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Einleitung: Afrika

Quelle: Weltregionen 2: Afrika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Inge Grau, Christian Mährdel, Walter Schicho. Wien: Promedia 2000.

Als Folge der räumlichen Nähe war der kontinentale Nachbar Afrika für Europa schon immer von besonderer Bedeutung. Afrika spielte und spielt im Welthandel eine verhältnismäßig geringe Rolle; für Europa war es und ist es jedoch der privilegierte Partner in den Nord-Süd-Beziehungen. Das wird sowohl in internationalen Verträgen sichtbar, wie im Partnerschaftsabkommen zwischen der EU und den ACP-Staaten ("African, Caribbean, and Pacific States") vom Februar 2000, als auch auf bilateraler Ebene: Je sechs der acht Schwerpunktländer und der elf Kooperationsländer der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit liegen in Afrika. Eine grundlegende Einführung in die Geschichte Afrikas ist darum ein wichtiger Bestandteil der universitären Ausbildung in vielen sozialwissenschaftlichen Fächern und zugleich ein Beitrag zum öffentlichen politischen und sozialen Diskurs.
Der wachsenden Angst vor den "Fremden" und dem zunehmenden Rassismus im Norden dieser Welt können wir nur mit mehr Wissen über das "Andere" begegnen; es braucht vor allem Wissen über jene historischen Prozesse, die Europa seit dem 19. Jahrhundert ganz eng mit Afrika verbanden. Von der "Entdeckung" und Kolonisierung - die Historiker sprechen dabei bezeichnenderweise vom "scramble", von der hitzigen "Jagd" nach territorialem Besitz - über die wirtschaftliche Nutzung zum Vorteil der europäischen Metropolen und die Verwendung der Kolonisierten zur Aufwertung des sozialen Status der "Weißen" bis zur Neokolonisierung und Globalisierung reicht der Bogen der Ereignisse. Wir müssen freilich der eurozentrischen Sicht eine andere gegenüberstellen. Aus der Position des Südens kennzeichnen ganz andere Prozesse die afrikanische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: die Schaffung und Modernisierung sehr unterschiedlicher Staaten, die erfolgreiche Beteiligung afrikanischen Kapitals am internationalen Handel, der diplomatische und militärische Widerstand gegen die Kolonisierung, die Aneignung westlichen Wissens und moderner Technologie, die soziale und wirtschaftliche Restrukturierung afrikanischer Gesellschaften, Nationalismus und Antikolonialismus, der nationale Befreiungskampf und die Gründung souveräner Staaten.
Dieser Einführungsband zur "Geschichte und Gesellschaft Afrikas im 19. und 20. Jahrhundert" folgt einem bereits erschienenen Reader über Ostasien. Er enthält Texte zu einer "Ringvorlesung Außereuropäische Geschichte" an der Universität Wien, die im Sommersemester 2000 zum ersten Mal abgehalten wurde. Der Band 2 der "Edition Weltregionen" spricht über den Kreis der sozialwissenschaftlich (insbesondere historisch) orientierten LeserInnen hinaus eine breite Gruppe von Personen an, die sich für Internationale Politik, interkulturelle und transnationale Beziehungen, Entwicklungszusammenarbeit u.a. interessieren.
Afrika wird in den folgenden Beiträgen als ein historischer Raum gesehen, auch wenn unterschiedliche Formen des Kolonialismus und der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Hegemonie sehr verschiedene Entwicklungen gefördert haben. Von seiten des Nordens bzw. von seiten globaler Instanzen der Kontrolle (wie etwa die Weltbank) wird in zunehmendem Maße eine Aufteilung des Kontinents betrieben, beginnend mit der Trennung von Nordafrika, dem Horn von Afrika und Afrika südlich der Sahara. Unsere Darstellung setzt dem mit Berufung auf die Geschichte des Kontinents eine ganzheitliche oder zumindest übergreifende Sicht entgegen. Gerade im schwierigen Unterfangen, das Gemeinsame einer afrikanischen Geschichte herauszuarbeiten, ohne dabei die Vielfalt der regionalen Prozesse zu unterdrücken, liegt die Bedeutung einer Einführung in die afrikanische Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte.
Der Aufbau des Readers folgt einem chronologischen Schema, doch sind immer wieder Gleichzeitigkeiten, ein Über- und Ineinandergreifen historischer Vorgänge festzustellen. Dem Versuch der Kräfte und Mächte des Nordens "die Geschichte zu vereinheitlichen", mit den eigenen Plänen, Mitteln und Vorschriften, setzen und setzten die afrikanischen Gesellschaften unterschiedliche Strategien entgegen, die "die Geschichte" beschleunigen oder verzögern. Die Mehrzahl der Texte in diesem Buch betreffen Afrika insgesamt oder große Räume, auch wenn dabei von Fall zu Fall einzelne Länder deutlicher in den Vordergrund treten; die AutorInnen greifen dazu durchaus weiter aus und suchen im einen oder anderen Fall die Anknüpfung an die afrikanische Vorgeschichte oder den weiteren Kontext der Nord-Süd-Beziehungen bzw. des globalen Raums.
Die nach Größe und Organisationsform unterschiedlichen Gesellschaften Afrikas befanden sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehrheitlich in einer Umbruchphase; Niedergang oder Expansion, Beharrung oder Modernisierung waren durch vielfältige interne Momente ebenso wie durch die Einflußnahme externer Kräfte bedingt. Besonders behandelt werden in diesem Zusammenhang die Folgen des Sklavenhandels bzw. seiner Abschaffung und der Einfluß des Islam in Westafrika. Mit dem Ausgreifen der Weltwirtschaft und der anschließenden kolonialen Aufteilung des Kontinents wurde Afrika zwar "ein Teil der Weltwirtschaft" - "eine Integration in die Weltwirtschaft ist aber nicht erfolgt" (Harding). Vor allem die Kolonisierung Nordafrikas ist eng verknüpft mit einem nahezu modernen Phänomen: Verschuldung und verfehlte wirtschaftliche Modernisierung. Der imperialistische Norden, und dem gilt auch die Darstellung der "Aufteilung Afrikas", vereinnahmte den Süden aus durchaus eigenen Beweggründen.
Der territorialen Kolonisierung folgte eine soziale und ökonomische. Arbeitskraft, Produktionsmittel, wirtschaftliche Güter und Reproduktion veränderten ihren Charakter und Wert, und damit veränderten sich die Beziehungen zwischen den Menschen und unterschiedlichen Gruppen der einheimischen Gesellschaft. Der "Kolonialismus hat auf diese Weise entscheidend zu einem Wandel früherer geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, damit aber auch zu einem Wandel der Geschlechterverhältnisse beigetragen" (Grau). Unterschiedliche Formen des Widerstands und die Entwicklung einer afrikanischen Identität bzw. unterschiedliche Formen des Nationalismus waren gleichfalls eine Antwort auf die Kolonisierung der Gesellschaft.
Mit der völligen Umgestaltung der Machtverhältnisse durch den Zweiten Weltkrieg erhielt auch die Beziehung zwischen Kolonialmächten und Kolonisierten einen neuen Charakter. Während immer mehr Kolonien zu souveränen Staaten wurden, blieb die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zurück. Das Resultat war eine Politik ohne Volk, eine Wirtschaft ohne einheimisches Kapital und eine Entwicklung nach ständig wechselnden Modellen. Dem Optimismus der Unabhängigkeiten folgte der staatliche und soziale Niedergang, der nur in wenigen Fällen durchbrochen wurde. Die Überwindung der Krise setzt eine Partnerschaft zwischen Afrika und Europa, zugleich eine innerafrikanische Verständigung voraus, die zwar immer wieder beschworen werden, aber in keiner Weise einer Realisierung näher gekommen sind.
Allen MitarbeiterInnen an diesem Band sei recht herzlich für ihr Engagement gedankt, vor allem A. Eckert, der mit seinem Beitrag quasi im letzten Moment das Erscheinen des Buches im geplanten Umfang möglich gemacht hat. Die Vorbereitung dieses Readers war von manchen Krisen begleitet, doch machte die unermüdliche Unterstützung durch das Team des Vereins für Geschichte und Sozialkunde doch noch ein rechtzeitiges Erscheinen möglich. Mein Dank geht in diesem Sinne ganz besonders an Frau Dr. A. Schnöller und Frau M. Oppel.

Wien, im März 2000
Walter Schicho


Quelle: Weltregionen 2: Afrika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Inge Grau, Christian Mährdel, Walter Schicho. Wien: Promedia 2000.
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