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Vorwort

Verena Radkau / Eduard Fuchs

Quelle: Verena Radkau / Eduard Fuchs (Hg.) Genozide und staatliche Gewaltverbrechen im 20. Jahrhundert (Konzepte und Kontroversen, Band 3). Innsbruck-Wien-München-Bozen, StudienVerlag, 2004.

Je weiter Nationalsozialismus und Holocaust sich zeitlich entfernen, desto präsenter sind sie im öffentlichen Gedächtnis und Gedenken, könnte man etwas zugespitzt formulieren. Dabei hat sich allerdings unser Blickwinkel im Laufe der Jahre erweitert und bezieht andere vergleichbare Phänomene mit ein. Die Genozide und staatlichen Gewaltverbrechen des kurzen 20. Jahrhunderts rücken neben der Ermordung der europäischen Juden in unser Gesichtsfeld. Dass es heute erlaubt und sogar erwünscht ist, den Holocaust in größeren historischen Zusammenhängen zu betrachten, bereichert dessen Analyse ebenso, wie es der vertiefenden Beschäftigung mit anderen Massentötungen zugute kommt.

Dieser dritte Band der Reihe "Konzepte und Kontroversen" will Lehrenden, Lernenden und einer am Thema interessierten Leserschaft Anregungen geben, wie man - jenseits der medialen Inszenierung von Katastrophen - auf theoretischer und praktischer Ebene mit dem ebenso realitätsrelevanten wie schwierigen Thema "Genozide und staatliche Gewaltverbrechen" umgehen kann. Die Beispiele kommen aus verschiedenen Ländern - Chile, Deutschland, Frankreich, Rwanda, der Schweiz, Südafrika und den USA - und wurden von Menschen verfasst, die sich in unterschiedlichen Arbeitsbereichen mit dem Thema befassen - Wissenschaftlern, Menschenrechtsaktivisten, Politikern, Pädagogen, Künstlern und Journalisten. Die Analysen und die Berichte aus der pädagogischen und politischen Praxis sind denn auch nicht ausschließlich für den Geschichtsunterricht geeignet, sondern betreffen gleichermaßen Fächer wie Sozialkunde, Politische Bildung, Ethikunterricht, Deutsch u.a. Der Großteil der Beiträge setzt sich grundsätzlich oder anhand von Fallbeispielen mit Genozid und Genozidprävention auseinander. Etliche sind nicht unmittelbar in die Unterrichtspraxis übertragbar, sind also keine Unterrichtsmaterialien im engeren Sinne, aber sie helfen bei der Unterrichtsvorbereitung, dienen der Hintergrundinformation und können die Suche nach weiteren Materialien strukturieren. Andere können direkt im Klassenraum benutzt werden, wobei die Art des Umgangs nach den jeweils konkreten Bedürfnissen von Lehrenden und Lernenden variieren wird.

Wir haben bei der Auswahl der Beiträge den Themenbereich Holocaust bewusst ausgeklammert, war er doch ausschließliches Thema des ersten Bandes dieser Reihe "Holocaust und Nationalsozialismus". Die damals in Abgrenzung einer "universalen Holocausterziehung" von Volkhard Knigge formulierte Grundthese, dass es ohne kritische Auseinandersetzung mit dem "Erinnerungsimperativ" und ohne reflektierten Paradigmenwechsel keine Zukunft der Erinnerung gebe (Knigge, 2002: 33), stand auch im Mittelpunkt vieler Debatten jener Tagung, der wir diese Publikation zu verdanken haben. Gerade die Tatsache, dass es für das 20. Jahrhundert - trotz des im Anschluss an die genozidalen Gewaltverbrechen der Nazis formulierten "Nie Wieder" - ein "Immer wieder" mit unvorstellbaren Zahlen zu Tode gekommener Menschen zu konstatieren gilt (siehe dazu den Beitrag von Gregory Stanton), spricht für eine Fokussierung auf diese Genozide und die Erweiterung einer auf Holocaust Education verengten Zielsetzung hin auf eine generelle Auseinandersetzung um die Möglichkeiten und Chancen einer globalen Genozidprävention.

Die meisten der hier wiedergegebenen Tagungsbeiträge wurden - soweit dies nicht durch die AutorInnen selbst geschehen ist - von uns nach der Übersetzung einer redaktionellen Bearbeitung unterzogen, um durch Kürzung, Straffung und Strukturierung eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten. Die Originalbeiträge können jedoch nach wie vor alle auf der Internetseite des Georg-Eckert-Instituts eingesehen und als PDF-Version heruntergeladen werden.

Braunschweig - Wien, August 2004

 

Einleitung

Verena Radkau

Der ehemalige israelische Staatspräsident Ezer Weizman hat das 20. Jahrhundert als das "Jahrhundert des Todes" bezeichnet; der Historiker Eric Hobsbawm sprach vom "Jahrhundert der Extreme" und der Kulturwissenschaftler Zygmunt Bauman vom "Jahrhundert der Lager". Völkermord und staatliche Gewaltverbrechen haben das vergangene Jahrhundert geprägt wie kein anderes. Als ein "Symbol des Bösen" (Yehuda Bauer) ragt die Shoah, der Holocaust an den europäischen Juden, aus der langen Reihe von Verbrechen hervor. Welchen Beitrag schulisches und außerschulisches Lernen und Erinnern zum Umgang mit dem schwierigen Thema Holocaust, Völkermord und staatliche Gewaltverbrechen leisten können, war Gegenstand einer internationalen Konferenz, die vom 12. bis 15. März 2003 in Berlin stattfand. Veranstaltet wurde sie vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung (Braunschweig), von der Stiftung Topographie des Terrors (Berlin) und vom International Committee of Memorial Museums for the Remembrance of Victims of Public Crimes (Berlin), finanziell unterstützt vom Auswärtigen Amt.

Es wäre sicher naiv anzunehmen, die Erinnerung an Genozide und die Vermittlung von Information über sie könne zukünftige Massentötungen verhindern. Schon kurz nach dem Ende der Konferenz in Berlin kam es zu Gewaltexzessen im Kongo; in diesem Jahr steht der Sudan im Zentrum des Medieninteresses. Von den vielen anderen Völkermorden, die nicht in die Schlagzeilen gelangen, erfahren wir nicht einmal. Doch trotz dieser eher entmutigenden Bilanz ist eine Beschäftigung mit dem Thema, die über gut gemeinte, jedoch fast immer kontraproduktive "Betroffenheitspädagogik" hinausgeht, unabdingbar, vor allem wenn wir bedenken, dass Völkermorde nicht von einer kleinen Gruppe von Fanatikern durchgeführt werden. Sie geschehen, weil breite Bevölkerungsschichten sie mittragen. Nur wenn man die Mechanismen, die zu einem solchen Konsens der "Normalen" führen, durchschaut, kann man dieses Phänomen verstehen. Doch das Thema betrifft uns noch unmittelbarer: Die für Beginn und Verlauf eines Völkermordes charakteristischen ausgrenzenden bzw. markierenden Diskurse und die Versuche der Homogenisierung sind auch Bestandteil unseres ganz alltäglichen Lebens - eine andere Art der "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt), die es zu erkennen und der es zu widerstehen gilt.

Eine Auswahl der Konferenzbeiträge wird in diesem Band vorgestellt. Sie sind im Kontext der gegenwärtigen wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion um die Universalisierung des Holocaust zu sehen. Das Wissen um diesen schärft unseren Blick auf andere Massentötungen (und umgekehrt). Das mag dem Mord an den europäischen Juden Singularität nehmen, doch es gibt ihm Historizität. So besteht z.B. ein Zusammenhang zwischen kolonialer Gewalt - erinnert sei an den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, den Völkermord an den Herero in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika - und nationalsozialistischer Massengewalt (vgl. hierzu Zimmerer/Zeller 2003 und die Beiträge von Weitz, Ndangiza und Tisani in diesem Band).

Auch die Berliner Konferenz konnte sich der Debatte um Singularität und Universalität nicht entziehen. Als Dan Diner im Zusammenhang mit dem Mord an den europäischen Juden von "Zivilisationsbruch" sprach - wir haben seinen Beitrag nicht aufgenommen, denn er ist in seinem Buch (Diner 1999: 195-249) nachzulesen - konterte Eric Weitz, jede Massentötung sei ein Zivilisationsbruch. Wenngleich es gute Gründe dafür gebe, dass der Holocaust eine so herausragende Rolle im westlichen Denken spiele, so rechtfertige dies keinesfalls die Rede von dem Zivilisationsbruch schlechthin. Auch die Genozide in Armenien, Rwanda oder Tschetschenien waren und sind, wie Weitz unterstrich, unvorstellbare Zivilisationsbrüche (s. auch seinen Beitrag in diesem Band). In vielen der hier vorliegenden Texte wird deutlich, dass gerade im Vergleich der von Menschen gemachten Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts Funktionsmechanismen entdeckt und verschiedene Möglichkeiten der Aufarbeitung und Prävention diskutiert werden können. Dabei geht es um allgemeine Strukturen und Definitionen ebenso wie um die Dokumentierung konkreter Fälle, denn ungeachtet bestimmter struktureller Gemeinsamkeiten ist jeder Genozid und jedes staatliche Gewaltverbrechen in seinen historischen und soziokulturellen Komponenten einzigartig; dennoch kommt es immer wieder zu dem, was der belgische Historiker Jean-Michel Chaumont in seinem gleichnamigen Buch "die Konkurrenz der Opfer" genannt hat.

Im ersten Teil des Bandes geht es um Überlegungen aus der Sicht von Wissenschaftlern und Menschenrechtsaktivisten zur Definition und zum Umgang mit Völkermord und staatlichen Gewaltverbrechen. Vor einem inflationären Gebrauch des Begriffs Völkermord warnt Yves Ternon. Dieses stark emotional besetzte Wort solle auf der "Stufe von genozidalen Massakern und massenhaften Menschenrechtsverletzungen" nicht angewandt werden. Mihran Dabag betont, dass zwar typische Strukturen und Prozesse im Vergleich von Völkermorden herausgearbeitet werden können, es jedoch ein Modell "Genozid" nicht gebe. Sich auf die Typisierung von Eigenschaften wie "total", "ultimativ" etc. zu konzentrieren berge die Gefahr, lediglich zum Ranking von Völkermorden beizutragen. Ferner sei ein Genozid keine Eskalation von Konflikten und habe nichts mit deren Außer-Kontrolle-Geraten zu tun, sondern beruhe auf der kontrollierten Verwirklichung eines vorgefassten nationalen Planes. Er bezeichnet Völkermord als "spezifische, gerichtete, nationalstaatliche Gewalt", die die ganze Gesellschaft erfasse und sie zu einer "genozidalen" mache. Gregory Stanton zeigt, dass es an sinnvollen Vorschlägen zur Wahrnehmung und Prävention von Völkermord nicht mangelt, und stellt in diesem Zusammenhang das von ihm selbst entwickelte Acht-Stufen-Modell vor (siehe Beitrag von G. Stanton, S. 31). Auf jeder Stufe, von der Klassifizierung der Bevölkerung (die jedem Genozid vorausgeht) bis zum Morden, könnten demnach präventive Maßnahmen die Entwicklung aufhalten. Wo aber der politische Wille fehle diese Maßnahmen durchzuführen, fruchteten auch solche Modelle nichts.

Gerd Hankel skizziert die Entwicklung des Völkerrechts im Zusammenhang mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit von Kant bis in die Gegenwart, wobei er aufzeigt, dass die Idee, Verantwortliche vor internationalen Instanzen zur Rechenschaft zu ziehen, sich erst mit dem Ersten Weltkrieg durchsetzte. Eric Weitz liefert eine Gesamtschau der Konferenz, wobei er den Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Nationalstaats, Nationalismus, Rassismus und Völkermord in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt. Eine "globale Sicht" auf die Völkermorde des 20. Jahrhunderts zeige, dass sie alle "soziale Projekte" gewesen seien, an denen große Teile der Gesellschaften in unterschiedlichen Funktionen beteiligt waren. Einen Aufruf des ehemaligen tschechischen Präsidenten Václav Havel zitierend, fordert Weitz, die globale Gemeinschaft und nicht der Nationalstaat solle der Ort von Souveränität und Quelle und Schutz von Menschenrechten sein.

Der zweite Teil der Publikation widmet sich dem praktischen Umgang mit Völkermord und staatlichen Gewaltverbrechen in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen.

Volkmar Deile betont die zentrale Bedeutung der alltäglichen Menschenrechtsarbeit. Wegen ihrer generalpräventiven Wirkung müsse sie auf allen Ebenen des Stantonschen Modells fortgesetzt werden. "Die Menschenrechtsverletzungen von heute können die Völkermorde von morgen sein." Fatuma Ndangiza von der nationalen Versöhnungskommission Rwandas berichtet über die Bemühungen ihrer Organisation, die Folgen des Bürgerkrieges in ihrem Land aufzuarbeiten. Fortschritte auf dem Weg zur Versöhnung seien bereits gemacht. So sei z.B. die noch aus der Kolonialzeit stammende ethnische Identifizierung aus den Pässen verschwunden, der Zugang zu Schulen und öffentlichem Dienst erfolge nach Verdienst. Große Bedeutung werde dem Erziehungssystem beigemessen. Das Curriculum sei überarbeitet worden. Ungeachtet aller Schwierigkeiten ist also Versöhnung in Rwanda in der Gegenwart ein institutionalisierter Prozess. In diesem Zusammenhang muss daran erinnert werden - und hier besteht ein fundamentaler Unterschied zur Bundesrepublik Deutschland nach 1945 - dass Täter und Opfer, Mitläufer, Profiteure und Zuschauer in Rwanda auf engstem Raum miteinander weiterleben müssen. Da kann Vergessen kaum eine Option sein. Ähnliches gilt für Südafrika. Hier waren in der Euphorie nach dem Sturz des Apartheid-Regimes Stimmen laut geworden, die das Fach Geschichte ganz abschaffen wollten. Das Argument der Befürworter eines so drastischen Schrittes: Geschichte sei rückwärtsgewandt und darum Zeitverschwendung. In ihrem Beitrag legt Thami Tisani dar, wie diese Abkehr von der Geschichte verhindert werden konnte. Die Geschichte der Apartheid-Zeit jedoch müssen die südafrikanischen Schulgeschichtsbuchautoren und Curriculumentwickler noch neu schreiben.

Im Titel ihres Beitrags fragt Heike Deckert-Peaceman nach dem "richtigen Alter", in dem sich Kinder hierzulande mit Holocaust und Völkermorden beschäftigen sollten. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Frage falsch gestellt ist. Nicht zuletzt aufgrund der Präsenz von Genoziden und ähnlichen Verbrechen in den Medien würden Kinder zwangsläufig damit konfrontiert. Wichtig sei die Hilfe der Erwachsenen bei der Verarbeitung des Gesehenen und im Fall von Flüchtlingskindern auch des Erfahrenen. Vor dem Hintergrund ihrer Lehrveranstaltungen an der Universität Frankfurt analysiert Deckert-Peaceman, warum ihre Studenten teils mit Überdruss auf das Lernen über den Holocaust reagieren, teils gar nicht genug zu dem Thema hören können. Falk Pingel präsentiert die Ergebnisse seiner Untersuchung europäischer und US-amerikanischer Schulgeschichtsbücher zum Thema Völkermord. Ein interessanter Befund im Hinblick auf die Bücher aus Westeuropa und den USA ist, dass die Massaker im Jugoslawienkrieg als der Genozid schlechthin nach dem Holocaust dargestellt und eng auf diesen bezogen werden. Das gilt auch für die Ikonographie: So gleichen die Fotos von serbischen Konzentrationslagern in auffallender Weise den Bildern ausgemergelter Häftlinge, die die Alliierten bei der Befreiung der nationalsozialistischen Lager gemacht haben.

Im Materialteil geht es um konkrete Projekte im Zusammenhang mit dem Thema Genozid und staatliche Gewaltverbrechen.

Roland Brunner berichtet über den Beitrag der Medien zur Versöhnung im ehemaligen Jugoslawien. Nach einem kurzen Abriss darüber, wie Medien generell funktionieren und wie sie für Manipulation und Propaganda missbraucht werden können - man denke an die verhängnisvolle Rolle des "Hassradios" Milles Collines im rwandischen Bürgerkrieg - stellt er neun Thesen zur Diskussion, wie Medien zur Aufarbeitung der Vergangenheit im ehemaligen Jugoslawien eingesetzt werden könnten. Helmut Meyer schreibt über die Entstehung und Konzeption seines zusammen mit Peter Gautschi erarbeiteten Lehrwerks zum Völkermord (Gautschi/Meyer 2001). Bisher gab es kein eigenständiges Lernmittel zu diesem Thema. Der Autor legt die Kriterien dar, die ein solches Lernmittel erfüllen sollte und nennt die Lernziele, die erreicht werden sollen (s. auch die Rezension in diesem Band).

Auf sehr persönliche Weise bringt uns Pedro Alejandro Matta die Notwendigkeit des Gedenkens, des Nicht-Vergessens, nahe. Das "Gesetz des Vergessens", la ley del olvido, zu brechen ist für die Opfer von Bürgerkriegen und Militärdiktaturen in Lateinamerika, ob in Chile, Argentinien oder Guatemala, von besonderer Bedeutung. Matta war Studentenführer, als er 1975 verhaftet und für 13 Monate in das Folterzentrum Villa Grimaldi gebracht wurde. Die Villa wurde noch während der Militärdiktatur zerstört, um die Erinnerung daran zu tilgen. An ihrer Stelle befindet sich heute im "Park des Friedens" eine Gedenktafel mit den Namen der Opfer. Mit Hilfe einer Fotosammlung und anderer Archivmaterialien hat Matta ein maßstabgetreues Modell der Villa Grimaldi gebaut. Zerlegt hat es in einem Container Platz, den er auf seinen Vortragsreisen stets bei sich führt. Aufgebaut erlaubt es, die ganz alltäglichen Stufen der Folter bis hin zur physischen Auslöschung des Opfers zu verfolgen. Matta hat die Tortur überlebt. Dass er sie wieder und wieder für andere erinnert und erzählt, ist Teil seines ganz persönlichen Kampfes gegen das Vergessen und wohl auch gegen die eigene Traumatisierung.

Mit Irena Brezná kommt eine Schriftstellerin mit ihrem Engagement für die Opfer eines Völkermords zu Wort, die nicht nur hierzulande keine starke Lobby haben. In ihrem bewegenden offenen Brief an die tschetschenische Menschenrechtlerin Sainab Gaschajewa beschreibt Brezná den Kampf der tschetschenischen Frauen um das Überleben ihres Volkes (siehe dazu auch die Buchrezension von Ewald Balasko auf S. 146). Hier sei angemerkt, dass zwei Tschetscheninnen aus dem Zuschauerraum die Konferenz in Berlin als internationale Bühne nutzten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf dem Podium in ihrem Bemühen um definitorische Klarheit mussten sich die Frage gefallen lassen, ob man bei 500 000 Toten einer Gesamtbevölkerung von einer Million denn nun von einem Genozid sprechen könne oder ob "nur" ein "genozidales Massaker" vorliege.

Diese Intervention von der Opferseite her legt ein Dilemma bloß: Unser Blick auf Völkermorde und staatliche Gewaltverbrechen konzentriert sich häufig auf die Täter - auch in den meisten der hier vereinten Texte. Deren Diskurse und Vorgehensweisen analysieren wir, sie haben das Heft des Handelns in der Hand. Die Opfer werden entindividualisiert und zur anonymen Masse gemacht. Das hängt sicher damit zusammen, dass bei einer Massentötung und deren Vorbereitung nicht zwei rivalisierende, interagierende Gruppen aufeinander treffen, von denen eine sich im Verlauf des Geschehens schließlich durchsetzt, sondern dass die Beziehung von Anfang an eine asymmetrische ist. Gelingende Auseinandersetzung mit Völkermord und staatlichen Gewaltverbrechen wird dies berücksichtigen und die Perspektive der Opfer einbeziehen müssen.

Literatur

Chaumont, Jean-Michel, Die Konkurrenz der Opfer: Genozid, Identität und Anerkennung. Lüneburg 2001: zu Klampen.
Gautschi, Peter/Helmut Meyer, Vergessen oder Erinnern? Völkermord in Geschichte und Gegenwart. Lehrmittelverlag des Kantons Zürich 2001 .
Zimmerer, Jürgen/Joachim Zeller (Hg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin 2003: Ch. Links Verlag.


Quelle: Verena Radkau / Eduard Fuchs (Hg.) Genozide und staatliche Gewaltverbrechen im 20. Jahrhundert (Konzepte und Kontroversen, Band 3). Innsbruck-Wien-München-Bozen, StudienVerlag, 2004.
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