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Die italienischen Seerepubliken

John Morrissey

Quelle: Querschnitte 6: Vom Mittelmeer zum Atlantik. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Gottfried Liedl, John Morrissey. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2001.

Auch heute noch hißt jedes italienische Schiff - ob Fischkutter, venezianisches Vaporetto, Luxusdampfer oder Zerstörer - die Flagge mit dem Wappen der mittelalterlichen Seerepubliken Amalfi, Pisa, Genua und Venedig. Jährlich messen sich in einer der vier Hafenstädte von der Gondolierikooperative in San Marco gebaute Galeeren: "Jedes Boot führt am Bug eine vergoldete Galionsfigur, die Wahrzeichen der Republiken: das geflügelte Pferd für Amalfi, der geflügelte Drache für Genua, der Adler für Pisa und der Löwe von San Marco für Venedig." (D'Antonio/Caroli/Puglia 1996:25)
Nur zwei Beispiele einer Traditionspflege, die den Stellenwert der "repubbliche marinare" in der Geschichte Italiens deutlich machen. Stadtstaaten, territoriale Winzlinge, die einerseits im komplizierten Machtgefüge der Apenninhalbinsel, andererseits im gesamten Mittelmeerraum, wo sich die Interessen islamischer Staaten, Byzanz' und Europas überschnitten, eine entscheidende Rolle spielten. Gerade diese Orientierung in den mediterranen Raum macht die Seerepubliken zu einem Sonderfall in einem Land, das ohnehin - laut Renouard, Jones und anderen - im mittelalterlichen Europa einen Sonderfall darstellt. Italien war von Urbanität geprägt, der Gegensatz zwischen städtischer und ländlicher Gesellschaft so stark verwischt wie nirgendwo anders. Am Höhepunkt dieser Entwicklung gab es, vor allem im Zentrum und im Norden, etwa 70 Kommunen mit unterschiedlichsten Regierungsformen, jede eifersüchtig auf ihre Unabhängigkeit bedacht (Karbe 1995:9).
Ohne Zweifel wußten die Seestädte ihre schwierige geographische Situation zu nutzen, die topographischen Nachteile in eine Art Gunstlage umzukehren. Eingeklemmt zwischen Wasser und hochaufragendem Gebirge, beziehungsweise auf flachen Laguneninselchen, wo gerade genug Platz zum Wohnen, kaum für Felder und Gärten war, mußten sich die Bewohner zum Meer orientieren. Pisas Lage war günstiger als die der drei anderen Städte: Am Kreuzungspunkt der Via Aurelia über den Arno gelegen, verfügte Pisa über hervorragende Verbindungen in das agrarische und holzreiche Hinterland. Allerdings stellte das Flußgeschiebe des Arno die Kommune vor gewaltige Probleme: Gesteinsmassen verringerten die Wassertiefe im Hafen, umliegendes Land versumpfte und damit erhöhte sich die Malariagefahr (Renuoard 1981:188). Im 12. Jahrhundert wurde daher der Hafen an die felsige Küste im Norden verlegt, was bei einer Distanz von über 15 Kilometern den Transportaufwand erhöhte und die Versorgung im Kriegsfalle gefährdete. Schiffe jeder Größe konnten hingegen im Zentrum Amalfis, Genuas und Venedigs ankern; sie sind "mit dem Hafen verschmolzene Städte, von diesem nicht unterscheidbar." (Benevolo 1996:46)
Eingeklemmt waren die Seerepubliken auch im politischen Sinn, das Bedrohungspotential war enorm: In Italien prallten die Interessen von Byzantinern, Langobarden, Sarazenen, Papst und Kaiser aufeinander. Dazu kamen Konflikte mit lokalen adeligen Machthabern im Hinterland oder mit rivalisierenden Städten - Venedig gegen Chioggia, Amalfi gegen Salerno, Pisa gegen Lucca.

Amalfi

Schon im 9. Jahrhundert demonstrierte Amalfi jene erstaunliche Mischung aus Flexibilität, Zähigkeit und Härte, mit der ein Zwergstaat im komplizierten Machtgefüge Süditaliens etwa 250 Jahre unabhängig bleiben und darüber hinaus zur ersten Handelsmetropole der Apenninhalbinsel aufsteigen sollte. Formell unterstand Amalfi wie Neapel und Gaeta dem Exarchat von Ravenna, genoß aber als Bündnispartner Byzanz' im Kampf gegen die Langobarden weitgehende Autonomie. Letztere nützten Rivalitäten innerhalb der amalfitanischen Aristokratie, um 839 die Stadt kurzfristig zu besetzen - ein Schock, der im selben Jahr zu einer Verfassungsreform führte, um den Ausgleich zwischen konkurrierenden Familien zu erreichen und bei der Machtbeteiligung einen möglichst großen Teil der Bevölkerung einzubeziehen. Aufgrund ihres Reichtums dominierten die Kaufleute, die "comiti", den neugeschaffenen Rat, sie stellten auch die Beamten, denen Verwaltung und Rechtsprechung unterlag. Die Republik wurde von zwei auf ein Jahr gewählten Rektoren regiert. Über den Zeitpunkt der endgültigen Unabhängigkeit Amalfis von Byzanz besteht in der Literatur Uneinigkeit: Bragadin setzt sie mit der republikanischen Verfassung des Jahres 839 fest, Stefanelli spricht von einer schleichenden Entwicklung im 10. Jahrhundert, parallel zur Veränderung des politischen Systems zugunsten der "comiti" (Stefanelli o.J.:41ff; Bragadin 1989:18f): Ab etwa 900 wurde das Staatsoberhaupt nicht mehr gewählt, es regierte auf Lebenszeit und konnte das Amt innerhalb der Familie vererben. Allerdings unterlag der Doge - 957 wurde dieser Titel erstmals erwähnt - strengen Kontrollmechanismen. Bei ungerechter Amtsführung konnte er abgesetzt und sein Vermögen konfisziert werden. "In short, the power of the merchants was reinforced and the original meaning of the word ‚community' was lost forever in Amalfi. The community was substituted by the state, together with all the positive and negative influences that a state has over its people. Certainly, the republic, by now a duchy, became more powerful and wealthy, and it was also respected because feared by the other states nearby and its sister-states of Genoa, Venice and Pisa." (Stefanelli o.J.:83)
Besondere Beachtung verdienen Amalfis Beziehungen zu den Sarazenen Siziliens und Süditaliens. Hier zeigt sich besonders deutlich die ambivalente Haltung einer Handelsstadt, die ökonomische Interessen mit politischem Kalkül in Einklang zu bringen hatte: erwarteten doch Papst und Kaiser Unterstützung im Kampf gegen die Muslime, unter deren Piratenangriffen die Küstengebiete schwer zu leiden hatten. Nahmen 846 amalfitanische Schiffe noch an der Verteidigung Roms teil, so weigerte sich 880 der Rektor Pulchari trotz bereits erfolgter reichlicher Bezahlung und der Garantie von Steuerprivilegien, die Küsten Latiums zu verteidigen. Woran selbst die Androhung der Exkommunikation nichts ändern sollte. Das 9. und 10. Jahrhundert waren jedenfalls von häufig wechselnden Allianzen gekennzeichnet (Stefanelli o.J.:70ff; Bragadin 1989:17ff); scheinbar waren Amalfi oder Neapel öfter mit den Sarazenen verbündet, deren Angriffe auf die tyrrhenischen und adriatischen Küstengebiete sie wohlwollend duldeten, als mit christlichen Machthabern.
Auch nach seiner Unabhängigkeit pflegte Amalfi enge Kontakte zu Byzanz, das die Seerepublik als Tor zum westlichen Mittelmeer betrachtete und daher amalfitanische Kaufleute mit Privilegien ausstattete, die ihnen freien Zugang zu allen Häfen in der Romania, wie das byzantinische Reich in Italien genannt wurde, garantierten und die Übernahme der Funktion syrischer und jüdischer "mercantes" im Orienthandel ermöglichten. Amalfitanische Kaufleute entwickelten im ganzen Mittelmeerraum jene Strukturen, die typisch für alle Seerepubliken werden sollten: Kolonien bzw. Stützpunkte in den wichtigsten mediterranen Handelsstädten, in Konstantinopel, Laodicea, Beirut, Jaffa, Antiochia, Jerusalem, Alexandrien, Kairo, Durres, auf Zypern und Malta. Die Italiener verfügten über Stadtviertel mit eigener Kirche, Magazinen, Geschäften, Badehäusern, Herbergen und Spitälern. Solche Kolonien genossen üblicherweise extraterritorialen Status, es galt also die Rechtsprechung der Mutterstadt. In Jerusalem gewährte der Kalif Amalfitanern um 1070 das Recht, neben der Grabeskirche ein eigenes Gotteshaus zu bauen, mit Hospiz und Krankenhaus. Das Hospital der Johanniter, die sich später zum militärischen Ritterorden entwickelten, gilt als richtungweisend für die Entwicklung der europäischen Medizin. Chronisten berichteten, daß in Übersee mehr Amalfitaner lebten als in der Heimat. "La vera Amalfi non è in Amalfi. Gli elementi più attivi della sua populazione, e forse anche i più numerosi, si sono insediati in terre lontane ..." (Renouard 1981: 75)
Von arabischer Seite besonders gut dokumentiert ist die Kolonie in Ägypten, nicht zuletzt aufgrund der dramatischen Ereignisse des Jahres 996: Yahia von Antiochia und al-Mussabihi berichten von Massakern an Christen nach einem Brand im Hafen von Kairo. Das Feuer brach ausgerechnet auf der sich zu Operationen gegen Byzanz vorbereitenden Flotte aus, die Europäer wurden dafür verantwortlich gemacht, so auch die Amalfitaner, die als einzige namentlich erwähnt werden: "Il popolo sospetta i mercanti Rum Amalfitani ..." (zit. bei Imperato 1980:61). Kalif al-Aziz war jedoch an guten Beziehungen zu den Italienern interessiert, er ließ die Täter bestrafen, die Schäden wurden kompensiert. Schließlich lieferten trotz wiederholter Klagen des Papstes Amalfitaner den Fatimiden, die Ägypten erst 969 erobert hatten, kriegswichtige Rohstoffe: Bauholz, Eisenerz, Pech und auch Sklaven im Austausch für Gold und Gewürze. Wieder hatte die süditalienische Handelsstadt Vorreiterfunktion: Venedig, Pisa und Genua ließen sich ebenfalls bei ihren Aktivitäten von pragmatischen und nicht von ideologischen Motiven leiten.
Im 10. und 11. Jahrhundert war Amalfi am Höhepunkt seiner politischen und ökonomischen Macht: Im noch heute existierenden Arsenal wurden leistungsfähige Galeeren hergestellt, die Kommune entwickelte rege Bautätigkeit, etwa bei der Errichtung des dem Hl. Andreas geweihten Doms mit den berühmten Bronzetüren. Ein Dokument des Jahres 957 erwähnt den "tarì", die vielleicht erste seit dem Ende des weströmischen Reiches in Italien geprägte Münze. Amalfitanische Magistratsbeamte kodifizierten auf spätrömische Zeit zurückgehende Seefahrtgesetze: Die heute im Stadtmuseum zu besichtigenden "tavole amalfitane" fanden bald im ganzen Mittelmeergebiet Anerkennung, erstmals wurde der Seehandel nach international verbindlichem Recht abgewickelt (Stefanelli o.J.:93; Bragadin 1989:20). Vitalität und Wohlstand der Handelsstadt beeindruckten um 980 den arabischen Reisenden Muhammad ibn Hawqal derart, daß er in Superlativen schwelgt: "Amalfi, the most prosperous town in Lombardy, the most noble, the most illustrious on account of its conditions, the most affluent and opulent." (zit. bei Lopez/Raymond 1990:54)
Durch die unmittelbare Nachbarschaft zu den italienischen Sarazenen war Amalfi wohl der erste christliche europäische Staat, der von der überlegenen islamischen Kultur profitierte. Spuren dieser Einflüsse sind noch heute an der Küste zwischen Positano und Vietri sul Mare sichtbar: Amalfi rühmt sich seiner Zitrusfrüchte und seines handgemachten Papiers, Vietri seiner Keramik, bunte Kirchenkuppeln sind das architektonische Wahrzeichen der gesamten Küstenregion. Der wahrscheinlich aus Positano stammende Flavio Gioia soll den Kompaß entscheidend weiterentwickelt haben: Chinesen und Araber hatten eine auf Wasser schwimmende magnetisierte Nadel benützt, die sich auf hoher See aber nicht leicht handhaben ließ.
Neben den bereits erwähnten strategischen Rohstoffen belieferten amalfitanische Kaufleute die islamischen Staaten mit Faßdauben, Holzschuhen, Hanf, Getreide, Öl und Wein. Aus dem Orient wurde der europäische Markt mit Gewürzen aller Art, Aloe für medizinische Zwecke, Balsam und Weihrauch für die Liturgie, Farbstoffen, Alaun zur Fixierung der Farben, Baumwolle, Samt, Seide, Teppichen, Edelsteinen, Perlen und Elfenbein versorgt. Luxuswaren, die Europa begierig aufnahm. Um 1100 schrieb Guglielmo di Puglia über den Reichtum der Stadt: "Questa città appare assai potente e populosa; nessuna in innumeri parti è piu di essa richa di argento, di stoffe e di oro. In questa città vivono moltissimi navigatori, esperti nel segnalare le vie del mare e del cielo. Qui si portano merci diverse e dalla città di Alessandria e da quella di Antiochia; questa gente percorre moltissimi mari: qui si conoscono e gli Arabi e i Libi e i Siciliani e gli Africani." (zit. bei Imperato 1980:79)
Trotz dieses Glanzes waren Amalfis Unabhängigkeit und seine überragende Rolle im internationalen Handel bereits gefährdet. Der Druck der seit 1030 in Süditalien expandierenden Normannen nahm ständig zu, 1073 wurde die Stadt von Robert Guiscard erobert, der aber der Dogenrepublik wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und starken Flotte Autonomie garantierte. Die mehr oder weniger unfreiwillige Allianz hatte schwerwiegende Folgen: Byzanz gewährte 1081 Venedig als Dank für Flottenhilfe im Kampf gegen die Normannen großzügige Handelsprivilegien, amalfitanische Stützpunkte in der Romania und der Levante mußten zum Teil den Venezianern überlassen werden. Die süditalienische Hafenstadt konnte auch nicht die Chancen des ersten Kreuzzuges ergreifen, weil sie 1096 nach einem Aufstand von einem gewaltigen normannischen Heer mit 20.000 Sarazenen als Hilfstruppen belagert wurde - zwar erfolglos, doch fehlten nun die Mittel für aufwendige Expeditionen nach Oltremare (Stefanelli o.J.:128f). Außerdem bevorzugten westeuropäische Kreuzfahrer ohnehin die Dienste der für sie günstiger gelegenen norditalienischen Seerepubliken Genua und Pisa. Gerade die Politik Pisas sollte für Amalfi, seit 1131 endgültig unter normannischer Herrschaft, verheerende Folgen haben. Die Toskaner empfanden die militärische Stärke der Normannen in Verbindung mit Amalfis noch immer beachtlichem wirtschaftlichen Potential als extreme Bedrohung. 1135 und 1137 griffen pisanische Flotten an, vor allem die zweite Attacke mit über 100 Schiffen und 30.000 Soldaten war von furchtbarer Wirkung: Amalfi, Atrani, Scala und selbst das hochgelegene Ravello wurden geplündert und zerstört. Die Dogenstadt sollte sich von diesem Schlag nicht mehr erholen.

Pisa

Die vernichtenden Angriffe auf Amalfi scheinen durchaus charakteristisch für die außenpolitische Konzeption Pisas gewesen zu sein. Seit dem Aufstieg zur Regionalmacht im 9. Jahrhundert setzten die Pisaner mehr als jede andere italienische Kommune auf militärische Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen, vor allem gegenüber den Sarazenen. Schon 820 attackierten pisanische Schiffe die afrikanische Küste, wo sich die Stützpunkte arabischer Korsaren befanden. Hatten die Expeditionen der Toskaner bis zur Jahrtausendwende eher defensiven Charakter, kann man für das 11. Jahrhundert geradezu von "vorweggenommenen Kreuzzügen" sprechen (Luzzato 1958:78): die Sarazenen wurden in Kalabrien, Sardinien, Bona an der nordafrikanischen Küste, Palermo und im tunesischen Mehdia besiegt.
Symbol dieser Erfolge ist der Dom auf der Piazza dei Miracoli, dessen Baukosten mit der reichen Beute aus dem Krieg gegen Palermo finanziert wurden. Inschriften an der Fassade erinnern an die Siege gegen die Muslime. Der Dom wurde dem neuen politischen Selbstverständnis der Kommune entsprechend nicht der traditionellen Stadtpatronin, der Hl. Reparata, geweiht, sondern der Jungfrau Maria. "Lo stendardo bianco con l' immagine della vergine che sventola da questo momento in avanti sulle navi pisane è il simbolo dell' espansione di una città che si è scelta un patrono corrispondente alle proprie ambizioni." (Renouard 1981:191)
Nicht anders handelte Venedig einige Jahrhunderte früher, als es seinen eher unbedeutenden Patron Theodorus gegen den Evangelisten Markus austauschte. Vor diesem politischen Legitimationsbedürfnis muß der Reliquienkult und der meist im östlichen Mittelmeer durchgeführte Reliquienraub gesehen werden: Überreste von Kirchenheiligen und biblischen Objekten zogen nicht nur Pilgerströme an, von denen die Wirtschaft profitierte, sie untermauerten den Anspruch der Seerepubliken, in der Nachfolge Konstantinopels und Jerusalems zu stehen. Auch Amalfi und Genua gaben sich nicht mit zweitklassigen Schutzheiligen zufrieden: Ihre Patrone waren der Hl. Andreas und der Hl. Georg, nach dem eine der einflußreichsten Banken der mittelalterlichen Welt benannt werden sollte.
Als sicherer Etappenhalt auf dem Weg nach Rom dürfte Pisa schon im Frühmittelalter von Pilgern aus dem Norden profitiert haben. In der Römerzeit neben Ostia der wichtigste Hafen an der westitalienischen Küste, blieb die Stadt auch im 7. und 8. Jahrhundert Drehscheibe im Handel mit Korsika, Sardinien, Spanien und Frankreich. Formell unterstand Pisa zunächst der Markgrafschaft Tuszien, löste sich aber wie Amalfi und Venedig im Falle Byzanz' schrittweise aus dieser Oberherrschaft. In allen drei Fällen ist dieser Prozeß schlecht dokumentiert, dürfte aber mit geschicktem Lavieren zwischen konkurrierenden Mächten zu tun haben: Bei Pisa zwischen Kaiser und Papst. Der Krieg gegen Amalfi genoß wohlwollende kaiserliche und päpstliche Duldung, im Investiturstreit wollten beide Kontrahenten von Pisas Wirtschaftskraft und militärischer Stärke profitieren - sie gewährten den Toskanern eine Reihe von Privilegien, unter anderem 1077 die Anerkennung pisanischer Ansprüche auf Korsika durch den Papst. Die Arnostadt war zur wichtigsten Handelsmetropole des westlichen Mittelmeers aufgestiegen. "Chi va a Pisa ... ammira le grandi navi dei mercanti dell' Oriente e incontra Turchi e Africani, Parti e Caldei." So schrieb der Biograph der Gräfin Mathilde in einem Bericht über die Atmosphäre in der Stadt (zit. bei Banti 1995:25). Kosmopolitisches Lebensgefühl und kaufmännisches Denken sollte ein Jahrhundert später von Pisa ausgehend die Wissenschaft revolutionieren. Schon als Kind hatte Leonardo Fibonacci mit seinem Vater, einem Kaufmann, die Levante und Sizilien bereist. Hier erlernte er die Grundkenntnisse indischer und arabischer Mathematik, die er 1202 in seinem "Liber Abbaci" veröffentlichte, worin Fibonacci auf die indischen Zahlen im allgemeinen, auf die Funktion der Null und auf die Wurzelrechnung einging; dank der Anschaulichkeit seiner aus dem Geschäftsleben entlehnten Beispiele wurde die Algebra rasch verbreitet (Renouard 1981:227).
Der Höhepunkt pisanischer Macht wurde nach dem ersten Kreuzzug und der erfolgreichen Expedition gegen die balearischen Mauren (1113-1115) erreicht. In allen wichtigen Städten der Levante erhielten die Pisaner eigene Stadtviertel und Steuerprivilegien, der Kommandant der in Oltremare operierenden Flotte, Erzbischof Dagobert, wurde nach der Eroberung Jerusalems zum Patriarchen gewählt. Im westlichen Mittelmeer kontrollierten die Toskaner Elba mit seinen Eisenvorkommen, Korsika und Sardinien; an den Küsten Nordafrikas und Spaniens verfügten sie über eine Reihe von Stützpunkten. Einzig in der Romania konnten sie aufgrund energischer Interventionen Venedigs nicht so richtig Fuß fassen: Eine auf Rhodos überwinternde pisanische Flotte wurde 1099 von den Venezianern zerstört, die Gefangenen erst nach dem Versprechen, in keinem Hafen des byzantinischen Reiches Handel zu treiben, freigelassen. Handgreiflichkeiten, Piraterie und regelrechter Krieg waren charakteristisch für das Verhältnis der Seerepubliken, die, wenn sie Einigkeit gezeigt hätten, "das Heilige Land fraglos in ein italienisches Protektorat verwandelt" hätten (Mayer 1989:164).
Hauptgegner Pisas war jedoch schon aufgrund der Nachbarschaft Genua. Die hochaufragenden, einander gegenüberliegenden Burgen von Portovenere und Lerici, nur wenige Kilometer durch die Bucht von La Spezia getrennt, illustrieren, wie sehr sich die Interessensphären der beiden Seestädte überschnitten. Und nicht nur im tyrrhenischen Meer - beide rivalisierten um den Zugang zu den Märkten der Provence, Spaniens und des Maghreb. Trotz gelegentlichen gemeinsamen Vorgehens - in den "antizipierten" Kreuzzügen des 11. Jahrhunderts, bei der Eroberung Siziliens durch Heinrich VI. oder bei der Verteidigung Konstantinopels 1204 - lieferten Genua und Pisa einander eine Serie von blutigen Kriegen. Bezeichnenderweise kam es nach der Eroberung Siziliens sofort zum Konflikt um vom Kaiser garantierte Sonderrechte, was in einen fast zwanzigjährigen Krieg ausartete. Pisas traditionelle Strategie, eigene Ansprüche eher mit militärischen denn mit diplomatischen Mitteln durchzusetzen, erwies sich auf Dauer, schon alleine wegen der Kosten einer solchen Politik, als kontraproduktiv. Weder mit Genua noch mit den aufstrebenden und an das Meer drängenden Städten wie Lucca und Florenz konnten vorteilhafte Verträge zur Anerkennung pisanischer Ansprüche abgeschlossen werden. Außerdem erwies sich die treue Unterstützung der römischen Kaiser in der zunehmend antistaufischen Stimmung Italiens als entscheidender Nachteil: "Pisa fu irretita al punto di legarsi alle sorti della dinastia sveva e dell' impero in un' alleanza risultata alla fine fatale per lei." (Banti 1995:32)
Pisas innenpolitische Situation war ein Spiegelbild seiner Außenpolitik. Regierungsstrukturen, die einem größeren Teil der Bevölkerung Mitsprache eingeräumt hatten, verfielen zusehends. Innerhalb des alten Adels und des neuen Patriziats - meist Fernkaufleute - kollidierten Machtansprüche und ökonomische Interessen, ihre Rivalitäten machten die Stadt geradezu unregierbar. Im Kriegsfalle bevorzugten konkurrierende Familien unterschiedliche Verbündete und selbst die gut funktionierende Verwaltung Sardiniens wurde in Mitleidenschaft gezogen: Zwei Drittel des pisanischen Handels liefen in irgendeiner Form über diese Insel, deren wichtigste Exportprodukte Silber, Salz, Holz, Fisch, Wolle und Käse waren (Renouard 1981:228). Die Kommune verwaltete durch den "ordo mercantorum" und den "ordo maris" Sardinien in einem Parallelsystem, die wichtigsten Ämter wurden verdoppelt: fast jede sardische Stadt hatte zwei Konsuln - einen auf der Insel, einen in Pisa, um in der Hauptstadt die Angelegenheiten der Heimatgemeinden besser und schneller vertreten zu können, "una formula amministrativa ispiratasi a metodi di commercio" (Renouard 1981:229). Im 13. Jahrhundert wurde das erfolgreiche System geändert und die Kontrolle Sardiniens den mächtigsten Familien überlassen: den Visconti und Gherardesca. Von internen Krisen geschüttelt, von guelfischen Allianzen unter Druck gesetzt, suchte Pisa die Allianz mit Venedig, das 1284 mit Ambrosio Morosini das Oberhaupt der Stadt, den "podestà", stellte. Nur ein Fremder als Regierungschef, so die Erwägung der verzweifelten Kommune, konnte über den alten Rivalitäten stehen und ausgleichend wirken. Morosini hatte nicht viel Zeit, die Situation zu verbessern: noch im selben Jahr wurde die von ihm und Ugolino della Gherardesca kommandierte Flotte bei der Insel Meloria an der toskanischen Küste vernichtend geschlagen, die siegreichen Genuesen brachten tausende Gefangene nach Ligurien; unter ihnen befand sich auch Rustichiello da Pisa, der später im Gefängnis auf den 1298 vor Korcula gefangenen Marco Polo traf und die Erinnerungen an dessen Chinareisen aufzeichnete. "Si volete vedere dei Pisani dovete andare a Genova", schrieb ein Zeitgenosse (zit. bei Renouard 1981:257). Die innenpolitischen Wirren, die der Niederlage folgten, hat Dante im 23. Gesang seines "Inferno" beschrieben.
Dabei hätte Pisa innere Stabilität dringend nötig gehabt, um seinen wichtigsten noch verbliebenen Besitz, Sardinien, zu verteidigen. Die Allianz mit Kaiser Heinrich VII. von Luxemburg wurde der Arnostadt zum Verhängnis: Sein früher Tod 1313 führte zur Auflösung der kaiserlichen Armee, Pisa stand allein gegen die guelfische Liga - Lucca, Florenz und den neapolitanischen König Robert von Anjou. Nach anfänglichen Siegen bestand innerhalb der Signoria Uneinigkeit über das weitere Vorgehen gegen die Liga, was wieder eine institutionelle Krise und Verfassungsänderungen hervorrief. Die geschwächte Republik hatte sich selbst gelähmt, 1326 schlug König Robert die pisanischen Streitkräfte, Sardinien ging für immer verloren (Banti 1995: 50ff).
Nach diesem Verlust mußte Pisa eine neue Rolle finden, "di conservare almeno la funzione di porto di Toscana" (Banti 1995:54). Dazu war ausgewogene Politik mit der neuen Großmacht Florenz notwendig, das am freien Zugang zu den pisanischen Märkten und vor allem zum Hafen Porto Pisano interessiert war. Um den Ambitionen des Aufsteigers wirklich Widerstand entgegenzusetzen, war die Signoria zu schwach, ein 1369 abgeschlossener Handelsvertrag räumte florentinischen Kaufleuten mehr Rechte ein als Pisanern in ihrer eigenen Heimatstadt, die 1406 die Oberhoheit von Florenz zu akzeptieren hatte. Die neuen Herren verlegten ihren Haupthafen nach Livorno - Pisas endgültiger Abstieg in die Bedeutungslosigkeit.

Genua

Daß innere Krisen keineswegs zur wirtschaftlichen Stagnation führen müssen, zeigt die Geschichte Genuas, das Musterbeispiel des über die staatliche Integrität triumphierenden Individualismus, der ökonomischen Expansion bei gleichzeitigem Niedergang der politischen Institutionen. In keiner anderen italienischen Kommune vollzog sich innerhalb der Wirtschaft ein derart radikaler Wandel, der in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Zusammenbruch von Verwaltung und Regierung stand. Amalfi, Pisa und Venedig lebten in erster Linie vom Handel und gewerblicher Produktion - die Genuesen hingegen verlagerten ihre wirtschaftlichen Aktivitäten immer stärker ins internationale Bankwesen und Geschäftsmanagement. Im 15. und 16. Jahrhundert beherrschten genuesische Banken, vor allem die Casa di San Giorgio, fast alle "weltpolitisch zentrierten Finanzströme, Devisen- und Finanzgeschäfte europäischer Machtpotentaten" (Karbe 1995:262).
Vor der Jahrtausendwende folgte die Entwicklung Genuas ähnlichen Mustern wie die der anderen Seestädte: geschicktes Taktieren zwischen Byzantinern, Langobarden, Sarazenen, Kaiser und Papst; im Schnittpunkt dieser Machtbereiche Aufstieg zur Drehscheibe im Handel; den Holzreichtum des Hinterlandes nutzend Aufbau einer Flotte, um im internationalen Warenaustausch Fuß zu fassen und militärisch bestehen zu können. Wie bereits erwähnt, brachen Genua und Pisa die Vorherrschaft sarazenischer Flotten im westlichen Mittelmeer, und wie die Arnostadt nutzte die Georgsrepublik die ihr im ersten Kreuzzug gebotenen Gelegenheiten. Nicht nur ihre Flotte, sondern auch ihre Belagerungsmaschinen - etwa bei der Belagerung Jerusalems - leisteten den Kreuzfahrern wertvolle Dienste. Die Genuesen wußten ihre neugewonnenen Positionen in Oltremare zu nutzen, wobei sich bald die Konturen zukünftiger Spannungen innerhalb der Gesellschaft Genuas abzeichneten: Zwar durfte jeder in Palästina und Syrien lebende Bürger der Seerepublik im Orienthandel tätig werden, um 1160 kontrollierten nur fünf Familien etwa 80% des Geschäfts zwischen der Mutterstadt und der Levante (Renouard 1981:271). Die Leistungsfähigkeit der genuesischen Flotte wurde 1246 beim Kreuzzug Ludwigs IX. eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die vom französischen König angemieteten Schiffe transportierten dessen gesamte Streitmacht nach Ägypten; es waren auch genuesische Bankiers, die Ludwigs jahrelanges Unternehmen finanzierten und bei 20% Zinsen enorme Gewinne erzielten - trotzdem betrachteten sie die Expedition mit gemischten Gefühlen, hätten doch Erfolge der Europäer eigene Handelsinteressen gefährdet. Das Debakel der Kreuzfahrer ließ nicht wenigen Finanzmagnaten und Kaufleuten auch außerhalb Genuas einen großen Stein vom Herzen fallen. Anders als Pisa konnte Genua der stärksten Wirtschaftsmacht im östlichen Mittelmeer, Venedig, die Stirn bieten: Die Unterstützung des Byzantiners Michael Paleologos bei der Rückeroberung Konstantinopels wurde 1261 mit Privilegien in Griechenland und im Schwarzen Meer belohnt. Mit ihren Kolonien auf der Krim und im kaspischen Raum kontrollierten genuesische Kaufleute die Endpunkte der durch die "Pax Mongolica" gesicherten Interkontinentalrouten nach Persien, Indien und China. Auf Dauer konnten sie allerdings ihre Position gegen die Osmanen und Venezianer nicht halten.
Umso erfolgreicher agierte Genua im westlichen Mittelmeerraum. Bereits zu Beginn des 11. Jahrhunderts liefen Schiffe der Georgsrepublik die Häfen al-Andalus' und Nordwestafrikas an: In Tortosa, Almeria, Malaga, Ceuta und Bougie wurden afrikanisches Gold, feinstes Leder aus Cordoba, Seide aus Granada, Olivenöl aus Sevilla sowie orientalische Gewürze verladen. Die ökonomische Durchdringung der iberischen Halbinsel gelang durch militärische Allianzen mit den kastilischen und aragonesischen Königen, für deren Eroberungspläne Flottenunterstützung benötigt wurde, und durch Handelsverträge mit den Almohaden, die zwischen 1153 und 1223 in regelmäßigen Abständen - etwa 15 Jahre - erneuert wurden. Von Muslimen und Christen gewährte Privilegien unterscheiden sich kaum voneinander und entsprechen den Konzessionen, von denen schon die Fernhändler Amalfis im frühen 10. Jahrhundert profitiert hatten: Niederlassungsrecht in eigenen Wohn- und Geschäftsvierteln, Tarifreduktionen oder gar Befreiung von allen Abgaben, sowie Garantie freier Schiffahrt. Die vom kastilischen König Ferdinand III. nach der Eroberung Sevillas 1248 unterschriebenen Verträge beriefen sich ausdrücklich auf seine almohadischen Vorgänger: "Quando era in potere dei mori." (zit. bei Varela 1988:39) Genuesen bildeten die größte Gruppe ausländischer Kaufleute in Sevilla, Zeitgenossen empfanden ihr ausgedehntes Quartier als Spiegelbild der Mutterstadt, "un atra' zenoa" (zit. bei Zazzu 1993:69). Die am Guadalquivir gelegene Handelsmetropole kontrollierte einerseits den Flußverkehr nach Cordoba, andererseits die Straße von Gibraltar - sie diente damit als Drehscheibe im Handel mit der afrikanischen und europäischen Atlantikküste.
Der christliche Territorialgewinn auf Kosten der Muslime führte zur wirtschaftlichen Neuorientierung der iberischen Halbinsel. Eine Entwicklung, an der genuesische Kaufleute und Financiers maßgeblich beteiligt waren: Al-Andalus hatte als westliches Scharnier der islamischen Welt mit dem christlichen Europa fungiert, ab der Mitte des 13. Jahrhunderts richtete sich der Blick nach Westen und Norden - nach Lissabon, Brügge und Southampton. "Ports in Andalusia and Granada now served as way-stations for goods passing through the Straits of Gibraltar between the Christian commercial zones of the Mediterranean and the Atlantic." (Constable 1996:213)
Mitglieder fast aller ligurischen Patrizierclans, der "alberghi", waren an dieser ersten Phase atlantischer Expansion beteiligt: die Adorno, Di Negro, Spinola, Vivaldi, Centurione, Doria und Grimaldi. Sie spielten bei der wirtschaftlichen Durchdringung Madeiras und der Azoren im 15. Jahrhundert eine ebenso entscheidende Rolle wie bei der Finanzierung der Projekte Christoph Columbus'. Womit genuesische Kapitalisten einigen Weitblick bewiesen - ein Jahrhundert später kontrollierten Bankiers der Georgsrepublik den gesamten Silberexport Spaniens ins restliche Europa. "Ammiragli e pirati; finanzieri e clans familiari; mercanti e avventuriere; viaggiatori curiosi e uomini di cultura; ... uomini-ombra attivi nell' entourage colombiano e nell' economia dei primi insediamenti americani sono i protagonisti del complesso sistema che da Benedotto Zaccaria (ma almeno cent' anni prima di lui) ad Andrea Doria (ma almeno cent' anni dopo di lui) appare costamente impegnato nella triplice realtá spagnola, saracena, castigliana, catalano-aragonese." (Airaldi 1988:9)
Im krassen Gegensatz zur wirtschaftlichen Expansion - symbolisiert durch die Prägung einer Goldmünze, dem "genovino d'oro" - und den großen außenpolitischen Erfolgen, der Allianz mit Byzanz, dem endgültigen Sieg über Pisa, der Zerstörung einer venezianischen Flotte bei Korcula, stand die innenpolitische Dauerkrise, die von ständigen Verfassungsänderungen gekennzeichnet war. Die Entwicklung verlief ähnlich wie in Pisa: Bis ins 12. Jahrhundert relativ ausgewogene Machtverteilung zwischen Bürgertum, Adel und Bischof; 1190 wurde die Regierungsgewalt einem gewählten "podestà" unterstellt, um nur ein Jahr später das System zu verändern: Einmal jährlich entschied ein "consilium de regimine", ob im nächsten Jahr ein Alleinherrscher als "podestà" oder ein Kollektivorgan, die "consoli", regieren sollte(n). Im 13. Jahrhundert wechselten sich beide Regierungsformen ohne erkennbare Logik ununterbrochen ab (Renouard 1981:282). Dazu kamen die aus dem Konflikt zwischen Papst und Kaiser resultierenden Spaltungen innerhalb der Eliten: So etwa 1237, als die Stadt offiziell - nicht zuletzt zur Schwächung des staufischen Pisa - den Papst unterstützte, einige der einflußreichsten Adelsfamilien wie die Doria und Spinola zur Wahrung ihrer Interessen in Sardinien und Gebieten jenseits des Appennin hingegen die Sache des Kaisers vertraten. Dank der starken Flotte und der Allianz mit Florenz und Lucca konnte sich Genua gegen den Angriff Friedrichs II., Pisas, und der Doria erfolgreich verteidigen. Wobei sich die Frage stellt, wer denn die Republik überhaupt noch repräsentierte und wessen Interessen sie diente. Im Gegensatz zu Venedig, das die Aktivitäten seiner Kaufleute und politischen Vertreter in Übersee normalerweise sorgfältig kontrollierte, zogen Genuesen weitgehend unbehelligt vom Staat ihre Fäden, "im eigenen Namen und ohne weitere engere organisatorische Verbindung zur Metropole" (Karbe 1995:261).
Schon 1235 gründeten private Unternehmen die "associazione di creditori dei Saraceni di Ceuta", um gegen das an der Straße von Gibraltar gelegene Emirat vorzugehen; die Republik selbst konnte den Krieg nicht finanzieren und mußte die Geldgeber durch Gewährung von Sonderrechten entschädigen. Man gab solchen Kreditorenverbänden den arabischen Namen maona, was mit "Assistenz" übersetzt werden könnte (Zazzu 1993:64; Renouard 1981:287). Maona und die bereits erwähnte Casa di San Giorgio stellten die eigentliche Macht in Genua dar. Die Republik geriet in immer größere Abhängigkeit von solchen Gesellschaften und mußte daher die wichtigsten staatlichen Einnahmequellen verpfänden: Direkte und indirekte Steuern, Salzmonopol oder die Verwaltung und damit totale wirtschaftliche Ausbeutung vom Staat beanspruchter Territorien wie Korsika und Chios, wovon an anderer Stelle die Rede sein soll. Während die Kommune die Flotte auf wenige Einheiten reduzierte, stellten private Reeder problemlos große Schiffsverbände auf, die samt Besatzung und Admiral an Bestbietende vermietet wurden (Zazzu 1993:44). Ob Arsenal, Seidenproduktion, Getreideimporte, Orienthandel oder Banken - der Staat hatte jede Mitsprache verloren. Die genuesische Wirtschaft überstand hingegen problemlos selbst katastrophale außenpolitische Rückschläge: Der mit Venedig geschlossene Friede von Turin nach über 100 Jahren Krieg stellte sich trotz vieler militärischer Siege als diplomatische Niederlage heraus, im Schwarzen Meer und der Ägäis gingen nach und nach wichtige Stützpunkte verloren. Doch damit erfolgte eine Neuorientierung der wirtschaftlichen Aktivitäten: verstärkte Konzentration auf internationale Finanzgeschäfte und Verlagerung der Handelsverbindungen nach Westeuropa und ins westliche Mittelmeer. Auch im Ausland wandten genuesische Financiers in der Heimat geübte Praktiken an - verschuldete Staaten überließen den Kreditoren Steuerrechte, Landbesitz und sogar die Gerichtsbarkeit. Ein unentrinnbarer Teufelskreis aus Schulden-Kreditbedarf-Neuverschuldung war in Bewegung geraten; eine Situation, die sich in Spanien, wo genuesische Bankiers Hauptgläubiger des Staates wurden, aber auch in der ligurischen Hafenstadt verheerend auf den Lebensstandard der Bevölkerung auswirkte (Karbe 1995:263ff). Dementsprechend heftig war der Haß auf die in solche Geschäfte involvierte Nobilität und er entlud sich wiederholt in revolutionsähnlichen Tumulten. Die Stadt war vollständig unregierbar und im 15. Jahrhundert Spielball ausländischer Mächte wie Frankreich und Mailand.
Genuesische Bankiers perfektionierten das bargeldlose Geschäft mit Krediten in einem Ausmaß, das einen venezianischen Berichterstatter mit respektvollem Staunen erfüllte. Er nannte die vor den Toren Genuas stattfindenden Wechselmessen eine Art "Utopia", wo mit einer fiktiven europäischen Währung, dem "scudo de Marchi", riesige Summen kreuz und quer durch Europa verschoben wurden (Karbe 1995:264). Und nur wenige Jahre früher schrieb ein anderer Venezianer: "Das Wechsel- und Geldgeschäft erklären sie für die ehrenvollste Art des Handelsbetriebes, während sie von Warenhandel und Schifffahrt sagen, das sei Sache der Krämer." (zit. bei Karbe 1995:264)
Der Gesandte Venedigs weist auf einen entscheidenden Unterschied zwischen beiden Seerepubliken hin: Das wirtschaftliche Standbein der Serenissima blieb selbst nach Rückschlägen im östlichen Mittelmeerraum der Fernhandel. Außerdem stieg in der Lagunenstadt keine Bankiersfamilie zu derartiger Bedeutung auf, zu viel Macht und Finanzkraft wurden als Bedrohung des innenpolitischen Gleichgewichts angesehen (Luzzatto 1958:183). Die Signoria wäre auch nie bereit gewesen, wesentliche staatliche Einnahmequellen bedingungslos zur Nutzung an Private zu vergeben. Die Schiffsbauindustrie des Arsenals und die Flotten waren Staatsbesitz, die Schiffe konnten allerdings von Gesellschaften und Einzelunternehmern gepachtet werden. Um in etwas überzogenen Bildern zu sprechen: Auf der einen Seite steht das Modell eines globalisierenden Kapitalismus der Individualisten; auf der anderen das Modell eines Staatskapitalismus, der Gemeinwohl über die Interessen des Einzelnen stellt, der den Ausgleich zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, oder zumindest die Ruhigstellung potentieller Unruhestifter, als Ziel des "buon governo" ansieht. Ohne Zweifel waren die genuesischen Eliten in Denken und Mentalität vom Feudalismus geprägt. Die Macht der Patrizier "... beruhte auf ihrem ligurischen Landbesitz, und selbst ihre Palazzi in der Stadt waren ihren burgähnlichen Latifundien nachgebildete, mit Wehrtürmen und großen Höfen ausgestattete ‚alberghi'. So waren im Unterschied zu Venedig von Anbeginn die Lebensschwerpunkte zwischen Zentrum und Peripherie ‚umgekehrt' definiert: das Zentrum befand sich für die genuesische Nobilität weit außerhalb der Metropole ... Damit waren aber kollektive Gemeininteressen und private Gruppeninteressen grundsätzlich voneinander getrennt." (Karbe 1995:61)

Venedig

Teile der venezianischen Eliten waren als Folge der langobardischen Expansion schon in vorfeudaler Zeit auf die Laguneninseln gezogen, wo sie eine scheinbar egalitäre Gesellschaft vorfanden, von Fischfang und Salzgewinnung lebend. Die Zugezogenen kamen aus den Städten Venetiens, wo urbane römische Traditionen weitergelebt hatten: Aquileia, Concordia, Oderzo, Altino und Padua (Luzzatto 1958:53). In den folgenden Jahrhunderten garantierte schon alleine die isolierte Lage Venedigs Immunität gegen die Feudalverhältnisse des Festlandes (Benevolo 1996: 36): Die noch nicht zusammengewachsenen Inselstädtchen wurden von gewählten Tribunen verwaltet, sie unterstanden einem ebenfalls gewählten Dogen, der bis ins 9. Jahrhundert von Byzanz bestätigt werden mußte. Wie bereits erwähnt, löste sich die Lagunenstadt schrittweise und leider undokumentiert aus griechischer Oberhoheit; Venedigs Unabhängigkeit sollte fast ein Jahrtausend währen, nicht nur im politischen Chaos Italiens ein absoluter Einzelfall, sondern vielleicht auch im Rahmen globaler Geschichte: Die Serenissima wurde seit ihrer Entstehung im Frühmittelalter bis zur Zeit Napoleons kein einziges Mal durch fremde Truppen erobert oder auch nur kurzfristig besetzt.
Die Stadt ohne Hinterland, die "Stadt in Reinkultur" (Braudel 1990: 112) orientierte sich einerseits zum Meer und profitierte gleichzeitig vom nahegelegenen Po, schon immer der Hauptverkehrsweg von der Adria in das getreide- und damals noch holzreiche Landesinnere. Außerdem kreuzten sich hier die wichtigsten Nord-Süd-Routen ins transalpine Europa. Venezianische Flußschiffer sicherten die Versorgung der wachsenden Stadt, wo, wie Zeitgenossen schrieben, "man nicht anbaute oder erntete" (zit. bei Lane 1980:24), mit Getreide und machten im Landesinneren blendende Geschäfte mit orientalischen Luxusgütern, die zunächst von Syrern und Juden in die Lagune gebracht wurden. Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewährten den Venezianern Handelsrechte und Schutz bei Schiffbruch - im Normalfall gehörten gestrandete Schiffe samt Ladung den Anrainern - doch bald nahmen die Venezianer mit kampfstarken Geleitzügen den Schutz ihrer Schiffe in die eigene Hand. Damit entwickelten sie ein Transportsystem, das in den folgenden Jahrhunderten maßgeblich zum Aufstieg der Markusrepublik zur ersten Seemacht des Mittelmeeres beitragen sollte: Von Kriegsgaleeren begleitete Handelsschiffe, die den Angriffen feindlicher Verbände oder Piraten - ohnehin oft ein und dasselbe - erfolgreich begegnen und so den Geschäftspartnern bisher ungekannte Zuverlässigkeit garantieren konnten. Die im staatlichen System der muda organisierten Flotten liefen einmal jährlich die wichtigsten Häfen des östlichen Mittelmeeres an. Die Menge der für Europa bestimmten orientalischen Waren war trotz intensivem Handelsverkehr relativ gering, um 1350 transportierten die Baumwollflotten jährlich nicht mehr als 5.000 Tonnen. Der Gewinn war aber enorm.
Die schwierigen topografischen Bedingungen in der Lagune stellte die wachsende Stadt vor größte Probleme, die besondere Organisationsstrukturen erforderten. Verschlammungen und Verschiebungen von Sandbänken aufgrund hoher Gezeiten, Flußüberschwemmungen oder starken Windes mußten durch administrative und bauliche Maßnahmen verhindert werden, um die Schiffahrtrinnen freizuhalten. Neugeschaffene Behörden errichteten Leuchttürme und Wellenbrecher, organisierten Schlepp-, Rettungs- und Lotsendienste. Die Lotsen durften aus militärischen Gründen nur Venezianer sein, war doch die Kenntnis der zahlreichen gefährlichen Untiefen der beste Schutz vor feindlichen Angriffen: 811 eroberten karolingische Truppen Teile der Lagune, scheiterten aber beim Angriff auf Rialto und die umliegenden Inseln - ein Jahr später mußte Karl der Große Byzanz gegen die Anerkennung seiner Kaiserwürde die Unantastbarkeit Venedigs garantieren. Als die Dogenrepublik 1380 im Chioggiakrieg gegen Genua in höchste Bedrängnis geriet, wurden die Fahrrinnen kurzerhand mit steinebeladenen Schiffen blockiert. Venedig bot, wie später Amsterdam, dem Handel die beste Infrastruktur, welche eine Stadt vor dem Zeitalter der Eisenbahn und des Lastwagens entwickeln konnte: der teure und langwierige Zwischentransport vom Schiff zum Magazin entfiel gänzlich; die zusammenwachsenden Inselchen paßten sich in Architektur und Kanalführung an die Bedürfnisse des Seehandels an. Bis heute sind fast alle Häuser Venedigs - mit Ausnahme einiger neuerer Viertel am Rande der Lagunenstadt - direkt vom Kanal erreichbar. Was der Fußgänger heute als die Rückseite der Gebäude empfindet, war eigentlich die Vorderseite.
Bis zur Jahrtausendwende gelang es der Signoria durch Diplomatie, Boykottmaßnahmen und militärische Härte die Adria unter Kontrolle zu bringen. Konkurrenten wie Commachio, Triest oder Koper wurden ausgeschaltet, süditalienische Araber, die 878 sogar Grado angegriffen hatten, aus der Adria verdrängt, dalmatinische Hafenstädte unter venezianische Herrschaft gezwungen. In dieser ersten Phase der Expansion trug der Handel mit Sklaven und Holz zum wirtschaftlichen Aufschwung der Markusrepublik bei. Wie Amalfi belieferte auch Venedig trotz päpstlicher Verbote die islamische Welt mit strategischer Ware - die Muslime füllten ihre Heere mit Sklaven aus dem slawischen Raum auf (Lane 1980:27). Die Riva degli Schiavoni zwischen Markusplatz und Arsenal erinnert an den Stellenwert dieses Wirtschaftszweiges.
Als Venedig seine Interessen in der Adria durch die Politik Robert Guiscards gefährdet sah, trat die Signoria auf die Seite Byzanz', das durch die normannischen Expansionspläne nach Osten unmittelbar bedroht war. 1081 schlugen venezianische Schiffe Guiscards Flotte bei Durazzo, ein Sieg mit weitreichenden Folgen: Kaiser Alexios garantierte den Kaufleuten seines Bündnispartners volle Bewegungsfreiheit in der Romania sowie Befreiung von allen Zöllen, womit sie größere Vorrechte genossen als die Griechen selbst, die 10% an Abgaben zu leisten hatten. Durch diese Privilegien konnte Venedig - auf Kosten Amalfis - den Orienthandel zwischen Byzanz und Europa monopolartig dominieren, was aber den Keim zu Konflikten mit den tyrrhenischen Seerepubliken und mit Byzanz selbst barg: Pisa und Genua versuchten ebenfalls in der Romania Fuß zu fassen, durchaus mit Zustimmung der Griechen, die im 12. Jahrhundert die Konsequenzen der venezianischen Machtposition schmerzlich spürten. Die nun praktizierte Politik des Entziehens und Gewährens von Sonderrechten hatte jedoch fatale Folgen für Konstantinopel: die jeweils benachteiligte Seerepublik antwortete prompt mit Angriffen auf byzantinisches Territorium (Lane 1980:67f). Das Verhältnis zwischen Griechen und Italienern war zunehmend von Haß geprägt; die Erfahrung mit marodierenden Kreuzfahrern, den nicht endenwollenden Piratenüberfällen, der Bevorzugung der "Lateiner", die einander in Konstantinopel offene Straßenkämpfe lieferten, bündelten in einer explosiven Stimmung, und gipfelten in den "Lateinerpogromen" des Jahres 1171. Hunderte Italiener wurden getötet, tausende ins Gefängnis geworfen, ihr Vermögen konfisziert.
Wie Genua und Pisa hatte auch Venedig, wenn auch nach einigem Zögern, mit größeren Flottenverbänden am ersten Kreuzzug teilgenommen. Und wie ihre italienischen Rivalen paßten sich die Venezianer rasch an die lokalen Gegebenheiten an, während der fränkische Adel traditionellen feudalen Vorstellungen treu blieb und die ökonomischen Chancen in Oltremare nicht begriff. Die Übernahme eines Stadtviertels in Tyros 1123 bedeutete für Venedig auch die Kontrolle über ein äußerst produktives Hinterland: etwa 40 Dörfer auf ungefähr 150 Quadratkilometern. Mit arabischen Methoden wurde in Plantagenwirtschaft Zucker und Baumwolle angebaut und zwar derart erfolgreich, daß dieses System auch auf venezianisch und genuesisch kontrollierten Inseln Anwendung fand - auf Kreta, Zypern, Korfu und Chios.
Francis C. Lane bezeichnet die Fähigkeit der raschen Anpassung und des pragmatischen Vorgehens freundlich als "geschmeidig" (Lane 1990:70), das wohl passendste, wenn auch etwas harmlos klingende Adjektiv, um die Politik der Markusrepublik zu beschreiben. Es galt der Wahlspruch "primo veneziani, poi cristiani", eine Haltung, die vor allem von der Kirche scharf kritisiert wurde, etwa von Papst Pius II.: "What do fish care about law? As among brute beasts aquatic creatures have the least intelligence, so among human beings the Venetians are the least just and least capable of humanity ..." (zit. bei Morris 1990:72)
Der vierte Kreuzzug ist das anschaulichste Beispiel, wie die Signoria flexibel auf sich ständig ändernde Umstände rEIAierte, beziehungsweise durch geschickte Manipulation verstand, ein groß angelegtes militärisches Unternehmen für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Ursprünglich gegen Ägypten gerichtet, konnte der Kreuzzug aufgrund finanzieller Probleme der Franken vom greisen Dogen Enrico Dandolo umgeleitet werden. Innerhalb eines Jahres hatte das venezianische Arsenal, die wahrscheinlich größte Industrieanlage der mittelalterlichen Welt, 200 Schiffe für 4.500 Ritter samt Pferden, 9.000 Knappen und 20.000 Mann Fußvolk bereitgestellt. In Venedig erschienen allerdings nur 10.000 Kreuzfahrer, mit weit weniger als der vereinbarten Summe für die Anmietung der Flotte. Was sie für Dandolos Änderungswünsche bezüglich der Route und Angriffsziele höchst empfänglich machte (Runciman 1995:889f). 1202 eroberten Franken und Venezianer das ungarnfreundliche Zadar an der dalmatinischen Küste, zwei Jahre später Konstantinopel. Die griechische Hauptstadt wurde Opfer einer wahren Orgie von Plünderungen, Brandschatzung, Mord und Vergewaltigung.
Dandolos Verzicht auf 40.000 Silbermark, immerhin das Jahreseinkommen Frankreichs, hatte der Serenissima unschätzbaren Gewinn gebracht: Einfluß bei der Wahl zum Kaiser des "Lateinischen Kaiserreichs", drei Achtel byzantinischen Territoriums und Konstantinopels sowie reiche Beute: Reliquien, Kunstschätze wie die Pferdequadriga und 500.000 Silbermark. Die Signoria beanspruchte bei weitem nicht alle ihr zustehenden Gebiete, sondern nur den Besitz strategisch günstiger Häfen und Inseln. Damit hatte Venedig die Grundlage zu einem Imperium gelegt, das zwar über geringe territoriale Ausdehnung verfügte, aber die Kontrolle der Handelswege und den Aufbau eines effektiven Kolonialsystems ermöglichte.
Den außenpolitischen Erfolgen entsprach innenpolitische Stabilität, die angesichts der stetigen Systemkrisen nicht nur in den Kommunen, sondern auch in größeren Machtbereichen Italiens, schon die Zeitgenossen mit Erstaunen und Bewunderung erfüllte. Wenn auch die venezianische Geschichte nicht so frei von sozialen Unruhen war wie von manchen Autoren dargestellt, funktionierte der Interessenausgleich einer durchaus von großen sozialen Gegensätzen gekennzeichneten und keineswegs im modernen Sinn "republikanischen" Gesellschaft recht gut.
In Venedigs 60 bis 70 Pfarrsprengel, den contrade, wurden die Priester von den Hausbesitzern gewählt, die Signoria ernannte Sprengelvorsteher, die capi, deren Aufgabe die Erstellung von Steuerlisten und die Einberufung der Wehrdienstpflichtigen zum Flottendienst war. Die Regierung der Republik war durch ein fein abgestimmtes System der Machtkontrolle gekennzeichnet: der Doge hatte zwar unbegrenzte Amtszeit, war aber an die Beschlüsse seiner insgesamt neun Räte - sechs aus den großen Bezirken, den bis heute existierenden sestieri wie San Marco oder Cannaregio; drei aus dem Senat, wo vor allem Finanzgesetze erlassen wurden - gebunden. Die Amtszeit der Räte war auf ein Jahr begrenzt. Der Große Rat, der um 1300 an die 1.100 Mitglieder umfaßte, verabschiedete Gesetze und wählte die mit unmittelbaren Verwaltungsaufgaben betrauten Beamten: für das Arsenal, Finanzen, Getreideversorgung, Schiffsinspektion, Reinhaltung der Kanäle und Schiffahrtsrinnen. Jeder Amtsinhaber konnte bei Mißbrauch seiner Position belangt werden, dafür sorgten die avvogatori di commun, denen auch verfassungsrechtliche Aufgaben zufielen. Lane beschreibt das venezianische System als aristokratische Kommune; etwa 500 Männer waren in wechselnden Funktionen an Regierung und Verwaltung beteiligt (Lane 1980:162f).
Das konservative Festhalten an bewährten Strukturen bei gleichzeitiger Flexibilität in außen- und wirtschaftspolitischen Fragen mag wohl erklären, warum Venedig auch elementaren Bedrohungen besser zu begegnen wußte. "Die Senatoren Venedigs paßten sich den kaleidoskopischen Veränderungen Asiens und den gelegentlichen Wellen von Kreuzzugsfieber an, handelten, wann immer nötig, rasch neue Verträge aus und lenkten die Flotten versteigerter Regierungsgaleeren mal in diesen Hafen, mal in jenen, wo immer die Kosten eines gesicherten ... Handelsverkehrs am geringsten waren." (Lane 1980:207)
Auf die seit 1261 bestehende Dominanz Genuas im Schwarzen Meer rEIAierte Venedig mit verstärkten Handelsbeziehungen zu Ägypten, entweder über Drittländer wie Zypern und das Königreich Armenien, oder direkt über Alexandrien, wo die Karawanenwege aus Arabien endeten. Der Verlust wichtiger Positionen im östlichen Mittelmeer als Folge der türkischen Expansion führte zu einer bemerkenswerten Änderung venezianischer Politik: erstmals auf dem italienischen Festland, der Terra Ferma, größere Territorien zu kontrollieren und sie als Teil des Staates der Signoria zu unterstellen. Dies wurde zu einem umso wichtigeren Ziel, als aufstrebende Regionalpotentaten wie die Scaligeri, Carraresi und Visconti die Handelswege der Po-Ebene und über die Alpen gefährdeten (Luzzatto 1958:189). Die Eroberung und Erschließung der Terra Ferma stellte an die Markusrepublik neue Anforderungen: "Problemi del tutto nuovi, idraulici, agrari, minerali e forestali." (Luzzatto 1958:194) Neugeschaffene Magistrate führten die notwendigen Arbeiten für Wasserregulierungen, Trockenlegungen, Straßenbauten, Anbau neuer Produkte und den Schutz des Waldes durch. Gleichzeitig rEIAierte das venezianische Gewerbe auf die schwieriger gewordenen Bedingungen im Fernhandel: die Produktion von Luxusgütern wurde gesteigert, der Export von Seide, Glas-, Leder- und Holzwaren, aber auch von Büchern, wurde zu einem wichtigen Posten im Budget der Dogenrepublik.
Venedigs neue Rolle als italienische Territorialmacht führte naturgemäß zur Konfrontation mit einer Reihe von Kommunen und Herrschern, die die venezianische Expansion bis an den Appennin und die Alpen nicht hinnehmen wollten. 1509 sah sich die Serenissima mit einer europäischen Allianz, der Liga von Cambrai, konfrontiert, die übermächtig erschien: ironischerweise wurde nun Venedig nach 300 Jahren selbst Ziel eines umgeleiteten Kreuzzugs, war es doch ursprünglich die Absicht der Liga gewesen, eine Expedition gegen die Türken zu unternehmen (Lane 1980:398). Mehrmals am Rande einer Niederlage stehend, gelang es Venedig, den Streitmächten Spaniens, Frankreichs, Mantuas, Ferraras, des Kaisers und des Papstes erfolgreich Widerstand zu leisten. Nach sieben Jahren Krieg, der durch Anleihen in der Bevölkerung finanziert wurde, hatte die Dogenrepublik alle Festlandgebiete wieder zurückgewonnen.
Im östlichen Mittelmeer konnten trotz der osmanischen Erfolge die Kolonien Zypern und Kreta gehalten werden, venezianische Handelsschiffe liefen weiterhin die Häfen der Levante und Ägyptens an, Venedig blieb die Drehscheibe im Handel zwischen Orient und Europa, wenn auch seine Kaufleute nicht mehr die Hauptrolle im Warenverkehr spielten.

Literatur

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Imperato, Giuseppe (1980): Amalfi e il suo commercio. Salerno: Palladio Editrice
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Renouard, Yves (1981): Le città italiane dal X al XIV secolo. Bd. 1. Mailand: Rizzoli Editore
Runciman, Steven (1995): Geschichte der Kreuzzüge. München: dtv
Stefanelli, Giuseppe (o.J.): A Short History of Amalfi. Amalfi: La Bussola
Varela, Consuelo (1988): Genovesi a Siviglia. In: Genova e Siviglia. Katalog zur Ausstellung. Genua: Sagep Editrice
Zazzu, Guido Nathan (1993): Il volo del Grifo. Storia di Genova dagli inizi al 1892. Genua: Sagep Editrice


Quelle: Querschnitte 6: Vom Mittelmeer zum Atlantik. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Gottfried Liedl, John Morrissey. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2001.
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