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Einleitung: Von der mediterranen zur atlantischen Expansion

Peter Feldbauer, Gottfried Liedl, John Morrissey

Quelle: Querschnitte 2: Von der mediterranen zur atlantischen Expansion. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Gottfried Liedl, John Morrissey. Wien: Turia + Kant 1999.

Eine noch so differenzierte historische Analyse der internen sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung der europäischen Gesellschaft vor Beginn der atlantischen Expansion ermöglicht für sich alleine keine plausible Erklärung ihrer späteren ökonomischen, technologischen und militärischen "Überlegenheit" gegenüber den außereuropäischen Gesellschaften, Zivilisationen und Staaten. Dasselbe läßt sich auch für jede isolierte Betrachtungsweise besagter Entwicklung auf "nichteuropäischer" Seite behaupten - und wäre sie in sich noch so schlüssig und profund. Denn einerseits bestanden schon lange vor dem 15. Jahrhundert folgenreiche Handels-, Kultur- und Migrationskontakte zwischen weit voneinander entfernten Weltregionen - manche Autorinnen und Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von antiken, vorkapitalistischen oder auch außereuropäischen Weltökonomien und Weltsystemen; andrerseits zogen die Jahrhunderte des europäischen Kolonialismus und Imperialismus praktisch in allen Überseegebieten massive Eingriffe nach sich, die sich wohl nur in apologetischer Absicht als Folge einer "Unfähigkeit zur Entwicklung", einer Stagnation begreifen lassen, so als wäre diese bereits in vorkolonialer Zeit gewachsen, kulturell bedingt oder gar rassisch bzw. klimatisch determiniert.
Dabei sollte das europäische Ausgreifen an die östlichen und südlichen Küstengebiete des Mittelmeerraumes, schließlich - seit dem 15. Jahrhundert - auf alle überseeischen Kontinente, auch nicht unbedingt als Frühphase des Kapitalismus angesehen werden; es als feudal-kaufmannskapitalistisch geprägt zu begreifen, wäre wahrscheinlich angemessener. Trotz der damit verbundenen schwerwiegenden Konsequenzen für viele außereuropäische Regionen - Konsequenzen, die spätestens seit dem 18. Jahrhundert unübersehbar werden -, liefert der vom südeuropäischen Kaufmannskapital und von den iberischen Monarchien getragene Expansions- und Kolonialisierungsprozeß keine Generalerklärung - weder für die europäische Entwicklung selbst noch für die facettenreiche Geschichte wirtschaftlich-technologischer Stagnation, soziopolitischer Deformation und militärischer Unterlegenheit der heute so genannten Länder der Dritten Welt (Länder, die innerhalb des Weltsystems peripher sind). Denn diese waren und sind keineswegs nur passive Opfer europäischer Überlegenheit.
Bei der Analyse des europäischen Sonderwegs, dessen befriedigende Erklärung nach wie vor aussteht und möglicherweise nie widerspruchsfrei gelingen wird, sollten daher nicht bloß die immer wieder diskutierten Brüche und Dichotomien zwischen "Feudalismus" und "Kapitalismus" sondern stärker noch die wahrscheinlich ebenso wichtigen Kontinuitätslinien Aufmerksamkeit finden. Denn der Vergleich der westeuropäischen Entwicklung mit Entwicklungen in außereuropäischen Gesellschaften - etwa in den hochentwickelten Agrarzivilisationen Chinas, Indiens und der Islamischen Welt - mag zwar den Blick für Besonderheiten des okzidentalen Entwicklungsganges - und umgekehrt - schärfen. Er liefert aber nur beschränkt Hilfe für die Bewertung des ökonomischen und politischen Entwicklungspotentials asiatischer, amerikanischer und afrikanischer Gesellschaften (und hat auch umgekehrt verheerende Wirkungen auf die Einschätzung des spezifisch "europäischen" oder westlich-abendländischen "Entwicklungspotentials" beziehungsweise deren Triebkräfte und Ursachen). Diese profunde Blindheit für die Hintergründe eines bloß auf Unterschiede starrenden Blicks hat sich denn auch auf ganz bezeichnende Art und Weise entlarvt: in der mittlerweile ziemlich exzentrisch anmutenden Suche nach "kapitalismushemmenden" oder "kapitalismusfördernden" Faktoren. -
Das Thema ist seit den Siebzigerjahren natürlich der schon immer vermutete innere Zusammenhang von Moderne und sogenanntem Weltsystem. Nur hat sich der Eifer der Suchenden merklich abgekühlt. Eine stärkere Konzentration auf die regionale Entwicklung mit ihren realen Besonderheiten ist an die Stelle idealtypischer Konstruktionen getreten. Konzepte zur Erfassung der wesentlichen Merkmale (außer-)europäischer Gesellschaften, Ökonomien und Kulturen, seien sie nun marxistischer, liberaler oder konservativer Provenienz, haben sich als nur beschränkt tauglich erwiesen. Statt sich in ausufernde Debatten über 'Asiatische', 'Afrikanische' und 'Koloniale Produktionsweise', über 'Orientalische Despotie', 'Tributgebundene Gesellschaftsformationen' oder 'Präbendalen Feudalismus' zu stürzen, begnügt sich die neue Bescheidenheit mit eklektisch gefügten, relativ offenen Modellen, die auch der ohnehin schon lang vermuteten Durchlässigkeit und Vergleichbarkeit, ja geradezu Überlappung scheinbar so unterschiedlicher Großräume wie des (west-) europäisch-mediterranen, des Nahen und des Fernen Ostens viel angemessener zu sein scheinen. So standen die großen Agrarbürokratien des Ostens - insbesondere China, das Mogulreich, Persien und natürlich das Osmanische Reich - im Gegensatz zu Mittel- und Südamerika (und im Unterschied auch zu den relativ kleinräumigen Staatsgebilden Afrikas) zumindest bis zur globalen Krise des 17. Jahrhunderts hinsichtlich wirtschaftlicher Leistungskraft, staatlicher Administrationskompetenz und militärischen Potentials mit den führenden Reichen und Nationalstaaten West- und Zentraleuropas grundsätzlich auf gleichem Niveau. Was hier aber gar nicht hoch genug bewertet werden kann, ist der Einfluß, den die Wertschätzung solchen Erkenntnisgewinns in pragmatischer Absicht (um es einmal gut kantianisch auszudrücken), der sich die neuere historische Forschung zu befleißigen scheint, auf die Selbsteinschätzung Europas hat. Denn es geht mindestens so sehr um die Revision der Vorstellung des einen, schon immer vom Westen dominierten Weltsystems (was ja, philosophisch betrachtet, nur ein abgeleitetes Problem ist) wie um die Wiederherstellung einer intellektuellen Unbefangenheit im Umgang mit dem eigenen christlich-abendländischen Ego.
"Europa bauen" nennt sich eine mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum sehr erfolgreiche Buchreihe, die bekannte Namen aus der Sozial- und Kulturgeschichte, aus den Kultur- und Geisteswissenschaften unter jenem Label vereinigt, das die großen politischen Trends zur Jahrtausendwende gar nicht besser auf den Punkt bringen könnte. Unter diesen Trends ist die Renaissance eines Bewußtseins von Grenzen - nach mehr als einem halben Jahrtausend der gewaltsamsten und verwegensten Expansion - das vielleicht bemerkenswerteste Phänomen. Das Fragen kreist - pointiert gesprochen - heute weniger um die Europäisierung der Welt als vielmehr um die "Europäisierung Europas" (Herbert Frey). Gemeint ist damit die Relativierung, worin sich Europa zum erstenmal tatsächlich als das Andere der Anderen begreift und sich den ethnologischen Blick, den es so lange und so selbstvergessen auf die sogenannte "Welt" projiziert hat, nun selbst gefallen läßt. Und noch einmal anders formuliert: Wo der Historiker - etwa des Neunzehnten Jahrhunderts - unter der Chiffre "Weltgeschichte" nichts als eine gigantische Geschichte Europas (nämlich die Erzählung einer wie auch immer aufgeklärten "Sendung", einer säkularisierten "Heilsgeschichte" dieses Kontinents) betrieben hat, stellen seine Erben an der Schwelle des neuen Jahrtausends vergleichsweise bescheidene Fragen. Was heute interessiert, ist einfach der Ort, den Europas Erzählung im Konzert der anderen - benachbarten - Erzählungen einnimmt.


Quelle: Querschnitte 2: Von der mediterranen zur atlantischen Expansion. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Gottfried Liedl, John Morrissey. Wien: Turia + Kant 1999.
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