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Europäischer Welthandel. Einleitung

Friedrich Edelmayer, Erich Landsteiner, Renate Pieper

Quelle: Querschnitte 5: Die Geschichte des europäischen Welthandels und der wirtschaftliche Globalisierungsprozeß. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Erich Landsteiner, Renate Pieper. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2001.

Die Konzepte der Entwicklung, Unterentwicklung und Modernisierung bestimmten bis zum Beginn des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts die Diskussion über das Verhältnis zwischen den verschiedenen Wirtschaftsregionen der Erde. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Blick der Forschung noch wesentlich darauf gerichtet, den Einfluß Europas in anderen Regionen der Welt, wie er sich in der Zeit des Hochimperialismus überdeutlich manifestiert hatte, als ein Zeichen der Modernisierung zu sehen. Man prüfte, ob durch die Kolonisierung europäische Lebens- und Verhaltensnormen sowie Technologien erfolgreich in andere Weltregionen übertragen worden seien, und ging davon aus, daß westliche Wirtschafts- und Lebensformen sowie eine Industrialisierung stufenweise auch in anderen Teilen der Erde erfolgen würden. Dagegen betonte die Forschung in den siebziger Jahren, in Abkehr von dem zunächst die Diskussion bestimmenden Rostowschen-Stufenmodell (Rostow 1960) - welches für die Entwicklungsländer eine zeitverschobene Neuauflage des Phasenmodells der westeuropäischen Wirtschaftsgeschichte vorausgesagt hatte -, daß die Kolonisation der Erde durch die Europäer und die anschließende Dekolonisierung das Problem der unterschiedlichen und ungleichen Entwicklungen nicht beseitigt habe. Vielmehr, so die These, verblieben andere Weltregionen auch ohne formale koloniale Zugehörigkeit weiterhin in Abhängigkeit von Europa und dem sogenannten Westen.
Dieser Ansatz, der unter dem Begriff der Dependenztheorie (Bernecker/Fischer 1995) Eingang in die historische Forschung und den politischen Diskurs fand, ist in den späten achtziger und in den neunziger Jahren, nach dem Auseinanderbrechen der beiden großen politischen Blöcke, durch den Begriff der Globalisierung abgelöst worden. Nun wird nicht mehr gefragt, wie unterschiedliche Entwicklungen in verschiedenen Teilen der Erde zu erklären sind, sondern es wird untersucht, ob die neuesten Kommunikationstechnologien Unterschiede nivellieren können und die Welt zu einem "globalen Dorf" werden lassen. Durch die zunehmende Vernetzung, so die implizite Hoffnung, würden sich die ökonomischen und sozialen Unterschiede in den verschiedenen Weltregionen von selbst ausgleichen. Was politische Programme und Entwicklungshilfemaßnahmen nicht geschafft haben, sollen nun Informationstechnologien vollbringen. Damit stellt sich das Konzept der Globalisierung in einen bewußten Gegensatz zur Dependenztheorie, die behauptete, daß gerade die Verbindung zwischen den verschiedenen Weltregionen, wie sie sich seit dem ausgehenden Mittelalter manifestierte, zu den deutlichen Entwicklungsunterschieden und zur Misere in der sogenannten Dritten Welt geführt habe. Die Grenzen des Globalisierungsprozesses sind denn auch bereits diskutiert worden (Altvater/Mahnkopf 1996). Der vorliegende Sammelband - er basiert auf den Texten einer Ringvorlesung an den Universitäten von Wien und Graz im Wintersemester 2000/01 - soll daher die Diskussion zwischen den Verfechtern der Dependenztheorie und des Globalisierungskonzeptes in einen historischen Kontext stellen und fragen, wie sich die Beziehungen zwischen verschiedenen Weltregionen im Verlauf von 500 Jahren entwickelten, und welche Stellung in diesem Zusammenhang die Europäer einnahmen.
Allen Ansätzen, denen der Globalisierung, der Dependenz und der Modernisierung, ist gemeinsam, daß sie implizit von einer bereits lang andauernden, permanenten europäischen Überlegenheit über Asien, Afrika und Amerika ausgehen. Dabei kommt dem überregionalen Handel als wichtigem Medium für die Verbindung zwischen verschiedenen Erdteilen eine zentrale Rolle zu. Insbesondere die der Dependenztheorie verpflichtete historische Forschung hat wiederholt darauf hingewiesen, daß durch den Überseehandel koloniale und postkoloniale Abhängigkeitsmuster entstanden seien (Wallerstein 1974). Gegner dieser Auffassung weisen darauf hin, daß der Außenhandel selbst im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert nur einen geringfügigen Teil der Wirtschaftsaktivitäten der jeweiligen Regionen ausmachte und noch ausmacht (O'Brien/Prados de la Escosura 1998). So ist es nicht nur eine Frage der Historiker und der politischen Entscheidungsträger, sondern auch der Ökonomen, welche Rolle dem überregionalen Handel für die regionalen Wirtschaftsentwicklungen und die sozialen Strukturen zukommt.
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß sich der überregionale Handel vornehmlich auf solche Produkte konzentriert, die ein günstiges Verhältnis zwischen Wert und Volumen aufweisen oder die von strategischer Bedeutung sind, so daß selbst hohe Transportkosten in Kauf genommen werden. Dies war im Mittelalter bei Seide und Salz der Fall, heute gilt dies beispielsweise für Erdöl. Aber nicht nur Transportkosten und Transportmöglichkeiten standen Handelsbeziehungen im Wege, sondern auch unterschiedliche Bedürfnisstrukturen. Wenn auch kulturelle Faktoren in den ökonomischen und politischen Diskussionen über Globalisierung und Dependenz erwähnt werden, so stehen sie dennoch nicht im Zentrum der Diskussion. Damit geht man stillschweigend davon aus, daß Bedürfnisstrukturen überregional miteinander vergleichbar sind. Die Geschichte des Außenhandels und die Geschichte der Globalisierung könnte uns aber lehren, daß Bedürfnisse Moden unterliegen und sich wandeln, und daß unterschiedliche Lebensformen Nivellierungsprozesse unterbinden, zumindest aber behindern können. Daß kulturelle Unterschiede unabhängig von ökonomischen Überlegungen Handel fördern oder verhindern können, mögen zwei Beispiele verdeutlichen. Der Export von europäischem Getreide, Olivenöl und Wein nach Mittel- und Südamerika erwies sich jahrhundertelang als ein vergleichsweise lukratives Geschäft, selbst wenn in Amerika mit Mais und Kartoffeln wesentlich hochwertigere Nahrungsmittel zur Verfügung standen. Umgekehrt setzte sich der Mais nicht in der gesamten europäischen Küche als allgemein beliebtes Nahrungsmittel durch. Europäisches Mobiliar blieb in Asien einer kleinen Elite vorbehalten, für die es ein Statussymbol darstellte. Allenfalls erzeugte man in China auf Anforderung europäisches Mobilar für den Export, blieb aber den traditionellen Lebensformen weiterhin verhaftet.
Der vorliegende Sammelband soll am Beispiel des Handels exemplarisch dessen Rolle als Motor für die Globalisierung, die Unterentwicklung und die Modernisierung zu verschiedenen Zeiten darstellen. Gingen noch die Studien der siebziger Jahre von einem sehr statischen Bild aus, so zeigen neuere Untersuchungen, daß man für verschiedene Zeiträume unterschiedliche Handelszentren in Betracht ziehen muß. Auch bei der Vorstellung von einem "globalen Dorf" müßte man sich fragen, wo sich das Dorfzentrum befindet. Zumindest sind aber erhebliche Zweifel angebracht, ob Europa und die sogenannte westliche Welt immer das Zentrum dieses "globalen Dorfes" bilden werden.
Im einzelnen behandeln die in chronologischer Abfolge angeordneten Beiträge folgende Aspekte: Zunächst werden von Herbert Knittler die mittelalterlichen Ursprünge der europäischen Expansion dargestellt. Hierbei wird insbesondere auf die Unterschiede zwischen verschiedenen, von Europa ausgehenden überregionalen Handelsströmen hingewiesen, dem Nord- und Ostseehandel sowie dem Handel über Mitteleuropa und das östliche Mittelmeer. Renate Pieper behandelt das 15. und 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Portugiesen und Spanier, und fragt nach den Integrationsprozessen, die Europa durchlief, als man mit der Hochseeschiffahrt begann. Zwei weitere Autoren befassen sich mit den Handelsimperien der europäischen Staaten: Helfried Valentinitsch widmet sich den Handelskompanien der Niederländer, Engländer und Franzosen, die die Voraussetzungen für den Imperialismus des 19. Jahrhunderts schufen. Ulrich Mücke beschreibt den Sklavenhandel zwischen Afrika und Amerika und dessen Konsequenzen für die Wirtschaften der betroffenen Gebiete. Erich Landsteiner untersucht die Rückwirkungen auf Europa in dieser ersten Phase europäischer Kolonien in Übersee. Die Beiträge von Walther L. Bernecker und Silke Hensel stellen die Situation in den unabhängigen Gesellschaften Lateinamerikas im 19. Jahrhundert dar, einer Zeit, in der dem offiziell von Europa aus propagierten Freihandel liberaler Prägung durchaus protektionistische und imperialistische Tendenzen gegenüberstanden. Dem Zeitalter des Hochimperialismus widmet sich der Aufsatz von Nikolaus Reisinger, der zeigt, wie mit Hilfe von militärischer Gewalt über den Handel hinausgehende Durchdringungsmechanismen die Europäisierung der Erde auf die Spitze trieben. Abschließend geht Eduard Staudinger auf die Periode vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg ein, die das Ende des formalen europäischen Imperialismus einleitete.
Die Frage, ob Globalisierungsprozesse Entwicklungsunterschiede auszugleichen vermögen, oder ob Globalisierung wirtschaftliche und kulturelle Unterschiede zwischen Regionen nicht vielmehr verstärkt, können die hier vorgelegten Beiträge nicht klären. Doch war das auch nicht das Anliegen des Bandes. Vielmehr ging es uns darum, aufzuzeigen, daß die Globalisierung die Konsequenz eines langen historischen, über Jahrhunderte hinweg sich entwickelnden Prozesses darstellt, der auch heute noch nicht abgeschlossen ist.

Zum Abschluß wollen wir all jenen Personen herzlich danken, ohne deren Hilfe der vorliegende Band nicht hätte erscheinen können. Zu nennen ist hier an erster Stelle unsere Kollegin Margarete Grandner von der Universität Wien, die uns unermüdlich mit wertvollen Hinweisen unterstützt hat. Die Drucklegung wurde möglich aufgrund der Finanzierungsbeiträge des österreichischen Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur, der Kulturabteilung der Botschaft von Spanien in Wien, an der wir besonders Herrn Dr. Xavier Sellés Ferrando Dank schulden, unseres Kollegen Othmar Pickl von der Universität Graz sowie der Bank Austria. Für die freundliche Genehmigung zur Verwendung der Abbildung auf dem Umschlag bedanken wir uns bei Herrn Peter E. Allmayer-Beck, für die graphische Gestaltung der Karten bei Herrn Roman Dangl, beide Wien.

Wien und Graz, im November 2000

Literatur

Altvater, Elmar/Mahnkopf, Birgit (1996): Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. Münster: Westfälisches Dampfboot
Bernecker, Walther/Fisher, Thomas (1995): Entwicklung und Scheitern der Dependenztheorien in Lateinamerika. In: Periplus 5: 98-118
O'Brien, Patrick/Prados de la Escosura, Leandro, Hg. (1998): The Costs and Benefits of European Imperialism from the Conquest of Ceuta, 1415, to the Treaty of Lusaka, 1974, Revista de Historia Económica 16. Madrid: Marcial Pons
Rostow, Walt W. (1960): Stadien wirtschaftlichen Wachstums. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Wallerstein, Immanuel (1974): The Modern World-System: Capitalist Agriculture and the Origins of the European World Economy in the Sixteenth Century. New York/San Francisco/London: Academic Press


Quelle: Querschnitte 5: Die Geschichte des europäischen Welthandels und der wirtschaftliche Globalisierungsprozeß. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Erich Landsteiner, Renate Pieper. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2001.
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