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Verstädterung und Populärkultur

Sepp Linhart

Quelle: Ostasien 1600 - 1900. Herausgegeben von Sepp Linhart, Susanne Weigelin-Schwiedrzik. Wien: Promedia 2004.


Verstädterung im vormodernen China und Japan

In seiner nun schon 30 Jahre alten Monographie über städtische Netzwerke in Qing-China und in Tokugawa-Japan macht Gilbert Rozman einige bemerkenswerte Aussagen über die Bedeutung der Stadt in China und in Japan. Seiner Meinung nach sollten das späte vormoderne China und Japan, also China und Japan um 1800, nicht nur als eine Ecke Asiens angesehen werden, sondern als vermutlich mehr als ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung und als zirka zwei Fünftel der städtischen Weltbevölkerung. Damals gab es eine geschätzte Weltbevölkerung zwischen 900 Millionen und einer Milliarde Menschen, von welchen etwa vier Prozent in Städten mit mehr als 10 000 Einwohnern gelebt haben dürften. Etwa 12 Millionen Chinesen lebten in solchen Städten und stellten damit etwa ein Drittel aller Stadtbewohner dar. In den letzten 2000 Jahren waren ein Drittel bis die Hälfte aller Stadtbewohner der Welt Chinesen. Die vormoderne Stadtgeschichte der Menschheit war daher seiner Meinung nach in erster Linie eine chinesische. Japans Bevölkerung erreichte nie die Dimensionen Chinas, aber die Urbanisierung in Japan vollzog sich schneller und der erreichte Urbanisierungsgrad war höher. Mit nur drei Prozent der Weltbevölkerung machten die Japaner acht Prozent der städtischen Menschen aus. Es dürfte die einzige große vormoderne Gesellschaft außerhalb Europas gewesen sein, in welcher mehr als zehn Prozent ihrer Mitglieder in Städten wohnten. Außerdem vollzog sich diese bemerkenswerte Bevölkerungskonzentration in Japan im kurzen Zeitraum von nur 150 Jahren vom Ende des 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, was einzigartig unter den vormodernen Gesellschaften gewesen sein dürfte.
Rozman verweist ferner auf Parallelen und Unterschiede zwischen den beiden Gesellschaften. Peking und Edo waren wahrscheinlich mit jeweils mehr als einer Million Einwohner die beiden größten Städte der damaligen Welt, und Wuhan, Suzhou und Osaka dürften zu den größten Häfen der Welt gezählt haben. Nanjing und Kyoto waren die jeweils bedeutendsten Zentren des Kunsthandwerks und der Kunst. Solcherart stellen China und Japan für Rozman zwei außerordentlich entwickelte vormoderne Gesellschaften dar. Aber auch die Unterschiede zwischen den beiden Ländern dürfen nicht übersehen werden: Die städtischen Aktivitäten der Chinesen waren verstreuter, während die Japaner in größeren Städten wohnten. Das Japan der Tokugawa-Zeit war eine zentralisiertere und urbanisiertere Gesellschaft als China. Um 1700 war der Urbanisierungsgrad in Japan mindestens zwei Mal so hoch wie in China, und von 1700 bis in das frühe 19. Jahrhundert überholte Japan seinen Nachbarn China in puncto Stadtentwicklung ganz deutlich (Rozman 1973:6-7).
Diese Stadtentwicklung in Japan, die sich solcherart in einem dramatischen Tempo vollzog, führte zur Entstehung einer völlig neuen Populärkultur, die von den Bewohnern der Großstädte, besonders der von Edo und von Osaka, getragen wurde. Da diese Kultur nach der Öffnung Japans in den 1850er-Jahren für die Besucher aus dem Westen und vor allem nach Beginn der Modernisierung Japans ab den 1870er-Jahren auch für die dem Westen nacheifernden Japaner selbst als die ›traditionelle Kultur Japans‹ galt, übersah man oft, dass es sich dabei um eine ganz neue, erst nach 1600 entstandene großstädtische Kultur handelte, die sich ganz deutlich von der bis 1600 bekannten Kultur des Volkes unterschied. In den folgenden Ausführungen soll versucht werden, diese aufregenden neuen Entwicklungen der städtischen Populärkultur in Japan von 1600 bis zum Beginn der von oben initiierten Modernisierung zu skizzieren.

Die japanische Städtelandschaft

Während der Edo-Zeit wurde immer wieder von den ›drei Hauptstädten‹ (santo oder sanganotsu) Japans gesprochen (Moriya 1981:1). Darunter verstand man das politische und administrative Zentrum Edo, das finanzielle und wirtschaftliche Zentrum Osaka und das kulturelle Zentrum Kyoto, das zugleich auch die Residenzen des Tenno und des Hofadels beherbergte. Diese Städte unterschieden sich schon durch ihre Größe von den übrigen Städten des Landes. Kyoto war lange Zeit hindurch das administrative Zentrum gewesen, die Stadt, in der ab dem Ende des 8. Jahrhunderts der Tenno und ab dem 14. Jahrhundert auch die zweite Schogunatsregierung der Ashikaga ihren Sitz hatten. Es war die einzige traditionelle Stadt unter den ›drei Hauptstädten‹. Osaka war in den 1580er-Jahren von Hideyoshi zu seiner Residenzstadt und damit für kurze Zeit zum administrativen Zentrum des Landes gemacht worden, ehe es um 1600 von Edo abgelöst wurde, das zunächst ein unbedeutendes Fischerdorf und ab 1500 eine kleine Burgstadt gewesen war, bevor es Tokugawa Ieyasu zum administrativen Zentrum seines Schogunats machte. In kurzer Zeit überholte es die beiden anderen Zentren an Einwohnerzahl und übernahm auch immer mehr Funktionen von diesen, bis es schließlich im 19. Jahrhundert zur unumstrittenen zentralen Stadt des Landes wurde.
Aufgrund der feudalen Zersplittertheit des Landes im 16. Jahrhundert gab es zahlreiche kurzlebige Burgstädte. Je nach dem Ausgang der vielen Kriege und Schlachten entstanden neue Städte rund um eine Befestigungsanlage oder verfielen alte Städte gemeinsam mit einer eingenommenen und zerstörten Burg in Schutt und Asche. Diese Situation war natürlich einer kontinuierlichen Stadtentwicklung nicht zuträglich, so dass die meisten Städte nur wenige Bewohner anzogen. Erst mit dem inneren Frieden der Edo-Zeit ließen sich immer mehr Menschen in größeren und großen Städten nieder, wobei natürlich die Entwicklung von Edo am bemerkenswertesten war.
Edo bestand aus zwei deutlich voneinander abgeschiedenen Teilen: aus der Oberstadt (yamanote), die sich aus der Burg des Schogun und den Wohngebieten der Fürsten (daimyo) zusammensetzte, die sich im Norden, Westen und Süden der Burg befanden, und aus der Unterstadt (shitamachi) im Nordosten und Osten, die von den Handwerkern und Kaufleuten bewohnt wurde. Im Laufe der Zeit siedelten die Bürger auch im Osten des Sumida-Flusses und in den Tälern der Oberstadt, wo es stets Bauerndörfer gegeben hatte. Obwohl die Bürger zahlenmäßig etwa eineinhalb Mal so stark vertreten waren wie die Angehörigen des Militäradels (Samurai) mit ihren Dienstboten stand ihnen nur weniger als ein Drittel der Fläche von Edo zur Verfügung. Da ihre Häuser oft nur ebenerdig gebaut waren oder höchstens über ein zusätzliches Stockwerk verfügten, führte das in den Wohngebieten der Bürger zu einer außerordentlich hohen Bevölkerungsdichte, die beinahe vier Mal so hoch war wie in den Wohngebieten des Militäradels (Sorensen 2002:29).
Ganz wichtig für die Prosperität der Stadt war das von den Tokugawa 1635 eingeführte ›System der abwechselnden Residenz‹ der Fürsten in ihren jeweiligen Fürstentümern und in Edo (sankin kotai seido). Die etwa 260 Fürsten waren dadurch angehalten, auch in Edo eine ständige Residenz zu unterhalten und die Dienste der städtischen Handwerker und Kaufleute in Anspruch zu nehmen. Während sich dieses System langfristig für die Fürsten und deren Gefolgsleute als finanziell ruinös herausstellte, bildete es eine wesentliche wirtschaftliche Grundlage für den Aufstieg der Stadtbewohner. Auf jeden Fall wurde das Stadtbild von Edo sehr auffällig von den überall präsenten Samurai geprägt, stellten diese doch etwa 40 Prozent der Bewohner dieser Stadt.
Edo entwickelte sich im Laufe von etwa 200 Jahren von einer Kleinstadt zur größten Stadt der Welt um 1800. Mit geschätzten 1,3 bis 1,4 Millionen Einwohnern war es damals ungefähr fünf Mal so groß wie Wien, das mit seinen 250 000 Einwohnern nach London und Paris immerhin zu den größten Städten Europas zählte. In dieser gewaltigen Konsumstadt Edo wurde nur für den eigenen Bedarf produziert und aus allen Landesteilen importiert.
Kyoto war ebenfalls in die Oberstadt Kamigyo als Wohnviertel der Aristokratie rund um den Palast des Tenno und in die Unterstadt Shimogyo für die übrigen Bewohner geteilt, doch war die Trennung nicht sehr strikt. Obwohl es in Kyoto ein Schloss des Schogun und die Vertreter und Verwalter des bakufu gab, waren Samurai viel seltener anzutreffen als in Edo. Ein Charakteristikum dieser Stadt, die zugleich das religiöse Zentrum des Landes genannt werden kann, bildeten die rund 1500 Tempel und Schreine, die für einen hohen Anteil von Priestern, Mönchen und Nonnen sorgten. Als kulturelles Zentrum in der ersten Hälfte der Edo-Zeit waren in Kyoto auch Gelehrte, Ärzte, Lehrer, Künstler und No-Schauspieler überrepräsentiert, und es war ein attraktives Ziel für zahllose ronin, ehemalige Samurai, die ihres Status verlustig gegangen waren, weil die Familien ihrer Herren vom bakufu bestraft und abgesetzt worden waren.
Kyoto hatte sich von seiner Verwüstung im Onin-Krieg (1467-77) ein Jahrhundert lang nicht erholt und gelangte erst unter Hideyoshi wieder allmählich zu seiner früheren Bedeutung. Wirtschaftlich war es für seine Qualitätswaren bekannt, besonders für seine Seidenprodukte, Buddhastatuen und buddhistische Altäre, Papier- und Schreibwaren und andere kulturelle Produkte. Seine bürgerliche Bevölkerung stieg während des 17. Jahrhunderts kontinuierlich an und erreichte um 1700 350 000 Einwohner.
In Osaka lebten noch weniger Samurai als in Kyoto, und ihre Wohnquartiere lagen im Osten der Burg. Es gab natürlich keine Aristokraten und nur wenige Vertreter religiöser oder kultureller Berufe. Daher war die residenzielle Segregation weniger ausgeprägt als in den anderen beiden Großstädten. Als größter nationaler Markt dominierten hier die Kaufleute, und um 1700 war die Zahl der bürgerlichen Stadtbewohner (chonin) etwa gleich hoch wie in Kyoto.
Die Verschiedenheit der ›drei Hauptstädte‹ in ihrer sozialen Zusammensetzung und in ihren Funktionen wurde natürlich auch vom Volksmund in vielfältiger Weise zum Ausdruck gebracht. Eine heute noch häufig gehörte Ansicht lautet, dass die Bewohner von Kyoto an ihrer Vorliebe für aufwändige Kleidung zugrunde gehen (Kyo no kidaore), die von Osaka an ihrer Fresssucht (Osaka no kuidaore) und die von Edo an ihrer Trunksucht (Edo no nomidaore). Kyoto wird auch als Stadt der 808 Tempel, das von zahlreichen Kanälen und Flüssen durchzogene Osaka als Stadt der 808 Brücken und das riesige Edo als Stadt der 808 Stadtviertel bezeichnet, wobei 808 natürlich nur für eine große Zahl steht. Und ein Gelehrter der zu Ende gehenden Edo-Zeit bezeichnete die Bewohner von Kyoto als engstirnig, als würdevoll und vor allem den Wohnsitz schätzend, die von Osaka als armselig, wild und in erster Linie den Reichtum verehrend, während die Bewohner von Edo als stolz, lebhaft und Rang und Titel hoch bewertend eingestuft werden (Moriya 1981:30-35). Obwohl alle diese Zuweisungen von Charakteristika sehr umstritten sind und natürlich keine wissenschaftliche Basis haben, zeigen sie uns, dass von den Zeitgenossen sehr deutliche Unterschiede zwischen den Einwohnern der drei großen Städte konstatiert wurden.
Neben den ›drei Hauptstädten‹ gab es mit Sendai in Nordostjapan, Kanazawa und Nagoya in Mitteljapan, Sakai in der unmittelbaren Nähe von Osaka, Okayama und Hiroshima in Westjapan und Nagasaki sowie Kagoshima in Südjapan acht weitere Städte mit einer Einwohnerzahl von mehr als 50 000 aber weniger als 150 000. Schließlich spielen die nationalen Wallfahrtszentren wie Ise mit den beiden großen Shinto-Schreinen, Matsumoto mit dem Zenko-Tempel und Kotohira auf Shikoku mit dem Konpira-Schrein eine nicht unwesentliche Rolle für unser Thema, denn sie alle verfügten über große Vergnügungsviertel und hatten zumindest zeitweise eine große, nicht-stationäre Einwohnerzahl durch die zahllosen Pilger.

Freudenviertel und Theater - die Orte des Bösen

Freudenviertel und Theaterviertel wurden von den Machthabern als Orte des Bösen (akusho) definiert. Da man wohl ihre Unvermeidlichkeit akzeptierte, entschloss man sich, diese unerwünschten, aber unvermeidlichen Begleiterscheinungen des städtischen Lebens zwar zuzulassen, aber streng zu kontrollieren.
Obwohl die Prostitution bis ins japanische Altertum zu verfolgen ist, kommt es mit dem Aufschwung der Städte nun zu einer ganz neuen Entwicklung. Es mag verwundern, in einem Aufsatz über Populärkultur von Prostitution zu lesen, aber in den Freudenvierteln der Edo-zeitlichen Städte entwickelte sich eine eigene Kultur, die wiederum in fast alle Kulturformen hineinwirkte. Freudenmädchen bildeten das Hauptsujet der bekannten japanischen Farbholzschnitte (ukiyo-e), sie waren die Protagonistinnen zahlloser Romane und Theaterstücke.
Die Prostitution war in der Edo-Zeit offiziell nur noch in eigens dafür geschaffenen Vierteln zugelassen, die in der Regel von den Zentren der Städte weit entfernt und ihrerseits mit Mauern, Hecken und Wassergräben abgeschottet waren. Hideyoshi, der große Reformer, war mit seiner Politik beispielhaft für die ganze Edo-Zeit. 1589 ließ er die zahlreichen Bordelle von Kyoto auf ein unbebautes Stück Land zwischen der Oberstadt und Unterstadt übersiedeln, verbot die Ausübung der Prostitution an anderen Orten und schuf so das erste kontrollierte Freudenviertel. 1640 fand es unter dem Namen Shimabara in Feldern im Südwesten Kyotos außerhalb der Stadt seine endgültige Lage. Es hatte nur einen einzigen Eingang und war von einem Erdwall und einem drei Meter breiten Wassergraben umgeben, so dass alle ein- und ausgehenden Personen leicht kontrolliert werden konnten. In Edo wurde das 1617 zugelassene Viertel Yoshiwara im Jahr 1657 bei einem großen Brand vernichtet, worauf das bakufu das ungeliebte Viertel mitten in die Felder hinter dem Asakusa-Tempel im Nordosten des Zentrums verlegen ließ, von dem es nun rund sechs Kilometer weit entfernt war. Um es vom alten Viertel abzuheben, erhielt es den Namen Neu (Shin)-Yoshiwara. Schließlich wurden 1631 auch die Bordelle von Osaka im Westen des Stadtzentrums inmitten eines sumpfigen Geländes zusammengefasst und das Freudenviertel Shinmachi gegründet (Shively 1991:742-43). In 20 weiteren Städten wurden ähnliche ›Strukturbereinigungen‹ vorgenommen wie in den drei Großstädten. 1678 gab es laut Shikido okagami (Großer Spiegel des erotischen Weges) 25 Freudenviertel, aber im etwa 150 Jahre später erschienenen Shokoku yusho kurabe (Vergleich der Freudenviertel der verschiedenen Provinzen) sind für den Beginn des 19. Jahrhunderts 206 Freudenviertel angeführt (Linhart 1990:33).
Die Zusammenfassung der Prostitution in einem kontrollierbaren Viertel bedeutete nicht, dass die Prostitution aus den Wohngebieten zur Gänze verschwand. In Edo entstand gerade durch ihre Verlegung nach Shin-Yoshiwara eine starke Nachfrage nach einer näheren, leichter erreichbareren, billigeren Prostitution, denn der Besuch Yoshiwaras beanspruchte zumindest einen halben Tag und konnte einen Kunden finanziell ruinieren. Daher entstanden in vielen Teilen der Stadt geheime Bordellbezirke (oka basho), und in den Badehäusern boten sich Bademädchen (yuna) nicht nur zum Rückenschrubben und zum Haarewaschen, sondern auch für sexuelle Dienste an. Natürlich blieben diese Formen der unerlaubten Prostitution den Behörden nicht verborgen. Wenn die in der Regel tolerante Politik durch eine strenge Vorgehensweise ersetzt wurde, wie zu Zeiten der Kansei- (1790er-Jahre) oder der Tenpo-Reformen (1840er-Jahre), dann mussten die Geheimprostituierten damit rechnen, zwangsweise in Shinyoshiwara zu landen.
Wenn wir von der Kultur der Freudenviertel sprechen, so ist damit die in den offiziell zugelassenen Freudenviertel gemeint, in welchen sich diese naturgemäß am höchsten entwickelte. Bemerkenswert ist zunächst ein ausgeklügeltes System von Rängen unter den Freudenmädchen, wobei die mit dem allerhöchsten Rang tayu genannt wurden, ein Titel, der auch Schauspielern und anderen Künstlern verliehen wurde. Diese tayu waren im Tanz, Gesang, dem Spielen von Musikinstrumenten, der Dichtkunst, der Teekunst, der Kunst der Düfte und im Blumenstecken ausgebildet, trugen äußerst kostbare Gewänder und hatten einen Kundenkreis bestehend aus Fürsten, dem höheren Militäradel, dem Hofadel und den reichsten Kaufleuten. Tayu wurden von den Kunden in ein eigenes, dafür bestimmtes Haus (ageya) eingeladen, wohin sie sich mit mindestens zwei Freudenmädchen in Ausbildung (kamuro) begaben. Für das Volk waren diese ›Anreisen‹ sowie die tägliche tayu-Parade im Freudenviertel die großen Augenblicke, die Gelegenheit boten, die idealisierten Geschöpfe in Augenschein zu nehmen. Die zweite Möglichkeit mit diesen weithin bekannten Idolen indirekt in Kontakt zu treten, boten die Holzschnitte, von welchen viele die am meisten bewunderten Kurtisanen in ihren wunderbaren Gewändern darstellten. Das Können eines Holzschnittkünstlers wurde übrigens lange Zeit vor allem daran gemessen, ob er imstande war, Kimono-Muster und Kimono-Falten gut zu zeichnen. Es muss noch erwähnt werden, dass es auch eine eigene Sachliteratur gab, die sich mit den Freudenvierteln beschäftigte: Freudenmädchen-Kritiken (yujo hyoban ki), in welchen die ranghöchsten Freudenmädchen der ›drei Hauptstädte‹ miteinander verglichen wurden, Führer durch die Freudenviertel, saiken, die in für Shin-Yoshiwara zeitweise sogar zweimal pro Jahr herausgegeben wurden und die Lage der einzelnen Freudenhäuser sowie die darin arbeitenden Frauen verzeichneten, und schließlich noch jede Menge Einblattdrucke (kawaraban) mit speziellen Informationen, wie beispielsweise ein ›Freudenviertel-Führer durch die einzelnen Provinzen‹. In der populären belletristischen Literatur sind die sharebon das Genre, das immer in den Freudenvierteln spielt, aber auch in den ukiyo zoshi, volkstümlichen Erzählungen des 18. Jahrhunderts aus dem Raum Osaka und Kyoto, und in den späteren gokan, populären Fortsetzungsromanen in dünnen Heften, ist das Freudenviertelmilieu stets präsent.
Die Ränge der Freudenmädchen variierten in den einzelnen Städten, doch die tayu bildeten überall den obersten Rang. Um 1700 gab es in Kyotos Shimabara unter 308 Freudenmädchen 13 tayu (4,2 %), in Osakas Shinmachi unter 760 Kurtisanen 37 tayu (4,9 %), in Edos Shinyoshiwara aber bei mehr als 1750 Prostituierten nur 5 tayu, also nur 0,3 %. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde diese Rangbezeichnung in Edo auch nicht mehr verwendet. Mit der zunehmenden Aneignung der Freudenviertel durch die Durchschnittsbürger verfällt dort die anfangs dominierende elitäre Kultur, und Ränge, die früher niedrige Geheimprostituierte gekennzeichnet hatten, wurden nun zu Bezeichnungen hoher Freudenmädchen in Yoshiwara.
Wenn hier von Theatern die Rede ist, ist vor allem das bürgerliche Kabuki-Theater gemeint, ein großartiges Ausstattungstheater mit Drehbühne, Auftrittsteg und allen möglichen Überraschungseffekten, in dem alle Rollen von männlichen Schauspielern gespielt wurden. Es gibt mehrere Gemeinsamkeiten zwischen den Theatern und den Freudenvierteln: Beide bieten kunstfertige Unterhaltung an, in beiden spielen kostbare Gewänder eine große Rolle, beide liefern großartige Inszenierungen, und beide haben mit Sex zu tun. Das Kabuki-Theater wurde von Frauen begründet, die so lasziv tanzten und offensichtlich auch sexuelle Dienste anboten, dass Frauen das Auftreten verboten wurden. Darauf traten junge Männer auf, die sich ebenfalls nicht nur auf das Theaterspielen beschränkten. Dieser Ruf blieb dem Theater erhalten, und es scheint, dass sowohl Männer als auch Frauen die Liebesdienste der Schauspieler in Anspruch nahmen. Genauso wie in den Freudenvierteln gab es auch im Theater eine ausgeprägte Hierarchie, die sich zum Teil sogar der gleichen Titel bediente: An der Spitze standen die Stars der großen Theater, die tayuko (›Schauspielermeister‹) oder butaiko (›Bühnenschauspieler‹), gefolgt von den kageko (›Schauspieler im Schatten‹, die noch nicht auf der Bühne auftreten durften) und den iroko (junge ›Schauspieler für die Liebe‹), und ganz am unteren Ende befanden sich die tobiko genannten Wanderschauspieler (Linhart 1990:35).
Freudenviertel und Theater waren aber nicht aus moralischen Erwägungen ›Orte des Bösen‹, sondern aus finanziellen. Während in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vor allem höhere Angehörige des Kriegeradels einschließlich der Fürsten und reichen Kaufleute von den Angeboten der Freudenviertel Gebrauch gemacht hatten, änderte sich um die Genroku-Periode, einer ersten Blütezeit der bürgerlichen Kultur zu Ende des 17. Jahrhunderts; das Publikum und auch einfachere Stadtbewohner und Handlungsgehilfen frequentierten jetzt die Bezirke mit den käuflichen Mädchen. Wie wir aus den Stücken Chikamatsus und aus der Prosa Saikakus wissen, konnten diese Besuche direkt in den finanziellen Ruin führen. Dazu brauchte man gar keine tayu aufzusuchen, der man mindestens drei Mal seine Aufwartung machen musste, ehe es zur ›Vermählung‹ kam, und die für normale Sterbliche sowieso unerschwinglich waren.
Auch die Theater waren kein billiges Vergnügen, vor allem dann, wenn man sich der Teehäuser (shibai chaya) bediente, die dem Theaterbesucher ein ›all inclusive package‹ anboten: Sie besorgten die Karten, führten die Besucher ins Theater und in den Pausen ins Teehaus, sorgten für die Bewirtung und schließlich, wenn gewünscht, auch für die weibliche oder männliche Unterhaltung. Die Frauen reicher Kaufleute wetteiferten darum, im Theater die Sitze einzunehmen, auf welchen sie von den Stars am besten gesehen wurden, und es kam vor, dass sie während einer Aufführung mehrmals ihre Kimonos wechselten, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Jeder berühmte Star hatte seinen eigenen Fanklub (hiiki renchu), doch da die Fans ihre Lieblinge regelmäßig beschenken und einladen mussten, reduzierte sich die Mitgliedschaft in diesen Klubs auf die Söhne reicher Kaufleute (Matsudaira 1984:700). Aber auch der Theaterbesuch war nicht gerade billig. 1828 soll eine reservierte Eintrittskarte soviel gekostet haben, wie ein Arbeiter in vier Monaten verdiente (Ueda 1994:172), aber wir wissen auch, dass es bereits billige Stehplätze gab und selbst Dienstmädchen die großen Kabuki-Theater gerne besuchten.
Was sowohl Freudenviertel als auch Theater zu ›Orten des Bösen‹ machte, ist die Tatsache, dass diese Stätten eine vom realen Alltag weit entfernte Traumwelt schufen, eine Illusion, eine wunderbare Welt, die die Menschen dem Alltag zu entreißen drohte. So heißt es im Koshoku haja kenjo, einem im Frage und Antwort-Stil abgefassten Text über die Freudenviertel von 1687: "Wer sich zu diesem Weg [der Liebe] entschließt, wird erstens einmal oft belogen. Man kann auch von Irrtum oder Fälschung sprechen". Aus dieser Scheinwelt gibt es unter Umständen keinen Weg zurück in die reale, in die gewöhnliche Welt, so dass nur noch Selbstmord oder Doppelselbstmord als Konfliktlösungsmittel übrig bleiben können (Linhart 1990:36).
Mit welchen Mitteln die Illusionswelt in den Theatern geschaffen wurde, ist oft beschrieben worden. Die großen Kabuki-Theater, deren Zahl vom bakufu begrenzt wurde, hatten einen Auftrittssteg quer durch den Zuschauerraum, auf dem die großen Stars sich bei ihrem Auftritt oder auch beim Abgang von der Bühne ihren Fans ausführlich in eindringlich gestalteten Posen (mie) präsentierten. Dabei waren sie dem Publikum wirklich zum Angreifen nahe. Die großartigen Kostüme aus kostbarsten Seiden und Brokaten prägten sogar den Modegeschmack der reichen Kaufmannsfrauen. Da häufig Fürsten und ihre Vasallen dargestellt wurden, hatte das Volk außerdem den Eindruck, einen Tag mit der ›high society‹ zu verbringen, denn die Aufführungen begannen bei Tagesanbruch und dauerten bis in die Dämmerung. Für besondere Effekte sorgten die Drehbühne, die versenkbare Bühne oder auch Klappen im Bühnenboden, die Schauspielern ein rasches Auftreten und ein ebenso rasches Verschwinden ermöglichten. Eine beliebte Methode waren auch Flüge der Schauspieler an Seilen über die Bühne, und besonders geschätzt waren rasche Verwandlungs- und Umkleideszenen auf der Bühne mit Hilfe von Bühnenassistenten. Schließlich waren auch später im Film verwendete Blue- Box-Effekte bei Geisterstücken bereits üblich. Es sollte auch noch beachtet werden, dass in den Kabuki-Aufführungen lange Zeit hindurch auch Akrobaten, Zauberer und ähnliche Unterhaltungskünstler auftraten. Mit einem Wort: Es wurde eine großartige Unterhaltungsshow geboten.
Wahrscheinlich kann man auch die zeitweilige große Beliebtheit des Puppentheaters, bunraku, der Faszination des Mechanischen zuschreiben. Die verwendeten ca. einen Meter großen Puppen wurden von drei Puppenspielern bedient und beeindruckten durch ihre Gestik oft mehr als echte Schauspieler.
Damit das Publikum das Interesse am Theater behielt, dafür sorgte eine Flut von theaterbezogenen Publikationen, von billigsten schwarz-weißen Einblattdrucken über aufwändig gestaltete Farbholzschnitte von den berühmten Stars bis zu Theaterprogrammen, Textbüchern und Berichten aus dem Leben der Schauspieler.
Neben den großen Theatern gab es zahlreiche kleinere Theater. Als die Tenpo-Reformen 1841 die Theaterkultur in ein bescheideneres Gewand zwingen wollten, durften in Edo neben den drei großen Theatern und dem Puppentheater nur 15 weitere Theater bestehen bleiben. Die Zahl der vorher in Edo existierenden kleinen Bühnen, von welchen wir wenig wissen, weil sie kein schriftliches Werbematerial verwenden durften, wird auf 200 bis 500 geschätzt. Viele dieser Theater waren wohl Kleinkunstbühnen, yose, die ab Beginn des 19. Jahrhunderts aus zwei Gründen besonders beliebt wurden. Einerseits waren die großen Theater zu diesem Zeitpunkt wegen der unerhört hohen Gagen, die den Stars bezahlt wurden, zu teuer geworden, weshalb immer weniger Zuseher kamen, was die Theater zu weiteren Eintrittspreiserhöhungen veranlasste, andererseits durften die yose-Theater auch nach Einbruch der Dunkelheit spielen. In diesen kleinen Theatern entwickelten sich vor allem zwei Künste: das Erzählen komischer Geschichten (rakugo) und das kunstfertige, dramatische Erzählen von historischen Ereignissen oder Begebenheiten (koshaku), das sich in der Meiji-Periode zum kodan entwickelte. Beim Geschichtenerzählen beschränkten sich die Erzähler nicht nur auf japanische Klassiker, wie das Heike monogatari oder das Taiheiki, sondern sie machten das Publikum auch mit chinesischen Kriegsgeschichten, Biographien und Romanen bekannt. Die bekannten Holzschnitte von Kuniyoshi vom Suikoden oder Shuihu zhuan, den 108 Rebellen vom Liangshan Moor, fanden eben deshalb eine begeisterte Aufnahme, weil die Käufer diese Heldengeschichten bereits von den Geschichtenerzählern zur Genüge kannten, und nicht nur, weil eine Übersetzung des chinesischen Originals und zahlreiche Umdichtungen in eine japanische Umgebung erschienen (Klompmakers 1998).
Das bisher Gesagte erweckt den Eindruck, als ob die Beliebtheit des Theaters sich auf die Stadtbewohner beschränkt hätte. Es gab aber vor allem in Westjapan eine Fülle von Wandertheatern, die in den Städten und während der Festtage auch in den Dörfern spielten und die die städtische Theaterkultur auch ins Land hinaus trugen (Nishiyama 1997:124-130). Für die Erzählkünstler, die nur einen Fächer zum Vortragen brauchten, war es noch einfacher, in der Umgebung der Städte aufzutreten. Trotzdem können wir annehmen, dass die Verbreitung der populären Kultur in den ländlichen Gebieten bei weitem nicht die Dichte erreichte wie in den Städten. Es ist wohl eher von einem Kontinuum auszugehen, das von den Zentren zur Peripherie hin eine abnehmende Tendenz aufwies.

Die Verbreitung der Druckkultur

Besonders interessant für die Verbreitung der populären Kultur ist die Entwicklung der Druckkultur und deren Bedeutung. Vor der Edo-Zeit beschränkten sich gedruckte Werke beinahe völlig auf religiöse buddhistische Literatur. Alles andere, also auch die berühmten Werke der japanischen Literatur aus der Nara- und Heian-Zeit, wurde sorgfältig handschriftlich kopiert und lag nur in Abschriften (shahon) vor (vgl. dazu Kornicki 1998: Kapitel 3 und 4.1). Während der Edo-Zeit entwickelte sich die Druckkultur enorm weiter. An die Stelle der wenigen Klöster, die sich bisher des Blockdrucks bedienten, traten nun unzählige Verleger (hanmoto), die im freien Wettbewerb miteinander säkularisierte Schriften auf den Markt brachten. Die in diesem Gewerbe eingesetzten spezialisierten Handwerker umfassten die Produzenten der Texte (gesakusha) und der Bilder (eshi), die Schreiber, die die Texte ins Druckformat übertrugen, die Holzschnitzer (horishi), die Drucker (surishi), Dazu kommen noch die Papierhersteller einschließlich der Umschlagerzeuger und die Buchbinder, die Hersteller der Druckplatten aus hartem Kirschholz und die Hersteller der verschiedenen Werkzeuge, insbesondere der Schnitzmesser und der Druckerballen.
Waren im 17. Jahrhundert noch Kyoto und Osaka die Zentren der Buchherstellung gewesen, so verlagerte sich im 18. Jahrhundert die Buchproduktion immer mehr nach Edo, wenngleich Edo Kyoto seinen Rang als wichtigster Sitz von Herstellern religiöser Publikationen nie streitig machen konnte. Inoue Takaaki hat Zahlen von Verlegern vorgelegt, die während der Tokugawa-Zeit aktiv waren: In Kyoto waren es 1733, in Osaka 1253, in Edo 1652 und in allen anderen Orten nur 585 (zitiert nach Kornicki 1998:205). Obwohl diese Zahlen nicht als vollständig angesehen werden dürfen, geben sie doch einen ungefähren Eindruck: Edo und Kyoto waren sicherlich die wichtigsten Verlagsorte, gefolgt von Osaka, während die kleineren Städte nur eine geringe Rolle spielten. Natürlich geben diese Zahlen auch nicht den Stand zu einer gewissen Zeit wieder, und sie sagen auch nichts über die Größe und Bedeutung der Verlage aus. Die meisten Verleger besaßen gleichzeitig ein Geschäft, in dem sie ihre Produkte feilboten, waren also auch Buchhändler. Die fertigen Produkte wurden aber nicht nur in Geschäften verkauft, sondern auch von Leihbuchhändlern (kashihon'ya) um 35 bis 15 Prozent des Kaufpreises verliehen. Wie in Europa auch bauten diese Leihbuchhändler einen Stammkundenkreis auf, den sie periodisch besuchten. Beim zweiten Besuch erhielt der Kunde den zweiten Band eines Fortsetzungswerks und gab den ersten Band zurück, sodass der Lesestoff nie ausging. Viele Kunden schrieben die entliehenen Bücher ab, so dass man sie auch nach der Rückgabe weiter in der Familie vorrätig hatte. Ein Leihbuchhändler, Daiso aus Nagoya, hatte eine solch gewaltige Bibliothek, dass diese während der Meiji-Zeit Grundlage der Bestände von japanisch gebundenen Büchern (wahon) der Bibliotheken der Universitäten Tokyo und Kyoto werden konnte. 1898, als ein Verzeichnis der Bücher angefertigt wurde, gab es 20.000 verschiedene Werke und 7 000 Duplikate. Ein solch riesiger Leihbuchhändler hatte natürlich zahlreiche Angestellte, deren jeder regelmäßig mit seinen Büchern auf dem Rücken ein bestimmtes Gebiet bereiste. In einer Zeit, in der es noch keine öffentlichen Bibliotheken gab und Bücher vielen Lesern zu teuer waren, spielten die Leihbuchhändler eine enorm wichtige Rolle für die Verbreitung von zeitgenössischer, aber auch klassischer Literatur. Der berühmte Autor, Illustrator und Pfeifenhändler Santo Kyoden hat die Bedeutung der Leihbuchhändler sehr einleuchtend dargestellt: Ein Buch sei vergleichbar einer Braut, der Leser dem Bräutigam, der Verleger den Eltern der Braut, und der Leihbuchhändler dem Heiratsvermittler (Kornicki 1998:394). Um 1808 soll es allein in Edo 656 Leihbuchhändler gegeben haben, und viele bestanden bis Ende des 19. Jahrhunderts weiter.
Die Produktion der vielen säkularen Bücher und die Beliebtheit des Buchentlehnens sind aber nicht denkbar ohne ein breites Leserpublikum. Seit dem Erscheinen von Ronald Dores bekanntem Buch Education in Tokugawa Japan (1965) lautete die Standardmeinung, dass in Japan in der Mitte des 19. Jahrhunderts rund 40 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen lesen konnten. Kornicki hat eine Fülle von Zitaten aus westlichen Berichten von 1796 bis 1867 über das Japan vor der Meiji-Restauration und damit vor Einführung einer Schulpflicht zusammengestellt, aus welch allen das Erstaunen hervorgeht, wie viele Leute in Japan lesen konnten (Kornicki 2001). Die zitierten Prozentzahlen entsprechen dem Schulbesuch in den einfachen, terakoya genannten Schulen im Jahr 1872, die man auch für die letzten Jahre der Tokugawa-Herrschaft als gültig ansah. Kornicki weist darauf hin, dass Samurai-Kinder, immerhin 5 bis 7 Prozent aller Kinder, in der Regel keine terakoya besuchten, sondern zu Hause oder in Daimyats-Schulen unterrichtet wurden, und dass eine grundlegende Erziehung im Lesen und Schreiben auch Lehrlingen vermittelt wurde, genauso wie den jungen Mädchen (kamuro), die in den Freudenvierteln als Kurtisanen ausgebildet wurden. Es war beispielsweise ganz üblich, dass Freudenmädchen auf Bildern während ihrer Freizeit bei der Buchlektüre dargestellt wurden. Wir können daher annehmen, dass in den großen Städten noch wesentlich mehr Personen lesen konnten, als von Dore angenommen wurde. Der große Aufschwung in der Lesefähigkeit scheint in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eingetreten zu sein: Im zeitgenössischen Kanpo Enkyo kofu fuzoku shi heißt es dazu über die Situation in Edo: "Um 1750 konnte fast jedermann Lehrer in einer Grundschule werden. Die Schulgelder sind sehr niedrig, und die Anmeldung in eine Schule ist ganz einfach. Das kommt einem Sonderangebot für Erziehung gleich, und als Resultat davon sind sogar Leute mit niedrigem Status in den Schulen zu finden, und es gibt kaum noch Leute, die nicht schreiben können. Das ist natürlich eine sehr gute Sache." (Moriya 1990:120).
Wie an anderer Stelle in diesem Buch beschrieben (vgl. den Beitrag von Susanne Formanek über Japan im Kapitel Verschiedene Sprachen - gemeinsame Schrift?), setzten sich in der Edo-Zeit die kana-Silbenschriften hiragana mit etwa 150 und katakana mit etwa 80 häufig verwendeten Zeichen durch. Dazu kamen einige sehr häufig vorkommende chinesische Schriftzeichen wie die Zahlen, die Zeichen für Himmel, Erde und Mensch, für Mann und Frau usw. Fast alle anderen Schriftzeichen wurden, wenn sie überhaupt Verwendung fanden, mit kana-Lesehilfen versehen. Das bedeutet, dass man mit etwa 300 Schriftzeichen das Auslangen fand, wenn man japanische Texte lesen wollte, eine ungeheure Vereinfachung im Vergleich mit dem Chinesischen, das während der Qing-Zeit keine Lesehilfen kannte und für welches man wohl mindestens 1000 Schriftzeichen beherrschen musste, ehe man irgendetwas lesen konnte. Durch die Verwendung von Lesehilfen lernten die Leser sogar noch zusätzlich chinesische Zeichen. Damit die Leser nur ja nicht abgeschreckt würden, wurde teilweise schon im Titel darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um eine einfach lesbare Ausgabe in Silbenschrift handelte, wie etwa im Roman Kanayomi hakkenden (Überlieferung von den acht Hundehelden; in Silbenschrift zu lesen), und ein bekannter Verfasser von Unterhaltungsliteratur zu Ende der Edo-Zeit nannte sich Kanagaki Robun (Robun, der in Silbenschrift schreibt).
Nicht lesen konnten die elementar ausgebildeten Großstadtbürger der Edo-Zeit die Erlässe und Direktiven der städtischen Verwaltungen, von welchen Kornicki behauptet, sie wären nicht der Versuch einer Kommunikation mit dem Volk gewesen, sondern vielmehr nur ein Mittel zu seiner Kontrolle (Kornicki 2001:389). Natürlich konnten derart geschulte japanische Leser auch keine chinesischen Klassiker und keine buddhistischen Abhandlungen lesen, sehr wohl aber die große Fülle an leichter Literatur (gesaku) und die Sachliteratur, die für das Volk bestimmt war. Zu dieser Sachliteratur gehörten natürlich auch die unzähligen Informationsschriften über die ›bösen Orte‹ Theater- und Freudenviertel, über andere beliebte Unterhaltungsformen wie das Blumenstecken oder das Erkennen von Düften, zahllose Einblattdrucke (kawaraban) von nicht genannten Verlegern mit den verschiedensten brauchbaren und unbrauchbaren Informationen, Ratgeber für die verschiedensten Berufe, für das Reisen und vieles andere mehr (Detaillierte Analysen verschiedenster derartiger Literatur enthält Formanek/Linhart 2004). Ein Kennzeichen des Schrifttums, das sich an die breiten Schichten des Volkes wendete, ist die enge Verbindung zwischen Bild und Text, die gewissermaßen verschmolzen. Man kann sich gut vorstellen, dass die zahlreichen Illustrationen nicht nur die Neugier auf den Text weckten, sondern auch die Angst vor dem Text nahmen, dass sie in jeder Hinsicht den Zugang zum Lesen erleichterten.

Japan und China

Obwohl man annehmen könnte, dass die Verwendung der kana-Silbenschriften Japan einen großen Vorteil gegenüber China gebracht hätte, und daher die Lesefähigkeit in Japan sich über wesentlich breitere Volksschichten erstreckte als in China, ist das anscheinend überraschenderweise nicht der Fall. Nach den Studien von Evelyn Sakakida Rawski konnten in China in der späten Qing-Zeit, also von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, etwa 30 bis 45 Prozent der Männer und 2 bis 10 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Dazu zählt sie die gelehrte Elite mit ihrer vollen klassischen Ausbildung genauso wie diejenigen, die nur einige hundert Schriftzeichen beherrschten, und natürlich alle, die sich in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen befanden (Rawski 1979:140). Wie die spätere Massenerziehungs-Bewegung durch Häufigkeitsstudien der Schriftzeichen herausgefunden hat, decken 78 Schriftzeichen 50 Prozent aller verwendeten Schriftzeichen ab, 352 Schriftzeichen 70 Prozent und 1169 bereits 91 Prozent (Rawski1979:3). Das am häufigsten für den Elementarunterricht verwendete Lehrwerk für Schriftzeichen, das Qian zi wen, enthält eintausend Schriftzeichen, die in 250 Vierergruppen mit jeweils vier Zeichen zusammengefasst sind. Mit zwei weiteren häufig verwendeten Werken ergibt sich eine Gesamtzahl von etwa 2000 Schriftzeichen, die ein Knabe leicht in einem Jahr lernen konnte und die die Basis für ernsthafte Studien bildeten (Rawski 1979:46-49). Da es in China sogar kostenlose Schulen für die Armen gab und die Idee von unbegrenztem sozialen Aufstieg durch überlegene Bildung existierte, kann man sich sehr wohl vorstellen, dass viele versuchten, ihren Kindern eine solche Ausbildung zuteil werden zu lassen.
Genau wie in Japan kommt es auch in China ab dem 18. Jahrhundert. zu einem enormen Output an populärer Literatur. Rawski zählt dazu die narrative Literatur, populäre Dramen, die in den städtischen Theatern aufgeführt wurden, Balladen von Straßensängern, die auch andere als die so genannten ›konfuzianischen‹ Werte vermittelten, Sammlungen populärer Lieder, Detektivgeschichten und Gespenster-Sagen, Sammlungen von Witzen und Essays, Reiseberichte, und vieles mehr. Genau wie in Japan gab es daneben die Sachliteratur, die von Büchern über moralische Vorbilder bis hin zu populären Enzyklopädien reichte. Schließlich könnte man noch die ab dem 18. Jahrhundert bekannten, hauptsächlich aus Bildern bestehenden farbigen Einblattdrucke nianhua erwähnen, die in Japan in den ukiyoe ihre Entsprechung haben (Rawski 1979:112-115). Obwohl die konfuzianische Moral und die Religion einen gewissen Einfluss auf dieses populäre Schrifttum haben, ist es weitgehend säkularisiert, und genau wie in Japan beruht es auf dem Streben der Verleger nach Profit.

Schluss

In den großen Städten Chinas und Japans kommt es spätestens im 18. Jahrhundert in vielen Bereichen und vor allem in China, auch schon früher, zur Ausbreitung einer populären Massenkultur. Diese entwickelte sich in Japan rund um die so genannten Orte des Bösen, die Theater- und die Freudenviertel, von welchen ein großer Teil der ab dem 17. Jahrhundert sich rasch entwickelnden populären Druckkultur inspiriert wurde. Obwohl in dieser Druckkultur die Illustration eine enorme Rolle spielte, setzte sie auch die Lesefähigkeit ihrer Abnehmer voraus, die sowohl in Japan als auch in China bei einem erheblichen Prozentsatz der Bevölkerung trotz der Schwierigkeiten der chinesischen Schrift vorhanden war. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es in den beiden großen ostasiatischen Kulturen für das Volk ein funktionierendes Elementarschulwesen, das meist auf Marktmechanismen aufgebaut war und lediglich in Ausnahmefällen in China auch vom Staat unterstützt wurde.
Es bleibt die Frage offen, welcher Faktor was bedingte. Wir können wohl davon ausgehen, dass es, zumindest in Japan, durch politisch-wirtschaftliche Faktoren zu einer erheblichen Bevölkerungsaggregation in gewissen städtischen Zentren kam, die die Entstehung von populärkulturellen Phänomenen, die der Unterhaltung und Zerstreuung der Stadtbewohner dienten, begünstigte, und die den Städten eine neue Attraktivität verschaffte, die wiederum mehr Menschen in die Städte lockte. Die verschiedenen in den Städten hergestellten Druckwerke, Bücher und Einblattdrucke, schwarz-weiß oder farbig, reich illustriert oder nur aus Illustrationen bestehend, waren wichtige Medien, um diesen Ruf der Städte zu verbreiten, und erweckten zweifelsohne in vielen Menschen den Wunsch, diese verschiedenen ›Texte‹, seien es schriftliche oder bildliche, auch richtig lesen und verstehen zu lernen. Solcherart muss die hohe Lesefähigkeit in Japan und in China wohl auch als von der populären Kultur nicht zu trennender Faktor angesehen werden, oder anders ausgedrückt, viele Menschen lernten etwas lesen, um die Populärkultur genießen zu können und nicht nur, weil es für ihren Beruf notwendig erschien, wie etwa japanische Dienstmädchen, die zu den eifrigsten Leserinnen der reich illustrierten Fortsetzungsromane gehört haben sollen.
Eine hoher Anteil von des Lesens und Schreibens mächtigen Personen an der Gesamtbevölkerung wurde lange Zeit als wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Modernisierung angesehen. Bei der Betrachtung der Entwicklung Japans und Chinas bekommt man allerdings den Eindruck, als ob die hohe Literazitätsrate doch keine sehr entscheidende Rolle spielen würde, sonst kann man, von den beinahe identischen Voraussetzungen in dieser Hinsicht in China und in Japan ausgehend, die ungleiche Entwicklung der beiden Länder nach 1850 kaum erklären.

 

Literatur

Dore, R. P. (1965): Education in Tokugawa Japan. Berkeley u. a.: Univ. of California Press
Formanek, Susanne/Linhart, Sepp (2004): Written Texts - Visual Texts. Woodblock-Printed Media in Early Modern Japan. Amsterdam: Hotei
Klompmakers, Inge (1998): Of Brigands and Bravery. Kuniyoshi's Heroes of the Suikoden. Leiden: Hotei Publishing
Kornicki, Peter (1998): The Book in Japan. A Cultural History from the Beginnings to the Nineteenth Century (=Handbuch der Orientalistik, Fünfte Abteilung: Japan, Siebenter Band). Leiden/Boston/Köln: Brill
Kornicki, Peter (2001): Literacy Revisited: Some Reflections on Richard Rubinger's Findings. In: Monumenta Nipponica 56/3: 381-394
Linhart, Sepp (1990): Verdrängung und Überhöhung als Probleme beim Verständnis von Freizeit und Unterhaltung in Japan am Beispiel der späten Edo-Zeit. In: Referate des 1. Japanologentags der OAG in Tokyo 7./8.April 1988, Hg. Ernst Lokowandt. München: Iudicium, 29-51
Matsudaira Susumu (1984): Hiiki renchu (Theatre Fan Clubs) in Osaka in the Early Nineteenth Century. In: Modern Asian Studies 18/4: 699-709
Moriya Katsuhisa (1990): Urban Networks and Information Networks. In: Tokugawa Japan. The Social and Economic Antecents of Modern Japan, Hg. Nakane Chie/Oishi Shinzaburo. Tokyo: University of Tokyo Press: 97-123
Moriya Takeshi (1981): Kiroku toshi seikatsushi 6: Santo (Stadtgeschichte in Dokumenten 6: Die drei Hauptstädte). Kyoto: Yanagihara shoten
Nishiyama Matsunosuke (1997): Edo Culture. Daily Life and Diversions in Urban Japan, 1600-1868. Übersetzt von Gerald Groemer. Honolulu: Univ. of Hawai'i Press.
Rawski, Evelyn Sakakida (1979): Education and Popular Literacy in Ch'ing China (=Michigan Studies on China). Ann Arbor: The University of Michigan Press
Rozman, Gilbert (1973): Urban Networks in Ch'ing China and in Tokugawa Japan. Princeton: Princeton Univ. Press
Seidensticker, Edward (1983): Low City, High City. Tokyo from Edo to the Earthquake: How the Shogun's Ancient Capital Became a Great Modern City, 1867-1923. New York: Alfred A. Knopf
Shively, Donald (1991): Popular Culture. In: The Cambridge History of Japan 4: Early Modern Japan, Hg. John Whitney Hall/James McClain. Cambridge etc: Cambridge Univ. Press: 706-769


Quelle: Ostasien 1600 - 1900. Herausgegeben von Dietmar Rothermund, Susanne Weigelin-Schwiedrzik. Wien: Promedia 2004.
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