wie Tutti Bianchi oder Reclaim the Streets wollen mit Aktionen - mit bewusstem Verzicht auf "Massenbasis" - einen Akt der Selbstermächtigung setzen und die praktische Möglichkeit von Widerstand aufzeigen. Widerstand will dabei ohne Führungsprinzip auskommen: Avantgardeansprüchen wird genauso skeptisch begegnet wie den Bestrebungen etablierter politischer Kräfte, die Bewegung oder auch konkrete Mobilisierungen zu dominieren. Die Diskussionen über den Netzwerkcharakter von Widerstand, die innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung geführt werden, lassen erkennen, dass vom Konzept des Avantgardismus und der Massen Abschied genommen wird, und zwar in einem stärkeren Ausmaß als dies bei den neuen sozialen Bewegungen oder der neuen Linken der Fall war. Die Frage, wie eine universale Idee der Bewegung gefunden und diese dann in Bündnispolitik umgesetzt werden kann, bleibt vorerst offen.
Neuer Schub an kritischer Theoriebildung

Die breiten Proteste gegen die RepräsentantInnen und NutznießerInnen der Globalisierung sind sichtbarer Ausdruck der Legitimitätskrise einer kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung und ihrer Institutionen. Die Zweifel am Kapitalismus (oder zumindest die Skepsis gegenüber der "neoliberalen Globalisierung"), die sich in breiteren Kreisen ausbreiten, haben auch ein neues Interesse an kapitalismuskritischer Expertise befördert. Ausdruck dessen ist zum einen eine vermehrt anzutreffende Kritik innerhalb der Eliten selbst, die vor allem publizistisch mit einiger Breitenwirksamkeit vorgetragen wird. Prominente Beispiele für eine solche "Insiderkritik" sind die Kommentare von George Soros oder des ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, Joseph Stiglitz, die sich für reformistische Szenarien stark machen. Aber auch das radikale "intellektuelle Gegenfeuer" erzielt hohe Aufmerksamkeit (und hohe Verkaufszahlen). Dies gilt speziell für Empire von Antonio Negri und Michael Hardt, um das sich weltweit Lesezirkel bilden, aber auch für die Publikationen von Naomi Klein, Vandana Shiva, Walden Bello, Susan George, Noam Chomsky und vielen anderen mehr. Intellektuelle Kritik und soziale Bewegungen wieder stärker aufeinander zu beziehen, hat sich insbesondere die Gruppe Raisons d'agir ("Gründe zu handeln"), die der mittlerweile verstorbene Soziologe Pierre Bourdieu initiierte, vorgenommen. Die Aktivitäten dieser Gruppe finden ihren Niederschlag nicht nur in zahlreichen Publikationen, die in der Tradition der Pamphlete das "theoretische Begleitfeuer" für die globalisierungskritische Bewegung liefern sollen. Es wurde auch eine kollektive Reflexion über das Selbstverständnis der Sozialwissenschaften und ihren politischen Handlungsbezug in Gang gebracht (www.raisons.org).

Inhaltliche Positionierungen

Auf inhaltlicher Ebene machen die bisherigen Debatten im globalisierungskritischen Spektrum deutlich, dass die AktivistInnen eine kritische oder ablehnende Haltung zur neoliberalen Offensive verbindet. Christophe Aguiton (2002) sieht die gemeinsame Basis der verschiedenen Protest- und Widerstandsströmungen in drei Bereichen: Erstens im Kampf gegen die soziale Ungleichheit, die die neoliberale Globalisierung mit sich bringt. Zweitens in der Sorge um die Umwelt, vor allem die Verbreitung gentechnisch manipulierter Organismen und Nahrungsmittel. Und drittens in der Sorge um den Abbau von Demokratie durch die neoliberale Reorganisierung der Welt über Organisationen wie IWF, die WTO oder die Weltbank.

Wie die "Eine Welt" unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich" verändert werden kann und soll, wurde und wird jedoch äußerst unterschiedlich beantwortet. Ein hohes Ausmaß an Heterogenität ist unübersehbar und hat sich bei der Entstehung der globalisierungskritischen Bewegung als durchaus realitätstüchtig erwiesen. In der Bewegung haben sich unterschiedliche Strukturen herausgebildet, die sich im Hinblick auf ihre soziale Herkunft und Zusammensetzung, ihre theoretischen Ansätze und ihre Praxis unterscheiden. Diese Heterogenität birgt aber auch die Gefahr in sich, keinen gemeinsamen Interpretationsrahmen zu finden, in dem die in sich stark differenzierten Bewegungen und Initiativen eine gemeinsame programmatische und strategische Entwicklung entwerfen können.

Bei den einzelnen Strömungen oder Polen handelt es sich nicht um deutlich herausgearbeitete Positionen. Inhaltliche Debatten über mögliche Kohärenzen (auf inhaltlich-programmatischer, organisatorischer und politisch-strategischer Ebene) stehen großteils noch aus: Angesprochen ist damit eine analytische Verarbeitung dessen, was die Initiativen und AktivistInnen in ihrer Praxis bereits aufgreifen: Erstens die Frage nach den Formen der Handlungsfähigkeit zwischen institutionalisierter Politik und zivilgesellschaftlichen Netzwerken; zweitens die Frage der Analyse komplexer Machtverhältnisse und der programmatischen Orientierung sowie drittens die Frage der Selbstorganisation und Selbstinstitutionalisierung. Damit verbunden ist auch das Problem der sozialen Polarisierung innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung und der NGO-Welt. Dieser Prozess hat auf nationaler und auf transnationaler Ebene dazu geführt, dass sich eine starke soziale Distanz zwischen den Kerngruppen der einflussreichen NGOs und Basismobilisierungsnetzwerken entwickelt hat.

Ziel der vorliegenden Publikation

Ziel des vorliegenden Buches ist es, einen Beitrag zur Reflexion der Bewegung zu leisten. Im Kern geht es dabei um die Frage nach dem gesellschaftlichen Veränderungspotenzial dieser neuen sozialen Bewegung und um eine wissenschaftliche Begleitung inhaltlicher Positionsklärungen und strategischer Orientierungen. Dies schließt das Erfordernis ein, das Spannungsverhältnis zwischen dem konkret Erreichbaren oder auch nur in einer bestimmten sozialen Bewegung als Forderung zu Verankerndem und den zu lösenden Gestaltungsaufgaben zu klären.

Im ersten Teil des Buches erfolgt eine Rekonstruktion der aktuellen politökonomischen Konjunktur, die vielfach mit (neoliberaler) Globalisierung beschrieben wird. Während der Begriff Neoliberalismus relativ eng definiert wird (Deregulierung und Privatisierung, beschleunigter Abbau von Staatsausgaben, kurz, marktförmige an Stelle staatsförmiger Regulation) ist der Terminus Globalisierung weitaus diffuser. Die vielschichtige Verwendung des Begriffs verlangt deshalb nach einer genaueren Begriffsbestimmung, die Christof Parnreiter vornimmt. Er analysiert in einem einleitenden Beitrag die Geschichte des kapitalistischen Weltsystems und seine Krisen und arbeitet heraus, dass die heute am stärksten mit Globalisierung identifizierten Phänomene (die räumliche Expansion des Kapitalismus in Gestalt der Ausweitung und Liberalisierung des Welthandels sowie die enorme Aufwertung der Finanzsphäre) historisch und aktuell als Kernelemente zur Lösung einer Profitkrise identifiziert werden können. In historischer Sicht stellt er die Frage nach der neuen Qualität der gegenwärtigen Globalisierungsprozesse und den Bedingungen, ein sozial und ökologisch verträglicheres System durchzusetzen. Andreas Novy nimmt sich in seinem Text die Geschichte des Wohlfahrtsstaates vor und begründet, inwieweit heute Staat (bzw. Staatlichkeit) ein Ausgangspunkt dafür sein kann, gesellschaftliche Demokratisierungsprozesse in Gang zu setzen. Eine "Politik erweiterter Teilhaberechte" gilt ihm als ein Konzept, den fordistisch-bürokratischen Wohlfahrtsstaat zu transformieren und die bestehende Ordnung zu verändern. Den ersten Teil abschließend, setzt sich Hans-Jürgen Bieling mit der Europäischen Union in der Triaden-Konkurrenz auseinander. Er analysiert den Vergemeinschaftungsprozess als neoliberales Projekt und beschreibt die Kräfteverhältnisse und AkteurInnen, die diesen Prozess vorantreiben. Er lotet andererseits aber auch die Möglichkeiten für progressive Politik aus, und zwar auf zwei Ebenen: einerseits im institutionellen Rahmen (wie/wo/warum ist es gelungen, im Vergleich zu nationalen Regulierungen bessere Standards durchzusetzen) und zweitens in Bezug auf den Bewegungskontext.

Mit diesem einführenden Überblick über die Genese der aktuellen, durch neoliberale Globalisierung bestimmten politischen "Konjunktur" soll deterministischen Auffassungen entgegengewirkt werden, die Globalisierung als unabwendbar und unveränderbar darstellen. Wie Rupert herausstreicht, geht es vielmehr darum, "[to] inquire into its production through historically specific social relations, self-understandings and practices which interweave the economy, politics, and culture. And I must look at the ways in which the specific historical forms of liberal capitalism have shaped this process, not by predetermining its outcome, but by providing the historical terrain on which are waged struggles over the meaning of globalization and the social relations and practices bound up with it. In short, I must look at 'globalization' as a product of historically situated social agents, struggling over alternative possible worlds. Globalization, then, should be seen not as a condition, but as an open-ended process, the content and direction of which are being actively contested." (Rupert 2000:15)

Im zweiten Teil des Buches wird den historischen und aktuellen Erscheinungsformen sozialer Bewegungen nachgegangen. Gerhard Melinz versucht in seinem Beitrag Kernelemente und Aktionsformen von sozialen Bewegungen im historischen Kontext zu beleuchten, die für die Erreichung ihrer Ziele erfolgreich waren. Er greift dabei auch die Frage nach den gewaltförmigen Aktionsformen auf. Frieder Otto Wolf widmet sich in seinem Beitrag den zeitgenössischen Voraussetzungen und Entfaltungsmöglichkeiten für eine globale außerparlamentarische Opposition. Dabei werden die für die globalisierungskritische Bewegung so zentralen Konzepte Zivilgesellschaft, Netzwerkpolitik und Transnationalität auf theoretischer und begrifflicher Ebene präzisiert. Transnationalität und die Verwendung der neuen Kommunikationstechnologien sind aus seiner Sicht charakteristische Elemente, die Chancen und auch Grenzen mit sich bringen. Dieter Boris fokussiert auf die politischen Verhältnisse in den Ländern der (lateinamerikanischen) Peripherie und beleuchtet die Genese und die Aktionsformen dortiger sozialer Bewegungen.

Im dritten Teil des Buches werden unterschiedliche Aspekte der globalisierungskritischen Praxis herausgearbeitet. Joachim Becker, Karin Fischer und Johannes Jäger widmen sich Fragen der Wissensproduktion und Wissensvermittlung bei der Erarbeitung gesellschaftsverändernder Entwürfe und Strategien. Den Problemen und Herausforderungen für öffentliche Vermittlungsformen und Bildungskonzepte in einer mediatisierten Gesellschaft gehen daran anschließend Gerald Faschingeder und Alexandra Strickner nach. Im abschließenden Beitrag werden erste Schlussfolgerungen gezogen.

Literatur

Aguiton, Christophe (2002): Was bewegt die Kritiker der Globalisierung? Von Attac zu Via Campesina. Köln: Neuer ISP Verlag
Elias, Norbert (1983): Engagement und Distanzierung. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Klas, Gerhard (2002): Bewährungsprobe bestanden. Ein Überblick über die neuen Bewegungen, ihre Akteure und Ideen. In: Sozialistische Hefte 1/Februar 2002: 3-10
Lucke, Albrecht von (2002): Made by Attac: Eine Marke und ihr Marketing. In: Globaler Widerstand. Internationale Netzwerke auf der Suche nach Alternativen im globalen Kapitalismus, Hg. Heike Walk/Nele Boehme. Münster: Westfälisches Dampfboot: 169-174
Rucht, Dieter (2002): Rückblicke und Ausblicke auf die globalisierungskritischen Bewegungen. In: Globaler Widerstand. Internationale Netzwerke auf der Suche nach Alternativen im globalen Kapitalismus, Hg. Heike Walk/Nele Boehme. Münster: Westfälisches Dampfboot: 57-82
Rupert, Mark (2000): Ideologies of Globalization. Contending visions of a New World Order (RIPE Series in Global Political Economy). London/New York: Routledge


Quelle: Karin Fischer, Johannes Jäger, Gerald Faschingeder, Alexandra Strickner: Bewegung macht Geschichte. Globale Perspektiven für Gesellschaftsveränderung. Wien, Mandelbaum, 2003.
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