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Geschlechtergeschichte(n) in Bewegung

Johanna Gehmacher / Maria Mesner

Quelle: Querschnitte 14: Frauen- und Geschlechtergeschichte. Positionen / Perspektiven. Herausgegeben von Johanna Gehmacher & Maria Mesner: Innsbruck, Wien, München, Bozen: Studienverlag 2003

Das "Bicycle", so meinte Rosa Mayreder, Vordenkerin der Frauenbewegung um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, habe "zur Emanzipation der Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammengenommen." (Mayreder 1998:138) Die von uns für ds Titelbild gewählte Fotografie zeigt die junge Grazer Radfahrerin Mitzi Albl, Gründungsmitglied des 1893 gegründeten Grazer Damen-Bicycle-Clubs, der ersten Fahrradvereinigung von Frauen auf dem europäischen Kontinent (Harrer 1998:110). Das Bild soll auf die enge Verbindung der Frauen- und Geschlechtergeschichte mit der Frauenbewegung hinweisen: Erst die seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts weltweit wieder lauter werdenden - an die Frauenrechtsbewegungen der Jahrhundertwende anknüpfenden - Forderungen nach Gleichberechtigung der Geschlechter schufen die Basis für jenen grundlegenden Perspektivenwechsel in den Geistes- und Sozialwissenschaften, der die Frauen- und Geschlechterforschung, die Gender Studien nicht nur möglich machte, sondern auch als notwendige Entwicklungen erscheinen ließ.

Das Bild der jungen Grazerin auf einem Fahrzeug, das zum Zeitpunkt der Aufnahme für technische Innovation wie für Mobilität stand, verweist auf die Befreiung, die in der physischen Bewegung, in der Eroberung des Raumes für Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts lag. Es erinnert auch daran, welch enge Grenzen Frauen vor wenig mehr als hundert Jahren gesteckt waren. An der Geschichte des Damen-Radfahrens (Bleckmann 1998; Harrer 1996), am Skandal, den die - wie man meinte, unschicklich gekleideten -, öffentlichen Raum beanspruchenden Frauen evozierten, wird die Historizität von Geschlechterarrangements deutlich. Nicht nur die freie Bewegung in der Öffentlichkeit war Frauen durch Bekleidungsvorschriften und Anstandsregeln verwehrt, auch von politischer Teilhabe waren sie in Österreich bis 1918 ausgeschlossen. Die Frauenbewegung der Jahrhundertwende setzte bei beidem an: Sie forderte nicht nur politische, sondern auch soziale Rechte. Zu den tiefgreifenden - durch eine Vielzahl von Faktoren bedingten - Veränderungen im 20. Jahrhundert zählen auch die Umbrüche in den Geschlechterverhältnissen, insbesondere das im Laufe des Jahrhunderts in allen demokratischen Ländern der Erde eingeführte aktive und passive Wahlrecht für Frauen, die Eröffnung von Bildungschancen durch die sukzessive Zulassung von Frauen zu mittleren und höheren Studien sowie die Abschaffung geschlechterdifferenzierender Regelungen des Arbeitsmarktes, die freilich Hierarchisierungen, Segregationen und Lohndifferenzen nicht aufheben konnten.

Die Inszenierung der Radfahrpionierin in einer Studiokulisse schließlich erinnert an die Geschlechteridentitäten innewohnende Konstruktionsarbeit. Ihr im fragilen Gleichgewicht der Bewegung nach vorne gerichteter Blick könnte für die vielfältigen und auch differenten Aufbrüche von Frauen stehen, deren historische Analyse gegenwärtige Handlungsräume und Geschlechterbilder erst erklärbar macht. Die unsichtbare, weil von der historischen Forschung weitgehend ignorierte Geschichte der Frauen ans Tageslicht zu fördern, das war der wichtigste Impuls der in den 1970er-Jahren im Kontext der Neuen Frauenbewegung entstehenden Frauengeschichtsforschung. Die Monographien und Sammelbände dieser Zeit brachten schon in der Metaphorik ihrer Titel sowohl die wahrgenommene Geschichtslosigkeit von Frauen wie auch den Anspruch auf Sichtbarmachung zum Ausdruck, wenn sie die "ungeschriebene Geschichte" adressierten, das "Sichtbarwerden" (Bridenthal/Koonz 1977) zum Gegenstand machten oder vom Suchen und Finden der Geschichte der Frauen (Lerner 1979; Hausen 1982) sprachen. Mit den Veränderungen der Geschlechterverhältnisse während des 20. Jahrhunderts, die sich an den im Porträt der Grazer Radfahrerin anklingenden Bedingungen und Kontexten nur erahnen lassen, sind weitere zentrale Forschungsgegenstände der Frauen- und Geschlechtergeschichte angesprochen: der Nachweis der Gewordenheit scheinbar natürlicher Geschlechterverhältnisse sowie die Sichtbarmachung und Analyse der komplexen Verflechtungen zwischen kulturellen Vorstellungen über die Geschlechter und der politischen Verfasstheiten von Gesellschaften.

Der emanzipatorische Anspruch der Frauen- und Geschlechtergeschichte ist eng mit der - nicht zuletzt auf historischer Forschung basierenden - Kritik essenzialistischer Weiblichkeitskonzeptionen verbunden. An feministischen Erkenntnisinteressen orientierte Arbeiten konnten zeigen, dass jene naturwissenschaftlich argumentierenden Aussagen über biologisch determinierte männliche und weibliche Geschlechtseigenschaften, die zur Legitimation politischer und sozialer Ungleichbehandlung von Frauen herangezogen wurden, sowie darüber hinaus das gesamte System der Zweigeschlechtlichkeit in ihren Grundzügen nichts anderes als eine Widerspiegelung kultureller Vorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts über Männlichkeit und Weiblichkeit waren (Honegger 1991). Auch dieses System wechselseitiger Verweise zur Herstellung einer Frauen marginalisierenden Geschlechterordnung hat in der fotografisch dokumentierten Szene ihre Spur hinterlassen. So erscheint es kaum nachvollziehbar, wie die junge Frau mit dem bodenlangen Kleid am Fahrrad vorankommen konnte, ohne zu stürzen. Evoziert sind damit zum einen die vielen Bekleidungsvorschriften und Körperapparaturen, die Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkten und gefährdeten. Die gravierenden Deformationen des weiblichen Körpers durch Verhüllungen und Panzerungen wie Korsett, Krinoline und überlange Kleider waren es nicht zuletzt, die als Beweis dafür dienten, dass Frauen körperlich schwach und hilfsbedürftig seien und daher als Abhängige keine politischen Entscheidungsrechte innehaben konnten. Zum anderen verweist die Kleidung der jugendlichen Bicyclistin auf einen bürgerlichen Hintergrund. Frauen der Unterschichten waren zur selben Zeit mit schwerer Erwerbsarbeit und unbeschränkten Schwangerschaften von einer mehrfachen Ausbeutung ihres Körpers betroffen. Die Frauen- und Geschlechtergeschichte suchte nach den Hintergründen der einen wie der anderen Zurichtungen, aber auch nach verstecktem und offenem Widerstand dagegen, nach Subversion und Aufbegehren (Honegger/Heintz 1984).

Die entstehende Frauen- und Geschlechtergeschichte traf in der Geschichtswissenschaft der 1970er-Jahre auf eine Reihe von Veränderungsprozessen. Neue Perspektiven und Methoden wie "Geschichte von unten", Oral History, Alltagsgeschichte und Mikrogeschichte stellten die an Ereignissen und Staaten orientierte Politikgeschichte und ihre "großen Erzählungen" in Frage. Der Blick richtete sich auf die "kleinen Leute", auf die von der Geschichtswissenschaft bis dahin kaum wahrgenommene Mehrheit jener Menschen, die von "historischen Ereignissen" mehr betroffen waren, als dass sie sie aktiv gestalteten. Mit der Fokussierung auf den Alltag gerieten zunehmend auch die Frauen ins Blickfeld historischer Analysen. Die frauen- und geschlechtergeschichtliche Forschung nahm sie anfangs als eine mehr oder weniger homogene Gruppe wahr - die Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen Frauen wurde als Ansatzpunkt für möglichen Widerstand gesehen. Erst in den 1980er-Jahren gerieten solche Verallgemeinerungen über "die Frauen" als an weißen, europäischen bzw. nordamerikanischen Frauen orientierte Perspektive unter Kritik, Differenzen wurden zunehmend thematisiert (Lerner 1993). Gleichzeitig verschob sich der Fokus von "Frauen" auf "Geschlecht"/"Gender": Ins Zentrum der Analyse rückten Fragen nach gesellschaftlichen Relationen, Macht- und Dominanzbeziehungen zwischen den Geschlechtern, nach Prozessen der Herstellung von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" sowie schließlich auch nach der kulturellen Konstruiertheit von Zweigeschlechtlichkeit. Die Rede über und die Herstellung von Geschlecht wurde nun als Zeichensystem gelesen, das gesellschaftliche Hierarchien zugleich herstellte und legitimierte (Scott 1986; Riley 1988; Canning 1994).

Das bislang wohl größte Publikationsprojekt der Frauen- und Geschlechtergeschichte, die fünfbändige, Anfang der 1990er-Jahre in mehreren Sprachen erschienene Geschichte der Frauen (Duby/Perrot 1993-1995) spiegelt diese Spannungsfelder. Liegt der Schwerpunkt der nach den großen historischen Epochen organisierten Bände auf der titelgebenden Frauengeschichte, in deren Rahmen auch homogenisierende Fragestellungen wie "Die protestantische Frau" formuliert wurden, so ist die Perspektive vieler der auf die Analyse umfassender gesellschaftlicher Kontexte ausgerichteten Beiträge eine geschlechtergeschichtliche. Die Kritik am Eurozentrismus der Frauen- und Geschlechtergeschichte wurde zumindest in der englischen und in der italienischen Titelgebung durch die Beschränkung des Anspruchs auf den "Westen" bzw. den "Okzident" reflexiv aufgenommen. Dies zeigt zugleich eine Entwicklung der 1990er-Jahre an, Überblicksdarstellungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte nun sehr genau auf spezifische geographische, politische und kulturelle Kontexte zu beziehen (z.B. Anderson/Zinsser 1995; Bock 2000; Hufton 1998).

Das Projekt der Frauen- und Geschlechtergeschichte war von Beginn an eines der kritischen Auseinandersetzung mit dem geschichtswissenschaftlichen Kanon, mit seinen spezifischen Vorannahmen und Fragestellungen. Das Postulat, dass die Ergebnisse der Frauen- und Geschlechtergeschichte nicht einfach einer "allgemeinen" Geschichte hinzugefügt werden können, sondern dass vielmehr die Geschichtswissenschaft als Ganze durch die frauen- und geschlechtergeschichtliche Perspektive herausgefordert sei, wurde dabei in sehr unterschiedlicher Weise begründet. So hat Gerda Lerner ihrem anspruchsvollen Projekt einer über die Jahrtausende und die Kulturen hinweg argumentierenden "holistischen" Geschichte den Begriff des Patriarchats zu Grunde gelegt, der ihrer These zufolge als Schlüssel zur Analyse von Gesellschaften nutzbar zu machen wäre (Lerner 1986, 1993). Demgegenüber sieht Karin Hausen gerade in der Nicht-Einheit der Geschichte, also im Bruch mit implizit oder explizit universalgeschichtlichen Zugängen, die von der Geschlechtergeschichte ausgehende historiographische Herausforderung (Hausen 1998). Ob die damit verbundene Multiperspektivität den - zumindest in europäischen Kontexten - nach wie vor häufig marginalen Status der Frauen- und Geschlechtergeschichte tatsächlich zementiert, wie dies Martina Kessel und Gabriela Signori befürchten (Kessel/Signori 2000:120), oder ob nicht gerade in der Delegitimierung einer zentralen Perspektive auch eine große Chance für frauen- und geschlechtergeschichtliche Ansätze liegt, wird erst die Zukunft weisen (Cox 1999).

Einen Hinweis auf den erreichten Grad der Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechtergeschichte stellt zum einen die zu beobachtende reflexive Wende dar, die u.a. in einer Reihe von Readern mit besonders einflussreichen Texten der letzten drei Jahrzehnte ihren publizistischen Ausdruck findet (Scott 1996; Laslett u.a. 1997). Aber auch das zunehmende Interesse an wissenschaftsgeschichtlichen Thematisierungen, die sich sowohl auf Frauen als Historikerinnen als auch auf Fragen nach Frauen wie nach Geschlechterverhältnissen in der Geschichte beziehen (Smith 2000; Spongberg 2002), belegt das gewachsene Selbst-Bewusstsein der Frauen- und Geschlechtergeschichte. In den miteinander verwobenen transdisziplinären Projekten der Gender Studien und der feministischen Theorie schließlich nimmt die historische Perspektive einen zentralen Platz ein. So werden nicht nur in einem Reader, der theoretische Entwürfe, Kritik und Analysen zur Kategorie Geschlecht zusammenfasst, eine Reihe von historisch argumentierenden Texten aufgenommen, in denen die Historizität scheinbar natürlicher Kategorien thematisiert wird (Hark 2001), auch eine Einführung in die Gender Studien diskutiert geschichtswissenschaftliche Ansätze und Fragestellungen an zentraler Stelle (Braun/Stephan 2000).

In diesem Sinne ist auch der nun vorgelegte Band ein Zeichen für die Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung: Er ist als Einführung konzipiert, als textbook, um das wesentlich sympathischere und aus unserer Sicht zutreffendere englischsprachige Äquivalent zum streng-deutschen "Lehrbuch" zu verwenden. Ziel der Textsammlung ist es, das Wissens- und Diskussionsfeld der Frauen- und Geschlechtergeschichte zu strukturieren und die wichtigsten Debatten nachzuzeichnen, Grundsätzliches darzustellen und zu begründen, zentrale Begrifflichkeiten in ihrem thematischen Kontext zu präsentieren und zu präzisieren. Damit richten sich Herausgeberinnen und AutorInnen in erster Linie an Studierende, aber auch an ein darüber hinausreichendes breiteres Publikum, das sich dem Feld der Frauen- und Geschlechtergeschichte annähern möchte. Das bringt mit sich, dass eher der Überblick, die rekapitulierende Darstellung Ziel des Bandes ist als die Präsentation neuer Forschungsergebnisse. Darauf verweisen auch die detaillierten Literaturangaben, die die Texte begleiten: Sie sollen nicht nur belegen, sondern auch Orientierung und Hilfe für die weitere Lektüre bieten.
Im Versuch, das Themenfeld zu strukturieren und exemplarisch zu illustrieren, haben wir eine Dreiteilung gewählt: In einem ersten, historiographischen Block werden gesellschaftliche und wissenschaftsgeschichtliche Kontexte der Entwicklung der Frauen- und Geschlechtergeschichte gezeigt. In einem autobiographisch gefärbten Beitrag geht Gabriella Hauch von den (Neu-)Anfängen der universitären und außeruniversitären Frauenforschung in den 1970er-Jahren aus, die sie in ihrem frauenbewegten gesellschaftlichen Umfeld verortet, und spürt den meist verschütteten, durch Nationalsozialismus und Nachkriegszeit aus dem Blick geratenen VorgängerInnen im 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nach. Dem folgt die Entwicklung der theoretischen Fassung und der Interpretation der Kategorie Geschlecht, die Andrea Griesebner in einem umfassenden Überblick über drei Jahrzehnte feministischer Theorie präsentiert. So debattenprägende Begriffe wie "sex" und "gender" werden ebenso erläutert wie der poststrukturalistische Versuch, einengende Dichotomien aufzulösen. Margareth Lanzinger schließlich erläutert die wichtigsten sozialen und publizistischen ‚Orte', an denen die damit in Zusammenhang stehenden Debatten geführt wurden, benennt und beschreibt die wichtigsten Zeitschriften, Buchreihen, Institutionen und Organisationen.
Dem folgt im zweiten Abschnitt die Beschäftigung mit Theorie, Methoden und Zugängen der Frauen- und Geschlechtergeschichte in einem breiteren erkenntnistheoretischen Kontext. Die Wissenschaftstheoretikerin Mona Singer stellt die feministische Kritik an den nur scheinbar standort-ungebundenen hegemonialen erkenntnistheoretischen Konzepten dar. Indem sie die Standortbezogenheit jeder Erkenntnis argumentiert, entwickelt sie ein epistemologisches Programm, das die Basis für gesellschaftliche bzw. politische Handlungsfähigkeit bilden kann. Die Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner zeigt in ihrem Text anhand von österreichischen und EU-rechtlichen Beispielen, in welcher Weise rechtliche Prozeduren Geschlechter"gleichheit" definieren und wie diese seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durch rechtliche Normen hergestellt werden soll. In eindrücklicher Weise wird dabei deutlich, wie diese normativen Versuche individuelle Handlungsspielräume definieren und begrenzen. Der Text von Brigitte Kossek schlägt eine Brücke zu den postkolonialen Studien. In deren Zentrum steht - wie bei den Gender Studies - eine Differenz, wenn auch vor allem eine ethnische/rassisierte. Kossek verweist auf die vielfache Verwobenheit der unterschiedlichen gesellschaftlichen Differenzen, die nicht nur als bloße Unterschiede, sondern als Legitimationsversuche von Über- und Unterordnung, von Dominanz, Marginalisierung und Unterwerfung konzipiert und instrumentalisiert werden. Die grundsätzliche Frage, ob es denn überhaupt "feministische Methoden" gäbe, steht am Anfang der Überlegungen von Eva Blimlinger und Ela Hornung. Anstatt einer eindeutigen Antwort skizzieren sie ausgewählte Forschungsarbeiten von Historikerinnen, die sich mit den Geschlechterverhältnissen befassen, und setzen anhand dieser konkreten Beispiele Forschungsinteressen mit Methodenentscheidungen und spezifischen Ergebnissen in Beziehung.

Die Texte, die im dritten Abschnitt versammelt sind, versuchen, jeweils ein wichtiges Themenfeld der Frauen- und Geschlechtergeschichte an einem konkreten empirischen Beispiel zu explorieren und die in der wissenschaftlichen Debatte entwickelten Termini so einzuführen und zu verdeutlichen. Anna Schober fragt nach den Potenzialen und Effekten von unterschiedlichsten Interventionen in den öffentlichen Raum: Anhand so unterschiedlicher Medien bzw. Ereignisse wie Videovorführungen oder Straßendemonstrationen konturiert sie die Bedeutungen von Repräsentationen in Bezug auf gesellschaftliche Machtverhältnisse. Birgitta Bader-Zaar und Johanna Gehmacher beschäftigen sich mit dem vielschichtigen Verhältnis von Geschlecht und Politik vor allem in zwei Themenfeldern: Zum einen werden am Beispiel der Wahlrechtsdiskussion/en an der Wende zum 20. Jahrhundert die unterschiedlichen Konzeptionen der Geschlechterdifferenz nach ihrer Konsequenz befragt. Zum anderen werden, konzentriert auf das in den letzten Jahren lebhaft beforschte und diskutierte Verhältnis von Geschlecht und Nation, die Fruchtbarkeit von geschlechtersensiblen Forschungszugängen für etablierte Forschungsfelder illustriert und Verschiebungen von Schwergewichten und Forschungsrichtungen, die sich daraus ergeben, deutlich gemacht. Andrea Ellmeier setzt in ihrem Text bei der geschlechtsspezifischen Zuordnung der öffentlichen und der privaten Arbeit an und präsentiert damit einen weiteren zentralen Bereich für die Herstellung und Definition der Geschlechterdifferenz. Über die Darstellung der "Politisierung" des Konsums gelingt es ihr darüber hinaus, eine weitere Facette der Geschlechtlichkeit des Politischen abzubilden. Franz X. Eder schildert in seiner Darstellung der Sexualitätsgeschichte sowohl die Entwicklung der historiographischen Debatte in den letzten dreißig Jahren als auch die Veränderung der gesamtgesellschaftlichen Diskurse, die um Sexualität/en kreisen. Auf dieser Basis entwirft er Perspektiven für eine künftige geschichtswissenschaftliche Sexualitätsforschung. Maria Mesner und Verena Pawlowsky stellen den gesellschaftlichen Umgang mit menschlicher/weiblicher Fortpflanzung(sfähigkeit) - die im Übrigen Thema vieler politischer Auseinandersetzungen zu Beginn der Neuen Frauenbewegung war - ins Zentrum ihrer Überlegungen. Am österreichischen Beispiel skizzieren sie Versuche der staatlichen Einflussnahme auf individuelles Verhalten und private Lebensführung ebenso wie die unterschiedlichen Bedeutungen, die "Gebären", seine Verweigerung oder seine Verhinderung in einer konkreten historischen Gesellschaft annehmen konnten.

Der Leserin oder dem Leser wird auffallen, dass sich in den hier versammelten Texten zwei Schwerpunkte abzeichnen: Einerseits gibt es ein "Übergewicht" einer auf Österreich konzentrierten Perspektive, zum anderen verweisen die meisten empirischen Bezüge auf das 19. und 20. Jahrhundert. In dieser Struktur spiegelt sich in Bezug auf die zeitliche Präferenz eine Charakteristik der frauen- und geschlechtergeschichtlichen Forschung wider, die insgesamt einen deutlichen Schwerpunkt in den letzten beiden Jahrhunderten, eigentlich in den letzten 150 Jahren aufweist. Andere lebhafte Forschungsnuklei bildeten sich in den letzten Jahren beispielsweise in der Frühen Neuzeit. Diese finden hier nicht angemessen Erwähnung, sollen aber keinesfalls gering geschätzt oder ausgeblendet werden. Ein einführender Überblick muss notwendigerweise stark auswählen, weglassen, kürzen. Anliegen der Herausgeberinnen bei der Auswahl der Themenfelder und AutorInnen war die Repräsentanz wesentlicher Fragestellungen und Debatten, weniger die Repräsentativität in Bezug auf die Zeitachse. Wir sind uns darüber im Klaren, dass diese Prioritätensetzung notwendigerweise auch Unausgewogenheiten, Marginalisierungen und Ausblendungen produziert. Der geographische Fokus erklärt sich einerseits durch das Lebens- und Arbeitsumfeld der Herausgeberinnen und AutorInnen, andererseits verweist er aber auch auf ein Spezifikum der österreichischen Forschungslandschaft: Diese ist in einem vergleichsweise hohen Ausmaß "introvertiert", die Beschäftigung mit anderen europäischen oder außereuropäischen Kontexten findet (noch) zu selten statt, auch transnationale Projekte sind (noch) nicht sehr zahlreich. Wir hoffen aber, dass diese "Lücken" auch Anregung für weitere Arbeiten, Projekte, Forschungsanstrengungen darstellen.

Wir möchten dieses Editorial nicht abschließen, ohne all jenen gedankt zu haben, die am Zustandekommen dieses Bandes Anteil hatten: der Arbeitsgruppe "70 Jahre Frauenwahlrecht", dem Frauenbüro der Gemeinde Wien sowie dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur für die finanzielle Unterstützung, der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte für die Bereitstellung der organisatorischen Rahmenbedingungen, der HerausgeberInnenrunde der Querschnitte für das Interesse an diesem Projekt sowie Andrea Schnöller und Marianne Oppel (Verein für Geschichte und Sozialkunde) für die professionelle Unterstützung bei der Erstellung des Sammelbandes. Unser besonderer Dank gilt schließlich den AutorInnen und ReferentInnen der an der Universität Wien abgehaltenen Ringvorlesung, auf der der vorliegende Band basiert, für ihre Denkarbeit, ihre Offenheit und Bereitschaft, sich mit unseren Anliegen, Anregungen und Vorschlägen auseinander zu setzen.

Wien, im Oktober 2003

Literatur

Anderson, Bonnie S./Zinsser, Judith P. (1995): Eine eigene Geschichte: Frauen in Europa. Frankfurt am Main: S. Fischer
Bleckmann, Dörte (1998): Wehe wenn sie losgelassen! Über die Anfänge des Frauenradfahrens in Deutschland. Leipzig/Gera: Maxime Verlag
Bock, Gisela (2000): Frauen in der europäischen Geschichte. München: Beck
Braun, Christina von/Stephan, Inge, Hg. (2000): Gender Studien. Eine Einführung. Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler Verlag
Bridenthal, Renate/Claudia Koonz, Hg. (1977): Becoming Visible: Women in European History. Boston: Houghton Mifflin
Canning, Kathleen (1994): Feminist History after the Linguistic Turn: Historicizing Discourse and Experience. In: Signs: Journal of Women in Culture and Society 19/2: 416-452
Cox, Pamela (1999): Futures for Feminist Histories. In: Gender & History 11/1: 164-168
Davis, Natalie Zemon (1989): Gesellschaft und Geschlechter. Vorschläge für eine neue Frauengeschichte. In: Frauen und Gesellschaft am Beginn der Neuzeit, Natalie Zemon Davis. Frankfurt am Main: S. Fischer: 117-132, 161-171
Duby, Georges/Perrot, Michelle, Hg. (1993-1995): Geschichte der Frauen. 5 Bde.: Bd. 1: Antike, Hg. Claudine Schmitt-Pantel (1993); Bd. 2: Mittelalter, Hg. Christiane Klapisch-Zuber (1993); Bd. 3: Frühe Neuzeit, Hg. Arlette Farge/Natalie Zemon Davis (1994); Bd. 4: 19. Jahrhundert, Hg. Geneviève Fraisse/Michelle Perrot (1994); Bd. 5: 20. Jahrhundert, Hg. Françoise Thèbaud (1995). Frankfurt am Main/New York: Campus
Farge, Arlette (1989): Praxis und Wirkung der Frauengeschichtsschreibung. In: Geschlecht und Geschichte. Ist eine weibliche Geschichtsschreibung möglich? Alain Corbin/Arlette Farge/Michelle Perrot u. a. Frankfurt am Main: S. Fischer: 29-45
Hark, Sabine (2001): Dis/Kontinuitäten: Feministische Theorie. Opladen: Leske & Budrich
Harrer, Hilde (1996): Der "Grazer Damen-Bicycle-Club" Rad fahrende Frauen gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In: Über den Dächern von Graz ist Liesl wahrhaftig. Eine Stadtgeschichte der Grazer Frauen, Hg. Carmen Unterholzer/Ilse Wieser. Wien: Wiener Frauenverlag
Harrer, Hilde (1998): Grazer Radfahrvereine 1882-1900. Ein Beitrag zur Geschichte des steirischen Radfahrwesens. Graz: Historische Landeskommission für Steiermark
Hausen, Karin, Hg. (1982): Frauen suchen ihre Geschichte. München: Beck
Hausen, Karin, Hg. (1998): Die Nicht-Einheit der Geschichte als historiographische Herausforderung. Zur historischen Relevanz und Anstößigkeit der Geschlechtergeschichte. In: Geschlechtergeschichte und Allgemeine Geschichte. Herausforderungen und Perspektiven, Hg. Hans Medick/Ann-Charlott Trepp. Göttingen: Wallstein Verlag
Honegger, Claudia (1991): Die Ordnung der Geschlechter. Frankfurt am Main: Campus
Honegger, Claudia/Heintz, Bettina (1984): Listen der Ohnmacht. Zur Sozialgeschichte weiblicher Widerstandsformen. Frankfurt am Main: Syndikat/EVA
Hufton, Olwen (1998): Frauenleben: eine europäische Geschichte 1500-1800. Frankfurt am Main: S. Fischer
Kessel, Martina/Signori, Gabriela (2000): Geschichtswissenschaft. In: Gender Studien. Eine Einführung. Hg. Christina von Braun/Inge Stephan. Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler Verlag
Laslett, Barbara u.a., Hg. (1997): History and Theory: Feminist Research, Debates, Contestations. Chicago/London: University of Chicago Press
Lerner, Gerda (1995): Frauen finden ihre Vergangenheit. Grundlagen der Frauengeschichte. Frankfurt am Main: Campus


Quelle: Querschnitte 14: Frauen- und Geschlechtergeschichte. Positionen / Perspektiven. Herausgegeben von Johanna Gehmacher & Maria Mesner: Innsbruck, Wien, München, Bozen: Studienverlag 2003
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