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Das Ausgreifen der Weltwirtschaft

Leonhard Harding

Quelle: Weltregionen 2: Afrika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Inge Grau, Christian Mährdel, Walter Schicho. Wien: Promedia 2000.

Die Globalisierung als Phänomen, das viele Bereiche unserer Wirtschaft, unserer Kultur, unserer Gesellschaft und unseres Staates betrifft, ist in aller Munde und allgegenwärtig, bis in das Privatleben hinein. Seine Vorteile der sekundenschnellen Informationskommunikation sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Grundgelegt wurde diese Entwicklung vor Jahrhunderten, als einzelne Volkswirtschaften sich ausdehnten und so sehr miteinander verknüpften, daß in einzelnen Weltregionen ein Verbund entstand, den man Weltwirtschaft zu nennen begann. Daraus ist im 20. Jahrhundert eine Wirtschaft entstanden, die mit ihren Kapital- und Informationsströmen die ganze Welt umspannt und alle Völker der Erde in unterschiedlich starker, aber überall spürbarer Form beeinflußt.
Immanuel Wallerstein hat in seinem sogenannten Weltsystemansatz ein Modell entwickelt, das die Entstehungsphasen der Weltwirtschaft und die wechselnden Funktionen der teilnehmenden Regionen genauer definiert. Darin sind auch der Sklavenhandel und Afrika einbezogen. Insgesamt macht er vier Stadien der Entwicklung der Weltwirtschaft aus; im ersten Stadium, von 1450-1640, ist die europäische Weltwirtschaft entstanden und hat sich auf andere Weltteile ausgedehnt; der transatlantische Sklavenhandel und der Aufbau des atlantischen Systems waren Teil dieser Entwicklung; im zweiten Stadium ist England als Vorreiter der Industriellen Revolution zur vorherrschenden Macht in Europa aufgestiegen; das dritte Stadium, der "Industriekapitalismus", ist durch die Ausdehnung der europäischen Industrieproduktion und der damit verbundenen Form der Arbeitsteilung auf weite Teile der Welt gekennzeichnet; die Aufteilung der Welt unter die imperialistischen Kolonialmächte war die Konsequenz; das vierte Stadium schließlich hat seit Beginn des 20. Jahrhunderts einen revolutionären Umbruch und die Konsolidierung der industriekapitalistischen Weltwirtschaft eingeleitet und zu einer weltumspannenden Tätigkeit kapitalistischer Unternehmen geführt (Wallerstein 1979).
Andere Forscher haben ähnliche Modelle entwickelt, um die Entstehung unserer heutigen Welt und die Stellung des afrikanischen Kontinents in dieser Entwicklungsgeschichte aufzuzeigen. Samir Amin etwa, ein in Dakar forschender Politikwissenschaftler, unterscheidet im Integrationsprozeß Afrikas in die Weltwirtschaft eine vormerkantilistische Periode, die bis zum 17. Jahrhundert ging und in der die Entwicklungen in Europa und Afrika vergleichbar blieben; eine merkantilistische Periode (17.-18. Jahrhundert), die durch den Sklavenhandel und seine verheerenden Folgen gekennzeichnet war und die Ausbeutung des Kontinents eingeleitet hat; eine Periode der beginnenden Integration in das kapitalistische System: das 19. Jahrhundert (1800-1880/90); die informelle Herrschaft Europas durch den Warenhandel und den Beginn der Produktion für Fremdbedürfnisse sei dann in die Phase der formellen, kolonialen Herrschaft und Ausbeutung eingemündet; und schließlich die Periode der vollen Integration in das kapitalistische System durch die formelle Fremdherrschaft, das 20. Jahrhundert (Amin 1972).
Ein ebenfalls vom Eindringen der kapitalistischen Produktionsweise geprägtes Modell hat Catherine Coquery-Vidrovitch vorgeschlagen: am Anfang der neueren Geschichte Afrikas standen demnach die portugiesischen Entdeckungen und der Sklavenhandel vom 16. bis zum 18. Jahrhundert: der Außenhandel der Küstenregionen und des Hinterlandes Afrikas blieb zu diesem Zeitpunkt marginal, und die Entwicklung der Produktivkräfte war nur indirekt betroffen; die folgende Periode der Errichtung der Tauschwirtschaft ("économie de traite") von 1800-1850 hat den Handel mit Europa enorm ausgeweitet, Europäer sind ins Innere vorgedrungen und haben direkt in das politische Geschehen eingegriffen; die dritte Phase, die vorkoloniale Inkubationszeit (1850-1880) hat die Auswirkungen des Außenhandels auf die Entwicklung der Produktivkräfte stärker werden lassen und eine wachsende Zahl von Kleinproduzenten in die Markt-Produktion einbezogen; die politische Unterwerfung und nachfolgende interne politische Veränderungen haben in demselben Maße zugenommen; schließlich die Kolonialzeit, unterteilt in die Zeit der kolonialen Raubbauwirtschaft (1890-1930), die Zeit des kolonialen Imperialismus bzw. der "mise en valeur" (1930-1945); und schließlich die Zeit der "pré-décolonisation" 1945-1960 (Coquery-Vidrovitch 1976).
Die Modelle von Samir Amin und Catherine Coquery-Vidrovitch sind zur Periodisierung der neueren Geschichte Afrikas entworfen worden und haben weniger die weltweiten Veränderungen im Blick. Außerdem gehen sie nicht über die Entwicklungen nach dem formalen Ende der Kolonialzeit hinaus. Der Ansatz Wallersteins dagegen will das sich entfaltende Weltsystem deuten und geht deshalb von den Transformationsprozessen im Kern dieses Systems aus. Er eignet sich dadurch besser für den Versuch einer Darstellung des "Ausgreifens der Weltwirtschaft", wie das Thema dieses Beitrags lautet. Für die Entwicklungen der letzten 20 bis 30 Jahre muß er allerdings erweitert werden, was ich hier auch versuchen werde.

Das erste Stadium der Weltwirtschaft und ihr Ausgreifen nach Afrika: die Entstehung des europäischen Welthandelsnetzes und des atlantischen Systems

Wallerstein nennt dieses Stadium die Entstehung der europäischen Weltwirtschaft im "langen 16. Jahrhundert", von ca. 1450-1640. In diesem Zeitraum hat sich der Agrarkapitalismus in Europa herausgebildet, gekennzeichnet durch eine Intensivierung und Ausweitung des Austausches von Agrargütern und durch eine geographische Ausweitung der Arbeitsteilung. Von Portugal aus ist der Seeweg nach Indien gesucht und ausgebaut worden, Versorgungsstationen und Handelsstützpunkte sind an den Küsten Afrikas errichtet worden, und in Ostafrika hat Portugal das bestehende Handelsnetz mit Indien zerstört bzw. selbst übernommen. Aus Westafrika wurden die ersten Sklaven mitgenommen, nach Portugal, aber vor allem zum Arbeitseinsatz auf Plantagen, zunächst auf vorgelagerten Inseln, sodann in der Neuen Welt, die sich den Europäern nach der Entdeckungsreise von Columbus aufgetan hatte. Dadurch wurde ein erstes Ausgreifen der Weltwirtschaft auf Afrika eingeleitet.
Über den Trans-Sahara-Handel hatten westafrikanische Reiche schon seit Jahrhunderten mit dem Mittelmeerraum und Europa in Geschäftsbeziehungen gestanden. In dem nun mit Übersee eröffneten Austauschsystem war ein neues Element enthalten: eine besondere Form der Arbeitsteilung. Diese akzeptierte die natürlichen Gegebenheiten der einzelnen Regionen als Produktionsbedingungen nicht mehr, sondern verband die naturräumlichen Rahmenbedingungen mit dem Vorteil billiger Arbeitskräfte, die von außen bezogen wurden. Aus dieser Kombination ist das atlantische System der Plantagen- und Sklavenwirtschaft entstanden.
Unter "atlantischem System" versteht man ein Wirtschaftssystem, das im Raum des atlantischen Ozeans errichtet wurde und in der Kombination von drei Produktionsfaktoren bestand: a) der agrarischen Voraussetzungen für den Plantagenanbau von Gütern, die in Europa einer wachsenden Nachfrage gegenüberstanden, wie Zucker und später Kaffee; b) dem Einsatz billiger Arbeitskräfte, zunächst aus dem Produktionsgebiet selbst, dann aus Afrika; und schließlich c) dem Kapital aus Europa. Diese drei Faktoren wurden über den sogenannten Dreieckshandel miteinander verbunden. D.h. europäische Güter wurden nach Westafrika verschifft und gegen Sklaven eingetauscht; diese wurden nach Amerika und in die Karibik transportiert, wo sie auf den von Europäern geschaffenen und bewirtschafteten Plantagen Zuckerrohr und Kaffee für den europäischen Markt produzierten. Dieses atlantische System warf in all seinen Einzelteilen genügend Gewinn ab, um insgesamt als ein zentraler Pfeiler der europäischen Weltwirtschaft fungieren zu können. Manche Forscher wie Eric Williams oder Barbara Solow sehen in diesem System sogar eine der wichtigsten Wurzeln für die Entstehung der Industriellen Revolution und des Kapitalismus. Albert Wirz hat in seiner Untersuchung über "Sklaverei und kapitalistisches Weltsystem" zwar aufgezeigt, daß die Gründe der Industriellen Revolution in England mehr "im Inneren als im Äußeren" (S. 213) zu suchen sind, aber niemand leugnet, daß dieses atlantische System der Entwicklung der europäischen Weltwirtschaft Auftrieb gegeben und ihr eine neue weltwirtschaftliche Dimension verliehen hat. In sie waren Europa, die Neue Welt und Afrika einbezogen, allerdings in jeweils unterschiedlicher Weise.
Dieses System funktionierte auf der Basis einer neuen Weltarbeitsteilung, in der Arbeitskräfte keinen Produktionskostenfaktor darstellten, weil sie von außerhalb bezogen wurden. Wallerstein erklärt diesen Zusammenhang mit dem Hinweis, daß der Abzug von Arbeitskräften aus einer außerhalb der Weltwirtschaft stehenden Region den weltwirtschaftlich führenden Nationen und ihren Investitionen keine direkten Kosten verursachte.
Dieses System nahm am Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts seinen Anfang und zog einige afrikanische Küstengesellschaften in seinen Bann.

Zweites Stadium der Weltwirtschaft: der Aufstieg Englands zur Vorherrschaft und der Ausbau des transatlantischen Sklavenhandels

In Europa ist in der Zeit des Absolutismus eine Wirtschaftspolitik entwickelt worden, die eine aktive Rolle des Staates zur Förderung des Handels und später auch der Industrieproduktion beinhaltete. Dieser Merkantilismus hat es mit sich gebracht, daß bestimmten Handelsgesellschaften ein Monopol oder eine königliche Charter zur Abwicklung des Handels mit fremden Ländern verliehen wurde. Die so entstandenen Charter-Gesellschaften verfügten auch über politische Macht, um ihre Handelsgeschäfte durchführen zu können, d.h. um politische Bedingungen zu schaffen, die der Geschäftsabwicklung dienlich waren.
Gestützt auf die nationale Seemacht, eine expansionistische merkantilistische Politik und eine langsam einsetzende Industrialisierung ist England in diesen Jahrhunderten zur führenden Macht aufgestiegen. Vor allem auf den Weltmeeren und im Aufbau des atlantischen Systems hat sich diese Vorherrschaft ausgewirkt. England ist zur größten weltweit agierenden Macht und zum größten Partner im Dreieckshandel zwischen Europa, Westafrika und der Neuen Welt geworden und hat auf diese Weise eine führende Rolle beim Ausgreifen der Weltwirtschaft nach Afrika gespielt. Das im 15. und 16. Jahrhundert begonnene System der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung durch Sklavenwirtschaft ist in der 2. Hälfte des 16. und vor allem im 17. Jahrhundert von England, aber auch von anderen Ländern Europas, ausgebaut worden und hat zu einer ungeheuren Ausweitung des Sklavenhandels geführt, in den immer mehr afrikanische Gesellschaften hineingezogen wurden.
Diese Ausweitung der Weltarbeitsteilung beruhte einerseits auf der wachsenden Nachfrage nach Sklaven und auf dem gewaltsamen Vorgehen der europäischen Sklavenhändler, andererseits aber auch auf der Kooperation afrikanischer Herrscher und Händler, die sich aus dem Geschäft "Sklaven gegen Waffen" eine Stärkung ihrer Macht versprachen. In afrikanischen Gesellschaften hatten wie in vielen anderen Gesellschaften unterschiedliche Formen der Abhängigkeit bestanden: die Abhängigkeit der Jüngeren von den Älteren, der Schwachen von den Stärkeren und manchmal auch der Frauen von den Männern. Eine dieser Formen von Abhängigkeit war die sogenannte Schuldknechtschaft, in der ein Familienmitglied zur Abarbeitung eines Schuldverhältnisses dem Schuldner unterstellt wurde; ein Chief oder ein "big man" konnte so über eine größere Anzahl von Arbeitskräften verfügen. In größeren Reichen kamen Kriegsgefangene hinzu, die man auch auf Sklavenmärkten erwerben konnte.
Nach Auffassung mancher Forscher war die Verfügungsmöglichkeit über Abhängige zudem die wichtigste, wenn nicht die einzige Investitionsmöglichkeit, da es weder Landknappheit noch die Vorstellung von privatem Landbesitz gab, in den man hätte investieren können. So war Reichtum gleich "wealth in people", wie Joseph David Miller es in "Way of Death" (1997:105-139) formuliert. Deshalb sei nach afrikanischem Gewohnheitsrecht die einzige Möglichkeit der Investition der Kauf von Sklaven gewesen: "slaves were the only form of private, revenue-producing property recognized in African law." John Thornton argumentiert in seinem Buch "Africa and Africans in the making of the atlantic world" (1992) ähnlich; er hält den Aspekt, daß es Privateigentum an Land nicht gab, daß Land vielmehr in Gemeinschaftsbesitz war, für ausschlaggebend dafür, daß Sklaverei in afrikanischen Gesellschaften so weit verbreitet war.
Dies bedeutete, daß auch in afrikanischen Gesellschaften Formen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung existierten, die den Einsatz von Fremden, Abhängigen, Sklaven vorsahen, auch wenn afrikanische Forscher heute den Ausdruck "Sklaverei" in diesem Zusammenhang ablehnen. Afrikanische Gesellschaften kannten den Arbeitseinsatz von Sklaven und waren in unterschiedlicher Weise in ihren eigenen Strukturen von der Arbeitsleistung der Sklaven geprägt. Paul E. Lovejoy (1991) hat zu Recht von einer abgestuften Abhängigkeit dieser Gesellschaften von Sklaven gesprochen und zwischen "slavery as a marginal feature of society", "slavery as an institution" und "slavery as a mode of production" unterschieden.
Im Zusammenhang des Ausgreifens der Weltwirtschaft auf Afrika bedeutet dies, daß das sogenannte "atlantische System" keine völlige Neuentwicklung war, daß es sich vielmehr vorhandener Strukturen bedient und diese nach Übersee verlagert bzw. zum Ausgangspunkt eines weltweit agierenden Systems gemacht hat. Aktiv in dieses Wirtschaftssystem einbezogen und seine Nutznießer waren auf der atlantischen Ebene nur die Europäer, so wie dies auf der afrikanischen Ebene nur die sklavenhaltenden Gesellschaften gewesen waren und weiterhin blieben. Mit anderen Worten: es fand keine Integration Afrikas in die Weltwirtschaft statt, nur ein Ausgreifen der Weltwirtschaft über ihre eigenen Grenzen hinaus.
Bei dem Vergleich dieser unterschiedlichen Systeme der Arbeitsteilung darf man allerdings nicht vergessen, daß afrikanische Gesellschaften im Kontakt mit den europäischen Sklavenhändlern mit einer Nachfrage konfrontiert wurden, die ihr Vorstellungsvermögen übertraf und die zusammen mit den angebotenen Waren und der Gewaltanwendung zu einer Pervertierung vorhandener politischer und ethischer Normen führte und den Verkauf menschlicher Arbeitskraft in großem Ausmaß auslöste.
Dieser Prozeß hatte in der ersten Entwicklungsphase der kapitalistischen Weltwirtschaft eingesetzt, aber im 17. und 18. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreicht. Seine wichtigsten Auswirkungen für die afrikanische Seite sind bekannt und brauchen hier nur stichwortartig erwähnt zu werden: die demographischen Folgen der Entvölkerung mancher Regionen, die politischen und ökonomischen Konsequenzen der Zerstörungen, der Niedergang der politischen Kultur, die Stagnation von Gesellschaften, die wegen der Verfügbarkeit billiger Sklaven-Arbeitskräfte keine Verbesserung eigener Produktionsmethoden zu entwickeln brauchten, die Verstärkung militärischer Strukturen im Sinne einer Militarisierung der Gesellschaft, die Ausweitung innerafrikanischer Sklaverei und des innerafrikanischen Sklavenhandels und vieles andere mehr schwächten die Gesellschaften auf dem afrikanischen Kontinent, während gleichzeitig mit Hilfe afrikanischer Sklavenarbeitskräfte eine neue europäische Weltwirtschaft aufgebaut wurde.
Als Beispiel dieses Systems sei der Sklavenmarkt auf Zanzibar erwähnt, der sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auflöste. Im Gegensatz zu Westafrika, wo Patrouillenboote der englischen Marine Sklavenschiffe aufzubringen versuchten und damit dem transatlantischen Sklavenhandel ein Ende setzten, war die Situation in Ostafrika sehr viel komplexer, weil hier Händler und Herrscher, die von der arabischen Halbinsel oder aus dem persischen Golf stammten, dieses Geschäft des Sklavenhandels betrieben und verschiedene Stellen am Indischen Ozean belieferten. Zahlreiche Beobachter haben diesen Handel und den Sklavenmarkt von Zanzibar beschrieben, die Sklavenjagd, die Herkunft der Sklaven, ihre Ankunft auf der Insel, ihre Aufpäppelung für den öffentlichen Verkauf, die körperliche Inspektion durch potentielle Käufer, die Verkaufssitzungen, die Interessen im Hintergrund, die Verschiffung der verkauften Sklaven in die arabische Welt... Ein Untersuchungsbericht, der im Auftrage der britischen Regierung erstellt wurde, der Report of the Select Committee von 1871, hat die Greuel dieses Marktes beschrieben und deutlich gemacht, daß zu viele Gruppen auf Zanzibar, in den Küstenregionen Ostafrikas und auf der arabischen Halbinsel an einer Weiterführung dieses Handels interessiert waren und daß er für sie einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellte. Demgegenüber hat ein deutscher Augenzeuge, Carl Claus von der Decken, in seinen "Reisen in Ost-Afrika in den Jahren 1859 bis 1865" von den Vorteilen des Sklavenhandels für die Betroffenen gesprochen, daß sie nämlich der Willkür ihrer eigenen Chiefs entkommen seien und nun ein besseres Leben führen könnten.
Der weltwirtschaftliche Aspekt des Sklavenhandels in Ostafrika geht auch aus der individuellen Perspektive der Betroffenen hervor, aus den Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven. Marcia Wright hat solche in ihrem Buch "Strategies of Slaves and Women" (1993) gesammelt. Dabei wird deutlich, und das ist in unserem Zusammenhang das Entscheidende, daß Sklaverei zwar ihren Anfang nehmen konnte, wenn ein Mensch gewaltsam aus seiner Familie herausgerissen wurde; dies blieb aber noch ein umkehrbarer Prozeß, wenn man etwa an die Form der Schuldknechtschaft denkt. Sklaverei wurde erst dann gleichsam endgültig, wenn jemand gewaltsam geraubt, verkauft und an Fernhändler weiterverkauft wurde und so in den Kreislauf des Fernhandels geriet, zur Handelsware in einem weitgespannten Netz wurde. In diesem Prozeß wird deutlich, wie eng das Band zwischen Fernhandel, der auf den Weltmarkt ausgerichtet war, und Versklavung in Wirklichkeit war.

Das dritte Stadium in der Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft: der Aufbau des Industriekapitalismus und die Aufnahme Afrikas in die Weltwirtschaft

Seit Ende des 18. Jahrhunderts hat die führende Seemacht England den Sprung der Industrialisierung geschafft und einen wirtschaftlichen und sozialen Umbruch der bestehenden Gesellschaftsverhältnisse sowie einen übermächtigen Einfluß der ökonomisch-technischen Entwicklung eingeleitet. Nun ist die industrielle Produktion kein untergeordnetes Moment des Weltmarktes mehr, vielmehr umfaßt sie einen stetig wachsenden Anteil der Weltbruttoproduktion und - was noch wichtiger ist - des Weltbruttosurplus. Für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft hatte dies weitreichende Konsequenzen: die imperialistische Expansion und die Abschaffung des Sklavenhandels.
Zum einen weitete sich die europäische Weltwirtschaft geographisch weiter aus, nachdem sie über eine effizientere Technologie, eine erhöhte militärische Schlagkraft und verbesserte Transporteinrichtungen verfügte. Die aufkommende Industrieproduktion verlangte zudem Zugang zu bestimmten Rohstoffen, zunächst innerhalb der alten Grenzen, dann durch imperialistische Expansion. Im Zuge dieser Expansion wurden nach Wallerstein Asien und Afrika in die Peripherie aufgenommen, d.h. sie wurden als Randgebiete in die Weltwirtschaft integriert. Von diesem Zeitpunkt an betrafen Entwicklungen in diesen Großräumen am Rande der Weltwirtschaft auch das Zentrum oder die Zentren.
Aus dieser Veränderung folgte notgedrungen auch eine Transformation der Weltarbeitsteilung. Nach Wallerstein führte die Aufnahme Afrikas in die Peripherie der Weltwirtschaft zur Abschaffung des Sklavenhandels. Er führt zwei Gründe an:
"Erstens: Die Arbeitskräfte, die ehedem als Sklaven benutzt wurden, wurden nun dazu gebraucht, exportfähige Agrarerzeugnisse in Afrika selbst zu produzieren (cash crop production), während die Europäer im 18. Jahrhundert alles daran gesetzt hatten, eben diese Form der Produktion zu verhindern. Zweitens: Sobald Afrika einmal Teil der Peripherie geworden war und nicht mehr zur externen Arena zählte, wurde die Sklaverei unökonomisch. Um dies zu begreifen, muß man sich die Ökonomie der Sklaverei vor Augen halten: Sklaven die den denkbar geringsten Lohn für ihre Arbeit erhalten, sind die am wenigsten produktive Arbeitskraft und haben sowohl wegen Unterernährung und Misshandlung als auch infolge verminderter psychischer Widerstandskraft gegen den Tod die kürzeste Lebenserwartung. Hinzu kommt, daß die Fluchtrate zu hoch ist, wenn sie in Gegenden rekrutiert werden, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Arbeitsplatz liegen. Folglich entstehen hohe Transportkosten für ein Produkt von niedriger Produktivität. Dies ist nur dann ökonomisch sinnvoll, wenn der Kaufpreis praktisch gleich Null ist. Im kapitalistischen Markthandel hat ein Kauf stets seinen realen Preis. Einzig beim Fernhandel, dem Austausch von Kostbarkeiten, kann der Kaufpreis im Gesellschaftssystem des Käufers praktisch gleich Null sein. Ein solcher Handel war der Sklavenhandel. Beim Sklavenkauf waren die direkten Kosten gering (die Produktionskosten der Artikel wechselten), und die üblichen unsichtbaren Kosten fielen nicht an. Das heißt, die Tatsache, daß die zwangsweise Entfernung eines Menschen aus Westafrika das produktive Potential der Region verringerte, kostete die europäische Weltwirtschaft gar nichts, da diese Gebiete nicht Teil der Arbeitsteilung waren. Freilich, hätte der Sklavenhandel Afrika völlig der Möglichkeit beraubt, weitere Sklaven zu liefern, dann wären Europa reale Kosten entstanden. Aber dieser Punkt wurde historisch nie erreicht. Sobald Afrika jedoch Teil der Peripherie geworden war, stieg der tatsächliche Preis eines Sklaven im Sinne der Produktion von Surplus in der Weltwirtschaft so weit an, daß es weitaus kostengünstiger war, Lohnarbeiter einzusetzen, auch und sogar auf Zucker- und Baumwollplantagen - und eben dies geschah im 19. Jahrhundert im Karibischen Raum und in anderen Sklavenarbeitsregionen." (Wallerstein 1979:55-56)
Diese Theorie enthält zwei Kernaussagen:
Erstens: Sklaverei und Sklavenhandel verloren ökonomisch ihren Sinn, als Afrika Teil der Weltwirtschaft wurde und als Anbieter eigener Agrarprodukte auftrat. Damit war der afrikanische Kontinent auch Teil der Weltarbeitsteilung geworden, und die Arbeitskosten in Afrika wurden für den Weltmarkt relevant.
Zweitens: Sklavenarbeit war die unproduktivste Form der Arbeit; sie wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch den Anstieg der Erwerbskosten der Sklaven in Afrika und durch die Transportkosten in die Neue Welt in untragbarer Weise verteuert, sodaß Lohnarbeit sich als ökonomisch sinnvolle Alternative aufdrängte.
Beide Aussagen sind in dieser allgemeinen Formulierung falsch, treffen auf die Entwicklung in Afrika nicht zu. Denn Afrika ist nicht Teil der Weltwirtschaft und der Weltarbeitsteilung geworden, es ist nicht als Konkurrent auf dem Weltmarkt aufgetreten: Plantagen wurden nicht oder besser: konnten nicht aufgebaut werden; erst die kleinbäuerliche Tätigkeit afrikanischer Bauern hat etwa 100 Jahre nach Abschaffung des Sklavenhandels afrikanische Agrargüter in nennenswerten Mengen auf dem Weltmarkt angeboten. Und es waren auch nicht dieselben Güter wie die der Plantagen in der Neuen Welt: es waren Erdnüsse, Gewürznelken, Kakao und später Kaffee.
Auch die zweite Aussage trifft für unseren Zusammenhang nicht zu: Lohnarbeit drängte sich nicht primär aus Kostengründen, die in der Beschaffung von Sklaven-Arbeitskräften lagen, auf, sondern weil die Industrialisierung in zunehmendem Maße Facharbeiter benötigte (was Wallerstein am Rande auch vermerkt) und weil ungelernte Arbeitskräfte nun auch in ausreichender Zahl auf dem lokalen Arbeitsmarkt verfügbar waren. Außerdem fielen bei Lohnarbeitern die Kosten für Bewachung weg.
Dennoch hat Wallersteins Ansatz einen wichtigen Erklärungswert: er zeigt nämlich, daß Industrialisierung und Arbeitsteilung sehr wohl zusammenhängen, aber in anderer Weise als von ihm angenommen.
Industrialisierung bedeutet den schrittweisen Übergang zu industrieller Fertigung und die Aufspaltung des Arbeitsmarktes sowie des Arbeitsprozesses in mehrere Segmente und Prozesse, von denen hier nur die zu interessieren brauchen, die direkt mit der Industrieproduktion verbunden sind, d.h. Facharbeiter und Hilfsarbeiter. Weltwirtschaftliche Arbeitsteilung bedeutet eine regionale Aufteilung oder Verlagerung der Produktion nach regionalen oder lokalen Produktionskostenvorteilen.
Davon kann im frühen 19.  Jahrhundert für den Vergleich Neue Welt-Afrika noch nicht die Rede sein, denn eine Verlagerung von Produktionsstandorten hat es nicht gegeben.
Was aber dennoch in Wallersteins Ansatz relevant ist und einen besseren Einblick in globale Veränderungen ermöglicht, ist folgendes: Eine Aufspaltung der Arbeitsteilung in Facharbeit und Hilfsarbeit sowie eine weltwirtschaftliche Arbeits- oder Produktionsverlagerung werden erst im Zusammenhang mit dem Prozeß der Industrialisierung sinnvoll und wirksam. Für Afrika bedeutet dies: weil es den Prozeß der Industrialisierung in Schwarzafrika im 19. Jahrhundert nicht gegeben hat, konnte auch keine Produktionsform aufgebaut werden, deren Basis die Großproduktion auf Plantagen war. Vielmehr ist die kleinbäuerliche Produktion als Konkurrent in Erscheinung getreten, sie war die Alternative der nichtindustrialisierten Welt - und ist es bis heute. Daß es in West- und Ostafrika im 19. Jahrhundert zahlreiche Plantagen gegeben hat, widerspricht dem nicht, denn diese Plantagen setzten ausschließlich Sklavenarbeiter ein; die Plantagen an der ostafrikanischen Küste haben sich mit Beginn der Kolonialherrschaft, weitgehend durch die Flucht ehemaliger Sklaven aufgelöst. Anders war dies auf Zanzibar und Pemba in den Plantagen, die der Produktion von Gewürznelken dienten, und auch in den Plantagen in der portugiesischen Kolonie Mosambik: hier ging die Arbeit zunächst weiter.
Man kann in diesem dritten Stadium der Entwicklung der Weltwirtschaft zwei Phasen des Ausgreifens auf Afrika unterscheiden, die allerdings eng miteinander verbunden waren und einander auch zeitlich überlappten: Erstens die Phase der Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels, verbunden mit dem Übergang zum Warenhandel, und zweitens die Phase der imperialistischen Aufteilung des afrikanischen Kontinents. In der ersten Phase wurde Afrika in die Peripherie der Weltwirtschaft aufgenommen, es wurde Teil der Weltwirtschaft. Seine Rolle innerhalb des weltumspannenden Wirtschaftssystems änderte sich dadurch grundlegend, weil nun Transformationsprozesse im Inneren des schwarzen Kontinents auch Auswirkungen auf die übrigen Teile und insbesondere auf die Kernländer der Weltwirtschaft hatten. Man könnte diese erste Phase auch als "informelle" Einbeziehung bezeichnen, weil noch keine festen Strukturen der Kooperation geschaffen waren.
Erst in der zweiten Phase wurden die afrikanischen Gesellschaften auch formell Teil der Weltwirtschaft, als kolonisierte Völker unter der Kontrolle europäischer Kolonialmächte, eingebunden in die Wirtschaften der Kolonialmetropolen.
Der transatlantische Sklavenhandel ist im Laufe des 19. Jahrhunderts abgeschafft worden, nachdem das britische Parlament im Jahre 1807 den Handel mit Menschen im gesamten britischen Einflußgebiet verboten hatte. Bei den leidenschaftlichen Diskussionen um diese sogenannte "Abolition" wurden ökonomische Argumente bemüht, aber auch humanitäre Erwägungen und Öffentlichkeitskampagnen engagierter Gruppen in den USA und in England spielten eine Rolle. Dieser humanitäre Argumentationsstrang kommt in Wallersteins Theorie nicht zur Sprache. Man kann ihn aber nicht unterschlagen. Eine umfassende Erklärung der Ursachen der Abolition muß davon ausgehen, daß beide Argumentationsstränge die Öffentlichkeit beeinflußt haben und daß erst ihr Zusammenspiel die parlamentarische Entscheidung möglich machte.
In vielen Gebieten Westafrikas bedeutete das Ende des atlantischen Sklavenhandels auch das Versiegen einer wichtigen Einnahmequelle für Händler und Herrscher; England konnte das Sklavenexportverbot aber nur durchsetzen, wenn es militärisch erzwungen und wenn gleichzeitig ein Ersatz geschaffen wurde. Zu diesem Zweck hat London zahlreiche Verträge mit lokalen Herrschern abgeschlossen, die den friedlichen Handel förderten, aber ebenso militärische Maßnahmen gegen das Sklavenexportverbot androhten. Beide Ebenen haben in der Folge den Anlaß zu direkten Interventionen in die lokale Politik geboten und das bisherige interne Machtgefüge in afrikanischen Reichen ausgehöhlt. An der Basis lagen immer die kommerziellen Interessen der europäischen Mächte, die ihre Handelskontakte weiter ins Landesinnere hineintragen, die lokalen Zwischenhändler ausschalten und direkt den innerafrikanischen Markt anzapfen wollten. Der industrielle Bedarf an Rohstoffen, vor allem Palmöl und Kautschuk, aber auch die Nachfrage nach Elfenbein wuchsen ständig und sollten durch dieses Vordringen in bisher weitgehend unbekannte Märkte befriedigt werden. Auch die Absatzmöglichkeiten europäischer Waren spielten in diesem Kalkül eine Rolle.
Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatte England eine berühmte Expedition ins Innere Westafrikas entsandt, die von Heinrich Barth geleitet wurde und letztlich eine Erkundung der Binnenmärkte zum Ziel hatte. Die zwei Verträge, die Heinrich Barth mit dem Herrscher von Bornu (5. 8. 1851) und dem Sultan von Sokoto (2. 5. 1853) abschließen konnte, drückten diesen Sachverhalt klar aus: es waren Handelsverträge, die britischen Händlern freien Zugang zu den jeweiligen Märkten sowie Sicherheit und Freiheit der Bewegung zusicherten. Im Vertrag mit Bornu war sogar festgeschrieben, "daß die Untertanen der englischen Königin der lokalen Bevölkerung in allem, was den Handel betrifft, gleichgestellt sind".
Mit solchen Verträgen, die in großer Zahl mit Herrschern an den Küsten abgeschlossen wurden, hatten die Engländer in der Folge ein juristisches Mittel an der Hand, das sie durch die Einrichtung von Konsulaten einsetzen konnten, nicht nur zur Verhinderung von Sklavenexporten, sondern auch zur Absetzung afrikanischer Herrscher, die sich diesem Verbot nicht fügen wollten. Dies ist etwa bei der Bombardierung von Lagos im Jahre 1854 erfolgt. Andernorts, so in den Asante-Kriegen, wurden Feldzüge gegen afrikanische Völker geführt, wobei der Sklavenhandel, aber auch der Versuch der Herrscher, die Küstengebiete unter die eigene Kontrolle zu bringen, zusammenfielen, die britischen Interessen behinderten und dadurch einen juristischen Vorwand zum Eingreifen lieferten.
In Ostafrika ist das Eindringen weltwirtschaftlicher Interessen anders verlaufen, hat aber dieselben Konsequenzen nach sich gezogen. Englands koloniales Ausgreifen nach Indien hat im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer langsamen Ausbreitung indisch-britischer Interessen und indisch-britischen Kapitals entlang den Küsten des persischen Golfs und der arabischen Halbinsel bis nach Ostafrika geführt. In dieser Ausweitung spielte das Handelsreich Oman eine wichtige Rolle. Die Herrscher von Oman hatten ihren Stützpunkt vor der ostafrikanischen Küste seit längerer Zeit ausgebaut, und der Sultan verlegte in den 1840er Jahren seine Hauptstadt von Muscat nach Zanzibar, weil der Handel mit Ostafrika zu boomen begann. Binnen weniger Jahrzehnte siedelten sich Vertreter der USA, Englands, Frankreichs und sogar der norddeutschen Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck auf Zanzibar an und schlossen mit dem Sultan Handelsverträge ab. Zanzibar wurde zum wichtigsten Hafen Ostafrikas und des westlichen Teiles des Indischen Ozeans; exportiert wurden Elfenbein, Sklaven und in wachsendem Maße Palmöl sowie Palmkerne, importiert wurden Waffen, Munition, Stoffe und andere industriell gefertigte Güter. Die Ernennung eines Bankiers aus Indien zum obersten Steuer- und Zollbeamten des Sultans und der Aufstieg anderer indischer Bankiers zu den Finanziers der großen Karawanen ins ostafrikanische Binnenland besiegelten gleichermaßen das hier sichtbar werdende Ausgreifen der Weltwirtschaft auf der Ostseite des afrikanischen Kontinents. Diese Interessen wurden ins Landesinnere weitergetragen, so an wichtigen Knoten- oder Ausgangspunkten der Karawanenstraßen, wie Tabora oder Ujiji am Tanganyika-See, wo Niederlassungen dieser ausländischen Händler gegründet und Plantagen zur Versorgung der Karawanen angelegt wurden. Große Händler wie Tippu Tipp aus Zanzibar beherrschten diesen Fernhandel, ohne Vertragsabschluß, mit militärischer Gewalt.
Karawanen wurden aber auch vom Landesinneren zur Küste organisiert, als Ausweitung der bestehenden innerafrikanischen Fernhandelsnetze, wohl noch bevor die ersten Karawanen von der Küste im Inneren ankamen. Aber auch bei ihnen war das treibende Motiv die wachsende Nachfrage nach afrikanischen Gütern auf dem Weltmarkt, repräsentiert durch die Küste und Zanzibar.
An den Küstenstreifen wurden gleichzeitig umfangreiche Plantagen aufgebaut. Sie beruhten auf der Basis von Sklavenarbeit und dienten zur Versorgung der Küstenstädte in Ostafrika und auf der arabischen Halbinsel mit Getreide. Dem entsprachen die Gewürznelkenplantagen auf den Inseln Zanzibar und Pemba mit ihrer Ausrichtung auf den Weltmarkt.
In Westafrika wurden ebenfalls Versuche unternommen, Arbeitskräfte vor Ort zu nutzen und eine Plantagenwirtschaft aufzubauen; sie blieben allerdings ohne Erfolg. Baumwolle sollte seit 1827 in Senegal, später im Süden Nigerias, am Niger und an der Goldküste produziert werden, Kaffee an der Elfenbeinküste, Kakao, Kaffee und Kautschuk im Niger-Tal. Der einzige Erfolg war der kleinbäuerliche Anbau bestimmter Produkte wie Erdnüsse, später Baumwolle, Kaffee und Kakao. Die Erdnußproduktion in Senegal und Nigeria, der Kaffee- und Kakaoanbau an der Goldküste und der Elfenbeinküste sind später zu tragenden Säulen der Wirtschaft dieser Kolonien geworden.
So zeigt sich, daß in West- und Ostafrika das Ausgreifen der Weltwirtschaft in diesem Stadium des Industriekapitalismus stärker wurde, daß es aber aufgrund unterschiedlicher globaler Bedingungen andere Formen annahm: Plantagenproduktion in Ostafrika, kleinbäuerlicher Anbau in Westafrika.
Die Intensivierung der Kontakte mit der Weltwirtschaft hat sich bis in viele Binnenlandgesellschaften Afrikas ausgewirkt. Einerseits war die Bevölkerung selbst betroffen, wenn in Ostafrika häufiger große Karawanen durchzogen und Nahrungsmittel gegen Güter aus eigener Produktion (wie Eisenhacken) oder gegen Importwaren einzukaufen suchten. Die örtliche Bevölkerung sah sich damit dem Anreiz einer größeren Produktion für diesen Markt ausgesetzt, griff aber auch auf die eigenen Speicher zurück und wurde dadurch verwundbarer gegenüber Trockenheit und Dürre. Außerdem brachten die Karawanen, wie Gerald Hartwig in einer ausführlichen Studie (1976) gezeigt hat, auch Krankheiten und Seuchen mit sich und lösten durch die mitgeführten Prestigegüter eine Veränderung der bisherigen sozialen Hierarchien aus. Zudem brachten die Träger, die sich für die Karawanen anwerben ließen, bei ihrer Rückkehr neue Ideen und Gewohnheiten mit, die nicht ohne Auswirkung auf die traditionellen Wertsysteme und Weltbilder blieben. Dieses Phänomen muß im Norden des heutigen Tanzania eine erhebliche Breitenwirkung erreicht haben, weil nach vielen Berichten ein großer Teil der jungen Nyamwezi wenigstens einmal die Karawanenreise zur Küste mitgemacht hat.
Die Bevölkerung war auch direkt betroffen, wenn sie nicht in zentralistischen politischen Strukturen organisiert war und sich nun neue Formen politischer Macht herausbildeten, wie dies beim Übergang von ritueller Macht in politische und militärische Macht im ostafrikanischen Binnenland oder bei der Aufwertung von Clan-Vertretern zu politischen Machtträgern mit der Bezeichnung "king" bei den Duala in Zentralafrika erfolgte.
Ebenso dramatisch waren die Folgen des Ausgreifens der Weltwirtschaft durch die europäische Präsenz an den Küsten Westafrikas, wo lokale Herrscher mit Verträgen oder Kriegen zu Konzessionen gezwungen wurden, oder wo afrikanische Privathändler sich mit europäischen Händlern verbündeten und die Macht der eigenen Herrscher auszuhöhlen begannen. In Asante führte dies 1883 zur Absetzung des Asantehene und zum Bürgerkrieg, in Dahomey im Jahre 1870 zu einer für den König gefährlichen politischen Kehrtwende, weg von regelmäßigen Kriegen, die der Tributeintreibung und der Sklavenbeschaffung dienten, hin zu einer Politik, die friedliche Rahmenbedingungen zur Ausweitung des Handels mit den Europäern schaffen sollte.
Überall wurde sichtbar, daß durch das Vordringen von Händlern aus Europa und aus den Küstenregionen oder aus dem Landesinneren das Außenhandelsmonopol der Herrscher unter Druck geriet und verloren ging; viele Händler wollten aber noch mehr erreichen: eine Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne einer größeren Liberalisierung und Aufwertung des Einzelnen.
Der Druck europäischer Mächte oder Handelshäuser erhöhte sich dann dramatisch, wenn im Lande besondere Reichtümer vermutet oder entdeckt wurden. Dies ist in besonders signifikanter Weise in Asante und im Königreich Benin geschehen.
In Asante und der Goldküste hatten Europäer Bäume entdeckt, von denen sich Kopal gewinnen ließ. Die Weltmarktnachfrage nach diesem Rohstoff nahm nun in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark zu und schlug sich unmittelbar in einem steilen Preisanstieg für Kopal nieder, vor allem zu Beginn der 1880er Jahre. Der Kampf um die Kontrolle dieses expandierenden Sektors wurde zu einer politischen Machtprobe zwischen privaten Händlern in Asante, die mit den englischen Handelsagenten an der Küste zusammenarbeiteten, und dem Asante-Herrscher Mensa Bonsu. Dieser wollte die neue Industrie dem Zugriff privater Händler und Unternehmer entziehen und bevorzugte eine Lösung, die ausländischen Firmen ein Monopol zur Gewinnung und Vermarktung verlieh, zum Nutzen der Kassen des Staates, bzw. der herrschenden Schicht. Dieser neue Wirtschaftszweig war aber nach den Worten von Kwame Arhin eine "industry of commoners" und konnte nicht mehr in das traditionelle System des Merkantilismus (Wilks 1975) integriert werden. Der Konflikt führte einerseits zur Verschärfung der innenpolitischen Gegensätze und schließlich zur Absetzung des Asantehene im Jahre 1883, andererseits zum Ende der "traditional household economy" und zum Beginn "of the dominance of the cash economy in which commoner enterprise came into its own" (Arhin 1980).
Benin auf der anderen Seite war ein Königreich, das seit Jahrhunderten mit europäischen Mächten in Handelskontakten gestanden hatte. Als nun in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Yoruba-Kriege die britische Intervention in die lokale Politik immer stärkere Formen annahm, wollten die Engländer auch in die Handelsnetze Benins eindringen und im Hinterland Handel treiben. Der Oba von Benin war durch die Veränderungen in diesem Großraum auf mehrfache Weise betroffen: die kriegerischen Auseinandersetzungen hatten die Handelsströme zwischen Benin und seinen Handelspartnern im Norden und Westen unterbrochen und die Kontakte mit den Europäern im Süden aus dem alten Hafen Ughoton an die Küste verlagert, d.h. in die Kontrolle der Itsekiri. Andererseits hatten sie auch Regionen, die dem Oba tributpflichtig waren, seinem Einfluß entzogen und damit für erhebliche Einkommenseinbußen des Herrschers gesorgt. So war es verständlich, daß der Oba die verbliebenen Handelsmöglichkeiten erhalten wollte und auf unannehmbare Zwischenhandelsbedingungen der Itsekiri mit einer völligen Blockade des Handels rEIAierte. Damit machte er sich seine eigenen Händler und die Engländer zu Feinden. Einem Beauftragten des englischen Konsuls und der Royal Niger Company gelang es schließlich 1892, dem Oba nach einer langen Periode des Kampfes um die interne Stabilisierung der Macht einen Vertrag abzuringen, in dem den Bürgern aller Länder die Freiheit des Handels im ganzen Reich zugesichert wurde. Das Ausmaß der Schwäche des Oba gegenüber den Engländern wurde darin sichtbar, daß er auch zugestehen mußte sich zu verpflichten, "to act upon their advice [the British consular or other officers] in matters relating to the administration of justice, the development of the resources of the country, the interest of commerce, or in any other matter in relation to peace, order, and good government, and the general progress of civilization." (Ikime 1997) Unter dem Deckmantel eines Handelsvertrages hatte eine führende Macht der Weltwirtschaft damit zentrale Regierungsfunktionen in einem formal unabhängigen afrikanischen Reich übernommen. Wenige Jahre später, 1897, wurde dieser Vertrag bemüht, um den Besuch einer britischen Gesandtschaft in der Stadt Benin zu einem für den Oba unangebrachten Zeitpunkt durchzusetzen. Als diese Gruppe ihre Absicht dennoch nicht aufgeben wollte, wurde sie überfallen und ihre Mitglieder wurden ermordet, was die Briten wiederum zum Anlaß nahmen, die Stadt Benin zu erobern, den Oba abzusetzen und das Reich Benin nun auch formal zu unterwerfen.
Der nigerianische Historiker Philip A. Igbafe führt dieses Ende des Reiches Benin auf den Eroberungswillen der Briten zurück, aber auch auf die Unvereinbarkeit der Politik des Oba mit den Interessen der Händler; die Politik des Oba nennt er "a closed door policy", "traditional policies of economic exclusiveness and monopolistic practices" (Igbafe 1970), wodurch den Privathändlern aus Benin, den Itsekiri-Zwischenhändlern und den Vertretern der Regierung des Niger Coast Protectorate erheblicher kommerzieller Nachteil entstanden sei. Er nennt damit denselben Zusammenhang, der auch bei dem Konflikt um das Kopal in Asante und an der Goldküste in Erscheinung getreten war: die bisherige Wirtschafts- und Handelspolitik der Herrschenden konnte gegenüber den veränderten Interessen lokaler Händler und der Interessensallianz zwischen diesen und den Vertretern der Weltwirtschaft nicht mehr Bestand haben.
Die dritte Phase dieses Stadiums der weltwirtschaftlichen Entwicklung, die imperialistische Aufteilung Afrikas, war an den meisten Stellen des Kontinents zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen. Die Berliner Westafrika-Konferenz von 1884/1885 hatte zwar diese Aufteilung selbst nicht vorgenommen, hatte aber die internationalen Regeln der Aufteilung definiert und den letzten Zugriff der Weltwirtschaft sanktioniert.
Aufteilung und Kolonialherrschaft brauchen hier nur in ihrer Einordnung in das vorgeschlagene theoretische Modell vorgestellt zu werden.
Mit der kolonialen Eroberung wurde Afrika, wie weiter oben formuliert, auch formell Teil der Weltwirtschaft. Die koloniale Wirtschaftspolitik war das eindeutigste Mittel, diesen Zugriff der Weltwirtschaft auf die afrikanischen Volkswirtschaften durchzusetzen. Die neugeschaffenen Infrastrukturen, mit dem Bau von Eisenbahnen und Straßen von den wichtigsten Produktionsstätten zu den Häfen, waren das augenfälligste Zeichen dieser Ausrichtung afrikanischer Produktion auf den Weltmarkt, besser: auf den Markt der jeweiligen Kolonialmetropole. Das neue Handelsnetz, das nun aufgebaut und bis in die entlegensten Dörfer getragen wurde, diente demselben Zweck: dem Aufkauf afrikanischer Produkte zum Export und dem Verkauf europäischer Waren. Es wurde bezeichnenderweise von ausländischen Händlern betrieben, von Libanesen und Syrern in Westafrika und von Indern oder Asiaten in Ostafrika.
Aber auch andere Bereiche kolonialer Politik dienten diesem Ziel: nicht nur die Einführung einer Währung, die sich an der kolonialen Metropole orientierte und dieser das Finanzwesen unterwarf, auch die Einführung der europäischen Sprachen, der christlichen Religion und des westlichen Bildungssystems.
Die Auferlegung der kolonialen Schriftsprache hat vielleicht den nachhaltigsten Einfluß ausgeübt, indem die Eliten der Kolonien und später der afrikanischen Staaten in die Lage versetzt wurden, mit den Zentren der Weltwirtschaft zu kommunizieren, an der Entwicklung der Weltkultur direkt teilzunehmen und deren Vorstellungen und Normen in die eigene Kultur zu übersetzen. In den meisten afrikanischen Kolonien und Staaten ist zudem eine der Sprachen der weltwirtschaftlich führenden Mächte zur Amtssprache geworden, hat die lokalen Sprachen an den Rand gedrängt und Einzug gehalten in das Denken und die Wertsysteme der Menschen, auch in ihr Konsumverhalten und die Gestaltung des Alltags. Der kenianische Schriftsteller Ng¨g/ wa Thiong'o hatte 1986 diese Unterwerfung des Denkens über die koloniale Sprache im Sinn, als er in seiner Schrift "Decolonising the mind" forderte, das Denken zu entkolonisieren und ihm den Rückgriff auf die eigene Kultur durch die Nutzung der eigenen Sprache wieder zu gestatten.
Die Tätigkeit der christlichen Missionen war nicht auf den religiösen Bereich und die Vermittlung eines neuen Gottesbildes beschränkt. Der kongolesische Philosoph Valentin Mudimbe hatte recht, als er 1988 in "The Invention of Africa" an die Adresse der christlichen Kirchen formulierte, sie hätten sehr viel stärker als die Kolonialmacht die Gesellschaft umgestalten wollen: "they aimed at a radical transformation of indigenous society...They sought, whether consciously or inconsciously, the destruction of precolonial societies and their replacement by new Christian societies in the image of Europe." Die weltliche Macht wollte die Wirtschaft und die Arbeitskraft der Bevölkerung den eigenen Zielen dienstbar machen, aus Gründen des sozialen Friedens lokale gesellschaftliche Hierarchien und Wertesysteme aber erhalten, bzw. nur so weit verändern, wie dies unabdingbar war. Die Missionare strebten mehr an, sie wollten einen neuen Menschen schaffen, ein neues Menschenbild errichten und die Gesellschaft darum neu aufbauen. Im Mittelpunkt sollte das selbstverantwortliche Individuum stehen, aus alten gesellschaftlichen und kulturellen Zwängen gelöst. Jean und John Comaroff haben in subtiler Weise am Beispiel Südafrika gezeigt, daß unter den gegebenen kolonialen Rahmenbedingungen eine Bekehrung zum Christentum mehr war als ein religiöser Akt: es war die Übernahme zentraler Elemente der europäischen Kultur und unbewußt der Eintritt in die europäische Arbeits- und Wirtschaftswelt. So haben, bewußt oder unbewußt, Wirtschaftsinteressen und Christentum zusammengewirkt und der Weltwirtschaft das Tor zum Denken der Menschen geöffnet.
Derselbe Effekt wurde durch das koloniale Schulwesen ausgelöst, dem es weniger darum ging, die jungen Menschen auf den Dienst an ihrer Gesellschaft vorzubereiten, sondern auf Funktionen im kolonialen System.
Selbst im Zuge der Entkolonisierung wurden mentale und konstitutionelle Strukturen festgezurrt, die ein Verbleiben und ein weiteres Funktionieren der unabhängig werdenden Staaten innerhalb der westlich dominierten Weltwirtschaft garantieren sollten. Die Verfassungskonferenzen der 1950er Jahre und die Verfassungen, mit denen die afrikanischen Staaten in die Unabhängigkeit entlassen wurden, trugen zwar auch Wünschen der afrikanischen politischen Führungsschicht Rechnung, waren aber im Kern Kopien der europäischen Verfassungen, wie diese an einer freiheitlichen marktwirtschaftlichen Ordnung orientiert und auf die weitere Integration dieser Staaten in die Weltwirtschaft angelegt.
Diese Orientierung wurde bei vielen frankophonen Staaten Afrikas durch die neue Währung des Franc de la Communauté Financière Africaine (FCFA), durch militärische Bündnisverträge und die Organisation der Frankophonie, bei anglophonen Staaten durch das Angebot ihrer Aufnahme in das Commonwealth of Nations weiter verstärkt.
Mit dem Übergang in die Unabhängigkeit war aber trotz der vielmaschigen Bindungen der neuen Staaten an die ehemalige Kolonialmacht ein neues Zeitalter eingeläutet. Dies ist das Zeitalter der Globalisierung, die vierte Phase des Ausgreifens der Weltwirtschaft.

Die vierte Phase des Ausgreifens der Weltwirtschaft: die Globalisierung

In Abweichung von Wallerstein sehe ich aus der afrikanischen Perspektive den Beginn eines neuen Stadiums in der Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft nicht so sehr in der russischen Revolution und der Entstehung des sozialistischen Blocks, vielmehr in den Entwicklungen, die sich seit etwa 30 Jahren durchsetzen und mit dem Begriff "Globalisierung" gekennzeichnet werden können.
Die Entkolonisierung, verstanden als Lösung von der ehemaligen kolonialen Metropole, ist trotz der Entlassung der Kolonien in die völkerrechtliche Unabhängigkeit nicht überall bis zu ihrem Abschluß geführt worden, was selbst dem flüchtigen Besucher afrikanischer Staaten nicht entgehen kann. Die englische, französische, spanische oder portugiesische Präsenz in den jeweiligen Territorien ist durch die europäische Sprache, durch Straßennamen, koloniale Architektur, durch die Presse der früheren Metropole und viele andere Formen der Bindung allgegenwärtig. Sie ist in manchen Bereichen in den letzten Jahren vielleicht noch auffälliger geworden, was sich vor allem an der verstärkten Gegenwart von Wirtschaftsunternehmen aus der früheren Kolonialmetropole zeigt.
Dennoch: seit den Jahren der Unabhängigkeit hat ein langsamer Trend eingesetzt, der auf der einen Seite den Rückzug der ehemaligen Kolonialmächte, auf der anderen eine wachsende Aktivität anderer Länder und internationaler Gesellschaften und Konzerne in den einzelnen afrikanischen Staaten mit sich bringt. Bevorzugte Beziehungen zwischen ehemaligen Kolonien und Metropolen werden in der Tat schrittweise abgebaut. So hat Frankreich in den letzten zwei Jahren die eigene Militärpräsenz in Afrika reduziert, hat öffentlich erklärt, daß es nicht mehr zur Stützung undemokratischer Regime bereit ist, und hat die Abkoppelung des FCFA von der eigenen Währung durch den Übergang zum EURO und eine drastische Abwertung des FCFA eingeleitet. Letztlich ist das Bild der "chasse gardée", der französischen Sonderbeziehungen zu afrikanischen Staaten, in denen andere Mächte nichts zu suchen hätten, aufgegeben worden.
Bei den übrigen Kolonialmächten ist die Fortschreibung der eigenen Einflußnahme auf die früheren Kolonien nie so ausgeprägt und nie so offensichtlich gewesen.
An die Stelle der bevorzugten Beziehungen ist schrittweise der Ausbau multilateraler oder universeller Beziehungen getreten und hat schließlich die letzten Schranken oder Beschränkungen des Kolonialismus beiseite geräumt. In diesem Licht kann die koloniale Unterwerfung zwar wie der größte Innovationsschub erscheinen, der Afrika je erfaßt hat, wie Ali A. Mazrui es in einer provozierenden Formel ausgedrückt hat, aber gleichzeitig als ein bewußt gebremster Schub, weil nur auf die jeweilige Kolonialmetropole ausgerichtet. Kolonialismus war daher Öffnung und Einengung zugleich. Die Entkolonisierung ist in diesem Licht die graduelle Beseitigung aller noch verbliebenen oder neu aufgerichteten Barrieren, die einer freigewählten Öffnung der afrikanischen Staaten zur Gesamtheit der Völkergemeinschaft im Wege standen.
Diese Öffnung ist nichts anderes als die Globalisierung: internationale Kapitalinteressen finden ihren Weg in die afrikanischen Staaten hinein, unabhängig von vergangenen kolonialen Beziehungen; internationale Informationsflüsse begleiten diesen Weg und schaffen neue weltweite Verbindungen.
Beispiele dieses Prozesses sind die graduelle Ersetzung unilateraler Beziehungen zwischen Frankreich und seinen früheren Kolonien durch die Integration Frankreichs in die EU und die Assoziierung zahlreicher Staaten Afrikas und der Karibik an die EU in den sogenannten Lomé-Abkommen. Auslöser war die Aufnahme der afrikanischen Staaten in die UNO und die Bewegung der Blockfreien, die Gründung der OAU, der ECOWAS, der SADCC, das Ausspielen des Ost-West-Gegensatzes zum eigenen Vorteil.
Bisheriger Höhepunkt ist die Internationalisierung der Kongo-Krise. Zunächst hatten westliche Staaten über Jahrzehnte hinweg das Regime Mobutus gestützt, in der Annahme, nur so eine Stabilisierung dieses an Bodenschätzen reichen und deshalb strategisch außerordentlich wichtigen Großraumes sicherstellen zu können. Schließlich machte sich die Einsicht breit, daß diese politische Bevormundung und Knebelung der Bevölkerung ökonomisch keinen Sinn mehr machte, und Mobutu wurde fallengelassen, d.h. sein militärisch stärkster Gegner, Laurent Désiré Kabila, wurde unterstützt. Noch vor Beendigung der Kampfhandlungen schlossen internationale Konzerne die ersten Verträge zum Abbau der Bodenschätze ab. Sie lösten damit bisherige Vertragspartner, d.h. nationale zairische Gesellschaften oder belgisch-dominierte Konsortien, ab.
In Congo-Brazzaville spielte sich zur gleichen Zeit ein anders strukturiertes, aber ebenso internationalisiertes Drama ab. Der demokratisch gewählte Präsident des Landes, Pascal Lissouba, wollte neue Erdölförderkonzessionen an die amerikanisch-beherrschte Gruppe Gulf Oil erteilen, woraufhin die französische Gruppe Elf-Aquitaine zur Sicherung ihrer eigenen Interessen den Gegner Lissoubas, den früheren Diktator Denis Sassou-Nguesso, unterstützte und diesem zur Rückkehr an die Macht verhalf. Die angolanische Rebellenbewegung UNITA setzte sich mit eigenen Verbänden ebenfalls für Nguesso ein, weil sie von ihm finanzielle Hilfe und die Zusage eines strategischen Rückzugsgebietes in der Gegend von Pointe Noire erhoffte. Dies wurde jedoch zunichte gemacht, als angolanische Regierungstruppen ebenfalls in die Kämpfe auf seiten Nguessos eingriffen: sie wollten die UNITA vernichtend treffen. Aus einem Kampf um die Macht im Staate Congo-Brazzaville war auf diese Weise ein Krieg um Rohstoffe geworden, kein "Stammeskrieg", wie es in der westlichen Presse in Verkennung der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Afrika bisweilen hieß, sondern eher ein "Öl-Krieg".
Mit anderen Worten: In der Endphase des Kampfes um Mobutu und Zaire ging es zwar um einen Machtwechsel, der von den Oppositionellen in Zaire herbeigesehnt wurde, aber der militärische Kampf im Großraum Zentralafrika wurde von unterschiedlichen, weltweit agierenden Interessengruppen und um andere Ziele geführt und wurde von internationalen Kapitalinteressen finanziert; die USA oder amerikanische Interessengruppen haben den Vormarsch Kabilas auf die Hauptstadt Kinshasa mit logistischer Hilfe unterstützt.
Dieses Ausspielen internationaler Interessen auf dem afrikanischen Kontinent braucht niemanden zu verwundern, da ähnliche Interessenverflechtungen weltweit auftreten. Diese Einsicht macht aber deutlich, daß im Zuge dieser Globalisierung die Zeit der kolonialen oder postkolonialen Vorherrschaft einzelner Länder vorbei ist. Dies soll nicht heißen, daß die Großmächte, allen voran die USA, ihre Vormachtstellung an internationale Konzerne abgetreten hätten; es soll heißen, daß die Mittelmächte und die kleineren Staaten, unter ihnen alle afrikanischen Staaten, große Teile ihrer staatlichen Macht verloren haben, und zwar an international agierende Kapitalgesellschaften oder Konzerne und an die hinter ihnen stehenden Supermächte.
Dem widerspricht nicht der Hinweis auf Weltbank oder IWF (Internationaler Währungsfond), die in ihren Entscheidungsprozessen und in ihrem Stimmpotential an die Kapitalanteile der Mitglieder, d.h. vor allem an die Option der USA, gebunden sind. Als internationale Organisationen greifen sie in zunehmendem Maße durch Kreditvergabe und die damit verbundenen politischen Bedingungen in die Politik afrikanischer Staaten ein. Die Strukturanpassungsprogramme sind das markanteste Mittel dieser internationalen Einflußnahme. Sie offenbaren ebenso wie die internationalisierten kriegerischen Auseinandersetzungen um Bodenschätze, daß die im dritten Stadium des Ausgreifens der Weltwirtschaft, in den Jahrzehnten der informellen und der formellen Aufnahme Afrikas in die Weltwirtschaft, vor allem in den Jahren der Kolonialherrschaft dosiert eingeführte partielle Öffnung der Territorien für den Weltmarkt nun in ein neues Stadium eingetreten ist, in das Stadium der Globalisierung, in dem es Vorzugsbeziehungen und ihre Schranken nicht mehr gibt.
Dies hat zwei wichtige Konsequenzen: einerseits sind die Nationalstaaten in ihrer Handlungsfähigkeit nicht mehr, oder weniger als früher, durch andere Nationalstaaten und deren Herrschaftsanspruch behindert. Andererseits hat der Nationalstaat seine zentrale Rolle als politischer Akteur in genau definierten Grenzen in wachsendem Maße verloren; internationale Konzerne und Banken verfügen über mehr Macht als der Staat, und letzterer kann das Handeln dieser Konzerne nur marginal beeinflussen. Sein Steuerungspotential im eigenen Land ist erheblich geschrumpft.

Zusammenfassung

Das Ausgreifen der Weltwirtschaft nach Afrika erscheint zunächst als eine gewaltsam auferlegte Nutzung von Arbeitskräften außerhalb des afrikanischen Kontinents, wobei die Kosten dieses Exports nur zu Lasten Afrikas gingen. Die Errichtung und der Ausbau dieses Systems stellten die ersten beiden Stadien dieses Ausgreifens dar.
Im dritten Stadium wurde dieses System verfeinert, indem die Arbeitskräfte in Afrika belassen wurden, der Zugriff aber auch die Reichtümer des afrikanischen Kontinents, die agrarischen und mineralischen Rohstoffe, im Blickpunkt hatte. Im 19. Jahrhundert erfolgte diese Verlagerung zunächst informell; mit der kolonialen Eroberung wurde daraus aber eine von den Kolonialmächten eifersüchtig gehütete Aufteilung und Anbindung an die eigenen Wirtschaften, oder wie der spätere deutsche Kolonialminister Bernhard Dernburg es 1907 formulierte: "Kolonisation heißt die Nutzbarmachung des Bodens, seiner Schätze, der Flora, der Fauna und vor allem der Menschen zugunsten der Wirtschaft der kolonisierenden Nation".
Im vierten Stadium wurden und werden diese Schranken niedergerissen, und die Völker Afrikas sehen sich nun weniger mit fremden Staaten und deren Wirtschaftsinteressen konfrontiert als mit internationalen Konzernen, die die Kapital- und Informationsströme beherrschen und die erst vor wenigen Jahrzehnten erworbene völkerrechtliche Unabhängigkeit zunehmend gegenstandslos werden lassen.

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Quelle: Weltregionen 2: Afrika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Inge Grau, Christian Mährdel, Walter Schicho. Wien: Promedia 2000.
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