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Einleitung

Christina Lutter - Margit Szöllösi-Janze - Heidemarie Uhl

Quelle: Kulturgeschichte. Fragestellungen - Konzepte - Annäherungen. Herausgegeben von Christina Lutter / Margit Szöllösi-Janze / Heidemarie Uhl: Innsbruck, Wien, München, Bozen: Studienverlag 2004

Was hat Gelächter mit Krieg und Männlichkeit, was mit der Konstruktion kollektiver Vergangenheiten zu tun? Wieso steckt der liebe Gott im "Dazwischen" der Bildwissenschaft, und was verbindet diese Frage mit einer Neudefinition der internationalen Beziehungen über transnationale Grenzräume? Der neuen Kulturgeschichte ist von nicht wenigen Kritikern postmoderne Beliebigkeit vorgeworfen worden - eine Beliebigkeit hinsichtlich ihrer Inhalte, ihrer Methoden und theoretischen Konzepte. Die Beiträge des vorliegenden Bandes scheinen diese Buntscheckigkeit zu bestätigen. Bloßer "Kulturalismus" also, politisch unverbindlich, diffus im Inhalt und eklektizistisch in Theorie und Methode? Ist Kulturgeschichte zu einem Passepartoutbegriff geworden?
Die kulturwissenschaftliche Wende in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die deren Gemeinsamkeit theoretisch voraussetzt, erfolgte ihrerseits in Form verschiedener turns: Man kennt inzwischen den linguistic, den visual oder iconic, den interpretative und den performative turn, man liest von der "anthropologischen" Wende. Auf jeden Fall handelt es sich um ein internationales Phänomen, das seit gut zwei Jahrzehnten andauert, und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Frage, was "beyond the cultural turn" zu erwarten sei, wird gelegentlich zwar gestellt, doch Antworten sind selten und erfolgen zögerlich.
Das Thema Kultur hat innerhalb der einzelnen akademischen Disziplinen teilweise heftige, auf jeden Fall grundsätzliche Kontroversen hervorgerufen, die das Selbstverständnis des eigenen Fachs ansprachen. "Clio unter Kulturschock" übertitelte Ute Daniel 1997 ihren Überblick über die aktuellen Debatten in der Geschichtswissenschaft. Auf der anderen Seite durchbrach Kultur als neuer Schlüsselbegriff althergebrachte disziplinäre Grenzen, über die hinweg sich unverhoffte fächerübergreifende, eben kulturwissenschaftlich bestimmte Allianzen bildeten, die ganz neue Chancen inter- bzw. transdisziplinärer Erkenntnis- und Kooperationsmöglichkeiten eröffneten. Auch innerhalb der Geschichtswissenschaft ist die lange kultivierte Sprachlosigkeit zwischen Politik-, Sozial- und Kulturhistoriker/inne/n inzwischen einem vielstimmig abgestuften Dialog gewichen. Die Grundfarben der Geschichte, so hatte Thomas Nipperdey noch 1992 befunden, seien nicht schwarz oder weiß, sondern grau in unendlichen Schattierungen. Nach der durchgreifenden Pluralisierung historischer Fragestellungen, Konzepte und Methoden ist Geschichte zweifellos bunt geworden, was den selbst prozesshaften und diskursiven Charakter des kulturwissenschaftlichen Forschungsinteresses unterstreicht.
Bei aller Unbestimmtheit des Kulturbegriffs, bei aller Heterogenität der Perspektiven und Methoden im Einzelnen gilt es jedoch auch, die Gemeinsamkeiten kulturwissenschaftlichen Forschens hervorzuheben, geht es doch nicht zuletzt darum, der Gefahr einer sich verselbstständigenden Rhetorik entgegenzuarbeiten. Gemeinsamkeiten liegen in der grundsätzlich theoriegeleiteten, stark text- wie auch kontextorientierten und konsequent historischen Herangehensweise aller Ansätze, die sich als Beiträge in einem bewusst dezentralisiert und polyperspektivisch aufgefassten Prozess kultureller Verständigung und Selbstwahrnehmung begreifen. Sie sind ferner darauf angelegt, Integrations- wie Exklusionsmechanismen kritisch zu hinterfragen und das Fremde in das scheinbar Vertraute hineinzuholen. Dazu gehört auch die konstante Prüfung des eigenen theoretischen und methodischen Instrumentariums und die Sensibilität für die eigene Perspektivität und Beteiligung an der Produktion wissenschaftlichen Wissens.
Welche kulturwissenschaftlichen Theorien und Methoden, Fragestellungen und Forschungskonzepte sind es nun, die der Geschichtswissenschaft neue Erkenntnismöglichkeiten eröffnen? Diese Frage, die den Beiträgen des Bandes zugrunde liegt, impliziert ein disziplinspezifisches, nämlich geschichtswissenschaftliches Interesse an Kultur, auch wenn dezidiert disziplinübergreifend gearbeitet wird. Es geht um die Wahrnehmung, Aneignung und Deutung historischer Lebenswelten durch die Menschen, die als symbol- und sinnbildende Akteurinnen und Akteure, als animalia symbolica (Ernst Cassirer), aufgefasst werden. Ebenso aber geht es um ihre Handlungsspielräume, die durch kulturelle Wahrnehmungen ebenso bedingt sind wie durch soziale, politische und ökonomische Rahmenbedingungen. Indem Menschen solche Spielräume nutzen, verändern sie ihrerseits durch soziale und kulturelle Praxis den jeweiligen historischen Kontext. "Kultur" und "Gesellschaft" stellen in dieser Perspektive keinen Gegensatz dar, sondern bedingen einander wechselseitig.
Reinhard Sieder skizziert in seinem Beitrag zunächst grundsätzlich die Vielfalt kulturwissenschaftlicher Fragestellungen und der ihnen zugrunde liegenden Kulturbegriffe seit den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts, die wissenschaftlichen Traditionen, auf die sie sich berufen, sowie ihre gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontexte. In der Folge widmet er sich der Frage nach dem Anteil von "Kultur" an okzidentalen, insbesondere europäischen Modernisierungsprozessen. Dieses "offene Arbeitsfeld" entfaltet Sieder mit besonderem Bezug auf die Arbeiten Max Webers, um schließlich nach den Zusammenhängen verschiedener kultureller Phänomene in Politik, Ökonomie, Religion und Kunst zu fragen.
Silvia Serena Tschopp zeichnet drei theoretische Traditionsstränge von Kulturgeschichte nach, die bis in das frühe 20. Jahrhundert zurückreichen. Am Beispiel der deutschen Kulturphilosophie, der französischen Mentalitätengeschichte und der britischen Cultural Studies macht sie vor allen Dingen aber deutlich, dass diese sich nur hinsichtlich ihrer Genese einem nationalen Kontext zuordnen lassen. In ihrer Gesamtheit konstituieren sie vielmehr ein dichtes europäisches und darüber hinaus reichendes Kommunikationsnetz, das die Grenzen einzelner Wissenschaftstraditionen sprengt.
Die zentrale Rolle der Kategorie Geschlecht für kulturwissenschaftliche Ansätze, ihre Überschneidungen mit weiteren wichtigen sozialen und analytischen Kategorien sowie die Gemeinsamkeiten der Kulturgeschichte und der historischen Geschlechterforschung verdeutlichen die folgenden drei Beiträge. Auf der Basis eines umfassenden Forschungsüberblicks über die theoretischen und methodologischen Auseinandersetzungen in der Frauen-, Geschlechter- und Körpergeschichte der letzten drei Jahrzehnte konzentriert sich Heidrun Zettelbauer auf das Verhältnis der Kategorien Geschlecht und Nation. Sie erläutert, wie eine geschlechtersensible Nationsforschung sowohl national konstruierte Körperbilder und ihre Auswirkungen auf individuelle Körper als auch geschlechtlich kodierte Identitäts- und Nationsbildungsprozesse sichtbar gemacht hat. Insbesondere kann sie zeigen, dass nicht nur die soziale Kategorie Geschlecht, sondern auch jene des Körpers nicht biologisch konstant und daher a-historisch konzipiert werden kann, sondern Körper-Erfahrungen ebenso wie Körper-Bilder historischen Veränderungen unterliegen.
Mit den Konsequenzen, die Repräsentationen von Geschlecht auf soziale Beziehungen und Herrschaftsverhältnisse haben, beschäftigt sich auch Martina Kessel. Die Untersuchung von Humor und Gelächter - als soziale Praktiken und als mediale Phänomene - zeigt darüber hinaus, dass bislang wenig beachtete, "ephemere" Quellen präzisen Einblick in die mentalen Strukturen, die kulturellen Codes und die sozialen Ordnungen einer Gesellschaft geben können. Die Figur des fröhlich-herzlichen deutschen Landwehrmanns erweist sich als Schnittstelle zwischen Konstruktionen von Männlichkeit, einer imaginierten Einheit des nationalen Kollektivs über die sozialen Unterschiede hinweg und der Abgrenzung gegenüber den "Feindmächten", vor allem den "humorlosen" Franzosen.
Christina Lutter setzt sich in ihrem Beitrag mit den Wechselwirkungen der Kategorien Geschlecht und Wissen auseinander. Gleichzeitig untersucht sie anhand von Fallbeispielen aus dem 12. Jahrhundert die Anwendbarkeit aktueller wissenschaftstheoretischer Konzepte auf weit in der Vergangenheit liegende Zeiträume. Auf der Basis theoretischer Ansätze in der Tradition der British Cultural Studies und der französischen Nouvelle Histoire plädiert sie für eine Mediävistik als historische Kulturwissenschaft des Sozialen, die politische und ökonomische Rahmenbedingungen ebenso ernst nimmt wie Muster und Prozesse symbolischer Sinngebung und die kulturellen Praktiken, in denen diese hergestellt, verhandelt und verändert werden.
Die Kategorie des Wissens bildet auch den Ausgangspunkt für die Frage nach der Art und Weise, wie Gesellschaften das Bild "ihrer" Vergangenheit konstruieren - sie steht im Mittelpunkt des Beitrags von Heidemarie Uhl. Nicht die vergangenen Ereignisse selbst bestimmen das Gedächtnis eines Kollektivs, dessen historische Bezugspunkte werden vielmehr von gegenwärtigen Identitätsvorstellungen und Bedürfnissen nach Sinnstiftung bestimmt. Das Gedächtnis, von Jan Assmann als kollektiv geteiltes Wissen um die Vergangenheit definiert, und seine kulturellen Formungen bilden keinen feststehenden, kanonisierten Besitzstand. Die Repräsentationen des Gedächtnisses sind vielmehr Ergebnis der gesellschaftlichen Deutungskonkurrenz um die Formulierung und Durchsetzung der jeweiligen Sichtweise auf die Vergangenheit und damit kontingent und veränderbar.
Gedächtnis und Erinnerungskultur, memoria, hat als zentraler Gegenstand der Kulturwissenschaften ebenfalls eine lange Tradition, mit der sich Hedwig Röckelein beschäftigt: Aby Warburg hat 1926 das Konzept der Mnemosyne zum Motto seiner kulturwissenschaftlichen Bibliothek gemacht. Es kreist um die Renaissance als historische Epoche, aber ebenso um Renaissance als Prinzip. Voraussetzung einer Renaissance ist laut Warburg die Erinnerung, die Tradierung kultureller Praktiken, kulturellen Wissens und kultureller Anschauungen. Wie Max Weber glaubte auch Warburg nicht an eine lineare Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis und Geschichte. Er interessierte sich mehr für historische Widersprüche und gegenläufige Entwicklungen, für Pendelbewegungen und für die Versuche, diese auszugleichen.
In jüngster Zeit hat eine spezifische Form der Vermittlung von "Wissen" in der medialen Kommunikation vermehrt Aufmerksamkeit in den Kulturwissenschaften erfahren - die Rolle von Bildern für die Wahrnehmung von gegenwärtiger (und vergangener) Wirklichkeit. Marion G. Müller stellt die Frage nach dem Potenzial der Kulturgeschichte als einer problemorientierten Bildwissenschaft. Bilder bzw. Formen der visuellen Kommunikation werden dabei als Quellen betrachtet, die Einblick in kollektive "Denkbilder" und Vorstellungswelten eröffnen können. Die Frage nach der Funktion von Bildern für die "Konstruktion der sozialen Wirklichkeit" ermöglicht so transdisziplinäre Grenzüberschreitungen zwischen den Kulturwissenschaften und der Politik- und Sozialwissenschaft.
Während die Perspektive der visual studies neue Untersuchungsgegenstände im Feld der politischen Kultur eröffnet, zeigt der Beitrag des Historikers Johannes Paulmann, dass disziplinäre Kernbestände der politischen Geschichte für kulturwissenschaftliche Fragestellungen geöffnet werden können. Paulmann leitet aus dem Konzept des interkulturellen Transfers kulturgeschichtliche Perspektiven auf die historische Entwicklung der internationalen Beziehungen ab. Dabei handelt es sich nicht um den Transfer von Hochkultur, sondern um den Transfer von Wissen, Gütern, Menschen oder Institutionen zwischen Kulturen. Transferprozesse erfolgen über verschiedene Grenzräume, deren konkrete Binnenstruktur und Akteure der empirisch orientierten historischen Forschung offen stehen. In einem zweiten Schritt kann grenzüberschreitendes Handeln auf der Mikroebene dann mit der Evolution des internationalen Systems analytisch verknüpft werden.
Kulturgeschichte, so betont Ute Daniel in "Kompendium Kulturgeschichte" (2001), ist keine Bindestrich-Geschichte, keine Teildisziplin der Geschichtsschreibung wie etwa Wirtschafts- oder Regionalgeschichte, sie ist weder durch einen bestimmten Gegenstandsbereich noch durch einen Kanon an konstitutiven Theorien und Methoden bestimmt. Theorie und Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens sind vielmehr durch einen Horizont gemeinsamer Erkenntnisinteressen geprägt, von denen die jeweiligen (trans-)disziplinären Perspektiven auf die Erscheinungsformen der sozialen Welt geleitet sind. Die unterschiedlichen Forschungsperspektiven und Fragestellungen der Beiträge dieses Bandes verstehen sich als Annäherungen an die Vielfalt der Kulturgeschichte, die sich programmatisch einer eindeutigen definitorischen Festlegung entzieht, zählt doch die Abgrenzung von den "großen Erzählungen" und Erklärungsmodellen sowie die Selbstreflexion über die Standortgebundenheit des Wissenschafters, der Wissenschafterin zu ihren leitenden Prinzipien.

Wien, im März 2004


Quelle: Kulturgeschichte. Fragestellungen - Konzepte - Annäherungen. Herausgegeben von Christina Lutter / Margit Szöllösi-Janze / Heidemarie Uhl: Innsbruck, Wien, München, Bozen: Studienverlag 2004
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