[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Einleitung: Umwelt-Geschichte

Reinhold Reith, Sylvia Hahn

Quelle: Querschnitte 8: Umwelt-Geschichte. Herausgegeben von Sylvia Hahn, Reihold Reith. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2001.

In der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion nehmen Umweltprobleme und die zukünftige Gestaltung der Umwelt immer breiteren Raum ein. Die 83. UN-Vollversammlung erteilte an die "Weltkommission für Umwelt und Entwicklung" den Auftrag, die Zukunftsperspektiven unserer Erde und die Möglichkeiten der Gestaltung dieser Zukunft aufzuzeigen und langfristige Umweltstrategien vorzuschlagen, um eine dauerhafte Entwicklung zu erreichen. Seit dem Bericht dieser Kommission ("Brundtland-Bericht" 1987), die 1983/1984 unter dem Vorsitz der damaligen Ministerpräsidentin von Norwegen, Gro Harlem Brundtland, ins Leben gerufen worden war, besteht zumindest Konsens darüber, dass "dauerhafte Entwicklung", die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedige, nicht riskieren dürfe, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen könnten. Auch die folgenden Generationen sollten die natürlichen Ressourcen ebenso nutzen können wie ihre Vorgänger. Wenngleich "sustainable development" grundsätzlich als gesellschaftliche Grundorientierung konsensfähig ist, so besteht über die Wege, wie diese erreicht werden könne, ebensowenig Einigkeit wie darüber, wie die "Vorgänger" die natürlichen Ressourcen genutzt haben: Ob die Ressourcenverschwendung alle historischen Gesellschaften begleitet habe und mithin eine anthropologische Konstante sei, wird ebenso kontrovers diskutiert wie die These, dass der Zugriff auf Ressourcen in der Gegenwart eine völlig neue und bedrohliche Dimension angenommen habe. Die Gestaltung der Zukunft legt den Blick in die Vergangenheit nahe: Eine Problembewältigung ohne Kenntnis der Genese dürfte kaum Erfolg versprechen. Wenn die Geschichtswissenschaft gesellschaftliche Erfahrungsprozesse transparent machen soll, dann könnten "durch die Freilegung und kritische Analyse von Wurzeln, Wegen, Irr- und Umwegen historischer Prozesse, Hinweise und Entscheidungshilfen für die Lösungen vor uns liegender Probleme" gewonnen werden (Troitzsch 1981). Doch was kann die "Umweltgeschichte" dazu beitragen?
Konzeptionen einer Umweltgeschichte oder einer historischen Umweltforschung sind in den letzten beiden Jahrzehnten in und am Rande der Geschichtswissenschaft intensiv diskutiert worden. Seit Beginn der 1980er Jahre sind die Themen "Umwelt", "Natur", "Umweltbeeinflussung", "Mensch und Umwelt" zunehmend Gegenstand von Tagungen und Sammelbänden, dann auch von Monographien geworden. Entlang aktueller Phänomene anthropogener Umweltbelastung - wie der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, der Zerstörung der Landschaft, der Belastung durch Schmutz und Lärm, der Schadstoffemissionen und der Strahlenbelastung, nicht zuletzt durch Ereignisse wie Tschernobyl - bestand ein enger Gegenwartsbezug, und frühere historische Eingriffe in die "Umwelt" wurden zunächst übersehen.
Die Vorstellungen von den Aufgaben der Umweltgeschichte sind durchaus kontrovers. Umweltgeschichte ist für die einen offenbar eine "Überlebenswissenschaft", die konkrete Handlungsanleitungen aufzeigen solle. So forderte Jost Hermand, man müsse sich über die konkreten Ursachen und die historischen Anfänge rapide zunehmender Zerstörung der natürlichen Lebensbedingungen informieren, Szenarios zu ihrer Überwindung entwerfen und realistische Wege ihrer Erreichung aufzeigen (in Bayerl/Fuchsloch/Meyer 1996:303-308). Andere sehen eher anthropologische und evolutionäre Einsichten in die "conditio humana" im Zentrum der Erkennungsarbeit. Auch dabei werde auf der Suche nach Orientierungen von Bedürfnissen der Gegenwart ausgegangen, doch gerade was das Lernen aus der Geschichte angeht, wird Zurückhaltung empfohlen: Es gebe keine umstandslose Übertragung oder Anwendung historischer Erfahrungen. Globalität, Irreversibilität, Vernetztheit und Verborgenheit aktueller Umweltprobleme reduzierten jede historische "Analogie" oder "Einsicht" eben auf einen sorgfältig zu prüfenden Vorschlag. Es gehe also mehr um "Problemfelder, Strukturähnlichkeiten, Regeländerungen, Trendexpolationen" und eben nicht um "Exempel". Bodo von Borries warnt daher auch vor "normativer Überhebung" (in: Bayerl/Fuchsloch/Meyer 1996:309-324). Werner Abelshauser sieht einen Beitrag der Historischen Sozialwissenschaft zur Lösung von Umweltproblemen, da sie über die Mittel der Diagnose ebenso verfüge wie über die aus der Erfahrung mit vergangenen Problemlösungen gewonnene Einsicht in die Notwendigkeit institutionellen Wandels (Abelshauser 1994).
Wo auch immer man die Aufgaben einer Umweltgeschichte sehen wird, die aktuelle Diskussion bedeutet eine Aufforderung an die Geschichtswissenschaft. Diese Bringschuld scheint mittlerweile akzeptiert - ob man nun die Umweltgeschichte als neue Subdisziplin mit einem gesicherten theoretischen Konzept und eigenem Gegenstandsbereich sieht, oder eher als ein Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft, das viele bestellen können und das in Forschung und Lehre mehr als bisher einbezogen werden sollte.
Wo könnten die Schwerpunkte einer Umweltgeschichte liegen? Angesichts der Reflexion aktueller Probleme verwundert der vielfach ausgeprägte Gegenwartsbezug nicht. Andererseits sind viele Arbeiten auf der Suche nach dem "point of no return" in der Geschichte, von dem aus die Entwicklung unumkehrbar verlaufen sei. Für den amerikanischen Mediävisten Lynn White sind Umweltprobleme eine Folge des christlichen Denkens. Andere sehen in ideengeschichtlicher Perspektive eine Wende bei Bacon und Descartes. Wieder andere sehen sie in politischen Zusammenhängen: Für die Wirtschaftsgeschichte der DDR galten Umweltprobleme als Auswuchs kapitalistischer Wirtschaftssysteme. Chronologisch und systemisch bildete daher der Kapitalismus oder eben auch sein Erbe den Bezugspunkt. Für andere ist Umweltgeschichte vornehmlich Industrialisierungsgeschichte. Die Forderung, dass eine Umweltgeschichte bei den Anfängen des Industriezeitalters ansetzen müsse, ist weit verbreitet. In den letzten Jahren ist schließlich auf eine tiefe Zäsur nach 1945 hingewiesen worden; sie hätte einen umwelthistorischen Quantensprung gebracht: Die fünfziger Jahre oder das "1950er Syndrom" - als Übergang vom Zeitalter der Kohle ins Zeitalter der Kohlenwasserstoffe - sind als "entscheidende Bruchstelle im Mensch-Umwelt-Verhalten" vehement in die Diskussion eingebracht worden (Pfister 1996).
Reicht angesichts solcher Thesen eine zeitgeschichtliche Perspektive nicht aus? Selbst wenn wir von einem point of no return ausgehen wollten, so würde uns ein solcher wiederum auf seine historischen Ursachen verweisen. Umweltgeschichte hat es oft mit Langzeitwirkungen zu tun: Pointiert könnte man von der Geschichte als Langzeitversuch sprechen, denn die Konsequenzen von Entscheidungen und Eingriffen in die natürliche Umwelt - durch Lawinenverbauung, Flussbegradigung, Flurbereinigung oder Bergbau - sind oft erst nach Generationen absehbar. Dabei sollte die Umweltgeschichte - wie Joachim Radkau fordert - nicht Krisen und Probleme, sondern auch Anpassungsleistungen und damit das gesamte Mensch-Natur-Verhältnis in den Blick nehmen (Radkau 2000). Mit dem Menschen, der bisher unbestritten im Zentrum geschichtswissenschaftlicher Aufmerksamkeit stand, wird nunmehr auch die Natur oder die Umwelt zum Gegenstand historischer Analyse; ohne die Kooperation mit den Naturwissenschaften scheint dies kaum erfolgversprechend. Umweltgeschichte sollte daher eher als offenes Feld denn als Disziplin verstanden und betrieben werden. Disziplinierungsbemühungen- so Rad-kau - könnten die Umweltgeschichte mit zu hohen Ansprüchen belasten (in Abelshauser 1994:11-28). Die Chance liegt im "Querschnitt", in der Verbindung und Vernetzung. Man sollte also die Claims nicht zu eng abstecken, das Forschungsfeld offen konzipieren, und sich an eine Diskussion anlehnen, die dies ermöglicht: Umweltgeschichte untersucht die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur in der Geschichte (Herrmann 1989).
Die Zielsetzung dieses Bandes ist es, Arbeitsfelder und Forschungsansätze der Umweltgeschichte vorzustellen. Ausgehend vom Mittelalter bis in die Gegenwart sollen anhand von Schwerpunktthemen Einblick in die gegenwärtige Diskussion und Zugänge der Geschichtswissenschaft und benachbarter Disziplinen - wie der Politikwissenschaften, der Wirtschaftswissenschaften und der Naturwissenschaften - gegeben und Perspektiven entwickelt werden. Wenn es mit dieser Annäherung an ein "Querschnitt"thema gelänge, Studierende anzuregen, sich mit der historischen Umweltforschung auseinanderzusetzen und das Feld weiter zu bestellen, so wäre ein hohes Ziel erreicht.


Quelle: Querschnitte 8: Umwelt-Geschichte. Herausgegeben von Sylvia Hahn, Reinhold Reith. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2001.
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]