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Einleitung: Die Neue Welt

Quelle: Weltregionen 3: Die Neue Welt. Süd- und Nordamerika in der kolonialen Epoche Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Margarete Grandner, Bernd Hausberger. Wien: Promedia 2001.

Der Aufstieg der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert war eng verbunden mit dem Aufstieg des Nationalstaates, dessen Entwicklung in ihrer Logik und quasi Zwangsläufigkeit dargelegt werden sollte. Der nationalgeschichtliche Rahmen sowie die dominante Ausrichtung der historischen Forschung am Staat und seinen Institutionen ist aber zunehmend als fragwürdig erkannt geworden. Besonders gilt das gegenüber Entwicklungen vormoderner und vornationaler Epochen, in denen Staat oder Nation keine oder nicht dieselbe Rolle wie später gespielt haben. Als Folge dieser Erkenntnis erlebte die Regionalgeschichte einen deutlichen Aufschwung. Um konkrete historische Entwicklungen im Detail zu studieren, wurde der Untersuchungsraum auf eine überschaubare und - je nach Fragestellung und Forschungsgegenstand - durch unterschiedliche wirtschaftliche, kulturelle oder natürliche Kriterien definierte räumliche Einheit, eben eine Region, eingeengt (z. B. Pérez Herrero 1991). Eine Region kann aber - wie in der vorliegenden Reihe - auch großräumig als »Weltregion« definiert werden. Mehr noch als eine kleinräumige Einheit muss sich jedoch die Konstituierung einer Weltregion die Frage gefallen lassen, auf welchen Grundlagen und mit welchen Kriterien sie konzipiert wurde.
Versucht man, die Erde in Großregionen zu unterteilen, muss man sich auf einige wenige, als vorrangig prägend befundene Kriterien berufen und läuft damit immer Gefahr, in die Falle simplifizierender Überlegungen, subjektiver Meinungen oder tradierter Vorurteile, Stereotypen oder Topoi zu tappen. So wurde im Altertum das bis heute gültige System der Erdteile - soweit diese schon bekannt waren - geschaffen, die man beschrieb, ohne dass man über die Realität im Inneren der benannten Räume genauer Bescheid gewusst hätte. In der Folge haben sich die mit dieser eurozentrischen Welteinteilung verbundenen Definitionskriterien und Konnotationen weiterentwickelt und gewandelt und sind dabei zunehmend auch Ausdruck einer imperialistischen Weltsicht geworden. Das gilt besonders für »Amerika«. Das so bezeichnete Gebiet rückte ja erst durch die europäische Expansion in den Blickwinkel der Alten Welt und damit in den des abendländischen Denkens. Das Konzept des amerikanischen Kontinents entstand - im Gegensatz zu Afrika oder Asien - quasi auf einer tabula rasa unter dem Eindruck der kolonialen Durchdringung und in gewissem Sinne auch im Dienste derselben (Gerbi 1958 und 1975; O'Gorman 1961). Die Einteilung der Welt in Großregionen zur Bedienung spezifischer politischer oder ökonomischer Interessen ist freilich bis heute üblich, denkt man etwa an die Kulturkampfthesen Samuel Huntingtons (1996).
Tatsächlich ist es wenig gerechtfertigt, Amerika in seiner Gesamtheit als Weltregion zu bezeichnen. Eine Gemeinsamkeit besteht allenfalls in der Perzeption der sogenannten Neuen Welt durch die Alte. Die jenseits des Atlantiks entdeckten Landmassen erhielten einen gemeinsamen Namen und genauso die angetroffenen Menschen. Die »Indianer« als definierte Gruppe gab es freilich vor der Ankunft der Europäer gar nicht. Amerika war, wie die Beiträge von Christian F. Feest und Jürgen Golte in diesem Band zeigen, geprägt von einer kulturellen, sprachlichen und religiösen Vielfalt, welche die des zeitgenössischen Europa weit übertraf. Der »Indianer« ist eine Erfindung der vom eurozentrischen Blick bestimmten Kolonialherrn, die sowohl im Norden wie im Süden über alle Unterschiede hinweg die einheimische Bevölkerung der eroberten Gebiete mit einem Sammelbegriff belegten und diesen, insbesondere im spanischen Bereich, zu einer juristischen Kategorie erhoben (Bonfil Batalla 1972). Die Semantik des Wortes - Indianer bedeutet ja Bewohner Indiens - hebt dessen konstruktiven Charakter nur noch mehr hervor. Das ursprünglich ahistorische Konzept des Indianers begann jedoch schnell, eine soziale Realität auszudrücken. So hat sich der Begriff durchgesetzt, und auch zahlreiche Autoren dieses Bandes verwenden ihn. Ähnliches ließe sich auch bezüglich der in die Neue Welt verschleppten Angehörigen der verschiedenen afrikanischen Kulturen sagen, die erst in der Sklaverei zu »den negros«, also zu »den Schwarzen« wurden.
Nicht einmal als geographisch-geomorphologischer Begriff kann Amerika Eindeutigkeit beanspruchen. Durch die deutliche Trennung zwischen Nord und Süd bleibt der gemeinsame Name für den Doppelkontinent recht fragwürdig. Dabei hat der Begriff - ursprünglich eine Zusammenfassung riesiger unbekannter Gebiete, wie Johannes Dörflinger anhand der Entwicklung der frühen Kartographie demonstriert - durch den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur ersten Weltmacht einen Anwendungswandel erfahren. Zumindest im alltäglichen Gebrauch versteht man, fehlt ein spezifizierender Zusatz oder Kontext, unter »Amerika« meist die USA, unter »Amerikaner« deren Bewohner. Auch mit »Nordamerika« bezeichnet man in Europa gemeinhin nur das Gebiet nördlich des Rio Grande, den die Mexikaner Río Bravo nennen, obwohl der Halbkontinent geographisch am Isthmus von Panamá beginnt und Mexikaner gewöhnlich befremdet rEIAieren, wenn ihr Land von Ausländern Südamerika zugerechnet wird. Der deutsche Behelfsbegriff »Mittelamerika« ist in Hispanoamerika völlig unüblich, während sich »Zentralamerika« auf die kleinen Staaten zwischen Panamá und Guatemala beschränkt und das kulturgeographische Konzept »Mesoamerika« sich auf den Raum der Hochkulturen zwischen dem Gebiet der Mayas im Süden und den Reichen der Azteken und Tarasken im Norden bezieht und somit wiederum weite Teile Méxicos nicht erfasst. Das politische Kräfteverhältnis der Gegenwart manipuliert außerdem die historische Wahrnehmung. So war 1992 anlässlich des 500. Jahrestages der Fahrt des Christoph Kolumbus in den deutschen und österreichischen Buchhandlungen ein reiches Angebot von Werken über die USA und das Schicksal ihrer Ureinwohner, aber fast nichts zu Lateinamerika zu finden. Obwohl die Fahrt des Kolumbus mit der späteren Weltmacht im Norden nichts zu tun hatte, der englischen Kolonisierung um mehr als hundert Jahre vorausging und die iberischen Eroberungen ein anderes und deutlich größeres Gebiet mit ungleich mehr Menschen erfassten, implizierte das eine Uminterpretation der iberischen Kolonisation in ein Vorspiel zur englischen und presste die zeitlich und räumlich getrennten Entwicklungen in eine teleologische Ordnung, die den Eindruck einer Zusammengehörigkeit erwecken kann und wohl auch soll. Der Anspruch der Hegemonie der Weltmacht im Norden über den Rest des Doppelkontinents erscheint so als Endpunkt einer bereits um 1500 beginnenden Entwicklung.
Eine Einheit Amerikas lässt sich unter nüchterner geschichtswissenschaftlicher Betrachtung nicht behaupten. Natürlich mag es reizvoll sein, die koloniale Durchdringung der Neuen Welt als einheitlichen Prozeß zu untersuchen. Wahrscheinlich wurde kaum ein anderer Teil der Welt von dem am Ende des Mittelalters einsetzenden Prozess der europäischen Expansion so tiefgreifend umgeformt wie der amerikanische Doppelkontinent. Im Laufe einer ungefähr drei Jahrhunderte dauernden kolonialen Herrschaft kam es zu einer völligen Umwälzung seiner demographischen, sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse. So hat der Historiker Peter Bakewell (1997) in seiner Geschichte Lateinamerikas entgegen den Gepflogenheiten den Schwerpunkt nicht auf die neuere Zeit, sondern auf das 16. Jahrhundert als die konstituierende Epoche des Kontinents gelegt. Durch die europäische Eroberung erfuhr die Neue Welt damals eine starke Vereinheitlichung. Die Beiträge von Friedrich Edelmayer, Bernd Hausberger, Peer Schmidt, Gerhard Pfeisinger und Nikolaus Böttcher untersuchen nicht zuletzt, wie die präkoloniale Vielfalt in verschiedene Blöcke unter der Herrschaft der Kolonialmächte Spanien, Portugal, England und Frankreich zusammengefasst wurde. Nur in der Karibik und kurzfristig auch in Brasilien traten auch noch andere Europäer auf.
Nach dem Modell Immanuel Wallersteins (1974; 1980; 1989) wurde Amerika durch den frühen Kolonialismus als in erster Linie Edelmetalle produzierende Peripherie ins von Europa kontrollierte moderne Weltsystem integriert. Analoge Überlegungen finden sich auch bei Fernand Braudel (1990). Ein hauptsächlich ökonomisch definiertes Weltsystem kann durchaus Gebiete unterschiedlichster Kulturen zusammenfassen, wie man angesichts der großen präkolonialen Heterogenität am amerikanischen Fall aufzeigen kann. Doch auch dieses geteilte Schicksal der Einbindung in die europäische Weltwirtschaft, die Renate Pieper in diesem Band behandelt, lässt die Konstituierung einer amerikanischen Weltregion nicht gerechtfertigt erscheinen (vgl. auch Edelmayer/Landsteiner/Pieper 2001). Von der Weltregion Amerika als wirtschaftlicher Peripherie im Weltsystem kann nicht die Rede sein. Auch eine eher kulturorientierte Interpretation würde hier nicht weiterhelfen, denn es gab weder eine präkoloniale noch eine koloniale gesamtamerikanische Kultur. Die Okzidentalisierung des Kontinents ist zwar ein ungeheuer folgenreicher, ja faszinierender Prozess, doch lässt sich damit kein amerikanischer Kulturraum unter Ausschluss Europas definieren.
Der amerikanische Doppelkontinent hatte eine extrem heterogene vorkoloniale Bevölkerung und wurde von verschiedenen europäischen Mächten zu unterschiedlichen Zeiten kolonialisiert. Während die Eroberung Lateinamerikas im wesentlichen ein Vorgang des 16. Jahrhunderts war, erfolgte die Kolonialisierung Nordamerikas nördlich des Rio Grande zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, wie Mark Häberlein und Thomas Fröschl deutlich machen. Während die Conquista des Südens also noch wesentlich vom Geist des feudalen, vom Adel dominierten Europa bestimmt wurde und vor dem Hintergrund einer anhaltenden demographischen Krise der ohnehin relativ dünn besiedelten Iberischen Halbinsel erfolgte, wurde die Besiedlung des Nordens vom Wachstum der nordwesteuropäischen Bevölkerung im 17. und 18. Jahrhundert getragen und stand im Zeichen einer neuen Epoche, in der England schließlich den iberischen Monarchien die Führungsrolle auf den Weltmeeren entreißen sollte. Sieht man von der Karibik ab, kam es zwischen den Kolonialgebieten im Süden und im Norden des Doppelkontinents zudem kaum und erst gegen Ende der europäischen Herrschaft zu direkten Kontakten, geschweige denn zu einer Interaktion und gegenseitigen Beeinflussung. Auf die konkreten Unterschiede - im Umgang mit der indianischen Bevölkerung, in der Verwaltungsstruktur oder im Verhältnis zwischen Kolonialgebieten und Mutterland - kann hier nicht eingegangen, sondern nur auf die einzelnen Beiträge im vorliegenden Band verwiesen werden (siehe auch Edelmayer/Hausberger/Weinzierl 1996b). Nur vereinzelt lässt sich neben den Unterschieden zwischen und innerhalb der verschiedenen Kolonialgebiete auch die Ausbildung von Strukturen beobachten, die über die Grenzen der Herrschaftsgebiete der einzelnen europäischen Staaten hinausgingen. Am deutlichsten wird das an den von Sklaven- und Plantagenwirtschaft geprägten Regionen Amerikas, die große Teile des portugiesischen Brasilien, spanische, französische und englische Besitzungen in und um die Karibik sowie den Süden der späteren USA umfassten (Pfeisinger 1996). Hier wird eine gemeinsame koloniale Vergangenheit des amerikanischen Doppelkontinents, wie sie im Verlauf der bisherigen Ausführungen bestritten wurde, am ehesten spürbar: In Gebieten mit unterschiedlicher vorkolumbischer Bevölkerung errichteten verschiedene europäische Eroberergruppen nach der Verdrängung oder auch weitgehenden Ausrottung der Einheimischen mittels massiven Imports afrikanischer Arbeitskräfte unterschiedlicher Herkunft ähnliche, wenn auch nicht identische Kolonialsysteme, die die internationalen Märkte mit einem meist in Monokultur produzierten Agrarprodukt belieferten.
Hingewiesen werden muss schließlich auf die völlig unterschiedlichen Folgen der Kolonialgeschichte. Zwar erkämpften sich mit Ausnahme Canadas und der meisten karibischen Inseln alle amerikanischen Kolonialgebiete um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die Unabhängigkeit, doch während der Norden in der Folge zur Weltmacht geworden ist, bilden die lateinamerikanischen Staaten einen von allen Problemen der Unterentwicklung geplagten Teil der »Dritten Welt«. Die ohne Zweifel größere politische Modernität der neu entstandenen USA gegenüber den jungen lateinamerikanischen Staaten war freilich schon in ihrer unterschiedlichen kolonialen Situation grundgelegt. Das Ungleichgewicht zwischen beiden Teilen übersetzte sich dann im Laufe des 19. Jahrhunderts in eine klare Machtdifferenz und in eine wachsende Hegemonie der USA über ihre südlichen Nachbarn (Edelmayer/Hausberger/Tobler 2000).
Die bisherigen Ausführungen haben so die Existenz einer Weltregion »Amerika« verneint, mehr implizit als explizit aber die Aufteilung des Doppelkontinents in eine spanisch-portugiesische, iberische oder lateinamerikanische Weltregion im Süden und in eine angelsächsische im Norden - unter Einschluss der ehemals französischen Gebiete - nahegelegt. Aus der präkolonialen Vielfalt Amerikas wäre also durch die europäische Eroberung eine Zweiteilung geworden. Einer solchen Konstruktion stehen freilich die erheblichen regionalen Differenzen innerhalb beider Blöcke entgegen, für die zu einem wesentlichen Teil ein Fortwirken präkolonialer Unterschiede verantwortlich zu machen ist, die abweichende Kolonisationsmuster erzwangen. Die einzelnen Kolonialmächte gingen darüber hinaus mit unterschiedlichen Methoden an die Bedingungen heran, vor die sie sich gestellt sahen. Die Regionen der altamerikanischen Hochkulturen in Mesoamerika und im Andenraum, wo die Mehrheit der Bewohner bis heute von einer indigenen oder mestizisierten Bevölkerung gestellt wird, haben so in vielen Aspekten eine andere Entwicklung genommen als die klassischen Einwandererländer Argentinien, Uruguay und die USA oder die stark vom Import afrikanischer Sklaven geprägten Regionen wie Brasilien und der Großteil der Karibik. Die koloniale Geschichte Amerikas ist daher nicht nur ein Ausläufer der europäischen Entwicklung oder jener der verschiedenen Trägerstaaten des Kolonialismus, sondern auch eine Fortsetzung der indianischen Geschichte, wie Jürgen Golte in seinem Beitrag betont. Zu bedenken ist außerdem, dass sowohl weite Teile der späteren Staaten Argentinien und Chile als auch Amazoniens, des Orinokotieflandes oder des Inneren Nordamerikas in der kolonialen Epoche noch gar nicht der europäischen Herrschaft unterworfen, ja noch nicht einmal erforscht waren, und somit außerhalb der hier skizzierten Großregionen blieben.
Die Aufteilung der Neuen Welt in zwei Weltregionen scheint vertretbar, wenn man eher politisch und kulturell als wirtschaftlich argumentiert. Lateinamerika wurde durch den Kolonialismus zwar nicht völlig vereinheitlicht, aber doch tief geprägt von der katholisch-barocken Kultur und den politischen Strukturen der frühabsolutistischen iberischen Metropolen. Diese Gemeinsamkeit verbindet trotz aller deutlich hervortretenden Unterschiede die spanischen und portugiesischen Herrschaftsbereiche. In bezug auf den Norden ließe sich wahrscheinlich die Frage stellen, ob unter Rückgriff auf die eben angewandten Kriterien die französischen Gebiete nicht zu Lateinamerika zu rechnen wären. Immerhin war auch Frankreich eine katholische Monarchie, in der ebenfalls vom Lateinischen abgeleitete Sprachen gesprochen wurden, und war mit seiner absolutistischen Staatsform Spanien ähnlicher als England. Andererseits verlief die Entwicklung des französischen Amerika völlig getrennt von den iberischen Gebieten, in starker Interaktion und Konkurrenz mit der englischen Kolonisation und wurde schließlich von letzterer überlagert. Ambiguitäten bleiben jedoch wie bei jeder Kategorisierung. Es ist schon schwierig, für die anglofranzösische Region überhaupt einen Namen zu finden, denn Nordamerika umfasste, wie schon erwähnt, ja auch México, und das Vizekönigreich Neu-Spanien war in der hier behandelten Zeit sogar die größte und reichste Kolonie auf dem nordamerikanischen Kontinent. Die Karibik mit ihren spanischen, englischen, französischen, niederländischen, dänischen und schwedischen Teilen zeigt so viele Eigenheiten, dass man sie wahrscheinlich als eigene Weltregion bezeichnen sollte. Die wirtschaftliche Situation wiederum ließe ganz andere Schlüsse zu. Weder Lateinamerika noch Anglo- und Frankoamerika und auch nicht die Karibik bildeten in ihrer kolonialen Epoche einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Nach dem Modell von Carlos Sempat Assadourian (1982) lassen sich in Lateinamerika zwar Wirtschaftsräume definieren, etwa der Andenraum (espacio andino), in dem verschiedene, um das Zentrum Potosí mit seinen für die spanische Metropole essentiellen Silberminen gruppierte Regionen ihre Produktion aufeinander abstimmten. Ähnlich ließen sich wahrscheinlich auch die Bergbauregionen Neu-Spaniens beschreiben. Der Austausch zwischen den Einzelregionen oder regionalen Wirtschaftsräumen war jedoch sonst äußerst begrenzt oder fehlte überhaupt, und die Produktionsverhältnisse blieben regional, ja lokal extrem unterschiedlich. Analoge Argumente ließen sich auch für Angloamerika anführen, auch wenn dort die wirtschaftlichen Kontakte zwischen den Kolonien enger waren, was freilich schon wegen der viel geringeren Größe ihres Gebiets nicht überraschen kann.
Was rechtfertigt also die gemeinsame Behandlung eines solchen Amerika mit seinen vielfältigen Unterteilungen in der Reihe Weltregionen? Zum einen erschien es reizvoll, zwei Entwicklungen gegenüberzustellen, die als Teil desselben welthistorischen Prozesses der Eingliederung überseeischer Gebiete in die europäisch definierte Weltwirtschaft gesehen werden können, dabei aber recht unterschiedlich abliefen und ganz unterschiedliche Ergebnisse zeitigten. Daneben ist der Fall des amerikanischen Doppelkontinents aber geeignet, auf die komplexe Historizität jeder Regionalisierung, auch einer im ersten Moment scheinbar so klaren wie der Benennung Amerikas und seiner Aufteilung in Nord und Süd, hinzuweisen. Die Definition von historischen Regionen im allgemeinen und so auch von Weltregionen kann letztlich nicht nach feststehenden Kriterien erfolgen, sondern sie - und mit ihr auch die Konfiguration des beschriebenen Gebiets - unterliegt ständigen Modifikationen. Das Verhältnis zwischen Groß- und Kleinregionen, zwischen Region und politischem Überbau, etwa dem Staat, zwischen Zentrum und Peripherie muss in seiner Entwicklung und in seinem Wandel begriffen werden. In der historischen Forschung sind daher heute zutreffend erscheinende Regionalisierungen stets auf ihre Gültigkeit für andere Epochen zu überprüfen. Die Beiträge des vorliegenden Bandes versuchen, die Entwicklung der kolonialen Epoche zu skizzieren und einige Aspekte der angedeuteten Komplexität hervorzuheben. Die dabei notgedrungen bestehen bleibenden Lücken und Fragen sollen als Anregung zu weiterführender Lektüre verstanden werden.

Wien und Berlin, im April 2001
Friedrich Edelmayer, Margarete Grandner, Bernd Hausberger

Literatur

Beck, Ulrich (1998): Was ist Globalisierung? Frankfurt am Main: Suhrkamp
Edelmayer, Friedrich/Grandner, Margarete/Hausberger, Bernd, Hg. (2001): Die Neue Welt. Süd- und Nordamerika in ihrer kolonialen Epoche. Wien: Promedia
Edelmayer, Friedrich/Landsteiner, Erich/Pieper, Renate, Hg. (2001): Die Geschichte des europäischen Welthandels und der wirtschaftliche Globalisierungsprozeß. Wien/München: Oldenbourg
Geyer, Michael/Middell, Mathias (1998): Weltgeschichte vor den Herausforderungen der Glo-balisierung. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde, Sondernummer 1998. Wien: 21-34
Grau, Inge/Mährdel, Christian/Schicho, Walter, Hg. (2000): Afrika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Wien: Promedia
Linhart, Sepp/Pilz, Erich, Hg. (1999): Ostasien. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Wien: Promedia
Osterhammel, Jürgen (2000): Asien. Geschichte im eurasischen Zusammenhang. In: Frühe Neuzeit, Hg. Anette Völker-Rasor. München: Oldenbourg: 429-444
Rothermund, Dietmar (1998): Globalgeschichte, Weltgeschichte, Universalgeschichte. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Sondernummer 1998. Wien: 4-10
Schwentker, Wolfgang (2001): Globalgeschichte. Historiographische Tradition und neue Theorien. Diskussionspapier für eine wissenschaftliche Tagung des Herausgeberkreises der Edition Weltregionen im Frühjahr 2003 in Berlin


Quelle: Weltregionen 3: Süd- und Nordamerika in ihrer kolonialen Epoche. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Margarete Grandner, Bernd Hausberger. Wien: Promedia 2001.
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