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Nichts als Karies, Lungenkrebs und Pellagra? Zu den Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf Europa (1500-1800) (Ausschnitt)

Erich Landsteiner

Quelle: Querschnitte 5: Die Geschichte des europäischen Welthandels und der wirtschaftliche Globalisierungsprozeß. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Erich Landsteiner, Renate Pieper. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2001.

"It thus seems obvious to me that the main shifts of global
history have risen from encounters with strangers bearing
new ideas, information, and skills. (...) Connections across
cultural and other boundaries should therefore serve as an
organizing principle for world history" (McNeill 1998:220f).

Man kann die von einigen neugierigen, macht- und goldhungrigen Europäern betriebene Expansion ab der Mitte des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung als Teil eines die gesamte Menschheitsgeschichte und sukzessive den ganzen Globus umfassenden Kommunikationsprozesses verstehen. Dessen Analyse könnte, so William H. McNeill, eines der möglichen paradigmatischen Prinzipien für die gegenwärtig heftig diskutierte, neue, das heißt, vor allem nicht eurozentrisch sein wollende Globalgeschichte abgeben (siehe etwa Frank-Landes Debate 1998). Die mit diesen Debatten wachsende Aufmerksamkeit für das ganze Ausmaß "weltwirtschaftlicher" Integrationsprozesse - zumindest im Rahmen der sogenannten "Alten Welt" - lange bevor die Expansion der Europäer begann, läßt die von unterschiedlichsten Seiten vorgetragene Vorstellung, daß diese Integration hauptsächlich eine Leistung der Europäer sei, inzwischen fragwürdig erscheinen. "Globalisierung" beginnt nicht erst mit dem Vordringen europäischer Konquistadoren und Handelskompanien nach Amerika und noch weniger nach Afrika und Asien, und daher sollte man sich ihre Geschichte auch nicht einfach als linearen Prozeß vorstellen, der von einstmals lokalen, gänzlich von einander isolierten Einheiten zu zunehmender Vereinheitlichung und Integration auf Weltebene unter europäischer bzw. "westlicher" Vorherrschaft geführt habe (Perlin 1988:88-106).
Bis zum 15. Jahrhundert war Europa Teil, aber keineswegs Zentrum, eines eurasischen Kommunikationsnetzwerkes (Bentley 1998), danach begann die maritime Expansion der Portugiesen und Spanier, der Niederländer, Engländer und Franzosen dieses Netzwerk und damit das Antlitz der Welt grundlegend zu verändern. Es versteht sich fast von selbst, daß diese Prozesse keinen der in sie involvierten Kommunikationspartner unverändert ließen. Im Hinblick auf die Geschichtsschreibung der von den Europäern in Gang gesetzten Veränderungen in den Hierarchien und Gefällen des globalen Kommunikationsnetzwerkes fällt allerdings auf, daß lange Zeit die Auswirkungen auf die eroberten, kolonisierten bzw. in des Netzwerk eingegliederten Völker und Weltregionen mehr Interesse fanden als die Konsequenzen für die daran beteiligten europäischen Gesellschaften (Elliott 1970:3f). Erst im Verlauf des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts begann sich im Zuge des weltweiten Entkolonialisierungsprozesses ein Wechsel der Perspektive abzuzeichnen. Die Proponenten von Weltsystemtheorien unterschiedlicher Schattierungen fingen an, die Zusammenhänge zwischen Entwicklungs- und Unterentwicklungsprozessen zu diskutieren (Shannon 1989), und die Anhänger des neuen Paradigmas einer global history bemühen sich, wie gesagt, gerade darum, das Erbe einer eurozentristischen Geschichtswissenschaft durch eine neue Sicht auf die Weltgeschichte zu ersetzten. Im engeren Rahmen der Wirtschaftsgeschichte sind die A-Themen der großen internationalen Kongresse seit Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts vermehrt der Erforschung weltwirtschaftlicher Zusammenhänge und deren Auswirkungen auf die europäischen Wirtschaften und Gesellschaften gewidmet (Fischer/McInnis/Schneider 1986; Pohl 1990; O'Brian/Prados de la Escosura 1998).
Wenn auf den folgenden Seiten nach möglichen Konsequenzen der europäischen Expansion für die Menschen, Regionen und Staaten Europas gefragt wird, so geschieht dies angesichts der Größe und des Gewichts des Themas in Form einer Beschränkung auf drei Aspekte, die jeder für sich zu grundlegenden Problemen der neuzeitlichen europäischen Geschichte führen. Zuerst wird die Rede davon sein, welche Auswirkungen der Kontakt zwischen den Lebensformen zweier über einen sehr langen Zeitraum getrennt von einander existierender Biosphären - also derjenige Kommunikationsprozeß, der nach einem Buchtitel von Alfred W. Crosby mittlerweilen allgemein als columbian exchange bezeichnet wird (Crosby 1972) - auf Europa zeitigte. Während es in diesem Zusammenhang um die nicht beabsichtigten Konsequenzen dieses Kontaktes geht, werde ich im nächsten Schritt der Frage nachgehen, auf welche Weise und mit welchen Resultaten die durch die europäische Expansion und die mit ihr verbundenen Machtkämpfe in Gang gesetzten Menschen- und Warenströme die wirtschaftlichen Hierarchien und Gefälle zwischen den einzelnen europäischen Regionen und Staaten in den ersten drei Jahrhunderten der europäischen Neuzeit verändert haben. Dabei versuche ich an den Beitrag von Herbert Knittler in diesem Band anzuschließen. Diese Perspektive führt schließlich unweigerlich zur Gretchenfrage aller mit diesem Fragenkomplex verbundenen Diskussionen, nämlich, inwiefern die Aneignung von und die Herrschaft über weite Teile des Globus den Ort, Zeitpunkt und Verlauf des grundlegenden wirtschaftlichen Transformationsprozesses Europas beeinflußt haben, der gemeinhin als Industrielle Revolution bezeichnet wird.

Weitere Kapitel:

DIE EUROPÄISCHE SEITE DES COLUMBIAN EXCHANGE
MENSCHEN- UND WARENSTRÖME UND IHRE IMPLIKATIONEN
DER AUFSTIEG DER ATLANTISCHEN ÖKONOMIEN
ENDOGENE UND EXOGENE BEDINGUNGEN DER ERSTEN INDUSTRIELLEN REVOLUTION


Quelle: Querschnitte 5: Die Geschichte des europäischen Welthandels und der wirtschaftliche Globalisierungsprozeß. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Erich Landsteiner, Renate Pieper. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2001.
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