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Einleitung: Neue Geschichten der Sexualität

Franz Eder, Sabine Frühstück

Quelle: Querschnitte 3: Neue Geschichten der Sexualität. Herausgegeben von Franz Eder, Sabine Frühstück. Wien: Turia + Kant 1999.

Dieses Buch ist aus einer Ringvorlesung hervorgegangen, die im Wintersemester 1999/2000 an der Universität Wien stattgefunden hat. Es stellt einen ersten Versuch dar, die Geschichte der Sexualität in Ostasien und Zentraleuropa gemeinsam zu diskutieren und damit sichtbar zu machen, daß Sex nicht nur eine, sondern mehrere Geschichten hat. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit nicht bloß auf die jeweilige kulturelle Bedingtheit der Sexualität zu lenken, sondern auch die Ost-West-Dichotomie in der Historiographie der Sexualität aufzubrechen.
Vor etwas mehr als zwanzig Jahren hat Michel Foucault in L'histoire de la sexualité (Foucault 1976) gezeigt, daß sexuelle Normen und Kategorien ein System von Machtbeziehungen, eine Art und Weise, Macht zu denken und zu organisieren, konstituieren. Selbst wenn wir glauben, mit dem Sex einen essentiellen, innersten und eigensten Teil unserer Identität zu besitzen, sind wir den soziokulturellen Techniken des "Sexualitätsdispositivs" ausgeliefert. Foucaults Thesen haben die Historiographie der Sexualität revolutioniert: Die "alte", von der Freudschen Psychoanalyse beeinflußte Sexualitätsgeschichte bediente sich noch des "Dampfkesselmodells", nach dem ein biologischer "Sexualtrieb" durch kulturelle und gesellschaftliche "Repression" modelliert wird. Die "neue" Sexualitätsgeschichte hingegen rückte die produktive Konstruktion des Sexuellen in den Vordergrund und untersuchte vor allem die Sinngebung der sexuellen Begierde. Das Sexuelle, als Trieb, Begierde, Vorstellung usw., sei sozial und kulturell konstruiert - so lautete das neue Credo der meisten Sexualitätshistoriker und -historikerinnen.
Mit diesem konstruktivistischen "turn" ging der Sexualitätsgeschichte jedoch der klar definierte Gegenstand verloren und mit ihm auch die Anleitung, wie menschliche "Sexualität" (ein Wort, das eigentlich nur mehr in Anführungszeichen verwendet werden sollte) gedacht werden kann (Eder 1994). Sexualitätsgeschichte zu betreiben, bedeutete nun nicht nur, der Gegenstandskonstruktion in der Geschichte nachzuspüren, sondern auch das Sexuelle im Forschungsprozeß immer wieder neu zu definieren. Fest steht jedenfalls, daß die Sexualität auch für die Geschichtsforschung nicht mehr "einfach" faßbar ist. Es gibt bestenfalls Theorien, Thesen und Vorstellungen vom sexuellen Begehren und von sexuellen Kulturen, schlechtestenfalls Mythen, Ideologien und Projektionen davon. Besonders bei der Betrachtung "fremder" Kulturen und Gesellschaften steigt dabei die Gefahr, diese gleichsam als archaischen Widerpart der modernen westlichen Sexualkonstruktion zu sehen.
Die Auseinandersetzung mit, die Gegenüberstellung und das Zusammen-Lesen von Geschichten der Sexualität in Ostasien und Zentraleuropa macht es notwendig, die Frage nach den Verfahren, die die Wahrheit des Sex produzieren, neu zu stellen. Nach Foucault hätten sich zwei grundsätzliche Kulturtechniken entwickelt: In China, Japan, Indien, Rom und in den arabisch-islamischen Gesellschaften würde eine ars erotica die Wahrheit aus der Lust selbst ziehen, der wahre und richtige Sex würde hier als Praxis begriffen und als Erfahrung gesammelt. Die westliche Zivilisation hingegen würde - zumindest auf den ersten Blick - keine ars erotica besitzen, dafür aber eine scientia sexualis betreiben. Die westliche Zivilisation sei damit die einzige, die im Lauf von Jahrhunderten "um die Wahrheit zu sagen, Prozeduren entwickelt hat, die sich im wesentlichen in Form von Macht-Wissen unterordnen, die der Kunst der Initiation und dem Geheimnis des Meisters streng entgegengesetzt ist". (Foucault 1989:75)
Einige Beiträge dieses Buches zeigen, daß diese These einer empirischen Überprüfung nicht standzuhalten vermag. Zweifelsohne wurde die ars erotica in China und Japan über Jahrhunderte hinweg auf bemerkenswerte Art und Weise gepflegt, und selbst heute noch gilt Japan als das Land, in dem die ästhetisch und technisch anspruchsvollsten erotisch-pornographischen Computerspiele hergestellt werden. Doch auch in China und Japan wurde Sexualität in den letzten Jahrhunderten durch Medizin, Pädagogik, Philosophie und Theologie konstruiert und mit Wahrheit aufgeladen. Spätestens seit dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert geriet der Sex auch dort in die Fänge der wissenschaftlichen Wahrheits(er)findung nach europäisch-amerikanischem Muster. Umgekehrt konnte für westliche Sexualkulturen gezeigt werden, daß die scientia sexualis nur einen Aspekt der Sexualkonstruktion ausmachte und der wissenschaftliche Diskurs nur neben und im Austausch mit der lebensweltlichen Konstruktion von Sexualität bestehen konnte. Gerade die Erforschung der soziosexuellen Praktiken und Vorstellungen hat in den letzten Jahren deutlich an Gewicht gewonnen. Das gilt auch für die Geschichte der "erotischen Lebenskunst" in westlichen Kulturen, die ebenfalls klarere Konturen erhalten hat.
Im internationalen Vergleich zeigt sich, daß die Historiographie der Sexualität recht unterschiedlich entwickelt ist. Während die Sexualgeschichte der USA (D'Emilio/Freedman 1997) und einiger europäischer Länder boomt (Eder/Hall/Hekma 1999), wissen wir bei vielen europäischen und einigen ostasiatischen Ländern (Wile 1992; Dikötter 1995; Frühstück 1997:12-22; Evans 1997:1-55) nur über einzelne Bereiche besser Bescheid. In allen anderen Ländern steht die Sexualitätsgeschichte mehr oder weniger erst am Anfang. Dabei wurde die Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts meist ausführlicher erforscht als die Antike, das Mittelalter und die Frühneuzeit. In den beiden einleitenden Beiträgen dieses Bandes wird der Forschungsstand der Geschichte der Sexualität in Deutschland und Österreich sowie in China und Japan in den letzten drei Jahrhunderten synthetisiert. Neben vielen übereinstimmenden Entwicklungen kommen dabei vor allem die divergierenden Facetten dieser sexuellen Kulturen zum Ausdruck. Teils als Synthese, teils als speziellere Analysen geben die anderen Beiträge einen Einblick in zentrale Forschungsgebiete der "neuen" Sexualitätsgeschichte. In einem abschließenden Aufsatz werden gegenwärtige sexuelle Kommunikationssysteme vorgestellt. Übereinstimmend zeigt sich, daß das Sexuelle radikal dem Sozialen und Kulturellen untergeordnet ist und die sexuellen Kategorien und Vorstellungen immer wieder neu zur Verhandlung stehen.
Die Ringvorlesung "Neue Geschichte/n der Sexualität" wurde vom österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr und vom Wiener Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften unterstützt. Redaktion und Publikation der Beiträge waren nur mit Hilfe von Andrea Schnöller und Marianne Oppel möglich. Die Herausgeber/innen der "Querschnitte" haben den Band freundlicherweise in ihre Reihe aufgenommen. Ihnen allen sei Dank für diese Unterstützung.

Literatur

D'Emilio, John/Freedman, Estelle B., Hg. (1997, 2. Aufl.): Intimate Matters. A History of Sexuality in America. Chicago: University of Chicago Press
Dikötter, Frank (1995): Sex, culture and modernity in China. London: Hurst
Eder, Franz X. (1994): Die Historisierung des sexuellen Subjekts. Sexualitätsgeschichte zwischen Essentialismus und sozialem Konstruktivismus. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 5/3: 311-327
Eder, Franz X./Hall, Lesley/Hekma, Gert, Hg. (1999): Sexual Cultures in Europe. Bd. 1: National Histories; Bd. 2: Themes in Sexuality. Manchester/New York: Manchester University Press/St. Martin's Press
Evans, Harriet (1997): Women and sexuality in China. Dominant discourses of female sexuality and gender since 1949. Cambridge: Polity Press
Foucault, Michel (1976): La volonté de savoir. Histoire de la sexualité, vol. 1. Paris: Gallimard (dt.: Sexualität und Wahrheit. Bd. 1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977)
Frühstück, Sabine (1997): Die Politik der Sexualwissenschaft. Zur Produktion und Popularisierung sexologischen Wissens in Japan 1908-1941 (Beiträge zur Japanologie 34). Wien: Institut für Japanologie
Wile, Douglas (1992): Art of the bedchamber. The Chinese sexual yoga classics including women's solo meditation texts. Albany: State University of New York Press


Quelle: Querschnitte 3: Neue Geschichten der Sexualität. Herausgegeben von Franz Eder, Sabine Frühstück. Wien: Turia + Kant 1999.
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