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Vorwort: Die vormoderne Stadt

Peter Feldbauer, Michael Mitterauer, Wolfgang Schwentkereinhold Reith, Sylvia Hahn

Quelle: Querschnitte 10: Die vormoderne Stadt. Asien und Europa im Vergleich. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Michael Mitterauer, Wolfgang Schwentker: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2002

Der vorgelegte Band ist aus den Vorbereitungsarbeiten zu einer Ringvorlesung zum gleichen Thema an der Universität Wien entstanden. Gerade in der Lehre muß sich die Geschichtswissenschaft zunehmend der Herausforderung universalgeschichtlicher Überblicke stellen. Vielfach fehlt dazu eine zeitlich und räumlich weit ausholende Basisliteratur aus der Sicht eines einzelnen kompetenten Autors. Ein Sammelband einer Autorengruppe, die Kompetenz für unterschiedliche historische Epochen und Kulturräume einbringt, kann da vorläufig Ersatz bieten.
Universalgeschichte für vormoderne Zeiten läßt sich nur ausnahmsweise als Interaktionsgeschichte schreiben. Auch wenn Handel und Verkehr überregionale und sogar interkontinentale Verbindungen herstellen, so bleiben lokale Ordnungen des Zusammenlebens davon weitgehend unberührt. Die "vormoderne Stadt" ist ein solches Thema. Ohne den Begriff "vormodern" hier in zeitlicher Abgrenzung festlegen zu wollen, geht es dabei doch gerade um jene Epochen, in denen städtisches Leben noch nicht durch weltweite Interaktionszusammenhänge miteinander verbunden ist. Eine Universalgeschichte der Stadt läßt sich für diese "vormoderne Zeit" nur in vergleichender Weise versuchen. Denn um Städte in ihren jeweiligen herrschaftlichen, ökonomischen, wirtschaftlichen und kulturellen Funktionen, die sie für ihr näheres und weiteres Umland ausüben, untereinander zu vergleichen - dazu müssen ihre Bewohner weder direkte noch vermittelte Sozialbeziehungen zueinander gehabt haben. Der hier gewählte Ansatz ist dementsprechend ein universalgeschichtlich-vergleichender. Das bedeutet nicht, daß jede Autorin und jeder Autor explizit weltweit vergleichen. Dominant sind Vergleiche innerhalb eines bestimmten Kulturraums bzw. zwischen Kulturräumen. Auch die Titelwahl "Asien und Europa im Vergleich" ist so zu verstehen, daß innerhalb Asiens, innerhalb Europas, darüber hinausgehend aber auch zwischen einzelnen europäischen und asiatischen Kulturen verglichen wird. "Asien und Europa" gibt den Gesamtrahmen der behandelten Kulturräume wieder.
Wer universalgeschichtlich vergleichende Stadtgeschichte zu betreiben versucht, kommt nicht umhin, sich darüber Rechenschaft abzulegen, was eigentlich unter einer "Stadt" zu verstehen ist. Dies gilt insbesondere für einen Band, in dem es um die Geschichte der Städte vor der Zeit der Industrialisierung geht. In der Geschichtswissenschaft wird immer wieder über die ausweglose Vieldeutigkeit des Begriffes geklagt. Von der historischen Verwendung des Begriffes "Stadt" bzw. seiner anderssprachigen Homonyme her, gibt es keine befriedigende Lösung. Aber auch der typologische Raster, mit dem Max Weber 1921 in seiner klassischen Untersuchung "Die Stadt" das Forschungsfeld universalgeschichtlich vergleichend, aber eben doch aus einer euro-zentristischen Perspektive vermessen hat, überzeugt heute nicht mehr ganz. Vielmehr treten in vergleichenden Untersuchungen zur Stadtgeschichte Konzepte in den Vordergrund, die die sozialgeographische Theorie der "zentralen Orte" oder Netzwerk-Theorien für die Geschichtswissenschaft adaptiert haben. Im vorgelegten Band kommen verschiedene solcher theoretischen Ansätze zur Sprache und werden von Fachleuten für einzelne Epochen und Kulturräume empirisch überprüft.
In einer systematisch-strukturgeschichtlichen Darstellung, die eine chronologisch-genetische zur Voraussetzung hat, geht es um verschiedene Typen asiatischer und europäischer Städte und deren jeweilige Funktionen. Nicht selten haben Städte als Wiege einer ganzen Kultur fungiert und das Profil einer ganzen Epoche geprägt. Bedeutung konnte Städten auch als sakralen Zentren oder als Ausgangspunkten religiöser Bewegungen zukommen. Andere Städte wiederum haben von binnen- und weltwirtschaftlichen Entwicklungen profitiert. Einige Städte hingegen sind als Zentren der Provinzialverwaltung zu Wachstum und Blüte gelangt. Marktzentren stehen als nachrangige Wirtschaftsmittelpunkte zwischen Stadt und Land. Viele Festungsstädte hatten zunächst nur militärische Aufgaben, entwickelten sich aber auch zu herrschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentren. Die einzelnen Beiträge dieses Bandes gehen diesen unterschiedlichen Stadtfunktionen nach - jeweils für sich genommen oder in ihrer wechselseitigen Verflechtung dargestellt.
In einem solchen universalgeschichtlich vergleichenden Überblick ist auch ein kritischer Blick auf die berühmte Debatte über den Sonderweg Westeuropas aus stadthistorischer Perspektive unausweichlich. Mit zunehmendem Abstand zu eurozentristischen Sichtweisen tritt aber das Bild zahlreicher Sonderwege, die nebeneinander stehen, in den Vordergrund. Von einem den Westen idealisierenden Verlaufsmodell "richtiger Städte" wird man wohl Abschied nehmen und dafür die kulturelle Eigenständigkeit bei durchaus vorhandenen Gemeinsamkeiten betonen müssen. Diese Frage steht im abschließenden Beitrag im Mittelpunkt, der auf dem Hintergrund der zehn vorangegangenen Einzelstudien verfaßt wurde und in dem es um die Frage der Vergleichbarkeit bzw. auch Unvergleichbarkeit europäischer und asiatischer Stadtgeschichte in vormoderner Zeit geht.

Dieser Band ist Herbert Knittler gewidmet. Herbert Knittler hat durch drei Jahrzehnte das Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte als Lehrer und Forscher an der Universität Wien vertreten. Sein besonderes Engagement hat dabei der Stadtgeschichte gegolten. Seine Kollegen, seine Schüler wissen, was sie ihm zu danken haben. Herbert Knittler hat am 7. Mai seinen 60. Geburtstag gefeiert. Die Form des Danke-Sagens muß der Persönlichkeit entsprechen, der es zu danken gilt. So ist dieser Band keine Festschrift. Wir haben einfach Herbert Knittler bei der gemeinsamen Arbeit "in die Mitte" genommen. Und dieser Platz mitten unter uns wird ihm bleiben.

 


Quelle: Querschnitte 10: Die vormoderne Stadt. Asien und Europa im Vergleich. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Michael Mitterauer, Wolfgang Schwentker: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2002
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