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Vorwort: Sinne und Erfahrung in der Geschichte

Wolfram Aichinger, Franz X. Eder, Claudia Leitner

Quelle: Querschnitte 13: Sinne und Erfahrung in der Geschichte. Herausgegeben von Wolfram Aichinger, Franz X. Eder, Claudia Leitner: StudienVerlag 2003; Innsbruck, Wien, München, Bozen

Sinne geben Wirklichkeit nicht bloß wieder, sie verändern die kommunizierte Welt und prägen so die Körper- und Wirklichkeitserfahrung. Eine Geschichte der Sinne fragt also nicht nur, was gehört, gesehen, geschmeckt, gefühlt und gerochen wurde, sondern auch, wie Menschen diese sinnlichen Eindrücke wahrgenommen und erfahren haben. Sinnesgeschichte fragt nach dem Zusammenspiel, der Hierarchie, dem Wandel der Sinne und der Sensibilität der Menschen. Sie kann sich dabei auf anthropologische und ethnologische Forschungen beziehen, die belegen, dass das Konzert der Sinne kulturell geregelt ist und einzelnen Sinnen mehr oder weniger Gewicht beigemessen wird. Riechen, Schmecken und Tasten spielten in der Vergangenheit vermutlich eine weit größere Rolle als dies heute der Fall ist. Eine Sinneshierarchie stützte auch die Geschlechterordnung, wo der "Blick der Herrschaft" männlich, ein als behutsam und teilhabend gedachter Tastsinn dagegen weiblich besetzt war.
Die Geschichte der Sinne und der Sinneserfahrung setzt sich mit einem Schlüsselproblem historisch-anthropologischer Forschung auseinander - mit dem Zusammenwirken von physischer und psychischer Grundausstattung, wechselnden kulturellen Kodierungen und den resultierenden Formen des Weltbezugs. Eine so geartete Rekonstruktion sinnlicher Erfahrung kann das Verständnis vergangener Lebenswelten genauso vertiefen wie die Einsicht in anachronistische historische Weltbezüge. Sie schärft den Blick für unauffällige Reize, Eindrücke, Signale und Gesten, die wegen ihrer Alltäglichkeit in der bisherigen Forschung vielfach ‚übersehen' wurden und doch ganz wesentlich zu kulturellen und sozialen Bindungen und Konflikten beitrugen. Sinnliche Wahrnehmung wird damit erst durch die jeweilige kulturelle Bedeutungs- und Sinngebung verständlich. In den Beiträgen dieses Bandes geht es deshalb nicht nur um eine Beschreibung historischer Klang-, Geruchs-, Tast-, Geschmacks- und Fühlwelten, sondern insbesondere auch um die Reflexion der Genese, Persistenz und des Wandels menschlicher Erfahrung.

Dieser Band ist im Rahmen der Ringvorlesung "Sinne und Erfahrung in der Geschichte" im Wintersemester 2003/4 an der Universität Wien entstanden. Viele Personen und Institutionen haben die Vorlesung und Publikation unterstützt und gefördert: Michael Mitterauer war der Initiator eines Themenhefts "Sinne und ihre Wahrnehmung" der Beiträge zur historischen Sozialkunde (Nr. 2/2001), an dem schon einige der Autor/innen mitgewirkt haben. Das Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und das Institut für Romanistik der Universität haben uns die Realisierung beider Projekte ermöglicht. Durch die Wiener Sozietät für Literaturtheorie, die Kanadische Botschaft in Österreich, die Abteilung Wissenschafts- und Forschungsförderung des Kulturamts der Stadt Wien, das Frauenbüro der Stadt Wien und das Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung wurden wir finanziell, ideell und organisatorisch unterstützt. Gert Dressel war uns ein kreativer Diskussionspartner und hat zur Entstehung von Vorlesung und Sammelband Entscheidendes beigetragen. Ihnen allen ein herzliches Dankeschön für Ihre Unterstützung, Hilfe und Förderung.


Quelle: Querschnitte 13: Sinne und Erfahrung in der Geschichte. Herausgegeben von Wolfram Aichinger, Franz X. Eder, Claudia Leitner: StudienVerlag 2003; Innsbruck, Wien, München, Bozen
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