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Einleitung: Grund- und Menschenrechte

Margarete Grandner, Wolfgang Schmale, Michael Weinzierl

Quelle: Querschnitte 9: Grund- und Menschenrechte. Herausgegeben von Margarete Grandner, Wolfgang Schmale, Michael Weinzierl. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2002.

Die Menschenrechte sind nirgendwo gesichert. Auch nicht in Europa, von dem viele glauben, es habe die Menschenrechte erfunden. Das Verhalten der italienischen Polizei gegenüber gewaltlosen Demons-trant/inn/en - der Schwarze Block ist damit nicht gemeint - anlässlich des G8-Gipfels in Genua im Juli 2001 führt vor Augen, dass selbst in einer stabilen Demokratie außergewöhnliche Umstände, wie sie der Gipfel mit sich brachte, sehr schnell dazu führen können, dass eine Polizei, von der man annimmt, dass sie ihre Schulung in demokratischen, rechtsstaatlichen und menschenrechtlichen Prinzipien erhalten hat, die Kontrolle über sich selbst verliert - oder aber schlaglichtartig offenbart hat, dass es mit der unterstellten Schulung nicht so weit her ist. Seit Jahren füllen Berichte über polizeiliche Übergriffe in Europa auf wehrlose Bürger/innen, Asylant/inn/en oder Menschen in Abschiebehaft bzw. während der Abschiebung (vgl. in Österreich den Fall Omofuma) die Zeitungsspalten.
Die Polizei - es wird nicht unterstellt, dass alle Polizisten welchen Dienstgrades auch immer fehlhandeln; es sind einzelne, manchmal mehrere - ist nur ein sektoraler Ausschnitt eines offensichtlich tiefer gehenden Problems, das durch die Berichte karitativer Organisationen, von Menschenrechtsorganisationen, von Opfern etc. eigentlich so gut dokumentiert ist, dass ein Aufschrei durch die europäische Öffentlichkeit gehen müsste. Es sind nicht nur gewaltbereite Rechtsradikale in Deutschland oder England, gewaltbereite mobile "Autonome", "irgendwelche" Bürger/innen, die wie in Spanien im Sommer 2000 gegen nordafrikanische Landarbeiter rassistische Gewalt ausüben - usf., usf., usf.! -, sondern auch Politiker und Mitglieder (z.B. Polizisten) von Institutionen des demokratischen Rechtsstaats, deren Haltung zu den Menschenrechten grundlegende Fragen aufwirft.

Es finden massive Einschüchterungen durch autoritäre und menschenrechtsfeindliche Rhetorik statt (in Österreich: vorgeschlagene Mandatsaberkennungen von oppositionellen Parlamentsmitgliedern, "Arbeitslager" für Oppositionelle, Einschränkung der Freiheit der Wissenschaft etc). Ziel dieser Rhetorik ist es, ein Klima der Angst zu erzeugen, in dem Grenzen des in der politischen Praxis menschenrechtlich Zumutbaren verschoben werden. Dadurch werden Einschränkungen der Menschenrechte ohne großen öffentlichen Protest möglich, solange eine letztlich schwer zu definierende Schwelle von Erheblichkeit bei dieser Strategie beachtet wird. Sehr fragwürdig war der Umgang mit der Inhaftierung der Wiener "Volxtheater-Karawane" in Italien nach dem G 8-Gipfel, bei der die Weitergabe und Öffentlichmachung rechtlich irrelevanter, aber irreführender obskurer Staatspolizeivermerke aus Österreich eine Rolle spielte.
Während hier, das sagen die erwähnten Beispiele aus, im Grunde noch die Umsetzung der ganz klassischen Menschenrechte selbst in Europa problematisch erscheint, müssen wir uns längst mit neuen Problematiken der Menschenrechte, wie sie sich in der Debatte um Stammzellenforschung und das Klonen erweisen, auseinander setzen. All dies zeigt, wie grundlegend die Problematik der Grund und Menschenrechte mit gesamtgesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen verknüpft ist. Dieser Umstand erfordert eine Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte.
Der vorliegende Band soll die Auseinandersetzung fördern, aber es muss klar sein, dass eine Reflexion der Geschichte der Grund und Menschenrechte sowie ihrer besonders aktuellen Perspektiven nur selektiv geschehen kann. Die Beiträge dieses Bandes, die anlässlich der Ringvorlesung "Geschichte der Menschenrechte" am Institut für Geschichte der Universität Wien im Wintersemester 2001 verfasst wurden, können deshalb nur eine Problemauswahl darstellen. Gleichwohl ist diese Auswahl nicht willkürlich vorgenommen worden.
Der verwendete Begriff "Menschenrechte" lehnt sich inhaltlich zunächst an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 an. Damit ist zugleich ausgesagt, dass der Begriff selber eine Geschichte besitzt, die vor 1948 beginnt und nicht mit 1948 aufhört. Die Geschichte des Begriffs "Menschen-recht(e)" wird im ersten Beitrag von Wolfgang Schmale reflektiert. Der häufig verwendete Begriff "Grundrechte" meint heute in der Substanz Menschenrechte, betont aber deren Positivierung in den nationalstaatlichen Verfassungen. Darüber hinaus kann der einzelne Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern Grundrechte gewähren, die nur in diesem Staat als Grundrechte gelten und gesetzlich garantiert sind. Im Bereich der sozialen Rechte - beispielsweise - sind nach wie vor große Abweichungen hinsichtlich der sozialen Grundrechte zwischen den einzelnen Staaten festzustellen. Noch mehr gilt dies in Bezug auf einige politische Grundrechte, die in der Regel nur den Staatsbürger/inne/n gewährt werden, nicht aber Ausländer/inne/n mit anderer Staatsbürgerschaft. Innerhalb der EU wurde jedoch begonnen, das Wahlrecht als politisches Grundrecht auf alle in EU-Staaten lebenden EU-Bürger/innen im Rahmen von Kommunalwahlen und der Wahlen zum Europaparlament auszudehnen, während bisher - von wenigen Ausnahmen abgesehen - Nicht-EU-Ausländer/innen von diesem politischen Grundrecht weiterhin ausgenommen sind.

Der erste Abschnitt dieses Bandes versucht eine Rekonstruktion der Geschichte der Grund- und Menschenrechte. Es ist umstritten, ob diese Geschichte in der Antike (Kultur Mesopotamiens; europäische Antike) beginnt, aber es gibt sehr gute Gründe, über "Antike und Menschenrechte" nachzudenken. Gerald Stourzh formulierte in seinem großen Vortrag vor der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am 17. Mai 2000: "Das wesentliche Element der Idee der Menschenrechte ist die Vorstellung von Gleichberechtigung" (Stourzh 2000:5). In diesem Rahmen kann bis in die Antike zurückgegriffen werden. Stourzh hat dafür in Bezug auf die Antike im Mittelmeerraum eine sehr zutreffende Bezeichnung gefunden: "Reservoirs der Gleichberechtigung" (Stourzh 2000:6). Er nennt dann das athenische Prinzip der Isonomia, der Gleichgesetzlichkeit, die sich auf die freien Vollbürger bezog, sowie die "Vorstellung gleichberechtigter Bürger, wie sie unbeschadet aller sonstigen Abstufungen im römischen Recht und in den Stadtrepubliken des Mittelalters und der Frühneuzeit aufscheint" (Stourzh 2000:6). Als drittes verweist Stourzh auf die "jüdisch-christliche Lehre vom Menschen", auf seine sowohl im Alten Testament sowie im Neuen Testament festgehaltene Gottesebenbildlichkeit.
Weitere Aspekte treten hinzu: Karl Jaspers (Jaspers 1949) und in seiner Folge Shmuel N. Eisenstadt (Eisenstadt 1987-1992) nahmen diese Antike in die Theorie der Achsenzeit auf und stellten die Frage nach der geschichtlichen Zusammengehörigkeit der Gesellschaften der Achsenzeit-Antike und der modernen bzw. postmodernen Gesellschaften. Die Antike der Achsenzeit beschränkt sich keineswegs auf die europäische Antike. In diese Perspektive lässt sich ein 1998 erschienener umfangreicher Band zur antiken Welt und der Frage der Menschenrechte einordnen, in dem sich Beiträge zum Humanitätserfordernis im Kriegsrecht des antiken Indien, zu "individuellen Rechten im hellenistischen Ägypten" oder zum alten China und der Vorstellung von Menschenrechten neben den erwartbaren Aufsätzen zur griechischen und römischen Antike finden (Jones 1998).

Optimistische Autorinnen und Autoren sehen in der Antike ausgesprochene Menschenrechte angedacht oder auch verwirklicht (Ténékidès 1988), andere wie Richard A. Bauman (Bauman 2000) zeigen deutliche Differenzierungen auf, sehen aber eine engere Verbindung zwischen Antike und Moderne hinsichtlich des materiellen Rechts und (idealistischer) Menschenauffassung.
Zeitlich eröffnet der Band mit dem Beitrag von Wolfgang Schmale zu "Grund- und Menschenrechten in vormodernen und modernen Gesellschaften Europas". Mit "vormodern" sind das Mittelalter und die Frühe Neuzeit, mit "modern" die Zeit seit der Französischen Revolution gemeint. Schmale unterscheidet in der Geschichte der Grund- und Menschenrechte mehrere Entwicklungsstränge: "Ein ideeller Entwicklungsstrang beginnt zweifellos in der Antike, spätestens mit der Naturrechtslehre der Stoa und der späteren Rezeption durch die Christen. Es folgten: eine neue Entwicklung des Freiheitsbegriffs vom Mittelalter an; ein neuer Sprung mit der Durchsetzung der Idee von der Glaubensfreiheit im 16. Jahrhundert; die politischen bürgerlichen Revolutionen in den Niederlanden, England, Amerika und Frankreich vom 16. bis 18. Jahrhundert; damit eng verbunden die umfassende Naturrechts- und Menschenrechtslehre der Aufklärung; Kodifizierung der Menschenrechte als Menschenrechte oder auch Grundrechte in Verfassungen und Rechteerklärungen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert; "Export" von Europa in die Welt; Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948, usw. Weitere Entwicklungsstränge sind mit bestimmten geographischen Räumen, z.T. mit einzelnen Staaten, einhergehend mit der Manifestierung einer nationalen Identität, direkt verbunden. Andere Entwicklungsstränge sind nur regionalgeschichtlich bestimmbar. Und immer wieder entfalteten einzelne Persönlichkeiten makrohistorische Wirkungen." [Dieses und alle folgenden, nicht gesondert belegten Zitate sind den Beiträgen der Autor/inn/en in diesem Band entnommen.]
Auf lange Sicht ergeben sich nach Schmale drei große Etappen der Menschenrechtsentwicklung: "Eine Systematisierung der Geschichte der Grund- und Menschenrechte lässt folgende Epochenbildung zu: Soweit es um die Entstehungsgeschichte des Rechtsstaates geht, kann die Geschichte bis in die Antike zurückverfolgt werden. Soweit es um die Beziehung von "Mensch" und "Recht", genauer um das Menschsein geht, bedeutet vor allem die Epoche der europäischen Expansion und Kolonialisierung großer Teile der Welt einen weiteren Entwicklungsschub. Soweit es um die politische Emanzipation des Volks und die politischen Mitbestimmungsrechte geht, ist der nächste Entwicklungsschub mit dem 18. Jahrhundert anzusetzen. Nehmen wir als zusammenfassende Schlagworte: Rechtsstaatlichkeit - Humanität - politische Mitbestimmungsrechte. Die Leistung der Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts bestand darin, diese drei Säulen in einen systemischen Zusammenhang gebracht zu haben." Bevor mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Menschenrechte global zur essenziellen Aufgabe des Staats und der internationalen Staatengemeinschaft wurden, traten im 19. und 20. Jahrhundert Vereine und Bewegungen wie die Antisklaverei-, die Frauenrechtsbewegungen und auch Menschenrechtsligen als Akteure auf den Plan. Die Möglichkeiten, die die Gentechnologie, das Klonen oder das Internet heute bereitstellen, implizieren völlig neue menschenrechtliche Problemstellungen, die die bisherigen historischen Etappen nicht gekannt hatten. Eingebettet in diese thematisch-chronologisch-räumliche Systematisierung behandelt Schmale die Geschichte der Grund- und Menschenrechte in vormodernen und modernen Gesellschaften mittels der Leitfrage nach dem Verhältnis von "Mensch" und "Recht" bis hin zur EU-Grundrechtecharta vom Dezember 2000 und dem Problem gentechnischer Manipulationen.

Die darauf folgenden Beiträge des zweiten chronologisch-geographischen Abschnitts behandeln Frankreich, Großbritannien, die USA und Österreich. Für die Frühe Neuzeit und die Neuzeit musste eine begrenzte Auswahl aus der Masse des Materials getroffen werden. Unabhängig vom Universalitätsanspruch der Menschenrechtskonzeptionen ist darauf zu verweisen, dass geschichtlich individuelle, lokale, regionale, ja auch nationale Beiträge geleistet wurden, die letztlich in die Grundlagen der heutigen Auffassungen von Menschenrechten eingeflossen sind. Wenn hier zunächst eine europäisch-nordamerikanische Auswahl getroffen wurde, liegt dies darin begründet, dass bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 die internationale Debatte um die Menschenrechte vom europäisch-nordamerikanischen oder kurz: westlichen Konzept beherrscht worden ist. Zwar waren kulturell radiziert unterschiedliche Auffassungen schon länger vorher manifest geworden, aber deren Umsetzung in internationales Recht begann im Grunde erst nach 1948. Der Umstand, dass heute je nach Anlass eine muslimische, chinesische oder allgemeiner asiatische Menschenrechtskonzeption geltend gemacht wird (Schmale 1993), dass die Einkleidung von fundamentalen Werten, die jede Kultur kannte und kennt, und die die Funktion westlicher Menschenrechte einnahmen oder einnehmen, in die Sprache der Rechtsnorm kaum mehr hinterfragt wird, ist der weltweiten Propagierung des französischen Menschenrechtsbegriffs von 1789 (Godechot 1978) zu verdanken.

Die ausgewählten Länderdarstellungen (Frankreich: Wolfgang Schmale; Großbritannien: Michael Weinzierl; USA: Thomas Fröschl und Karin Riegler) beziehen sich auf einen faktischen Rezeptionsverbund in der Frühen Neuzeit. Weitere wesentliche Beiträge in diesem Rezeptionskontext, die aus Spanien, den Niederlanden und dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation kamen, sind im Beitrag von Wolfgang Schmale zu Grund- und Menschenrechten in vormodernen und modernen Gesellschaften behandelt. Das Österreich-Kapitel von Walter Berka darf als Vertiefung im Rahmen einer in Wien konzipierten Publikation nicht fehlen. Die zeitlichen Schwerpunktsetzungen in diesen Länderkapiteln entsprechen wesentlichen Phasen in der Entwicklungsgeschichte der Grund- und Menschenrechte.
Die Geschichte der Menschenrechte in Frankreich in der Frühen Neuzeit wird leicht, allzu leicht, auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 reduziert. Schmale zeichnet die Institutionalisierung des Rechts und der Gerichte, insbesondere der Parlements, der obersten Gerichtshöfe, als historische Voraussetzungen des Rechtsstaats in Frankreich seit dem Mittelalter nach. Die in Frankreich seit dem 14. Jahrhundert entwickelten lois fondamentales sind von ihrem materiellen Gehalt her zwar nicht mit dem heutigen Begriff von Grundgesetz zu korrelieren, aber in ihrer Zeit hatten sie eine dem modernen Grundgesetz vergleichbare Funktion.

Anhand fundamentaler religiöser, sozialer und politischer Konfliktsituationen vom 15. Jahrhundert bis zur Revolution - ein "Tyrannenmord" im 15. Jahrhundert; der religiöse Bürgerkrieg im 16. Jahrhundert; der "Fronde" genannte, innerfranzösische Krieg 1648-1653; die Debatte um die Erklärung von 1789 - analysiert Schmale die Ausbildung des Grund- und Menschenrechtsdiskurses im Frankreich der Frühen Neuzeit. Damit werden auch die sozialen und mentalitätsgeschichtlichen Ursprünge der Menschenrechte hervorgehoben, die in den klassischen Darstellungen zu deren Geschichte in Frankreich kaum berücksichtigt werden. Der Beitrag endet mit einem Ausblick auf das "Schicksal" der Erklärung von 1789 im 19. Jahrhundert.
Michael Weinzierl steuert einen Längsschnitt der britischen bzw. hauptsächlich der englischen Menschenrechtsgeschichte bei. Seine Darstellung fokussiert vor allem die Presse-, Meinungs- und Kommunikationsfreiheit sowie das Recht von Angeklagten auf ein faires Verfahren vor Geschworenengerichten und damit zusammenhängend den Schutz vor willkürlicher Verhaftung ("fair trial by jury", "Habeas Corpus"). Ausgangspunkt ist die Weiterentwicklung und ansatzweise Fundamentalisierung des Konzepts der "liberties of an Englishman" in den Revolutionen des 17. Jahrhunderts, insbesondere der Glorreichen Revolution von 1688/1689. Zu einer verfassungsrechtlichen Verankerung, einer Konstitutionalisierung der Grundrechte, die diese vor einer jederzeitigen Veränderung durch einfache Parlamentsmehrheiten schützte, kam es jedoch, vor allem wegen der ungebrochen starken Tradition des Common Law in England nicht. Der Versuch der kleinbürgerlich-demokratischen Bewegung der Levellers, wichtige Individualrechte durch die Verankerung in einem Agreement of the People dem Parlamentszugriff zu entziehen, scheiterte, und die Declaration bzw. Bill of Rights des Jahres 1688/1689, die wohl Ansatz für eine Konstitutionalisierung von Grundrechten war, blieb in manchen Punkten sehr vage. Im "langen 18. Jahrhundert" von der Glorreichen Revolution bis zur großen Parlamentsreform von 1832 gab es mehrere unterscheidbare Perioden im Hinblick auf die Entwicklung der Grundrechte. Bis 1715 wurden die "liberties of an Englishman" praktisch erweitert, beispielsweise 1695 durch die Abschaffung der Vorzensur. Der Septennial Act von 1715, der die politischen Partizipationsmöglichkeiten wieder drastisch einschränkte, leitete dann eine bis in die 1760er-Jahre dauernde Phase restriktiver Auslegung und Handhabung der Grundrechte ein. Ihr folgte unter dem Einfluss der Spätaufklärung vor allem in den 1780er-Jahren ein deutlich libertäreres Klima, in dem auch radikale Forderungen, wie die nach einem allgemeinen Wahlrecht der Männer erhoben wurden. Einflussreichster Grundrechtstheoretiker dieser Phase war Thomas Paine. Diesem Aufbruch folgte - unter dem Eindruck der Französischen Revolution - eine Bunkerstimmung, die auch noch Jahrzehnte später, etwa in den 1830er- und 1840er-Jahren gegen die Chartisten gerichtet, immer wieder auflebte. Grundrechte wurden in solchen Situationen drastisch eingeschränkt, selbst der Habeas Corpus Act von 1679 wurde immer wieder suspendiert. "Erst in der liberalen ‚midvictorian' Ära wird man", so Weinzierl, "von einer im Wesentlichen dauerhaften Etablierung der Grund- und Menschenrechte sprechen können." Das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert, als etwa das Wahlrecht auch auf Frauen ausgedehnt wurde und das Land Zufluchtstätte zahlreicher politischer Flüchtlinge war, bezeichnet der Autor als eine Blütezeit der Menschenrechte in England. Die jüngste Vergangenheit ist wiederum durch Gefährdungen und Bedrohungen der Menschenrechte gekennzeichnet.

Die Geschichte der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten ist Gegenstand der Beiträge von Thomas Fröschl und Karin Riegler. Fröschl führt zunächst die Besonderheiten der anglo-amerikanischen Rechtsterminologie als Bedingung zum Verständnis der Rechtsdiskurse in Großbritannien und den britischen Kolonien in Nordamerika bzw. in den USA aus. Die beispielsweise im Deutschen übliche Differenzierung von Recht/Gesetz hat im Englischen kein Äquivalent. Unter dem Aspekt "Rights of Englishmen" wird der Debatte über die Rechte der Amerikaner als Engländer in den britischen Kolonien Nordamerikas nach 1763 anhand der Auseinandersetzung mit dem Parlament, der Frage der Parlamentssouveränität, der Forderung nach der Konstitutionalisierung von Rechten sowie des Verfassungsbegriffs nachgegangen. Die unterschiedliche Interpretation des Inhalts der "Rights of Englishmen" führte zum Bruch mit dem Parlament in Westminster und zur Unabhängigkeit. In einem zweiten Schritt geht es um die "American Revolution" und ihre "Versprechungen", unter anderem einer Ausdehnung der "Rights of Englishmen" auf alle weißen Amerikaner. Das Gleichheitspostulat machte Ungleichheit und Unfreiheit zum Problem, was exemplarisch am Status der Sklaven sowie am Wahlrecht für Frauen (s. dazu auch den Beitrag von Birgitta Bader-Zaar) untersucht wird. Trotz allem ist die emanzipatorische Dimension der Revolution als ihr bleibendes Erbe anzuerkennen. Aber, so Thomas Fröschl: "Die Emanzipationsdimension der Revolution ist der Stachel im Fleisch, der die Debatte um die Ausdehnung der Revolutionsversprechen auf die Sklavenbevölkerung der USA unvermeidlich macht." Diese Debatte ist Gegenstand des dritten Abschnitts über "Rights of Man, Rights of Mankind" und leitet über zum revolutionären Anspruch, etwas für die ganze Welt Relevantes getan zu haben ("The cause of all mankind"). Die Frage nach den Menschenrechten der Indianer stellte sich nicht in einer der Sklavenfrage vergleichbaren Form, da diese nicht als Teil der Gesellschaft der USA, sondern als fremde Nationen, ja, als Völkerrechtssubjekte galten, mit denen Krieg geführt und Verträge geschlossen wurden. Die Erfindung der Menschenrechte beanspruchten die Amerikaner nicht für sich, sondern sahen sich als diejenigen, die diese aus Europa stammenden Rechte zum ersten Mal zu praktischer Wirksamkeit erhoben. Doch glaubten auch die französischen Revolutionäre, dass sie mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte einen Akt an Menschheits-Statt vollbracht hätten.
Karin Riegler führt in ihrem an Fröschl anschließenden Beitrag vor allem die Frage der Bürgerrechte für Afroamerikaner/innen aus. Zugleich geht es um den Bürgerrechtsbegriff selber, der im amerikanischen 19. Jahrhundert gerade in Bezug auf diese Sozialgruppen sehr kontrovers diskutiert wurde. "Die tatsächliche Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten erfolgte erst in der Reconstruction, der Periode der Wiedereingliederung der Südstaaten in die Union im Jahrzehnt nach dem Krieg, und sie wurde nicht durch ein einziges Gesetz unternommen, sondern schrittweise, durch drei Zusätze (Amendments) zur Bundesverfassung sowie fünf Gesetze des US-Kongresses". Riegler gelangt zu dem Ergebnis, dass der Relevanzbereich der Bürgerrechte und der Begriff selber im ersten Jahrzehnt nach dem Bürgerkrieg ausgeweitet wurden: "Hatten civil rights zunächst nur bestimmte Rechte, die die nunmehr freien Afroamerikaner besitzen sollten, bezeichnet, ging man im Lauf der Zeit mehr und mehr dazu über, mit dem Terminus alle Rechte dieser Bevölkerungsgruppe zu benennen." Doch "um die Rechte der Bürgerinnen bzw. ehemaligen Sklavinnen ging es im Großteil der diskutierten Zusammenhänge nicht", leitet Riegler ihre folgende Untersuchung zu den Rechten der Bürgerinnen ein. Was die Ehefrauen angeht, so kann mit Blackstone formuliert werden: "the very being or legal existence of woman is suspended during the marriage"! Der Geist der Gesetze war damit treffend ausgedrückt, auch wenn in der Rechtspraxis den Ehefrauen oft eine bessere und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mittels einzelstaatlicher Gesetzgebung eine immer bessere Rechtsstellung eingeräumt werden konnte. Das allgemeine Wahlrecht für weiße Frauen war erst seit dem 26. August 1920 gegeben. Afroamerikanerinnen befanden sich in einer wesentlich schlechteren Position: "Die simultane Zugehörigkeit zu zwei benachteiligten Gruppen, um deren Rechte seit dem Bürgerkrieg getrennt gekämpft wurde, hatte für Afroamerikanerinnen die Auswirkung der doppelten Diskriminierung".

In einem dritten Abschnitt wird die schleichende Verschlechterung der Rechtsstellung der Afroamerikaner nach der ersten, Hoffnung gebenden Dekade nach dem Bürgerkrieg ausgearbeitet: Segregation, systematischer Ausschluss vom Wahlrecht u.a. "Insbesondere - aber nicht ausschließlich - für den Süden der Vereinigten Staaten kann […] von einer fast vollständigen Entrechtung der schwarzen Bevölkerung vom Ende der Reconstruction bis etwa Mitte der 1960er-Jahre ausgegangen werden". Erst seit dem Ende der 1950er-Jahre wurde die Beseitigung der Rassentrennung auch über Bundesgesetze in Angriff genommen, verdankte ihren Erfolg aber mindestens ebenso den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der Epoche, darunter insbesondere der Bürgerrechtsbewegung. Riegler schließt mit einer Untersuchung des modernen Bürgerrechtsbegriffs in den USA und seinen semantischen Modifizierungen, kommt aber zu dem Schluss: "Die gesellschaftliche Realität zeigt deutlich, dass die Vereinigten Staaten noch weit davon entfernt sind, dem Ideal der "amerikanischen Religion" zu entsprechen, sowohl in Hinblick auf die afroamerikanische Bevölkerung oder andere benachteiligte Gruppen als auch auf Grundrechts- und Gleichheitsgarantien für alle Bürger und Bürgerinnen."

Walter Berka stellt die Geschichte der Grund- und Menschenrechte in Österreich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis heute in fünf thematisch-chronologischen Schritten dar: (1) "Das Vorspiel: die Verankerung der natürlichen Rechte der Menschen im Geiste der Aufklärung im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch." (2) "Die Zeit der Verfassungskämpfe: Das Ringen um die Gewährleistung der Rechte in den Entwürfen und Verfassungen des Konstitutionalismus." (3) "Grundrechte als positive Rechte: Der Bedeutungsverlust der Grundrechte im bürgerlichen Rechtsstaat und unter den Vorzeichen des Rechtspositivismus." (4) "Die Grundrechte in der demokratischen Verfassungsordnung: Der Wandel der Grundrechte auf dem Weg vom formalen zum materialen Rechtsstaat." (5) Die Internationalisierung des Grundrechtsschutzes: Die Europäische Menschenrechtskonvention als Motor des Grundrechtswandels." Berka wählt dazu prinzipiell eine auf Europa bezogene vergleichende Perspektive. Nicht nur auf Österreich dürfte seine Feststellung zutreffen, "dass das groß angelegte Unternehmen der Schaffung eines neuen Grundrechtskatalogs wohl endgültig gescheitert ist." Dies bezieht sich auf entsprechende Initiativen in Österreich zuerst in den 1960er- und erneut in den 1980er-Jahren. Die nicht rechtsverbindliche EU-Grundrechtscharta stellt also keinen Ersatz dar, auf den verwiesen werden könnte, und das EU-Gemeinschaftsrecht relativiert gemäß Berkas Ausführungen den nationalen Grundrechtsschutz. Das ist durchaus ambivalent, weil das ebenso zum Vorteil wie zum Nachteil gereichen kann.

Der dritte Teil dieses Bandes ist thematisch-aktuell strukturiert. Günther Lottes skizziert zunächst die Gruppe der (im europäischen Kontext) klassischen Menschenrechte der Religions-, Meinungs- und Kommunikationsfreiheit. Die Gewissens- und Religionsfreiheit ging aus den konfessionellen Konflikten des 16./17. Jahrhunderts hervor, implizierte bereits die Meinungs- und Kommunikationsfreiheit, die in besonderer Weise mit der Revolution des Buchdrucks verbunden gewesen war. Weitere wichtige Schritte waren die Entwicklung einer toleranteren Haltung gegenüber den Juden als einer Gruppe "jenseits des christlichen Konsenses", vor allem aber die Wissensrevolution des 17. und 18. Jahrhunderts innerhalb der säkularisierten, aufgeklärten Gesellschaft. Lottes geht auch auf die Gefahren ein, die aus einer "Teilbarkeit" der Grundrechte resultieren, und verweist darauf, dass die Unterdrückung der Glaubens-, Meinungs- und Kommunikationsfreiheit sich schon oft als Beginn eines Weges herausgestellt hat, "der an seinem Ende nicht mehr nur die Existenzberechtigung der anderen Meinung, sondern die des anderen überhaupt in Frage stellte."
Daniel Ennöckl liefert zu diesem Problemfeld einen streng juristischen Kommentar aus aktueller Sicht am Beispiel eines gerichtsanhängigen Beleidigungsfalles des österreichischen Bundespräsidenten im Licht einerseits des österreichischen Rechts und der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte auf der Grundlage der Europäischen Menschenrechtskonvention andererseits. Was ist freie Meinungsäußerung, was ist widerrechtliche Beleidigung oder gar Verletzung der Menschenwürde? Inwieweit wirkt die aus monarchischen Zeiten stammende Vorstellung von "Majestätsbeleidigung" heute implizit weiter? Ferner diskutiert er den in Hinblick auf Meinungsfreiheit und akademische Freiheit in Österreich in der Öffentlichkeit sehr beachteten "Fall" des Politologen Anton Pelinka.

Birgitta Bader-Zaar befasst sich mit "Politischer Partizipation als Grundrecht in Europa und Nordamerika" in der Perspektive von Demokratisierungsprozessen und Frauenwahlrecht. Artikel 21 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 hat die politische Partizipation als Grundrecht definiert. Die verpflichtende Bindung, dieses Recht zu schützen, gingen die Unterzeichnerstaaten im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte vom 19. Dezember 1966 ein, der am 23. März 1976 in Kraft trat. Hinsichtlich der politischen Rechte bedeutete dies grundsätzlich den Schutz des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts bei freien Wahlen. Der Pakt wandelte aber in Artikel 25 den Text der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in einem wesentlichen Punkt ab: Politische Rechte sollen "ohne unangemessene Einschränkungen" garantiert werden. Die wesentlichste Einschränkung, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gemacht wird, ist die Beschränkung politischer Rechte auf jeden Menschen in seinem Land bzw. im Pakt von 1966 dann klarer auf jeden Staatsbürger. Das Wahlrecht ist also kein transnationales Recht, sondern es ist 1) national im Sinne der Staatsbürgerschaft und 2) territorial, also nur für die Repräsentativkörperschaft im eigenen Staat oder der Staatenunion, definiert. Bis heute hat das trotz einiger Ausnahmen den Ausschluss von Fremden bedeutet. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht hat sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zu einem zentralen Symbol der Gleichheit entwickelt. Die symbolische Bedeutung des Wahlrechts wurde vor allem im 20. Jahrhundert herausgestrichen, in der - bald darauf durch Faschismus und Nationalsozialismus unterbrochenen - Demokratisierung europäischer Staaten gegen Ende des Ersten Weltkrieges und kurz danach, der Aufnahme politischer Rechte in die Verfassungen der zur Unabhängigkeit gelangten, ehemals kolonialen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg und schließlich der Neukonstituierung der ehemaligen Staaten des Ostblocks als Demokratien nach westlichem Vorbild. Dies wurde als notwendige, unabdingbare Voraussetzung für die Einführung der Marktwirtschaft nach 1989 angesehen.

Im Herausstreichen des Demokratisierungsstands eines Staates hat das Jahr der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts somit einen besonderen Wert erlangt. Allerdings ergibt sich die Frage, ab wann das Wahlrecht wirklich als "allgemein" definiert werden kann. Gerade die Marginalisierung des lange als selbstverständlich erachteten Ausschlusses von Frauen in der Wahlrechtsforschung bis Anfang der1990er-Jahre unterstreicht die Problematik des Verständnisses von Gleichheit. Nie wird ernsthaft die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts in Frankreich mit dem Jahr 1944 angegeben. Während sich zweifellos im Laufe der Wahlrechtsgeschichte die allmähliche Standardisierung der Wahlrechtsnormen bis zur Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts als Individualrecht weitgehend durchsetzen konnte, so ist inzwischen einer Wahlrechtsforschung, die die Geschichte der Repräsentativdemokratie als Fortschrittsgeschichte gezeichnet hat, kritisch zu begegnen. Nicht nur die Frage der In- und Exklusion von sozialen Gruppen ist dabei zu berücksichtigen. Eine genaue Begutachtung der Bestimmungen, die die Durchführung einer Wahl regulierten und die Repräsentation organisierten, sowie des Ablaufs von Wahlen in der Praxis klärt ebenfalls darüber auf, ob die Ausübung des Wahlrechts wirklich allen erwachsenen Männern und Frauen ermöglicht wurde bzw. ob ihre Stimmen zur Geltung kamen. Dass diese Fragen ganz aktuell sind, haben jüngst die US-amerikanischen Präsidentenwahlen des Jahres 2000 gezeigt. Dieses Beispiel hebt hervor, wie wichtig es ist, die Aufmerksamkeit nicht nur darauf zu lenken, wer zur Wahl zugelassen ist, sondern auch wie gewählt wird. Der historische Überblick von Bader-Zaar widmet sich drei Schwerpunkten: 1) der Ablösung der Idee der absoluten Herrschaft des Monarchen durch die Volkssouveränität mit dem Grundsatz "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus"; 2) Norm und Praxis des Wahlrechts als ein Hauptthema des 19. Jahrhunderts; 3) die Geschichte des Frauenwahlrechts, die hier exemplarisch für die Debatten des 19. Jahrhunderts hervorgehoben wird und dabei auch die notwendige Modifikation einer Theorie der repräsentativen Demokratie als entscheidendes Kriterium der Nationsbildung, wie sie besonders für die Geschichte Deutschlands vorgebracht wird, aufzeigen soll.

Margarete Grandner setzt sich mit dem "Recht auf Arbeit" auseinander, das nach wie vor sehr kontroversiell diskutiert wird. Erst im Zuge der Aufklärung wurde "Arbeit" regelmäßiger positiv konnotiert, als Publizisten wie Adam Smith Arbeit als "produktive Tätigkeit, die die Lebensgrundlagen schafft", interpretierten. Das war im Vergleich zur lange virulenten biblischen Beschreibung der Arbeit als "Strafe Gottes für den Sündenfall" eine neue optimistische Sichtweise. Die Idee zu einem "Recht auf Arbeit" lässt sich bis zu John Locke im späten 17. Jahrhundert zurückverfolgen; sie war zunächst sehr eng an die Vorstellungen vom Eigentumsrecht gebunden (Arbeit als Eigentum des Arbeitenden). In der weiteren Diskussion des 18. Jahrhunderts, die Grandner an europäischen und US-amerikanischen Beispielen verfolgt, wurde das "Eigentumsrecht als das Recht aller, das zum Leben Notwendige zu erwerben," profiliert: "Hinter dem Recht auf Eigentum […] versteckte sich also ein Recht auf Arbeit". Industrialisierung und Pauperismus führten zu einer Politisierung der Idee zu einem Recht auf Arbeit. Das inhaltliche Feld dieser Idee wurde durch Vokabeln wie "Freiheit der Arbeit", "Koalitionsrecht", "Rechtsgleichheit zwischen Kapital und Arbeit", "kostenlose Ausbildung", "Spar- und Kreditbanken", "staatliche Beschäftigungsprojekte zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" - so in einem französischen Verfassungsentwurf 1848 - beschrieben. Die unmittelbare verfassungsmäßige Verankerung, geschweige denn praktische Durchsetzung des diskutierten Rechts gelang nicht, aber die vorgelegten Konzepte beeinflussten die sozialpolitischen Programme des späteren 19. Jahrhunderts. Die Einführung von Arbeitslosenversicherungen nach 1900 war "sicherlich der weitestgehende Versuch, ein Recht auf Arbeit, oder besser gesagt, ein daraus abgeleitetes Recht der Arbeiter auf Unterstützung, durch Sozialpolitik zu verwirklichen". In diesem sozial und ökonomisch ausdifferenzierten Sinn schlug sich ein, wenn auch nicht direkt so genanntes Recht auf Arbeit in der ein oder anderen Verfassung nieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die internationalen Organisationen zum neuen Diskursort des "Rechts auf Arbeit". Wie prekär der Status des Rechts auf Arbeit heute dennoch (wieder) ist, zeigt schlaglichtartig die Behandlung, die dieses Thema in der Entwicklung der Grundrechtscharta der Europäischen Union erfuhr.

Die permanenten sozialen und politischen Veränderungen wie auch die Transformationen im universalhistorischen Kontext haben die Definition immer neuer Menschenrechte gezeitigt. Das "Recht auf Entwicklung", mit dem sich Martina Kaller-Dietrich befasst, wurde am 4. Dezember 1986 in einer Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen unter Bezug auf Art. 28 der UN-Menschenrechtserklärung definiert. Aus verschiedenen Gründen war und ist dieses Recht umstritten, da das Konzept "Entwicklung" (Entwicklungspolitik etc.) selber umstritten war und ist. Kaller-Dietrich arbeitet zunächst die kritische Sicht von Entwicklung als Politik heraus - Entwicklung als eine Spielart von Imperialismus. Anschließend wird die Gegenposition skizziert: Entwicklung als "internationale Hilfe gegen Unterentwicklung" und als "internationaler Kampf gegen absolute Armut". Anhand des indischen "Sardar Sarovar Dammprojekts" (ein System von über 3.000 Staudämmen unterschiedlicher Größenordnung, von ca. 80.000 km Kanälen etc.) und des Widerstandes dagegen wird die Kritik an Entwicklungsgroßprojekten, die kulturzerstörend wirken, dargelegt. Die Kritik spitzt sich auf die These "Entwicklung ist Krieg" zu. Nach einem kurzen Abriss zur Chronologie der Menschenrechte (vgl. dazu vor allem den Beitrag Schmale zu Menschenrechten in der Vormoderne und Moderne) wird die Entstehung des "Rechts auf Entwicklung" im Kontext der UNO analysiert. Kaller-Dietrich schließt mit einer Diskussion von Entwicklung als "globaler Strukturpolitik", die sich - im Gegensatz zum während des Golfkrieges geäußerten US-amerikanischen Konzept einer "neuen Weltordnung" - an das Konzept einer "Weltinnenpolitik" anlehnt. Kaller-Dietrich bleibt allerdings skeptisch, ob damit der Sachkritik an Entwicklungskonzepten Rechnung getragen wurde, da die in der weltweiten Diskussion als "neue Herausforderungen" von Entwicklungspolitik beschriebenen Aufgaben nichts anderes als die schon in den 1970ern formulierten und in der Praxis gescheiterten Aufgaben seien.

Terezija Stoisits geht in ihrem Beitrag der heute immer noch grundlegenden und stets spürbaren Spannung zwischen dem universellen Anspruch der Menschenrechte und dem nach wie vor häufigsten Ort ihrer Realisierung, dem Nationalstaat, nach und thematisiert in diesem Zusammenhang drei Problembereiche. Der erste ist der Konflikt zwischen internationalem Menschenrechtsschutz und dem Prinzip der Nichteinmischung, der zweite betrifft die Menschenrechte von Fremden, der dritte den Schutz ethnischer oder sprachlicher Minderheiten in einem Staat. Die ersten Rechteerklärungen des 18. Jahrhunderts, auch wenn sie rhetorisch alle Menschen einbezogen, zielten auf die Schaffung von Freiheiten gegenüber den jeweiligen Nationalstaaten. Das universalistische Potenzial der Menschenrechte wurde nur allmählich zur Kenntnis genommen, ihr Schutz war ursprünglich auch nicht Gegenstand des Völkerrechts. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs machten allerdings klar, dass die Einhaltung der Menschenrechte Aufgabe internationaler Zusammenarbeit sein müsse und mündeten in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948. Den ersten Problembereich betreffend sollten Maßnahmen der Staatengemeinschaft zum Schutz der Menschenrechte nicht länger als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Mitgliedstaates angesehen werden können. In verschiedenen Zusammenhängen wurden seither Gremien und Instrumente, die die Einhaltung der Menschenrechte gewährleisten sollen, entwickelt. Die Effizienz dieser Einrichtungen - außer im europäischen Bereich - bewertet Stoisits allerdings als nicht optimal; Hoffnungen für eine Verbesserung der Situation knüpft sie an die vor kurzem beschlossene Errichtung eines internationalen Strafgerichtshofes. Was die zweite Frage betrifft, ist festzustellen, dass Menschenrechte für Fremde/Ausländer/innen in einem Staat derzeit nur in sehr beschränktem Ausmaß gültig sind, was durch die intensiven Bevölkerungsbewegungen der letzten Jahre und Jahrzehnte zu einem immer größeren Problem geworden ist. Dies zeigt nicht zuletzt das Beispiel Österreichs, wo der menschenrechtliche Status von Fremden nicht nur wegen Benachteiligung in den einschlägigen Gesetzen, sondern auch durch ein im europäischen Rahmen besonders restriktives Einbürgerungsregime prekär ist. Minderheiten innerhalb von Nationalstaaten brauchen zur Verwirklichung der Menschenrechte besonderen Schutz, also Sonderrechte. Wichtige europäische Schritte in dieser Richtung wurden in der jüngsten Vergangenheit mit der Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten und der Charta der Regional- und Minderheitensprachen gesetzt, vor allem weil damit klargestellt wurde, dass der Schutz von Minoritäten eine nicht dem Nationalstaat überlassene, sondern eine übernationale Aufgabe ist. Eine besondere Herausforderung stellen - auch für Österreich - die "neuen", aus den Migrationen der letzten Jahrzehnte entstandenen Minderheiten dar, der aus menschenrechtlicher Sicht, so Stoisits, nicht durch Zwangsassimilation begegnet werden kann. Die Schwerpunkte der Menschenrechtspolitik im 21. Jahrhundert ortet sie einerseits in der tatsächlichen Realisierung der universalen Geltung der Menschenrechte, andererseits in der Erweiterung des Menschenrechtskatalogs in Antwort auf die modernen gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen.

Internet und Genomanalyse sowie viele neue Techniken scheinen die heutige Gesellschaft grundlegend zu verändern, wenn nicht zu revolutionieren, da Gesellschaft wie Individuen gläsern und transparent gemacht werden können. Steuern wir auf das Ende einer geschützten Privatsphäre zu? Erleben wir das Ende eines Menschenrechts, dessen Wurzeln bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden können? Marie-Theres Tinnefeld befasst sich in ihrem Beitrag über "Das Menschenrecht auf Privatheit - ein altes Recht vor den Fragen der Informationsgesellschaft zwischen Internet und Genomanalyse" mit der Modifizierung und Gefährdung des privaten Raumes durch die neuen Techniken sowie mit den gesetzgeberischen Antworten (insbesondere auch auf europäischer Ebene). Es geht dabei nicht nur um die klassische Situation der Rechte des Individuums gegenüber dem Staat wie immer noch im Kontext der "Lauschangriff"-Debatten, sondern, angesichts der Tatsache, dass "Daten über die Gesundheit, die genetische Ausstattung, Freizeitverhalten, Familienleben und Sexualdaten, Bonitätsdaten, Daten über Vorlieben und Wünsche […] heiß begehrte Informationen (sind), die als Ware gehandelt werden", auch darum, dass "das Menschenrecht auf Datenschutz […] zwischen den privaten Rechtsgenossen Wirkung entfalten (muss), um deren Freiheit und Autonomie zu sichern". Im Internet ist der Kunde längst gläsern, mit der Folge, dass "aus der Technologie der Bedrohung […] eine Technologie der Verführung geworden ist." Nach der Analyse der Überwachung durch Videokameras wendet sich Tinnefeld schließlich der Genomanalyse zu. Die Entschlüsselung der DNA, die Erforschung der Gene und die praktischen Anwendungen ("genetischer Fingerabdruck"; medizinische Prognosen aufgrund von Erbanlagen) ähneln einem "Blick in die genetische Kristallkugel", der "tiefgreifende Wirkungen auf Psyche und Lebenschancen der betroffenen Person" besitzt. Das daraus entstehende Menschenrechtsproblem formuliert Tinnefeld wie folgt: "Am Anfang aller Freiheitsrechte steht die Unverletzlichkeit der Menschenwürde und das Gebot, sie zu achten und zu schützen. Im Ergebnis bedeutet dies eine Ausweitung des Rechts auf Selbstbestimmung. Sie verlangt, dass der Einzelne grundsätzlich selber darüber entscheiden können muss, ob er seine genetischen Daten kennen lernen will oder nicht. Damit liegt der Grund für ein "Recht auf Nichtwissen" (Schutz vor Information) auf der Hand, das letztlich im Schutz der Privatsphäre beheimatet ist." Die vorhandenen gesetzgeberischen Bemühungen zum Schutz der Privatheit entheben die Einzelnen nicht einer Selbstverantwortung: "In dieser Zeit des Umbruchs liegt es in der Hand der betroffenen Personen, die tieferen Dimensionen ihrer Privatsphäre wieder zu entdecken und ihr Recht darauf in eigener Verantwortung ("Selbstdatenschutz") mit zu gestalten."

Der Band endet mit einem streng persönlich gehaltenen Bericht von Bernd Gallob zur Entstehung der Österreichischen Liga für Menschenrechte. Die Rolle von privaten Vereinen und NGO's im Kontext der Geschichte der Menschenrechte seit dem 18. Jahrhundert ist im Beitrag von Wolfgang Schmale zu den Menschenrechten in der Vormoderne und Moderne dargelegt. Dennoch eröffnet sich hier noch ein weites Forschungsfeld. Am konkreten Beispiel der 1926 gegründeten Österreichischen Liga für Menschenrechte zeigt Gallob die enge Verbindung zum damaligen Freimaurermilieu insbesondere in Wien auf. Das ist, nachdem ein Teil der einschlägigen Quellen - nämlich zur Großloge von Wien - erst vor wenigen Jahren in Moskau aufgespürt worden und insoweit das archivalische Gedächtnis zu den Anfangsjahren der Liga unzugänglich gewesen war - durchaus überraschend, obwohl das Faktum als solches nicht unbekannt, aber doch nur marginal belegt war. "Auf diese Funde und weitere Informationen aufbauend ist", so Gallob, "die Hypothese aufzustellen, dass die Österreichische Liga für Menschenrechte als wesentlicher Teil eines, wie man heute sagen würde, humanitären Netzwerkes, im Rahmen der Großloge von Wien geplant, gegründet wurde, um im "profanen" Leben in masonischem Geist wirksam werden zu können." Dies muss vor dem Hintergrund der Entwicklung einer linksbürgerlichen Intellektuellenkultur in der Ersten Republik gesehen werden. Dieses Milieu wurde durch Terror und Emigration zerstört. Die Liga wurde 1938 aufgelöst und nach dem Krieg - freilich mit einer wesentlich geringeren Ausstrahlung - wiederbegründet. Nach wie vor bestanden Verbindungen zu einzelnen Freimaurern, doch besaßen diese nur mehr eine nachgeordnete Relevanz.

LITERATUR

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Eisenstadt, Shmuel N., Hg. (1987-1992): Kulturen der Achsenzeit, 5 Bde. Frankfurt am Main
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Jaspers, Karl (1949): Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. München
Jones, Huguette, Hg. (1998): Le monde antique et les droits de l'homme. Actes de la 50e Session de la Société internationale Fernand De Visscher pour l'histoire des droits de l'antiquité, Bruxelles, 16-19 septembre 1996. Brüssel
Schmale, Wolfgang, Hg. (1993): Human Rights and Cultural Diversity. Europe - Arabic-Islamic World - Africa - China. Goldbach
Stourzh, Gerald (2000): Begründung und Bedrohung der Menschenrechte in der europäischen Geschichte. Vortrag im Rahmen der feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am 17. Mai 2000. Wien
Ténékidès, Georges (1988): La Cité d'Athènes et les droits de l'homme: In: Protecting Human Rights. The European Dimension, Hg. Franz Matscher/Herbert Petzold. Köln: 605-637


Quelle: Querschnitte 9: Grund- und Menschenrechte. Herausgegeben von Margarete Grandner, Wolfgang Schmale, Michael Weinzierl. Wien: Verl. für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg, 2002.
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