[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Einleitung: Die gläserne Decke

Marija Wakounig

Quelle: Querschnitte 11: Die gläserne Decke. Frauen in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Marija Wakounig:
Verlag für Geschichte und Politik; München: Studienverlag 2003

Jedes Buch hat seine Geschichte, so auch dieses. Die Idee, eine Ringvorlesung über Frauen in Osteuropa zu veranstalten und eine begleitende Publikation herauszugeben, kam mir im Frühjahr 2001, als ich als stellvertretende Institutsvorständin das Organigramm des Institutes für Osteuropäische Geschichte überprüfte. Dabei fiel mir auf, dass Frauen (wissenschaftliches und nichtwissenschaftliches Personal) zwar seit fast einem Jahrzehnt die nummerische Mehrheit innehaben, jedoch nicht das "Sagen". Obwohl es in dieser Zeit zwei Ordinariate und eine außerordentliche Professur zu besetzen galt - in allen drei Berufungskommissionen fiel mir die Rolle der Schriftführerin zu -, schaffte es keine Frau, in die engere Wahl für eine so genannte (außer)ordentliche Professur gezogen zu werden. Diese Tatsachen machten neugierig auf Mechanismen, die Frauen trotz gesetzlich verankerter Gleichberechtigung a priori von den höchsten Weihen ausschließen, und darauf, warum auf einem der ältesten Osteuropainstitute im deutschsprachigen Raum kaum Frauen- bzw. Genderforschung betrieben und es noch nie einen Vorlesungszyklus darüber gegeben hat. Seit der Beschäftigung mit diesem Thema sei mir eine scherzhafte Antwort erlaubt: Es muss am Forschungsgegenstand Osteuropa und an den mit dieser Materie befassten Personen liegen. Davon ausgenommen sind selbstverständlich alle handelnden männlichen Personen des Instituts, die mit ihren Beiträgen neue Pfade beschritten und mit großem Eifer an der Realisierung der Ringvorlesung mitgearbeitet haben. Es ist als gelebtes Gender-Mainstreaming zu verstehen.
Anders als in Deutschland oder in der Schweiz gibt es in Österreich bis auf wenige Ausnahmen kaum Frauen- bzw. Genderforschungen über den (gesamten) osteuropäischen Raum (Österreichische Osthefte 43/2001:497-559). Die international prosperierende Genderforschung macht den Mangel eines entsprechenden Pendants in der österreichischen Osteuropaforschung auch insofern evident, als den Studierenden keine brauchbaren Erklärungsmuster in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse in den EU-Osterweiterungsländern vermittelt werden können. Die Ringvorlesung und der vorliegende Band sind als erster Schritt zu verstehen, und haben die Absicht, Studierende der Fächer Geschichte und Slawistik sowie auch ein breites, historisch und insbesondere an der ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Geschlechtergeschichte interessiertes Publikum anzusprechen.
Zwar ist es den Osteuropaforscher/innen in Deutschland und in der Schweiz in den letzten zehn Jahren gelungen, den Übergang und den Blickwinkel von der Frauengeschichte zur Geschlechtergeschichte hin zu verschieben, doch scheint diese auf theoretischer Auseinandersetzung basierende Forschung in den betroffenen osteuropäischen Ländern umstritten (u.a. Stegmann 2002). Dort ist der Gender-Diskurs aus dem Dialog mit westlichen Wissenschafterinnen und "nicht aus einer politischen Frauenbewegung heraus entstanden". Noch diffiziler stellt sich die Lage in den so genannten südosteuropäischen Ländern dar, wo "ein westlicher ‚Methodenimperialismus' beklagt" wird, dem nicht selten der Praxisbezug fehlt (Hausbacher 2001:557). Um einer Marginalisierung der Frauengeschichte oder gar der bösen Unterstellung, dass "man wohl bald auf den Internationalen Frauentag verzichten und statt dessen einen Internationalen Gendertag begehen" werde (Die Presse, 8. März 2003), nicht Vorschub zu leisten, wurde eine lexikalische Wiedergabe von bereits Bekanntem vermieden, ebenso wurde darauf verzichtet, den in Fluss befindlichen theoretisch-methodischen Diskurs über Frauen- und Genderstudies additiv zu bereichern. Diese Abgrenzung ist nicht als bequeme Ausrede zu verstehen, zumal sich alle Verfasserinnen und Verfasser bewusst waren, dass der nahezu unglaublichen Lücke in der Lehre und Forschung zunächst mit einer stark deskriptiven Darstellung historischer Entwicklungen begegnet werden muss.
Ursprünglich geplant war, einen Vergleich von historischen, auf das Geschlechterverhältnis abzielenden Abläufen in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa zu bieten. Als so genannte Aufhänger boten sich die drei politischen Umbrüche 1914/1918, 1938/1945 sowie 1989/91 an. Obwohl sich kein/e Autor/in auf diesen zeitlichen Rahmen beschränkte, ist es augenscheinlich, dass es gerade diese Umbrüche waren, die insbesondere für die Frauen zu gesellschaftlichen Veränderungen führten.
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden Frauen trotz ihrer Forderungen nach Gleichberechtigung im öffentlichen und privaten Leben mehr oder weniger als zweitrangige, jedoch verschönernde Hälfte der Gesellschaft betrachtet. Einen so genannten ersten turnaround lösten der Erste Weltkrieg und dessen Nachkriegsordnung aus, als sich herausstellte, dass es die weibliche Bevölkerung war, die die soziale Infrastruktur und auch das gesellschaftliche Leben aufrechterhalten hatte. Aus ihren Verdiensten für die Menschlichkeit konnten die Frauen in den meisten osteuropäischen Ländern "Kapital" schlagen, und sei es nur das Wahlrecht gewesen. Vollkommen ausgeschlossen davon waren die Frauen Jugoslawiens. In der Zwischenkriegszeit lebten die alten Rollenbilder - mit der Ausnahme Russland - weiter. Das Wahlrecht und die zunehmende Beschäftigung von Frauen bewirkten wenig, weil die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen androzentriert blieben.
Während des Zweiten Weltkrieges wurden Frauen mehr denn je für das so genannte Vaterland instrumentalisiert. Ähnlich wie im Ersten Weltkrieg fiel ihnen die Aufrechterhaltung eines sozialen Netzwerkes zu, allerdings beteiligten sie sich diesmal aktiv am Widerstand gegen jene Macht, die ihre Nation bedrohte - obwohl hier vor Pauschalitäten zu warnen ist. Nimmt man als Beispiel die aktiven Partisaninnen, die den Widerstand gegen die Okkupatoren organisierten, indem sie als Ärztinnen, Krankenschwestern oder Nachrichtenübermittlerinnen ihr Leben aufs Spiel setzten, und auch jenes der anonymen Sympathisantinnen gefährdeten, die die Beschaffung und den Transport von Lebensmitteln ermöglichten, so kann durchaus der Eindruck verschiedener total im Widerstand befindlicher Länder entstehen. Neueste Forschungen belegen, dass sich auch die Okkupanten und ihre Kollaborateure der Frauen "bedienten" (Polen, Jugoslawien).
Nach 1945 wurden die Staaten Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas gesellschaftspolitisch dem sowjetischen Modell entsprechend umgestaltet. Die bis 1989/91 dauernde sozialistische Ordnung garantierte den Frauen (zumindest auf dem Papier) im Geschlechterverhältnis Gleichberechtigung und Unabhängigkeit. Die Frauen Jugoslawiens zum Beispiel durften nach dem Krieg erstmalig gleichberechtigt mit den Männern die Wahlzelle betreten. Doch dies waren nicht die einzigen Errungenschaften, betrachtet man die Gleichstellung der osteuropäischen Frauen in allen öffentlichen und privaten Bereichen, die Geburtenregelung, die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruches oder die Garantie, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu bekommen. Doch die Umsetzung der Theorie in die Praxis scheiterte nicht selten an den latent vorhandenen Rollenbildern, die sich umso mehr verfestigten, je mehr die sozialistischen Systeme in die so genannten Jahre kamen. Frauen verloren zunehmend die Lust an der Teilhabe an der politischen Mitgestaltung, wurde ihnen doch erfolgreich suggeriert, dass die Familie (also ihr originäres Feld) als Alternative zur öffentlichen Sphäre Privatheit und Individualität garantiere und somit zum "wichtigsten sozialen Zusammenhang" der "sozialistischen Gesellschaft" beitrage (Lemke 1996:26; Österreichische Osthefte 43/2001:498). Diese Ambivalenz sowie die Erwartung, dass Frauen in der Familie und im Beruf ihre Erfüllung bzw. ihre Selbstbestätigung finden würden, trugen wohl dazu bei, dass die traditionell patriarchalen Rollenklischees die sozialistische Ära überdauern konnten.
Nach der Wende 1989/91 kann teilweise von einem backlash oder von einer Repatriarchalisierung (zum Beispiel in Slovenien) gesprochen werden, obwohl dies empirisch noch nicht eindeutig für alle betroffenen Staaten nachgewiesen ist. In den neuen Transformationsgesellschaften Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas, wo die "politischen Kulturen auch von traditionellen gesellschaftlichen und religiösen Werten geprägt" sind, stießen Frauen mit ihren Forderungen auf Widerstand (Österreichische Osthefte 43/2001:497f), kämpften trotz besserer Bildung gegen Benachteiligungen am Arbeitsplatz und hatten Probleme, ihre erworbenen Rechte zu verteidigen. Als bestes Beispiel dient der straffreie Schwangerschaftsabbruch, der nach der Wende zu kontroversiellen Auseinandersetzungen führte. Während sich zum Beispiel in Polen die ablehnende Haltung der katholischen Kirche durchsetzte und zur Rekriminalisierung der Abtreibung führte, wurde dies in Slovenien durch eine, auf breiter Ebene geführte gesellschaftspolitische Diskussion verhindert.
Der bis heute noch nicht abgeschlossene Transformationsprozess drängt Frauenanliegen in den Hintergrund, berücksichtigt sie bloß dann, wenn sie nationalen Interessen förderlich erscheinen (u.a. Œurœenko 2001:503-523). Frauen Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas reagieren auf die aus der Mottenkiste geholten Klischees und Rollenverteilungen bei gleichzeitiger Beibehaltung der Doppelbelastung - mit neuesten Wortkreationen wie Haushaltsmanagerin bzw. Unternehmen Haushalt - auf ihre Art und tun "immer weniger das, was bislang allgemein unbestritten ihre Domäne war: Sie bekommen immer weniger Kinder" (Österreichische Osthefte 43/2001:500).
Abschließend schulde ich eine Erklärung für den Titel "Die gläserne Decke". Die vorliegenden Beiträge erhärten die These, dass Frauen im gesamten osteuropäischen Raum in der sozialistischen Ära unabhängig und den Männern (auf dem Papier) gleichberechtigt waren und dass Osteuropäerinnen gegenüber Westeuropäerinnen über lange Zeit in einigen gesellschaftspolitischen Fragen Vorteile besaßen; genannt seien hier nur das Ehegesetz, das Namensrecht oder der teilweise straffreie Schwangerschaftsabbruch. Trotz dieser euphemistischen Rahmenbedingungen schafften es die wenigsten Osteuropäerinnen, die unsichtbare "gläserne Decke" zu durchstoßen. Der Weg nach oben war entsagungs- und entbehrungsreich und bedeutete vielfach Kinderlosigkeit. Die so genannten sozialistischen Herzeige- oder Quotenfrauen repräsentierten keineswegs die Mehrheit der weiblichen Bevölkerung, die nach wie vor den konservierten Rollenklischees verhaftet blieb und keine Wahl zwischen Beruf und Familie oder politischer Funktion hatte, sondern die Mehrfachbelastung unter ihren Hut bringen musste.

Ganz zum Schluss möchte ich mich bei allen Kolleginnen und Kollegen für das sehr gute zwischenmenschliche Klima während der Planungs- und in der Realisierungsphase bedanken. Der Leiterin der institutseigenen Fachbibliothek, Mag. Judit Ramhardter, schulde ich für die akribische Suche und Bereitstellung von einschlägigen "Frauenwerken" ein großes Dankeschön.

LITERATUR

Hausbacher, Eva (2001): Gender Studies in der Osteuropaforschung. Bericht von der gleichnamigen Tagung vom 12.-13. Juli 2001 in Basel. In: Österreichische Osthefte 43/4: 555-559
Lemke, Christiane (1996): Frauen und Politik in den Transformationsprozessen Osteuropas. In: Frauenbewegung und Frauenpolitik in Osteuropa, Hg. Christiane Lemke/Virginia Penrose/Ute Ruppert. Frankfurt am Main/New York: 15-33
Österreichische Osthefte 43/2001: 497-559
Die Presse, 8. März 2003
Stegman, Natali (2002): Die osteuropäische Frau im Korsett westlicher Denkmuster. Zum Verhältnis von Osteuropäischer Geschichte und Geschlechtergeschichte. In: Osteuropa 7: 932-944
Žurženko, Tat'jana (2001): (Anti)Natiional Feminisms, Post-Soviet Gender Studies: Women's Voices of Transition and Nation-Building in Ukraine. In: Österreichische Osthefte 43/4: 503-523

 


Quelle: Querschnitte 11: Die gläserne Decke. Frauen in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Marija Wakounig:
Verlag für Geschichte und Politik; München: Studienverlag 2003
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]