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Holocaust und Nationalsozialismus. Einleitung

Falk Pingel / Eduard Fuchs

Quelle: Eduard Fuchs / Falk Pingel / Verena Radkau (Hg.) Holocaust und Nationalsozialismus. (Konzepte und Kontroversen, Band 1). Innsbruck-Wien-München-Bozen, StudienVerlag, 2002.

... widersprüchlicher konnten die Meldungen und Meinungen kaum sein, die in den Medien und auf Fachtagungen in den letzten Monaten diskutiert wurden. Die Ansprüche an das Thema wachsen ebenso wie die kritischen Stimmen, die vor einer Überforderung von Schülern und Lehrern warnen. Was liegt daher näher, als die Beteiligten am Lernprozess zusammenzubringen?
Die Wirklichkeit des Unterrichts einzufangen, uns gegenseitig mit der Vielfalt der pädagogischen Situation und der Materialien, die für den Unterricht zur Verfügung stehen, bekannt zu machen, war das Ziel einer Tagung, die das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig in der Gedenkstätte Buchenwald durchgeführt hat. Sie fand im Rahmen des deutschen Vorsitzes der internationalen "Task Force on Holocaust Remembrance" im vergangenen Jahr statt. Von den zahlreichen Beiträgen geben wir vor allem diejenigen wieder, die sich mit Unterrichtsprojekten und Unterrichtserfahrungen sowie kritischen Reflexionen und Schlussfolgerungen für die methodisch-didaktische Vorgangsweise von Gedenkstätten im Kontext der NS-Verbrechen und die Einbeziehung von Zeitzeugen beschäftigten. Einige Beiträge wurden neu aufgenommen, so z.B. jene über das Jüdische Museum Hohenems und das Zeitgeschichtemuseum in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers in Ebensee, beides relativ junge Einrichtungen in Österreich, die neue Wege in der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit verfolgen und dabei vor allem die Selbsttätigkeit der Jugendlichen verstärkt in den Vordergrund rücken.
Während die Erwachsenen in der Analyse und Diskussion sich vor allem auf die Unterschiede in den nationalen Sichtweisen auf den Holocaust, die Beschränkungen der jeweiligen Interpretationen, die politischen Interessen und die pädagogischen Ziele, die in sie eingehen, konzentrierten, Vergleiche zu anderen Beispielen des Völkermords einbrachten, stießen die Schüler in der Regel ganz direkt auf den inhumanen Kern des politisch veranlassten Massenmordes vor, der so überwältigend abstoßend wirkt, dass weitere Fragen manchmal nicht mehr möglich sind. So fragte einer der Wissenschaftler eine Schülergruppe, die über einen Besuch in Auschwitz berichtete: "Hat Sie etwas besonders verstört?" Daraufhin antwortete eine Schülerin: "Ich habe mich nur gefragt, wie so etwas passieren konnte." Und auf die Frage nach der Aufarbeitung, nach Vergleich und Parallelen zur Gegenwart, ob etwa auch der Kosovo eine Rolle gespielt habe, folgte erstauntes Kopfschütteln und die Antwort der Betreuerin, ein Transfer sei explizit nicht erfolgt.
So ungeheuer das Verbrechen gewesen ist, so unterscheiden sich die methodischen Ansätze, die inhaltliche Auswahl, die Zeit, die dem Gegenstand im Unterricht gewidmet ist, im internationalen Vergleich erheblich. Auf die universale Bedeutung des nationalsozialistischen Völkermords hinzuweisen, versäumt kaum jemand, der das Thema in die Geschichte unserer Zeit einordnet; die Stellung, die es im Unterricht hat, das zeigt eine vergleichende, nüchterne Analyse schnell, ist eher marginal. Immer noch sind spezielle Kurse oder Projektwochen die Ausnahme, nicht nur in den deutschsprachigen Ländern. Viele Lehrer folgen den Rahmenrichtlinien, deren Vorschriften oder Empfehlungen schon innerhalb Europas zu diesem Unterrichtsgegenstand außerordentlich unterschiedlich sind. In den meisten Ländern sehen sie zwischen etwa vier bis 16 Stunden zur Behandlung von Nationalsozialismus und/oder Holocaust vor.
Doch - darauf hat Volkard Knigge in seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem "Erinnerungsimperativ" bei der Buchenwald-Tagung hingewiesen - ist einerseits der Täter-/Opfer-Background nach wie vor essentiell für die Art und Weise der Auseinandersetzung in den verschiedenen Ländern. Dies wirft jedoch - im Zusammenhang mit Ländern wie Deutschland und Österreich - gleichzeitig die Frage auf, ob "verordnetes negatives Gedächtnis dauerhaft zur Demokratisierung und Humanisierung beitragen könne". Auch macht die multi-ethnische Zusammensetzung vieler Schulklassen heute mehr denn je eine differenzierte, interkulturelle Vorgangsweise bei der Thematisierung der NS-Verbrechen notwendig - ein Sachverhalt, dem Angelika Rieber in ihren Ausführungen besonderes Augenmerk gewidmet hat.
Unterrichtsrichtlinien und Schulbücher sowie die Haltungen der Lehrer und Lehrerinnen sind von den Erfahrungen der jeweiligen Erwachsenengeneration geprägt. Erlasse der Erziehungsministerien spiegeln vielleicht zu wenig die Wahrnehmungsweisen der Jugendlichen wider. Auch die immer wieder erfolgenden Zurufe und Versuche durch Politik und Medien, Lehrende und Jugendliche in die Pflicht nehmen - sei es aufgrund tagespolitischer Ereignisse oder der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen über mangelndes Wissen oder Bewusstsein - erscheinen in diesem Lichte fragwürdig und in ihrem Effekt kontraproduktiv; Reinhard Krammer hat in seinem bereits vor der Buchenwald-Tagung veröffentlichten Beitrag auf einige österreichische Beispiele verwiesen.
Auch Gedenkstätten können sich dieser geänderten Situation nicht entziehen, wollen sie nicht, wie Günter Morsch anhand von Ergebnissen der Besucherforschung der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen ausführte, zum "aktiven Dösen animieren"; und er resümiert im Blick auf Ausstellungskonzepte, dass "Übersichtlichkeit, Strukturiertheit, Anschaulichkeit und vor allem Selbstbegrenzung in einem direkt-proportionalen Verhältnis zum Lernerfolg stehen".
In Deutschland und Österreich haben viele von denen, die heute Verantwortung im Bildungssystem tragen, ihre Haltung zum Nationalsozialismus in der Auseinandersetzung mit der Eltern- und Großelterngeneration gebildet, die selbst noch Zeugen und Beteiligte gewesen sind. Dieser Zugang ist für die heutige Schülergeneration obsolet geworden. Die neue Generation ist freier. Widerstand und Kollaboration, Mitmachen oder Zuschauen kann sie in gleicher Weise thematisieren ohne an Tabus zu rühren. Diese neue Offenheit der Situation, die aber zugleich auch den Nationalsozialismus in die Geschichte verweist, gilt es in Zukunft stärker zu berücksichtigen, sowohl in Ausbildungsinstitutionen, als auch in Gedenkstätten und Museen, welche sich dieses Themas annehmen.

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Quelle: Eduard Fuchs / Falk Pingel / Verena Radkau (Hg.) Holocaust und Nationalsozialismus (Konzepte und Kontroversen, Band 1). Innsbruck-Wien-München-Bozen, StudienVerlag, 2002.
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