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Vorwort: Globalgeschichte 1450 - 1620

Quelle: Weltregionen 4 - Globalgeschichte 1450 - 1620. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Peter Feldbauer, Marija Wakounig. Wien: Promedia 2002.


Seit einigen Jahren mehren sich in der internationalen Geschichtswissenschaft die Anzeichen für eine Renaissance der »Weltgeschichte«. Diese vollzieht sich gelegentlich, aber keineswegs durchgängig, mit dem Etikett der »Globalgeschichte«, was auf den außerwissenschaftlichen Impuls für diesen Trend verweist: Das neue Interesse an der Globalgeschichte ist ein Ergebnis jenes politischen und sozioökonomischen Wandels, den wir heute mit dem Begriff »Globalisierung« beschreiben. Dieser Begriff ist so diffus und mehrdeutig, wie die Diskussion darüber vielschichtig und kontrovers verläuft. Gleichwohl läßt sich als zentraler Kern dieses Problemkomplexes das Ende jener »Welt-Anschauung« identifizieren, die noch von geschlossenen und gegeneinander abgrenzbaren Räumen von Nationalstaaten und ihnen entsprechenden Nationalgesellschaften ausging (Schwentker 2001:2). In diesem Sinne meint Globalisierung die Aufhebung alltäglicher Distanzerfahrungen oder - in den Worten des Soziologen Ulrich Beck - »das erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns in den verschiedenen Dimensionen der Wirtschaft, der Information, der Ökologie, der Technik, der transkulturellen Konflikte und Zivilgesellschaft, und damit im Grunde genommen etwas zugleich Vertrautes und Unbegriffenes, schwer Greifbares, das aber mit erfahrbarer Gewalt den Alltag elementar verändert und alle zu Anpassungen und Antworten zwingt« (Beck 1990:44). Für Historikerinnen und Historiker stellt das Phänomen »Globalisierung« eine neue Herausforderung dar, auf die man in der internationalen Geschichtswissenschaft auf unterschiedlichen Ebenen rEIAiert hat (z.B. Edelmayer/Landsteiner/Pieper 2001).
In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte für die Universalgeschichtsschreibung, die davor über Generationen hinweg höchstes Ansehen genossen hatte, eine Zeit des Niederganges eingesetzt, die bis vor kurzem anhielt. Die Ursachen für die Absage an die alte Weltgeschichte mit ihren umfassenden Erklärungsansprüchen aus einem europäischen Blickwinkel sind auf innerwissenschaftliche ebenso wie auf externe Faktoren zurückzuführen, von denen zum einen insbesondere die Polarisierung der Weltwahrnehmung - Ost-West- sowie Nord-Süd-Konflikt - und die wachsende Bedeutung des Europagedankens, zum anderen die voranschreitende Spezialisierung und der Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft Beachtung verdienen. Seit den achtziger, spätestens seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann sich allerdings eine wachsende Zahl von Human- und Sozialwissenschaftlern erneut der Weltgeschichte zuzuwenden, was wiederum ein Bündel von Ursachen hat, von denen lediglich ökonomische, technologische und demographische Globalisierungsprozesse, die mediale Präsenz der »Welt« im eigenen Heim sowie die intensiven Reiseerfahrungen einer neuen Generation erwähnt seien. Die zentrale Herausforderung hinter diesem Neubeginn war wohl die Frage, wie sich in einer Zeit der weltumspannenden Kommunikation, kurzum, in einem Zeitalter beschleunigter Globalisierung, Geschichte analysieren und begreifen läßt (Geyer/Middell 1998; Rothermund 1998).
In der Phase der Überwindung der alten, weltbürgerlich geprägten Weltgeschichte setzten sich die am Nationalstaat orientierenden Historiker - je nach Herkunft - unterschiedliche Schwerpunkte. Die steigende Zahl von Studierenden des Faches Geschichte hatte in den meisten europäischen, nord- und südamerikanischen sowie in einigen asiatischen, pazifischen und afrikanischen Ländern zu einer Verbreiterung des Lehrangebots geführt und damit vielerorts auch zu einer Spezialisierung auf kleinere Felder wie Sozialgeschichte, Gender-Studies oder Mentalitätsgeschichte, um nur einige Bereiche zu nennen. Zugleich erfolgte in einem erheblichen Teil der Geschichtswissenschaften der angesprochene Rückzug von der Makro- auf die Mikroebene, ein Vorgang, der in der Asienforschung allerdings viel weniger ausgeprägt war als im Großteil der europäischen und amerikanischen Historiographien (Osterhammel 2000:435f). Durch diesen Trend, der durch die Bewegung der Geschichtswerkstätten noch verstärkt wurde, gerieten Alltag und Erfahrung verschiedenster, früher meist ausgeblendeter Gruppen und Schichten in den Blick. Zudem verblaßte die Faszination nahezu subjektloser Strukturanalysen. Auch Minderheiten, Unangepaßte und nichtrevolutionärer Widerstand fanden in der Folge gesteigerte Aufmerksamkeit.
Im angloamerikanischen Bereich, in dem all diese Prozesse früh und vielfältig einsetzten, kam es auch am raschesten zu einer Renaissance der Universal- oder Weltgeschichte, wozu unter anderem die komparative Sozialtheorie von Reinhard Bendix, Shmuel N. Eisenstadt, Barrington Moore und Theda Skocpol, die ethnologische Herausforderung an die Geschichtswissenschaft im Zeichen der neuen Kulturgeschichte sowie die Entwicklung der Weltsystem-Theorie durch Immanuel Wallerstein beitrugen. Bezeichnenderweise wurde das Konzept von Fernand Braudel von der Verdichtung der Weltgeschichte in der Neuzeit in den USA stärker rezipiert als in der französischen Geschichtswissenschaft. Dem entspricht, daß in den Vereinigten Staaten von Amerika im allgemeinen an der Notwendigkeit einer Einführung der Studierenden in einen wie auch immer definierten Themenkomplex »Weltgeschichte« festgehalten wurde.
Infolge der divergierenden Entwicklungen überrascht es kaum, daß der Schwerpunkt der »neuen Weltgeschichte« im angloamerikanischen Raum liegt, wobei recht unterschiedliche Konzepte und Institutionen die Basis dafür bilden. Die Entwicklung der Weltsystem-Theorie durch Immanuel Wallerstein seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts führte zur Einrichtung des Fernand Braudel Center und zu vielfältigen Weltsystem-Studien in den verschiedenen Sozialwissenschaften. In gewisser Hinsicht blieb dieser Forschungsansatz aber eine Variante der Geschichte der europäischen Expansion. Die World History Association, die seit 1991 das World History Journal herausgibt, setzt hingegen im Rahmen eines erst anteilsweise geklärten Globalgeschichte-Paradigmas eklektisch auf eine Vielzahl von Zugriffen, die einmal den engen Zusammenhang von beschleunigter Globalisierung und neuer Weltgeschichte betonen, ein andermal Globalgeschichte als eine seit vielen Jahrhunderten zu beobachtende Interaktionsgeschichte konzipieren oder auch die Weltsystem-Theorie anwenden und weiterführen. Grundsätzlich soll allen jenen Forschern ein Forum geboten werden, die sich mit Problemen des Zivilisationsvergleichs und der transkulturellen Beziehungen beschäftigen und bereit sind, über die engen Grenzen der Geschichte eines Nationalstaates hinauszugehen. Die Wortführer einer Renaissance der world history hatten dabei ursprünglich Themen im Auge wie die Migration und deren soziale und ökonomische Folgen, den interkulturellen Technologietransfer, die globale Verbreitung von Krankheiten, ökologische Katastrophen und Klimaveränderungen, den Fernhandel und die Verbreitung von Religionen und säkularen Weltanschauungen. Einige dieser Themen haben mittlerweile eine derartige Bedeutung erlangt, daß für sie schon eigene Publikationsorgane ins Leben gerufen wurden. Das prominenteste Beispiel dieser Art ist vermutlich die wegen ihres innovativen Ansatzes mit mehreren wissenschaftlichen Auszeichnungen bedachte Zeitschrift Diaspora. A Journal of Transnational Studies (Schwentker 2001:3).
Dieser Forschungslage entspricht, daß world history auch an kleineren amerikanischen Colleges zum Pflichtprogramm zählt und an vielen Universitäten gelehrt wird. In etwas geringerem Maß ist dies in Frankreich der Fall, wo die alljährliche Prüfung der agrégation auch immer wieder welthistorische Fragen enthält. An deutschsprachigen Universitäten zählte Welt- oder Universalgeschichte dagegen nicht zum üblichen Angebot. Ebenso wenig war Weltgeschichte im Schulsystem präsent. Erst seit wenigen Jahren schlagen sich erste entsprechende Initiativen in Forschungsschwerpunkten, Lehrveranstaltungen und Publikationen nieder, wobei der institutionell ebenfalls nur schwach verankerten Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas eine Vorreiterrolle zufällt (z.B. Linhart/Pilz 1999; Grau/Mährdel/Schicho 2000; Edelmayer/Grandner/Hausberger 2001). Neue Lehr- und Studienpläne für höhere Schulen und Universitäten belegen diesen Trend, so auch im neuen Studienplan Geschichte an der Universität Wien, in dem der Global- oder Weltgeschichte ein breiterer Raum als Pflichtfach zugestanden werden wird. Aus diesem Grund liegt es nahe, Überblicksdarstellungen zu großen welthistorischen Epochen und Themenkomplexen anzugehen, die fast notwendigerweise als Teamarbeit geplant werden müssen. Der vorliegende Band Globalgeschichte 1450-1620. Anfänge und Perspektiven ist innerhalb der Reihe Edition Weltregionen ein entsprechender erster Versuch. Insgesamt sind sieben derartige Bände geplant, die alle in den nächsten Jahren erscheinen werden. Zwei davon sollen chronologisch vor dem in diesem Buch behandelten 16. Jahrhundert liegen, vier werden das 17. bis 20. Jahrhundert behandeln, wobei sich der Band, welcher sich mit der Globalgeschichte des 18. Jahrhunderts auseinandersetzen wird, im Stadium der Endplanung befindet.
In der ersten Einladung an die Autorinnen und Autoren wurde bei der Vorstellung des Publikationsprojektes noch mit dem Begriff des »langen 16. Jahrhunderts« operiert. Zwar ließen die Herausgeberin und die Herausgeber später von diesem Begriff als Bestandteil des Buchtitels ab, konnten dann aber bei der Redaktion der Beiträge feststellen, daß die meisten der angefragten Personen damit offensichtlich im Rahmen ihrer eigenen Darstellungen etwas anzufangen wußten. Der Begriff taucht jedenfalls immer wieder auf, um den im vorliegenden Buch behandelten Zeitraum zwischen 1450 und 1620 zu charakterisieren. Tatsächlich sind in diesen 170 Jahren nahezu überall auf der Welt gleichlaufende Entwicklungen beobachtbar, die sich teilweise unbeeinflußt von dem, was immer wieder als die beginnende »Europäisierung der Erde« bezeichnet wird, abspielten. Hier genügen die Hinweise auf Schlagworte wie die zunehmende Vernetzung der Welt durch den Handel und eine Verdichtung der Kommunikation, beides Phänomene, die nicht von den Europäern allein beschleunigt wurden, oder die Aufzählung gleich- oder ähnlich laufender Prozesse wie der Ausbreitung der monotheistischen Religionen Islam und Christentum oder der zunehmenden Monetarisierung und Verstädterung der Erde, ganz zu schweigen von der anwachsenden Verschriftlichung und Bürokratisierung des menschlichen Zusammenlebens. Derartige Entwicklungen werden in beinahe allen Beiträgen immer wieder angesprochen.
Dennoch wollen wir auch die Schwierigkeiten nicht verhehlen, mit denen wir bei der Redaktion des Bandes konfrontiert waren. Hier war es besonders die Schreibung der Personen- und Ortsnamen, die wir über das gesamte Buch hinweg zu vereinheitlichen trachteten. Bei Namen, die in lateinischen Schriften geschrieben werden, war dies kein unüberwindliches Problem. Hier haben wir darauf geachtet, die Originalschreibweise möglichst zu respektieren. Schwieriger war dies in allen anderen Sprachen. Hier galt es vor allem, grobe Uneinheitlichkeiten zu vermeiden. Doch gibt es gerade bei der Schreibung asiatischer Namen bis heute keinen wirklichen Konsens zwischen den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen. Wir mußten bei diesen daher nolens volens Kompromisse eingehen, die aber in jedem Fall den Band lesbarer machen sollten.

Wien im November 2001
Friedrich Edelmayer, Peter Feldbauer, Marija Wakounig


Quelle: Weltregionen 4 - Globalgeschichte 1450 - 1620. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Peter Feldbauer, Marija Wakounig. Wien: Promedia 2002.
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