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Einleitung: Weltregionen

Quelle: Weltregionen 1: Ostasien. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Sepp Linhart, Erich Pilz. Wien: Promedia 1999.

An den meisten amerikanischen Universitäten, auch wenn sie über keine speziellen Area Studies verfügen, die sich China und Japan widmen, gehören einführende Lehrveranstaltungen über die Geschichte Ostasiens, manchmal auch "East Asian History and Civilization" genannt, zum festen Bestandteil nicht nur der Ausbildung von Historikern, sondern sogar zur Allgemeinausbildung. Das mag damit zu tun haben, daß Japan und auch China Nachbarländer der USA sind, vielleicht aber auch damit, daß in den USA die Fixierung von Geschichte auf die eigene Geschichte nicht so stark ist wie in Europa.
Der gerade in den historischen Disziplinen nach wie vor enorm starke Eurozentrismus kann hierzulande die Erwähnung Chinas an die Erwähnung einer historischen Randfigur der europäischen Geschichte, nämlich Marco Polos, knüpfen. Erst mit dem Opium-Krieg wird dann das neuere China interessant, mit dem Russisch-Japanischen Krieg ein gutes halbes Jahrhundert später Japan und mit dem Korea-Krieg, abermals ein halbes Jahrhundert später, Korea.
Der vorliegende Sammelband ist das Ergebnis einer Ringvorlesung zum Thema "Geschichte und Gesellschaft Ostasiens im 19. und 20. Jahrhundert", die im Studienjahr 1998/99 an der Universität Wien zum ersten Mal abgehalten wurde und die den Beginn einer Reihe ähnlicher Lehrveranstaltungen zur außereuropäischen Geschichte darstellt. Die Herausgeber hoffen, daß die Tatsache, daß diese neuen Lehrveranstaltungen quasi in der Übergangszeit zum 21. Jahrhundert ihren Anfang nahmen, nicht auf einen Zufall zurückzuführen ist, sondern gewissermaßen programmatische Bedeutung für das Geschichtsverständnis im neuen Jahrhundert, ja Jahrtausend hat.
Obwohl die Herausgeber die Einteilung des Bandes planten und sich dann auf die Suche nach geeigneten Mitarbeitern machten, ließen sie den Autoren bei der Gestaltung ihrer Beiträge weitgehend freie Hand, woraus eine gewisse Uneinheitlichkeit resultiert, was für freie Flecken zwischen den einzelnen Beiträgen genauso verantwortlich ist wie für eine gewisse Redundanz. Dennoch glauben sie, daß die sich ebenfalls daraus ergebende Spannung sich in fruchtbarer Weise auf die Lektüre auswirken kann. (Ein weiterer Beitrag zur traditionellen Gesellschaft Koreas von Werner Sasse war zwar versprochen gewesen, hat aber leider nie seinen Weg in die Hände der Herausgeber gefunden.)
Die Autoren des vorliegenden Bandes konzentrieren sich weniger auf kulturelle Kontinuitäten, so interessant und wichtig diese auch für die neuere sowie die Gegenwartsgeschichte sind, sondern versuchen, den eigenständigen und vielfältigen Wandel in China, Japan und Korea in einer Vernetztheit im regionalen und globalen Kontext zu erfassen und zu erläutern. Die Beiträge folgen dabei einerseits - zum besseren Verständnis der Zusammenhänge - einer chronologischen Konzeption, zugleich steht aber nicht die Ereignisgeschichte im Mittelpunkt, sondern das Aufzeigen größerer Entwicklungszusammenhänge. Der Band versucht ebensowenig, einem enzyklopädischen Anspruch gerecht zu werden, sondern exemplarische Strukturen und Lebenswelten durch Schwerpunktsetzungen in der Darstellung näher zu bringen.
Den Aufsätzen über das 19. und 20. Jahrhundert sind zwei knappe Beiträge über die chinesische und japanische Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert vorangestellt. In deutlich unterschiedlichen Herangehensweisen werden in der Darstellung der chinesischen Tradition vor allem geistesgeschichtliche, in der japanischen Entwicklung hingegen sozialgeschichtliche Linien gezogen, die als Vorspann dem besseren Verständnis der folgenden Texte dienen sollen.
Der Bogen, den die Beiträge über die letzten beiden Jahrhunderte spannen, reicht von der Phase des massiven ökonomisch-militärischen Eindringens der Mächte Westeuropas sowie der USA in die ostasiatischen Räume in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, in der die Industriestaaten wieder besonderes wirtschaftliches Interesse an Ostasien zeigen. Sie finden dort aber heute Bedingungen vor, welche eine besondere Herausforderung für ihr Selbstbewußtsein darstellen. Die Umwälzungen, welche diese Gesellschaften und Staaten in diesen 150 Jahren durchgemacht haben, sind nicht nur in höchstem Grade relevant für das Verständnis unserer heutigen Welt. Gerade die Schlagwörter vom Pazifischen Jahrhundert oder vom Kampf der Kulturen, die mitunter auch Projektionen von Unsicherheit und Angst über die Zukunft der Alten Welt ausdrücken, lassen eine fundierte Beschäftigung mit China, Japan und Korea, ihrer Vernetzung untereinander sowie mit dem Rest der Welt in den letzten 150 Jahren als besonders sinnvoll und eindringlich erscheinen.
Der Intention der Edition Weltregionen, in welcher der Band Ostasien als erster erscheint und welche außereuropäische Entwicklungen einem differenzierten Leserkreis nahebringen soll, dienen Literaturlisten (zitierte Literatur) und gegebenenfalls knappe Einführungen in "Weiterführende Literatur" nach den einzelnen Beiträgen sowie eine ausführliche, integrierte Chronologie zur Entwicklung der drei Gesellschaften am Ende des Bandes.
Allen anderen Autoren und Referenten bei der Ringvorlesung sei an dieser Stelle sehr herzlich für ihre Mitarbeit gedankt, genauso wie Prof. Dr. Peter Feldbauer, der die Idee zu dieser Vorlesung hatte und unermüdlich auf ihre Verwirklichung hinarbeitete, und Dr. Andrea Schnöller, die die redaktionellen Arbeiten besorgte. Wenn dieser Sammelband, in dieser oder vielleicht einmal in einer verbesserten Ausgabe, nicht nur an der Universität Wien, sondern womöglich auch an einer anderen Universität als Lehrbuch Verwendung fände, hätte er seinen Zweck mehr als erfüllt.

Wien, im November 1998
Sepp Linhart und Erich Pilz


Quelle: Weltregionen 1: Ostasien. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Sepp Linhart, Erich Pilz. Wien: Promedia 1999.
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